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Tatort Ramallah: Arafat-Krimi fällt aus

Nachdem gestern der Bericht zur Untersuchung der Todesursache Yassir Arafats veröffentlicht wurde, ist nach Ansicht der Gutachter zumindest wahrscheinlicher, dass Arafat 2004 tatsächlich mit Polonium umgebracht wurde. Wer hinter der Tat stand und wie sie ausgeführt wurde, bleibt dagegen unklar. Während das Thema heute weltweit in den Nachrichten war, spielte es hier vor Ort nicht so eine zentrale Rolle. Denn für die Palästinenser ist sowieso klar, wer dahinter steht – der damalige Regierungschef Ariel Sharon, Erzfeind Yassir Arafats.

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Großes Arafat-Portarit an einer Hauswand in Ramallah 2012. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Das ist zumindest mehr als eine abstruse anti-israelische Verschwörungstheorie, denn viele erinnern sich hier natürlich daran, dass der israelische Geheimdienst mehr als einmal palästinensische Führer ins Fadenkreuz genommen hat, zum Beispiel 1987 bei der Ermordung des PLO-Führers „Abu Jihad“ oder dem 1997 gescheiterten Attentat auf Hamas-Führer Khalid Masch’al. Und schließlich hatte Sharon sogar 2004 offiziell im Gespräch mit US-Präsident Bush die Garantie, dass er Arafat nicht antasten werde, aufgekündigt.

Bemerkenswert ist jetzt vielmehr, dass sich die PLO offiziell mit Schuldzuweisungen zurückhält – klug, denn Beweise gibt es nun mal keine. Eine internationale Untersuchung wird in Erwägung gezogen, aber auf eine Propagandaschlacht mit Israel will man sich nicht einlassen. Dass würde nur von Themen ablenken, die sowohl die Palästinenser bewegen als auch die derzeitigen Gespräche mit der israelischen Regierung schwer belasten: Zum Beispiel der ständige Ausbau von israelischen Siedlungen und die angekündigte Zerstörung von 15.000 Häusern in Ost-Jerusalem,

Während in den Medien zu den letztgenannten Themen wenig Informationsbedarf zu bestehen scheint – nichts scheint gestriger als die Meldungen aus dem nur noch in Anführungszeichen so zu nennenden „Friedensprozess“ und seinen wiederkehrenden Misserfolgen – stand heute mein Telefon nicht mehr still. Sechs Interviews, u.a. Deutschlandfunk, info Radio Berlin und Schweizer Rundfunk zum leidigen Thema: Wurde Arafat ermordet und wenn ja, von wem? Aber was international Schlagzeilen macht, ist noch lange nicht ausschlaggebend vor Ort. Quintessenz: Die Palästinenser haben wirklich andere Probleme als sich mit dem Schweizer Untersuchungbericht und den damit zsammenhängenden Spekulationen zu beschäftigen. Die Auflösung des Arafat-Krimis fällt aus.

(Nachtrag: Was die im Deutschlandfunk geäußerte Frage zu den Texten palästinensischer Geschichtsbücher über Yassir Arafat betrifft, werde ich die Antwort hier nachholen).

Israelische Soldaten und junge Palästinenser tanzen Gangnam Style – gemeinsam!

Syrien? Besatzung? Manchmal wollen Israelis und Palästinenser einfach alles hinter sich lassen. Besonders in Hebron, einem der härtesten Orte im Nahostkonflikt.

Dieses Video verbreitet sich seit gestern wie ein Sturm im Internet. Das israelische Fernsehen hat darüber berichtet, wie auch +972 Magazine, Haaretz oder Times of Israel.

Zwei israelische Soldaten auf Patrouille folgen der Musik aus einem Gebäude, finden eine palästinensische Hochzeitsgesellschaft und, anstatt den Lärm zu beenden, tanzen sie mit den jungen Palästinensern zu PSYs Gangnam Style. Alle Gäste scheinen ihren Spaß damit zu haben.

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Viele auf Facebook und Twitter finden die Situation bizarr oder surreal, angesichts der besonders gespannten Lage im geteilten Hebron. Manche finden sie rührend menschlich, andere geschmacklos. Nicht wenige erfreuen an sich daran und sehen es als Beweis, dass es doch eine Möglichkeit gibt, als einfache Menschen zusammenzuleben; ähnlich wie es Gideon Levy im vergangenen Jahr beschrieb, als 130.000 Palästinenser/innen zum muslimischen Zuckerfest, die Erlaubnis erhielten, nach Israel einzureisen und Tausende sich am Strand von Tel Aviv vergnügten, ohne dass etwas Schlimmes passiert ist.

Das israelische Militär war von dem Video nicht begeistert. Die beiden Soldaten sind vorübergehend vom Dienst suspendiert.

Wir sind Arab Idol!

Ungefähr so fühlte es sich gestern abend an. Da war das eingetreten, worauf Millionen Palästinenser in der Westbank und Gaza, aber auch in der ganzen Welt hingefiebert hatten. Muhammad Assaf hat die seit Monaten alle Einschaltquoten in der arabischen Welt beherrschende Sendung „Arab Idol“ gewonnen. Als die Entscheidung verkündet wurde, sank Muhammed Assaf auf die Knie, und in Ramallah die Menschen in einen Freundentaumel.

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Mittendrin die beiden Büroleiter aus Israel und Palästina, Marc Berthold und ich. Schließlich ist Assaf auch in Israel ein Superstar, die Palästinenser in Nazareth und vielen anderen Städten (immerhin 20% der Einwohner Israels) waren genauso begeistert mit dabei. Ramallah platzte aus allen Nähten, selbst auf den Dächern wurde der Platz knapp. Zehntausende feierten in die Nacht – so wie man es in Deutschland nur von Fußballwelt- und Europameisterschaften kennt.

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Menschenmassen in Ramallah beim Arab Idol Finale.
Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Muhammad Assaf hat Sympathien — und Stimmen, gewählt wurde per sms — aus der gesamten Region bekommen, und die Palästinenser haben endlich etwas, das sie stolz macht, feiern und die täglichen Demütigungen mal vergessen lässt. Das zeitgleich zum Beispiel der gerade erst ernannte palästinensische Ministerpräsident zurückgetreten ist, interessiert keinen. Die Menschen sind so müde, so erschöpft von den Jahrzehnten der Besatzung, aber ein Sänger aus Gaza hat es geschafft sie in einen Freudentaumel zu versetzen. Assaf wird nun nach Gaza zurückkehren; obwohl die Hamas die „westliche“ Show lange ablehnte, dauerte es nicht lange, bis sie Assaf auf schräge Weise zu vereinahmen suchte. Doch der größte Hit, den Assaf darbot, ist ein Lied, das eindeutig der PLO (der die Hamas nicht angehört) zugerechnet wird.  Kein Wunder, dass sich nun viele in seinem Ruhm sonnen wollen; den 1,7 Millionen Menschen im engen und belagerten Gazastreifen dürfte das egal sein, sie werden Muhammad Assaf als Volkshelden empfangen wenn er zurückkommt. Er hat auch in Kürze Konzerte in der Westbank angekündigt – dafür wird er allerdings die Erlaubnis Israels brauchen, denn die Einwohner Gazas können seit der Zementierung der Teilung 2007 in der Regel nicht mehr in die Westbank reisen. Dann dürfte es für Assaf auf eine noch größere Tournee gehen. In die arabische Welt, aber vielleicht sogar darüber hinaus. Denn Assaf ist ein grandioser Sänger mit echter Starqualität und viel Charisma. Hier noch ein Beweis: Wer es schafft ein Lied der Backstreet Boys zu singen, ohne dass es peinlich wirkt, ist wirklich ein Superstar.

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Ein bisschen Palästina bei Google

Seit Donnerstag hat Google die palästinensische Startseite seiner Suchmaschine umbenannt. Statt  „Palestinian Territories“ steht da jetzt „Palestine“. Damit hat Google nun die Entscheidung der Vereinten Nationen, Palästina als Nichtbeobachterstaat bei den Vereinten Nationen anzuerkennen, nachvollzogen. „Bei der Entscheidung über Ländernamen ziehen wir mehere Quellen zu Rate, in diesem Fall haben wir uns nach den Vereinten Nationen gerichtet“, erklärte ein Sprecher. Das soll für alle Google Produkte gelten. Auf Google Maps sieht es allerdings noch ein bisschen anders aus – hier sucht man nicht nur vergeblich nach „Palästina“, auch andere Suchbegriffe führen zu skurrilen Ergebnissen: bei „Ramallah“ wird in der englischen Version des Kartendienstleisters zunächst nicht der Sitz der palästinensischen Autorität, sondern der „Ramallah Club of Jacksonville“ empfohlen.

Bildschirmfoto 2013-05-03 um 22.57.01Hier handelt es sich immerhin noch um einen Club palästinensischer Auswanderer in Florida. Ganz finster sieht es allerdings aus, wenn man versucht Google Maps in der Westbank zu verwenden. Palästinensische Gemeinden sind hier gar nicht existent, selbst in den großen Städten sind höchstens die Hauptstraßen eingezeichnet. Die jüdischen Siedlungen sind dagegen mit allen Details abgebildet (hier z.B. die neben Ramallah gelegene Siedlung Beit El). Alle Appelle an Google, dies zu ändern, sind bisher gescheitert. Es ist also noch ein langer Weg bis Google wirklich „Palästina“ anerkennt.

We have a dream too!

Der Countdown läuft, aber in der Westbank gibt es sicher keine Spur von „Obamania“ – dafür gibt es auch wenig Grund, denn während der US-Präsident in Israel ein umfangreiches Programm absolviert, wird auf der palästinensischen Seite nicht viel Zeit bleiben – schon gar nicht um das zu sehen, was die Palästinenser bewegt: Checkpoint, Siedlungen, die Mauer. Der Sitz des Präsidenten war bereits heute abgeriegelt, als ungefähr 300 Demonstranten durch Ramallah zogen, um deutlich zu machen dass der Präsident nicht willkommen ist.

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Organisiert wurde die Demo von der Jugendgruppe „Filastiniyun min ajl al-karameh“ („Palästinenser um der Würde Willen“), in die Höhe gereckte Schuhe und zahlreiche Schilder hatten eine eindeutige Botschaft: Obama ist unerwünscht in Palästina, hier repräsentiert er nicht „hope“, sondern „no hope“. „We have a dream too“, sagte ein anderes Schild. Dafür dass die Demonstranten gar nicht erst den Präsidentenpalast erreichten sorgte ein riesiges Polizeiaufgebot. Neben Sprechchören gegen Obama wurde auch der restiktive Umgang der palästinensischen Autorität mit der Demonstration lautstark kritisiert. Auch der aus Ägypten bekannte Ruf „yaskut yaskut al-nizam“ (das Regime muss stürzen) war zu hören.

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Obama wird davon bei seinem Blitzbesuch in Palästina wohl nicht viel mitbekommen. Vielleicht sollte er so wie in diesem Video über Qalandiya fahren anstatt direkt per Helikopter in die Mukataa, den Präsidentenpalast in Ramallah, zu fliegen:

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Freitag ist kein Ruhetag – das viel zitierte Wort mit „I“

Der Freitag ist eigentlich der traditionalle Ruhetag in Palästina, so wie in der ganzen arabischen Welt. Aber wie fast jeden Freitag kam es auch heute wieder zu vielen Verletzten bei Einsätzen der israelischen Armee gegen palästinensische Demonstranten. Seit dem letzten Gazakrieg ist die Gewalt so stark angewachsen, dass viel über die nächste, die dritte Intifada spekuliert wird. Wer einen Eindruck gewinnen will, was binnen einer Woche alles an Gewalt passiert, kann die wöchentlichen Berichte der UN über die Gefährdung von Zivilisten lesen.Vor allem die Gewalt der Siedler, die schwer bewaffnet sind und faktisch über dem Gesetz stehen, wächst stetig an (sie stehen nicht, wie die Palästinenser, unter dem Besatzungsrecht, sondern genießen israelisches Recht, werden aber selten für ihre Angriffe gegen palästinensische Zivilisten und deren Hab und Gut verfolgt). Entwicklungen, die weitgehend unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit stattfinden, aber den Palästinensern tagtäglich vor Augen sind. Zwar gibt es Faktoren die gegen eine dritte Intifada sprechen. Aber es gibt auch eine Bewegung, die versucht jenseits der kaum noch politisch legitimierten Führung den zivilen Widerstand gegen

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Festnahme bei einer Demo in Nabi Saleh im August 2012.

die Besatzung zu organisieren. Davon wird Obama nichts sehen, wenn er nächste Woche wenige Stunden in Ramallah und/oder Bethlehem verbringen wird. Vielleicht sollte er wenigstens den außergewöhnlich differenzierten heute im Magazin der New York Times erschienenen Artikel über Nabi Saleh lesen, einer der symbolischen Orte palästinensischen zivilen Widerstands gegen die Besatzung. Die immense Frustration der Menschen, die unter ständiger Demütigung, Kontrolle und Einschränkung in der Westbank und in Gaza leben und die zersiedelte Karte der Westbank sind wahrscheinlich ein besserer Schlüssel zum Verständnis der derzeitigen Hoffnungslosigkeit und Gefahr von Eskalation als wolkige Gespräche über die „Zukunft des Friedensprozesses.“

Kein Anschluss unter dieser Nummer – Palästinenser erwarten Obama

Am 20. März wird Präsident Obama in der Region erwartet. Am 21.3. will er die palästinensischen Gebiete besuchen. Dort wird er auf gemischte Gefühle treffen, aber sicher wenig Begeisterung erwarten dürfen. Zwar war die Euphorie zu Beginn seiner Amtszeit groß – schließlich hatte er George Bush abgelöst, der nicht nur Krieg im Irak geführt, sondern auch mit seinem evangelikalen Hintergrund sich weit von der internationalen Einschätzung in Bezug auf eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes bewegt hatte. Auf Bush ging zum Beispiel die Verwässerung der Grenze von 1967 – international anerkannt als Ausgangspunkt für Endstatusverhandlungen – zurück. Und Obama hatte in seiner gefeierten Kairorede viel versprochen. Aber in seiner ersten Amtszeit scheiterte Obama grandios an Bemühungen, die israelische Regierung zu einem Siedlungsstopp zu bewegen. Im US-Kongress wurde statt dessen Netanyahu mit Standing Ovations gefeiert. Als der arabische Frühling ausbrach gab Obama schließlich jegliche Versuche auf, den diplomatischen Prozess zwischen Israel und Palästina in Gang zu bringen. Auch jetzt kommt er wahrscheinlich ohne neue Initiative im Gepäck. Und die bloße Aufforderung zu verhandeln ist nicht genug, ja, kann sogar kontraproduktiv wirken. Denn die meisten Palästinenser wollen keine Sympathiebekundungen, sondern konkrete Hinweise, wie ihr Leben unter Besatzung beendet werden kann. Dass die USA gegen die Aufwertung des Status von Palästina vor den Vereinten Nationen gestimmt haben stimmt sie ebenfalls wenig optimistisch. Zahlreiche Palästinenser haben bereits Proteste angekündigt.

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Und in Ramallah waren heute die ersten Schilder zu sehen, die allerdings ein sehr spezielles Thema ansprechen: Die Internetabdeckung in Palästina. Keine Ahnung wer hinter dem Slogan „President Obama, don’t bring your smartphone to Ramallah – we have no 3G in Palestine“ steckt. Und die Palästinenser haben unter der anhaltenden Besatzung wahrlich andere Sorgen. Andererseits ist das Problem echt und weitreichend: Ähnlich wie das Internet wird nämlich die gesamte palästinensische Wirtschaft von Israel nach Belieben – und entgegen abgeschlossener Verträge – kontrolliert. Auch ein heute erschienener Weltbankbericht zeichnet düstere Aussichten. Mal sehen wie Obama seinen Besuch in der Westbank gestaltet und ob er sich der enorm gestiegenen Frustration der Bevölkerung in irgendeiner Weise stellt.