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Die Stärke der syrischen Armee: Keiner trägt so viele Waschmaschinen

„Aber meine Seele wird in dir weiterleben,“ lautet eines der letzten Graffiti, die Einwohner der Vororte in Süddamaskus auf die Wände gesprüht haben, bevor sie in die berühmten grünen Busse der erzwungenen Vertreibung gestiegen sind.

Am 21. Mai nahmen die Regimetruppen das – inoffizielle – Palästinenserlager Yarmouk wieder ein. Seit Jahren war es belagert und von beständigen Bombardements in Schutt und Asche gelegt worden. Yarmouk wurde im Westen im wesentlichen durch zwei Dinge bekannt: durch Aeham Ahmad, der mittlerweile in Deutschland lebt und berühmt für sein Klavierspiel in den Trümmern wurde. Und durch ein Foto vom Januar 2014, das das Ausmaß des Grauens der Belagerung versinnbildlichte: Eine Straße, gesäumt von den Ruinen bombardierter und ausgebrannter Hochhäuser, auf der sich bis zum Horizont Menschen für eine der raren Essenslieferungen der Vereinten Nationen drängen.

Letzteres kombinierte der Politikwissenschafter Ziad Majed mit einem aktuellen Bild der gleichen Straße. Darauf sieht man, wie die Soldaten Kühlschränke, Waschmaschinen und was sie sonst in den Häusern der Vertriebenen finden, wegschleppen  – so viel sie tragen oder auf einen Karren laden können. Assadismus in zwei Bildern,“ schreibt Majed hierzu: „Nachdem Assads Söldner und ihre Verbündeten diejenigen deportiert haben, die die mittelalterliche Belagerung überlebt haben, die Fassbomben und die Folter (in der berüchtigten Palästnina-Abteilung!), klauen sie, was in den zerstörten Häusern zurückgeblieben ist.“ – „Hier sieht man, wie das syrische Regime Palästina befreit – Waschmaschine um Waschmaschine,“ bemerkte eine Aktivistin trocken.

Als das Internationale Institut für Strategische Studien in London 2013 konstatierte, die syrische Armee sei sehr geschwächt und verfüge noch nicht einmal mehr über die Hälfte ihres ehemaligen Potentials, hatte das Institut möglicherweise einfach nur den falschen Maßstab angelegt. Vielleicht bemisst sich die Stärke der syrischen Armee nicht in Zahlen, sondern darin, wieviele Haushaltsgeräte ein Soldat auf einmal tragen kann. Auch sollte man nicht auf die Goldwaage legen, wenn das Regime bei jedem niedergerungenen und entvölkertem Ort davon spricht, sie habe ihn „befreit“ – da Assad es mit bürgerlichen Freiheitsrechten nicht so hält, ist das im post-materialistischen Sinne  zu verstehen: man befreit die BürgerInnen von ihrem Hab und Gut. Zwar dürfen auch sie mit in die Busse nehmen, was sie hineinbekommen – außer, so ist es in allen jüngsten „Versöhnungsabkommen“ festgehalten, Schmuck und Geld.

Es ist nicht so, dass andere Akteure nicht plündern oder klauen. Als die mit der Türkei verbündeten syrisch-arabischen Truppen Kurden aus Afrin vertrieben hatte, machten ebenfalls Bilder von Plünderungen die Runde. Sofort danach gab es jedoch auch die Graffitis derer, die öffentlich bekundeten, sich für ein solches Vorgehen zu schämen, und zumindest einen halbherzigen Versuch, den Bewohnern ihr Hab und Gut wiederzubeschaffen. Wie auch bei Foltertoden und getöteten ZIvilisten: das Regime ist auch bei Plünderungen einsame Spitze und bemüht sich noch nicht einmal, de Anschein zu erwecken,  dagegen vorzugehen. „Das war schon beim Abzug aus dem Libanon so,“ erzählt eine Kollegin – „Lastwagen voller Haushaltsgeräte haben sie mitgenommen – völlig ungeniert. Die Soldaten waren nicht gut bezahlt, dafür ließ ihnen das Regime freie Hand beim Plündern.“

Im Februar stellte auf Twitter „Abdulrahman“ ein Foto ein, auf der man Soldaten einen riesigen Haufen voluminöser Kochtöpfe bewachen sieht. „Im ländlichen Deir Ezzor ist eine auf das Plündern von Kochtöpfe spezialisierte Armeeeinheit stationiert worden,“ verkündete er, und hängte auch gleich einen Merkzettel für die „neuen Ränge der sysrischen Armee“ an. Statt Sternen prangen  auf den Schulterstücken Waschmaschinen, Gasflaschen und Ventilatoren.

Nach den Bildern von dem Beutezug durch Yarmouk ging eine syrische Webseite noch weiter. In Anlehnung an die vollmundigen Regimebekundungen, es setze sich für die ‚Befreiung Palänstinas‘ ein, behauptete die Seite, sie haben den einzigen Weg gefunden, wie man die syrische Armee dazu bringen könne, diese in Angriff zu nehmen – darunter eine Fotomontage mit dem Felsendom, vor den verlockend Gefrierschränke und Mikrowellen aufgestapelt sind.

Nachtrag zum Klavier

Mein Eintrag zu Yarmouk, „Ein Klavier zwischen Ruinen“, hat einen Leser inspiriert, unter dem Titel „Händel weg von Syrien“ eine Persiflage auf die westliche Paranoia, mit Hilfslieferungen nach Syrien könnten Extremisten unterstützt werden, zu schreiben. Unter dem Titel „Händel weg von Syrien“ schreibt Jens-Martin Rode über Absurditäten, die unserer Arbeit und insbesonderen den syrischen Partnerorganisationen leider nicht fremd sind.
Unter den westlichen Befürchtungen haben insbesondere all die Projekte zu leiden, die alternative Medien und die Berichterstattung über ziviles Engagement in Syrien fördern: Viele europäische Geber wollen weder Kameras noch Telefone oder andres Kommunikationszubehör in Syrien finanzieren, weil dieses auch durch Terroristen genutzt werden könnte. Ich warte auf den Tag, dass sie aus diesem Grunde auch keine Kosten für Papier und andere Workshop-Materialien mehr fördern.

Ein Klavier zwischen Ruinen

Yarmouk-Camp, Damaskus (c) Yarmouk Activists

Yarmouk-Camp, Damaskus (c) Amer Alhindi

Unter den zwölf Palästinenserlagern in Syrien hob sich Yarmouk in vielerlei Hinsicht ab. Es gehörte zu den drei Camps, die nicht von der UNRWA sondern von der syrischen Regierung etabliert worden waren, und entwickelte sich weitgehend wie viele der anderen Vorstädte von Damaskus auch. Es wuchs, und bei weiten nicht nur durch palästinensische Zuzüge. Von den rund 800.000 Einwohnern waren letztlich lediglich rund ein Fünftel Palästinenser. Ich erinnere mich an viele Besuche der belebte Einkaufs- und Restaurantstraße in Yarmouk.

Für viele war es eine zweite Heimat geworden, die ihnen erlaubte, sich gleichzeitig als Palästinenser und Syrer zu fühlen. Davon zeugen auch die melancholisch anmutenden Videos einer Gruppe junger Männer, die zwischen den Ruinen des in weiten Teilen zerstörten Camps an einem verstimmten Klavier singen: „Kommt zurück, ihr Vertriebenen, eure Reise dauert schon zu lang“ – eine Hommage an das Zugehörigkeitsgefühl zu Yarmouk. 

Palästinenser waren in Syrien besser integriert als in anderen Länder. Anders als im Libanon zum Beispiel gab es nur wenige Positionen, in  der Politik oder höheren Ränge in Militär und Sicherheit, die ihnen verwehrt waren. Ansonsten aber genossen sie weitreichende Freiheiten – soweit dies unter der stets engen Kontrolle der syrischen Sicherheitsbehörden möglich war. Wie auch bei den stets betonten pan-arabischen Interessen galt für den Einsatz des Regimes für palästinensische Angelegenheiten immer, dass diese aus seiner Sicht nur unter syrischer Führung vertreten werden sollten. Über Hafez al-Assad heißt es, er habe sich als weitaus bessere Vertreter ihrer gesehen als die Palästinenser selbst. Sowohl in den Jahren der syrischen Intervention im Libanon als auch danach hat das Regime stets durch ihm verbundene Palästinensergruppen versucht, Macht auszuüben.

Der Beginn der syrischen Revolution stürzte daher viele Palästinenser in Yarmouk in ein Dilemma. Die Polarisierung in der syrischen Gesellschaft verschonte auch sie nicht. Einerseits waren die Lebensbedingungen von staatlicher Seite für viele besser als an anderen Orten, andererseits fühlten sich viele durch die gelebte Integration auch dem Aufbegehren verbunden. Gleichzeitig waren sie sich ihrer eigenen Verwundbarkeit bewusst. Wie der syrisch-palästinensische Journalist Nidal Bitari im Journal for Palestine Studies schreibt: „Jeder wusste um die Massaker in Sabra und Shatila in Beirut im September 1982, die massenhaften Ausweisungen staatenloser Palästinenser aus Kuwait während des ersten Golf Krieges, gar nicht zu reden davon, was ihnen nach der US-Invasion in Irak geschehen war.“

Als das syrische Regime 2011 erstmals erlaubte, dass Palästinenser erst anlässlich des Nakba-Tages im Mai 2011, dann ein weiteres Mal im Juni direkt an die israelische Grenze durften, galt vielen das als ein Zeichen, dass das Regime von seinen eigenen Problemen abzulenken versucht. Bei beiden Anlässen wurden Palästinenser durch israelische Soldaten erschossen oder verwundet – während das syrische Regime nicht eingriff, um sie zu schützen oder auch nur humanitär zu versorgen.

Die Eskalation in Yarmouk erfolgte jedoch erst gegen Ende 2012, eine Zeit, in der die Freie Syrische Armee, lange schon erpicht darauf, sich wegen der strategischen geografischen Lage Yarmouks, sich immer aggressiver versuchte, Eintritt zu verschaffen und durch das Luftbombardement des Regimes im Dezember die Gelegenheit dazu sah. Das bedeutete die weitgehende Abriegelung Yarmouks durch regimenahe Palästinensergruppen, die bereits die Versorgung mit Nahrung und medizinischen Gütern massiv beeinträchtigte. Seit Sommer 2013 ist das Camp vollständig abgeriegelt.

Das ist für die Zivilbevölkerung verheerend: über 70 sind mittlerweile verhungert. Umso bewundernswerter ist die Haltung derer, die verbleiben. Medico International hat dies letzte Woche in einem Bericht aus Yarmouk eindringlich dargestellt. Auch wenn es in den letzten Tagen sporadische Hilfslieferungen nach Yarmouk gegeben hat: Sie sind im Wesentlichen ein Zeichen, dass das Regime sich vorbehält, über Leben und Tod zu bestimmen. Es ist kein verhandelter, unbeschränkter Zugang, sondern hängt weiterhin vom Gutdünken des Regimes ab, was und wie viel den Einwohnern zuteil wird.

Brot und Spiele

(c) Tammam Azzam: Starvation. Dawlaty Arts

(c) Tammam Azzam: Starvation. Dawlaty Arts

Viele Bilder und Videos aus Syrien bieten sich nicht an, um sie öffentlich zu teilen.Vieles von dem was ich mir anschaue, möchte ich noch nicht einmal beschreiben. Aber nicht immer sind die blutrünstigsten Bilder auch die schrecklichsten. Ich weiß nicht, welches der Bilder der vergangenen Woche ich am fürchterlichsten finde: Das von der Mutter, die das Glück hatte, noch zwei Katzen aufzutreiben, die sie ihren Kindern kochen konnte. Oder das, auf dem man ein Brot sieht, das die syrische Armee an einem Stock angeblich ins Palästinensercamp Yarmouk hält, bei dem es heißt, dass im Hintergrund die Heckenschützen auf der Lauer liegen. Das Camp wird seit über einem Jahr belagert und systematisch ausgehungert. Hier und in anderen Orten im Umland von Damaskus zogen sich mehrere Menschen Lebensmittelvergiftungen zu, weil sie in ihrer Verzweiflung Viehfutter aßen. Bei Verhandlungen mit belagerten Gebieten war die Maßgabe, im Gegenzug für humanitäre Versorgung sollten die Bewohner nicht nur den Kampf einstellen, sondern Regimeflaggen an die Häuser hängen. Das ist das Regime-Verständnis von „Brot und Spiele“.

Jeder hat seine eigene Art der Vorbereitung auf Genf II. Die Vereinten Nationen erklärten vergangene Woche, sie würden die Opferzahlen des Konfliktes nicht mehr aktualisieren, weil es zu schwierig geworden sei, diese zu verifizieren. Das wird es noch bequemer für die Weltöffentlichkeit machen, auszublenden, dass der eigene Unwillen zu handeln nicht  eine Stagnation des Konfliktes bedeutet, sondern dass mit jedem Tag, den man untätig verstreichen lässt, mehr Männer, Frauen und Kinder ihr Leben lassen.

Syrische moderate Gruppen setzen sich gegen Extremisten zur Wehr und haben es in vielen Orten geschafft, aus eigener Kraft und ohne Unterstützung von außen salafistische Gruppen zurückzudrängen.

Die russische Regierung intensiviert ihre Waffenexporte an das Regime.

Yarmouk (c) Syrian Acitvists, captured from Ali Abu Awad

Yarmouk (c) Syrian Acitvists, captured from Ali Abu Awad

Und das syrische Regime selbst nutzt die Zeit, um unbeirrt mit Luftschlägen gegen Wohngebiete fortzufahren. Seit den Verhandlungen über Chemiewaffen hat es massiv die Zahl der über insbesondere Aleppo abgeworfenen Sprengstofffässer erhöht. Es ist nicht so, dass es keine anderen Waffen mehr hätte. Dies ist nur die preiswerteste Möglichkeit, so viel Verwüstung wie möglich in kürzester Zeit anzurichten. Gleichzeitig setzte es unbarmherzig die Belagerung vieler Orte und Landstriche fort. Der Effekt: die Machtübergabe – das eigentliche Thema von Genf II, ausweislich des ursprünglichen Plans vom Juni 2012 – tritt völlig in den Hintergrund. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, humanitäre Versorgung der Bevölkerung, ist damit zum   Fokus vieler derer geworden, die über Genf II sprechen, mich eingeschlossen. Die Hoffnung, dass politisch irgendetwas konstruktives erreicht werden kann, tritt über diesen elementaren Bedürfnissen in den Hintergrund. Dabei wäre eine Machtübergabe wichtiger denn je. Kaum etwas zeigt deutlicher, dass Assad die syrische Bevölkerung allenfalls als Faustpfand für das Überleben der eigenen Machtclique betrachtet. Doch Assad wird sich zurücklehnen, vielleicht einige kleinere Zugeständnisse machen und sich darauf verlassen, dass die Opposition zerstritten ist, zerstritten bleibt, und er von der internationalen Gemeinschaft als einziger Partner erachtet wird.

Als es hieß, in Genf seien für das fragliche Konferenzdatum die Hotelzimmer bereits ausgebucht, spottete die Twitter-Community, vielleicht könnte man die Delegierten in UNHCR-Zelten unterbringen. Vielleicht könnte man fürs Abendessen auch Köche aus Moadhamiya gewinnen. Nur würde das Menü wahrscheinlich die Tierschützer auf den Plan rufen.