Der gute Ruf des Libanon

 

Graffiti in Gemmayzeh, Beirut (c) Bente Scheller

Graffiti in Gemmayzeh, Beirut (c) Bente Scheller

Seit Jahresbeginn sind im Libanon jede Woche Menschen bei Autobomben- oder Selbstmordattentaten gestorben. Die politische Führung setzt sich zu weiten Teilen dynastisch zusammen, und die Miliz-Strukturen des Bürgerkriegs spiegeln sich getreulich in den heutigen politischen Strukturen wieder – inklusive Personal. Selbst Optimisten sprechen über eine baldige Regierungsbildung und die für November geplanten Parlamentswahlen nur im Konjunktiv. Die Grenzen scheinen poröser denn je. Der Strom der Flüchtlinge aus dem Nachbarland reißt nicht ab. Die Wasserknappheit sorgt selbst in unserem privilegierten Stadteil dafür, dass wir alle paar Tage ohne dastehen, und die Stromausfälle (im besten Fall drei Stunden, doch gerade außerhalb Beiruts gerne auch weite Teile des Tages) sind ein Dauerzustand.

Obwohl der Libanon eines der arabischen Länder ist, in denen Frauen mit den wenigsten öffentlich-moralischen Restriktionen zu kämpfen haben, ist es um ihre politische Repräsentation schlecht bestellt. In der Geschichte des Libanons seit der Unabhängigkeit gab es gerade mal zwei Ministerinnen, und lediglich 17 Parlamentarierinnen. Die Frauenquote im Parlament ist eine der niedrigsten weltweit – Libanon rangiert hier gerade so eben for Saudi Arabien und Kuwait.

Aber nun geht es um den guten Rufe des Libanon, sagt Faisal Karami, Minister für Jugend und Sport. Nicht etwa durch die oben beschriebenen Zustände sei dieser gefährdet, sondern ausgerechnet durch eine der Personen, auf die der Libanon stolz sein sollte: Jackie Chamoun, Apin-Skifahrerin, derzeit eine der beiden Vertreterinnen des Landes bei den olympischen Spielen. Nur zwei arabische Staaten haben übehaupt TeilnehmerInnen zu den Winterspielen geschickt: Marokko und Libanon. Natürlich hat die Untersuchung, die Karami zum Fall Jackie Chamoun fordert, nichts mit ihren sportlichen Leistungen zu tun. Es geht allein um eine Serie mutmaßlicher Oben-ohne-Fotos der Athletin.

Viel sichtbare Haut ist im Libanon nichts besonderes. Bikinis sind im Libanon nur deswegen geringfügig breiter als Zwirnsfäden, damit das Push-Up-Konzept noch funktioniert. Weiterhin gibt es die jährliche Modenschau im libanesischen Skigebiet Faraya – für Damenunterwäsche. Einige Initiativen wie Kherr Berr engagieren sich seit Jahren dafür, Anzeigen, die Frauen zu Sexobjekten herunterstufen, zu brandmarken und auf eine Veränderung in der hiesigen Werbeindustrie hinzuwirken. An den Stränden sieht man, anders als in den meisten anderen arabischen Ländern, vollverschleierte Frauen und Männer in Jallabiya neben äußerst freizügig gekleideten. Nur knappe Badehosen für Männer sind verpönt: im Libanon trägt man eindeutig Shorts.

Am Strand (c) Bente Scheller

Am Strand (c) Bente Scheller

Es wäre aber nicht der Libanon, wenn nicht sofort Twitter heißlaufen würde. Sofort hat sich die Solidaritätskampagne „#Strip For Jackie“ gegründet. Unter „#NotAScandal“ formiert sich gegenwehr, und „#BoobsNotBombs“  hinterfragt die libanesischen Prioritäten.

Die künstliche Aufregung über Jackie Chamouns Fotos steht in besonders starkem Kontrast zu der hohen politischen Toleranz für Gewalt gegen Frauen. Das Familienrecht, im libanesischen Kontext konfessionellen Gerichten unterstellt, passt in seiner konservativen Auslegung und Praxis nicht zu dem modernen Bild, dass der Libanon ansonsten zu vermitteln versucht. Organisationen wie Kafa setzen sich dafür ein, insbesondere der häuslichen Gewalt etwas entgegenzusetzen, haben dafür politisch jedoch bislang wenig Unterstützung gefunden. Insofern wirkt die derzeitige Empörung besonders grotesk. Wie es die Menschenrechtsorganisation Avaaz in einer Petition formuliert: „Unsere Regierung hält Frauenkörper für öffentliches Eigentum – obwohl es nichts dafür tut, sie zu schützen. … Es ist unglaublich, dass ein Minister, der in der Lage war, Resourcen zu mobilisieren und noch am gleichen Tag auf diese Nichtigkeit zu antworten, während tausende libanesischer Frauen in Gefahr sind, weil das Gesetz zur Gewalt gegen Frauen nicht vorankommt.“

 

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