Archiv der Kategorie: Allgemein

Frauenfeindliche Sensationsgier

 

Sufeina Tuffix - mit freundlicher Genehmigung von ihrer Webseite http://tuffix.net/portfolio/stop-bild-sexism/#.XPpb3ZwzaUk

(c) Sufeina Tuffix – mit freundlicher Genehmigung von ihrer Webseite http://tuffix.net/portfolio/stop-bild-sexism/#.XPpb3ZwzaUk by Sufeina Tuffix All rights reserved

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

„UN- Sicherheitsrat: Deutsche Helferin macht ihrem Ärger Luft“- so lautete die Überschrift eines Artikels der Tageschau. Dabei ging es in dem Artikel darum, dass die stellvertretende UN- Nothilfekoordinatorin Ursula Müller im UN- Sicherheitsrat gefordert hatte, Zivilist*innen in Idlib angesichts des zunehmenden Beschusses besser zu schützen.

Stattdessen wird die Nothilfekoordinatorin auf den anonymen Begriff „Helferin“ degradiert und aus einer politischen Forderung wird mal eben ein emotionaler Ausbruch gemacht. Getreu dem Klischee: Die emotionsgesteuerte Frau, die ihren Überzeugungen nicht anders Ausdruck verleihen kann als unkontrolliert vor Wut zu explodieren. Dagegen kommen sachliche Argumentationen und politische Forderungen, natürlich nicht an. Ein Mann in dieser Position wäre in der Überschrift gewiss nicht herabgestuft und anonym zitiert worden – außerdem ist anzunehmen, dass es geheißen hätte: „prangert Vernachlässigung des Schutzes von Zivilist*innen an“ oder „verurteilt den fehlenden Schutz von Zivilist*innen“ – etwas rationales.
Der Ton der Überschrift durchzieht den ganzen Text – das Motiv der gefühlsduseligen „Frau die Nothilfe organisiert, aber vor lauter Not nicht mehr helfen kann“ – so wörtlich im Text –  und sich in letzter Instanz an den Sicherheitsrat wendet- wenn auch „nicht mehr bittend, sondern anklagend“ (ebenfalls ein Zitat). Natürlich auch hier nicht auf verbaler Ebene, sondern mittels vorwurfsvoller Blick, die sie jedem „der 15 UN- Botschafter“ zuwirft.

Der Artikel der Tagesschau ist symptomatisch für ein tiefer liegendes Problem: Sobald Frauen die politische Bühne betreten, werden sie auf traditionelle Rollenbilder reduziert- ganz besonders im Zusammenhang mit dem Syrienkrieg: Immer wieder stehen Emotionen im Vordergrund und ihnen werden automatisch Charaktereigenschaften wie Fürsorglichkeit (hier wären wir wieder bei der deutschen Helferin) zugeschrieben. Es scheint unmöglich, sie schlicht als politische Akteur*innen zu begreifen. Angela Merkel, in der Forbes-Liste 2018 als „mächtigste Frau der Welt gewürdigt“, wird in Deutschland stets mit Diminutiven versehen: Von Helmut Kohls Bezeichnung als „Mädchen“  bis hin zur „Mutti“, über deren  „Mutterrolle“ die ZEIT während der Flüchtlingskrise schrieb, dass  aus der „strengen ‚Mutti‘ [später] ‚Mama Merkel‘“geworden sei. Ist es so schwierig, die Politik der Bundeskanzlerin zu kritisieren, ohne ihr aufgrund ihres Geschlechts ein besonderes Maß an Fürsorglichkeit unterstellen zu müssen?  Für die meisten Medien offenbar schon: So konzentriert sich der Focus in einem Artikel über Asma al-Assad lediglich auf ihre Position als „Frau an der Seite des syrischen Machthabers Assad“ und auf andere besonders irrelevante Aspekte wie ihre „modische Kurzhaarfrisur“ anstatt auf ihre Verantwortung im syrischen Bürgerkrieg einzugehen bzw. ihr Verhalten zu kritisieren. Generell scheint ihr Aussehen für viele Medien von deutlich größerer Relevanz zu sein als alles andere, denn auch die WELT sieht sie zuallererst als „Schönheit die neben dem Schlächter schläft.“ Wenn man sie dafür kritisieren möchte, dass sie Bashar al-Assad bei der massiven Menschenrechtsverletzung in Syrien unterstützt, dann muss man ihr schon etwas mehr als nur die Rolle des schlafenden Dornröschens zutrauen. Besonders tiefschürfend analysierte übrigens der Cicero  die Rolle Asma al- Assads, indem er uns über das „Seelenleben der schönen Asma al- Assad“ aufklärte und dabei  „die schönen Rehaugen“ , welche nun nicht mehr „wahrherzig“ sondern „abgrundtief böse“ aussähen, als zentrale Hinweise für eine grundsätzliche Persönlichkeitsveränderung während des Syrienkrieges deutete.

Doch auch Frauen in anderen Rollen werden durch die Wahl bestimmter Formulierungen oft abgewertet. Am deutlichsten wird dies bei der oft von Sensationslust geprägten Berichterstattungen über Frauen und den sogenannten „Islamischen Staat“. Geht es um diejenigen, die sich im angeschlossen haben, wird kaum thematisiert, dass sie eine eigene Motivation gehabt haben könnten – jenseits der Familie. So lautet im April die Titelüberschrift im Spiegel „Syrien: Geheime Rückholaktion für deutsche IS- Braut.“ In dem Artikel ging es um eine IS-Anhängerin aus Essen, die gemeinsam mit ihrer Familie in einer Geheimaktion nach Deutschland zurückgeholt wurde, nachdem sie sich in einem Lager in Syrien aufgehalten hatte. In dem Text wird sie entweder als „Braut“ oder als „Mutter“ bezeichnet und so immer nur in Bezug zu ihrem Ehemann bzw. ihren Kindern gesetzt. Diese Darstellung schreibt der Anhängerin eine sehr passive Rolle zu und ignoriert dabei völlig die Tatsache, dass sie sich auch aktiv dafür entschieden haben könnte, sich dem IS anzuschließen. . Natürlich ist es leichter, es so dazustellen, als sei die Anhängerin als Braut ihres Ehemanns quasi dazu gezwungen worden, aber diese Darstellungsweise ist auch ebenso gefährlich. Denn wie soll Extremismus und Terror vorgebeugt werden, wenn ihre Hintergründe nicht tiefschürfend analysiert werden?

Auf ähnlich unreflektierte Weise verwenden Medien oft  unhinterfragt den Begriff „Sexsklavin“. Der Focus beispielsweise berichtet 2014 im Zusammenhang damit, dass im Irak Jesidinnen verschleppt wurden, das ISIS-Propagandamagazin „Daqip“ habe erklärt, dass die „Versklavung von Jesiden“ rechtens sei. Leider distanzierte sich der Focus jedoch nicht von der Wortwahl dieses Magazins, sondern betitelte den Artikel selber mit „Jesidische Frauen in Sex- Hölle: Um nicht vergewaltigt zu werden: IS- Sklavinnen strangulieren sich gegenseitig.“ Ebenso unsensibel ist, dass dieser Artikel – wie viele andere auch – das Verbrechen der Vergewaltigung als „Sex“ bezeichnet. 2016 versuchte BILD, das frauenverachtende Ausmaß auf die plakative Headline „ISIS verkauft Sklavinnen über Whatsapp“ runterzubrechen, und auch die FAZ betitelt ein Video, in dem die Jesidin Jinan über ihre traumatischen Erlebnisse berichtet, mit „IS- Sexsklavin berichtet über die Gefangenschaft. Diese Wortwahl ist angesichts des Mutes, den Jinan aufgebracht hat, um in einem Buch über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt zu berichten und sich gegen ihre Vergewaltiger zu stellen, völlig unangemessen.
Natürlich lassen sich die Kontexte, aus denen die Artikel stammen nur sehr schwer miteinander vergleichen. Die Artikel selber haben jedoch alle gemeinsam, dass sie Frauen eine eigenständige Rolle absprechen: Diejenigen in Führungspositionen werden durch die Wortwahl oft herablassend verkleinert und auf Äußerlichkeiten und Emotionalität reduziert. Und diejenigen in andere Rollen werden ein zweites Mal zum Opfer gemacht, indem die Berichterstattung die Wortwahl der Täter übernimmt.


Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung  in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

Mehr als nur Regenbogenflaggen

Regenbogenflaggen an den Raouche-Felsen (c) Arab Foundation for Freedom and Equality, mit freundlicher Genehmigung

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

An Morgen des 17. Mai wehen bunte Farben über der schäumenden Gischt an den Raouche-Fesen. Aktivist*innen umrunden anlässlich des IDAHOBIT mit kleinen Booten, auf denen sie  die Regenbogenfahne und die Flagge der Transgender gehisst haben, das Wahrzeichen Beiruts. Ein Zeichen dafür, dass sich immer offener LGBT* Menschen in Beirut gegen die heteronormative Strukturen innerhalb der Gesellschaft auflehnen und gegen Homo-, Trans- und Biphobie protestieren. Auf meinem Weg zur Arbeit sehe ich außerdem, dass viele Botschaften in der Innenstadt Beiruts ebenfalls Regenbogenfahnen aus ihren Fenstern gehängt haben, um Solidarität mit der Community zu bekunden. Der schwedische Botschafter lässt sich sogar selbst mit der Regenbogenflagge fotografieren und postet das Bild auf Facebook. Auch die Mitarbeiter*innen der britischen Botschaft hissen neben der britischen Flagge gemeinsam die LGBT* Fahne und teilen das Video später im Internet, um öffentlich Solidarität zu signalisieren.

Aktivist*innen nutzen den sogenannten IDAHOBIT (Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie) nun bereits seit einigen Jahren, um weltweit explizit auf Formen der strukturellen Diskriminierung – basierend auf Sexualität oder Geschlecht – aufmerksam zu machen. Doch in Beirut fand er in diesem Jahr erstmal in größerem Ausmaß statt. Während es beim IDAHOBIT ursprünglich ausschließlich um die Diskriminierung homosexueller Menschen ging, sind mittlerweile alle Menschen mit eingeschlossen, die aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität benachteiligt werden.

Denn auch wenn der Libanon oft als verhältnismäßig tolerant wahrgenommen wird, basiert das Rechtssystem noch immer auf einem sehr heteronormativen Verständnis von Geschlecht und Sexualität. Das bedeutet, dass alles, was nicht in dieses Raster hineinpasst, offiziell bestraft werden darf. Artikel 534 des libanesischen Strafgesetzbuches besagt nämlich, rechtlich verfolgt werden kann, was „den Gesetzen der Natur widerspricht“ („contradict the laws of nature“), und mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden darf. Bisher sind es nicht viele Gerichte, die sich dagegen entschieden haben, Menschen aufgrund des Artikel 534 zu bestrafen. Beachtlich war jedoch gerade die jüngste Entscheidung des obersten Militärstaatsanwalts im März, der entschied, vier Angeklagte des Militärs nicht für die Verletzung des Artikel 534 zu bestrafen. Dennoch hängt es immer noch von dem Wohlwollen einzelner ab, wie diese Artikel 534 interpretieren, denn dieser konkretisiert nicht, was genau unter der „Natur“ zu verstehen ist. Bei einem Überschuss an männlichen Richtern kann man sich allerdings denken, dass diese selten besonders inklusiv verfahren.

Auf diese diskriminierende Gesetzeslage und die Dominanz heteronormativer Strukturen innerhalb der Gesellschaft haben die Aktivist*innen also am IDAHOBIT versucht aufmerksam zu machen. Das Engagement reichte dabei jedoch weit über das Hissen der Flaggen hinaus: So organisierte eine NGO, die sich für die Rechte von LGBT* einsetzt, beispielsweise am Vorabend eine Veranstaltung mit verschiedenen Programmpunkten, welche längst überholte traditionelle Rollenbilder in den Hintergrund treten ließen und stattdessen Diversität proklarierten. Einige Drag Queens stellten in ihren Performances binäre Geschlechterrollen komplett in Frage, andere Künstler*innen parodierten in ihren Sketchen traditionelle Familienstrukturen. Darüber hinaus trugen andere selbst verfasste Gedichte auf Arabisch oder Englisch vor, die sehr persönliche Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung schilderten. Damit führten sie den Zuhörenden noch einmal vor Augen, dass solche Veranstaltungen angesichts der gesellschaftlichen Wertevorstellungen keineswegs selbstverständlich sind, sondern von dem Engagement und den finanziellen Ressourcen einzelner Menschen oder NGOs abhängen. Nicht ohne Grund hatten die Veranstalter*innen Veranstaltungsort und –zeit nicht öffentlich bekanntgegeben und klebten die Handykameras am Eingang ab, um die Identitäten der Anwesenden zu schützen. Ebenso forderten sie gleich zu Beginn der Veranstaltung dazu auf, sämtliche Formen der Belästigung zu melden, um sofort dagegen vorgehen zu können. Sie zeigten damit, dass für sie der Schutz aller Anwesenden oberste Priorität besitzt, dass sie einen Ort frei von Diskriminierung schaffen wollten- keine Selbstverständlichkeit im Libanon!
In einem Land, in dem Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität diskriminiert werden und von staatlicher Seite keinen rechtlichen Schutz erhalten, ist es ungleich schwieriger, Schutzräume zu schaffen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich Aktivist*innen diesen Strukturen widerstandlos beugen- im Gegenteil. Mittlerweile gibt es vor allem in Beirut immer mehr Räume, in denen Mitglieder der Community sich treffen können ohne Angst davor haben zu müssen, dass die Polizei eingreifen und die Veranstaltung auflösen könnte. Das ist wichtig, denn wer von der Polizei erwischt wird, läuft auch Gefahr, vor der Familie geoutet zu werden. Besonders Menschen in meinem Alter organisieren zunehmend Fashion Shows, temporäre Ausstellungen, Kurzfilme und andere Veranstaltungen, die alternative Räume fernab alltäglicher Diskriminierung bieten.

Angesichts der diskriminierenden Gesetzeslage bergen solche Veranstaltungen und Aktionen immer ein großes Risiko für alle Beteiligten. Die morgendliche Aktion am Raouche Rock, einem öffentlichen Ort mitten in Beirut, erforderte also sehr viel Mut von den einzelnen Aktivist*innen und sollte deshalb umso mehr Anerkennung finden. Besonders nachdem vor einem Jahr der „Beirut Pride“ von Polizeikräften aufgelöst und verboten wurde, ist es eindrucksvoll zu erleben, wie der Kampf für Gleichberechtigung beständig weitergeht.


Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung  in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

Die Magie des Al Boraq

Er hat seinen Namen redlich verdient, denn er hat etwas Magisches an sich. Der neue TGV-Schnellzug, der seit November 2018 die beiden marokkanischen Küstenstädte Casablanca und Tanger verbindet. Für die gut 350 km braucht er nur noch 2:10 Stunden anstatt 4:45, in denen der alte Zug die Strecke bewältigte.

Vor kurzem bin ich zum ersten Mal mit dem Al Boraq gefahren – so heißt der TGV, benannt nach dem magischen Reittier mit dem Prophet Mohamed seinerzeit in Windeseile von Mekka nach Jerusalem geflogen ist. Und wie fliegen fühlt es sich auch ein bisschen an, wenn der Zug mit über 300 km/h durch die grünen Felder der marokkanischen Küstenebene rast. Nicht dass der deutsche ICE das nicht auch könnte (wenn er sich zufällig auf einer entsprechend ausgebauten Zugtrasse befindet), es ist vielmehr der marokkanische Kontext, der den Unterschied macht – die Kontraste von schnell und langsam sind hier viel stärker. Die Magie des Boraq entsteht gerade durch die Ungleichzeitigkeit von Geschwindigkeit und Entwicklung. Das ist mir bei meiner Fahrt nach Tanger noch einmal sehr klar geworden. Auf den Feldern entlang der Schienen spannen die Bauern noch Pferde vor den Pflug, um ihre Äcker zu bestellen, und bringen ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse mit Eselskarren zum Markt. Während dessen nutzen Geschäftsleute den Al Boraq, um schnell für ein Meeting nach Casablanca zu fahren und vielleicht dabei einen Cappuccino im Bord-Bistro zu trinken.

Auch die Pünktlichkeit des neuen TGV ist phänomenal. Am Unterwegsbahnhof Kenitra mit seiner neu gebauten Bahnhofshalle, die selbst den Flughafen von Rabat alt aussehen lässt, fuhr der Zug während meiner Reise sogar zwei Minuten zu früh ab. Sehr gewöhnungsbedürftig für die marokkanischen Fahrgäste, die bestens mit chronischen Verspätungen vertraut sind. Denn in Sachen Pünktlichkeit kann die marokkanische Eisenbahngesellschaft ONCF es bei den regulären Zügen problemlos mit der deutschen Bahn aufnehmen. Dies ist auch einer der zentralen Kritikpunkte am neuen TGV. Anstatt in den Ausbau des bestehenden Schienennetzes und die Verbesserung der Angebote zu investieren, leistet sich der Staat ein teures Prestigeprojekt – so die Kritiker, die sich auf Facebook und Twitter tummeln.

Der Parlamentsabgeordnete Omar Balafrej kritisiert das TGV-Projekt schon seit Jahren. Anstatt super schnell nach Tanger fahren zu können, setzt er sich dafür ein, weitere Städte jenseits der Ballungszentren an der Küste ans Schienennetz anzuschließen, um ihnen bessere Entwicklungsperspektiven zu geben. Plakativ stellte er deshalb der Regierung mehrmals die Frage, wann denn der Zug in Errachidia ankomme. Bis heute hat die Provinzhauptstadt im Südosten des Landes keine Eisenbahnanbindung und Omar Balafrej keine Antwort auf seine Frage.

Ich fand die Fahrt mit dem Al Boraq trotzdem beeindruckend, auch weil sie mir wieder gezeigt hat, wie relativ Geschwindigkeit ist. Und ich bin pünktlich in Tanger angekommen.

Fangfrisch aus dem Abwasser

Ungewöhnliche Professionen haben es mir angetan. Im Libanon habe ich davon noch nichts so ausgefallenes wie in Afghanistan den Matratzenaufplusterer erlebt. Aber was ich in Beirut herablassend als dekadent zu umgehen versuche und andernorts vermissen werde, ist der „Valet-Parker“. Valet-Parker machen aus der Parkplatznot eine Tugend, oder vielmehr ein Geschäft. Statt mühsam um den Block zu kurven, hält man einfach direkt vor der Tür, gibt ihnen den Autoschlüssel und lässt sich das Auto später wieder vorfahren. In Deutschland undenkbar (Versicherungsfragen!), hier etwas, was zum Service eines Restaurants oder eines Ladens dazugehört.

Das ist charmant, wenn man von dem mit ein paar Euro entlohnten Service profitieren kann, und fatal, wenn man das Pech hat, dort zu wohnen, wo andere ausgehen, denn gegen Anwohner verteidigen die Valet-Parker „ihr“ Territorium mit Zähnen und Klauen. Wer sein Auto nicht rechtzeitig am frühen Abend wegfährt oder gar darauf beharrt, es dort stehen zu lassen, findet es nicht selten mit Kratzern im Lack oder platten Reifen wieder. Der öffentliche Raum in Beirut ist nur solange auch zugänglich für alle, wie ihn keine der oft mafia-ähnlichen Gewerbegruppen für sich in Beschlag nimmt.

Manchmal versuchen die Valet-Parker es mit Ausreden. Als meine Kolleginnen neulich vor dem Büro parken wollten, hieß es, das Gebäude gegenüber sei einsturzgefährdet. Dieser Balkon … sie haben trotzdem dort geparkt und gleich am nächsten Tag sahen sie, wie der gleiche, der sie mit Sicherheitsbedenken hatte abweisen wollen, selbst dort parkte. Ich wurde unlängst von Taxifahrern gedrängt, ihnen meinen gerade gefundenen Parkplatz zu überlassen. „Aber hier steht kein Schild, dass das für Taxis reserviert ist.“ Murrend verzogen sie sich; später stellte ich fest, dass die Kühlerhaupe eine gehörige Delle aufwies und die Zierleiste der Motorhaube gebrochen war. Beweisen kann ich es nicht, aber in meiner Fantasie sehe ich den Korpulentesten unter ihnen, wie er sich, kaum dass ich um die Ecke bin, auf den Kühler schwingt. Elefanten sitzen vielleicht nicht auf Autos, aber übellaunige Taxifahrer vielleicht schon.

Wer sein Auto einem Valet-Parker anvertraut, zahlt nicht die städtischen Parkgebühren. Die Parkprofis bewegen die Autos ständig, und statt der Polizei ein Dorn im Auge zu sein, sieht man beide oft in kleine Schwätzchen vertieft – es ist anzunehmen, dass es da Übereinkommen finanzieller Art aber auch bezüglich des Informationsaustauschs, wer sich in der Nachbarschaft aufhält, gibt.

Valet-Parken gehört so sehr zu Beirut, dass es die Miniaturausgabe dessen selbst in einer der luxuriösen Kindergeburtsagsfeierstätten gibt. In diesem Indoor-Spielplatz, der einer Stadt mit Banken und Einkaufszentren darstellt, spielen Kinder Erwachseneneleben nach, und können ihre als Porsche designten und natürlich elektrisch betriebenen Kettcars für den Frisör- oder Restaurantbesuch einem Profiparker überlassen.

Den Autos gehört die Straße, den Valet-Parkern der Parkstreifen und die zweite Reihe, und obendrein erweitern viele kleine Restaurants ihren Geschäftsraum damit, dass sie den Bürgersteig für sich abzäunen und Tische dort plazieren. Nicht einfach, mit einem Kinderwagen hier unterwegs zu sein. Nette Kellner springen stets herbei, um mir und meinen Kindern die Stühle aus dem Weg zu räumen, weniger nette scheuchen uns auf die Straße. Auch die Gäste haben oft wenig Verständnis dafür, wieso wir „mitten durchs Restaurant“ fahren. Ich war neulich geradezu entzückt, als mein Sohn sich nach einer besonders unwirschen Frage, was er auf seinem Roller zwischen den Tischen mache, zu mir umdrehte und lautstark fragte, ob ich hier neulich diese beeindruckend große tote Ratte hätte liegen sehen. Sein Bruder reckte sich mit leuchtenden Augen aud dem Buggy und krähte: „Ratte? Wo? Kann ich die noch mal sehen?“ Obwohl der besagte Rattenkadaver vor der Polizeistation gelegen hatte, konnte ich es mir angesichts der schreckensgeweiteten Augen der Speisenden nicht nehmen lassen, meinen Blick unter den Tischen schweifen zu lassen und bedauernd zu bekunden, mittlerweile hätte man sie bestimmt weggeräumt, aber morgen hätten wir bestimmt mehr Glück.

Lieber sind mir da schon andere, die kreative Geschäftsmodelle entwickeln. Neulich kam ich an der Strandpromenade Beiruts entlang, und direkt vor mir kletterte ein Mann im Taucheranzug über das Geländer und überquerte die Straße. An seinem Gürtel zappelten ordentlich aufgereihts silbrige Fische. Der Gute hatte die Taucherflossen unter den Arm geklemmt, und machte sich lediglich auf Socken auf den Weg durch die Straßen, um die Fische anzubieten. „25.000 Pfund nur,“ pries er an, „mit dem  Speer gefischt. Fangfrisch.“ Angesichts der Wasserqualität direkt vor Beirut drehte sich mir der Magen um. Das Personal des nahe gelegenen Hotels scharte sich jedoch interessiert um den Mann.

Geisterzüge vs. Schildkröten

Was von den Zügen blieb - Tripoli (c) Bente Scheller

Was von den Zügen blieb – Tripoli (c) Bente Scheller

Vor einigen Monaten versuchte ich meinen Kindern einen Konferenzbesuch im nordlibanesischen Tripoli schmackhaft zu machen und stellte ihnen in Aussicht, wir würden danach auf den „Souq“ gehen, den alten Basar. Gesagt, getan, doch während der Große die engen Gassen und kleinen Läden spannend fand, verdunkelte sich das Gesicht des Kleinen zusehends, bis er schließlich in Tränen ausbrach: „Du hast uns versprochen, dann fahren wir ZUG! Wo ist der Zug?“ Souq hatte für ihn nach einer Reise im Zug geklungen.

Ich versuchte, zu retten was zu retten war und nahm sie mit aufs alte Bahngelände von Tripoli. Auf von Unkraut überwucherten Schienen reihen sich dort die rostigen Skelette gewesener Züge. Seit dem Bürgerkrieg liegt das 1895 in Betrieb genommenen Eisenbahnnetz des Libanons brach. Zu seinen besten Zeiten umfasste es mehr als 400km. Heute fahren nicht einmal mehr Straßenbahnen in Beirut. An vielen Stellen sind die Gleise eins geworden mit der Landschaft, und übrig geblieben sind nur gespenstische Ruinen der Bahnhöfe.

Godot wartete hier - der Bahnhof in Ain Sofar (c) Bente Scheller

Godot wartete hier – der Bahnhof in Ain Sofar (c) Bente Scheller

Im Libanon mangelt es auf den ersten Blick an wenig – außer an allem, was man von staatlicher Grundversorgung erwartet: Zugang zu stabiler Strom- und Wasserversorgung, einem schnellen und verlässlichen Internet – oder eben öffentlichem Nahverkehr. Die täglichen Staus zehren nicht nur an den Nerven, sondern sind ein erhebliches wirtschaftliches Problem: Durch sie entstünde dem Land jedes Jahr, so die Weltbank, ein wirtschaftlicher Schaden in Höhe von 5 – 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Tendenz steigend –  obwohl das Verkehrsministerium über ein mit rund 8,6 Millionen Dollar im Jahr ansehnliches Budget verfügt. Dass Geld fließt, ohne, dass signifikante Leistungen dafür erbracht werden müssen, könnte ein Grund dafür sein, warum das Ministerium beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs im Schneckentempo arbeitet. Abgesehen von einer Busflotte, die aus lediglich 40 maroden Vehikeln besteht, hat es nicht viel zu tun. Während das Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Jahr wurden all diese Versäumnisse genüsslich karikiert. Einer der Witze, die am häufigsten geteilt wurden, war ein Foto, das Hariri und Merkel auf dem über den Dächern von Beirut zeigte. Hariri deutet erklärend ins Blaue, die hinzugefügte Sprechblasenkonversation über die nicht existenten Züge:

"Sehen Sie unsere Schnellzüge?" - Spott während des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel, 2018

„Sehen Sie unsere Schnellzüge?“ – Spott während des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel, 2018

Hariri: Sehen Sie dort hinten unsere Schnellzüge?

Merkel: Nein.

Hariri: Für die haben wir sogar eine eigene Abteilung mit einem Direktor und Angestellten, die wir bezahlen.

 

 

Das Schienennetz wieder zu beleben wäre eine überaus politische Angelegenheit. Nicht nur würde das eine Konfrontation mit den Betreibern der vielen kleinen privaten Minibusse nach sich ziehen, sondern es würde auch heißen, gegen die seit 1990 massiv betriebene Privatisierung öffentlichen Raums anzugehen. Gesetzlich sind Strände im Libanon öffentliches Gelände. In der Praxis ist es jedoch schwierig geworden, öffentliche Strände zu finden. Die meisten sind von Privatleuten in luxuriöse Strandclubs mit einem entsprechend hohen Eintritt verwandelt worden. Sie bleiben zumeist unbehelligt, weil sie mit politischen Größen verbandelt sind, die ihren Anteil abschöpfen.

Nun aber hat ein libanesisches Gericht der Privatisierung an einer Stelle den Kampf angesagt: Dem Orange House in Tyros, einem Gästehaus, dessen Besitzerin Mona Khalil sich dort seit 1999 dem Schutz der Meeresschildkröte widmet. Meeresschildkröten sind selten geworden im Libanon – nicht zuletzt, weil libanesische Politiker einen Teil des hiesigen Sandstrands absaugen und nach Zypern verkaufen ließen. Das hat das Habitat der Schildkröten zerstört, die ihre Eier stets dort legen, wo sie geschlüpft sind. Das Orange House kümmert sich um die Bestandspflege, schützt die Gelege der Schildkröten und bildet BesucherInnen darin fort, wie sie selbst einen Beitrag zum Umweltschutz leisten können. Nun wurde die Betreiberin Mona Khalil zu einer Geldstrafe von über 6.000 Euro verurteilt – weil ihr Projekt den Zugverkehr blockiere.

Nichts haben Libanons Eliten seit 30 Jahren unternommen, das seit dem Bürgerkrieg verrottende Bahnnetz wieder in Gang zu bringen. Nur jetzt, wenn es gilt, ein sowohl aus ökologischen Gründen wie auch als Touristenattraktion fantastisches Projekt kaputtzukriegen, um auch einen der letzten Sandstrände wegbaggern zu können, erinnern sie sich ihrer Geisterzüge.

Auf zwei Rädern durch Beirut

Beirut Wall Painting - with kind permission of The Chain Effect

Graffiti in Beirut – mit freundlicher Genehmigung von The Chain Effect

 

Ein Gastbeitrag von Sara Stachelhaus

Jedes Mal, wenn ich die Wahl meines bevorzugten Transportmittels in Beirut verrate, erhalte ich eine ähnliche Reaktion in der Form der nonverbal artikulierten oder ausgesprochenen Frage, ob ich vorhabe, Beirut lebendig wieder zu verlassen. Fahrrad fahren in Beirut? Bloß nicht! Da es mir anscheinend ein besonderes Alleinstellungsmerkmal verleiht, Rad zu fahren – nebst einem guten Gesprächseinstieg – fühle ich mich dafür verantwortlich, Aufmerksamkeit auf Freud und Leid der Beiruter Radfahrer zu lenken. Als Mitglied dieser unterprivilegierten Minderheit sehe ich es als meine Pflicht, meine Mitmenschen zu ermutigen ihre Abgas-produzierenden Autos zu Hause stehen zu lassen, und sich auf ihre Köperfett-reduzierenden Räder zu schwingen.

Vielfältiger als die besorgte Standardfrage nach meinem Selbererhaltungstrieb sind die Reaktionen, die ich im Straßenverkehr auf meinem alltäglichen Abenteuer durch den Großstadt-Dschungel erhalte. Die beliebteste Frage ist die nach meiner Herkunft. Selbstverständlich, mein Aussehen kombiniert mit dem Fakt, dass ich eine Frau auf einem Rad bin, gibt mich augenblicklich als Ausländerin preis. Andere nehmen an, ich sei hier, um für die Tour de France zu trainieren – ich, auf meinem pinken Damenrad. Auch wenn ich meinen Gewinnchancen bei dem Fahrradrennen pessimistisch entgegenblicke, stimmte ich dennoch inbrünstig in den Jubel jenes Autofahrers ein, der die Fenster herunterließ um „Vive La France“ über die Straße zu brüllen. Sie sind es, die eingesperrten Menschen in ihren Autos, die mir tagtäglich vor Augen führen, was für einen Vorteil ich habe, wenn ich sie im Stau des Feierabendverkehrs überhole. Auch sie sehen es so, und rufen mir manches Mal fast neidvoll hinterher:

„Radfahren ist das Beste was du tun kannst in Beirut!“

Ja, dem stimme ich zu.

Und an jene, die sich um mein Wohlergehen in dem von aggressiven Fahrverhalten dominierten Straßenverkehr Sorgen machen: Wenn es zu Radfahrern kommt, haben manche Autofahrer mehr Angst vor mir als ich vor ihnen. Der Abstand, den manche von mir halten, ist beinah liebenswert (und wird von mir sehr gewürdigt!), als ob sie davon ausgingen, dass ich jede Sekunde grundlos von meinem Rad fallen könnte. Jeder, der schon einmal in einer durchschnittlich-großen, europäischen Großstadt aus Versehen einen Fuß auf den Radweg gesetzt hat, weiß, dass Radfahrer in Europa absolut rücksichtslos sein können. Ich habe nicht vor, diesen rücksichtslosen Fahrstil gutzuheißen und für Beirut zu propagieren – ganz im Gegenteil! Was ich bloß sagen will, akzeptiert Radfahrer als normale Verkehrsteilnehmer, die man nicht fürchten muss, sondern die man überholen kann – sie werden auch dich überholen, wenn sie können.

Ich habe jedoch nicht die Absicht, die Illusion zu kreieren, dass ich mich als Radfahrerin sicher auf Beiruts Straßen fühle. Jede Fahrt ist ein Risiko. Ein Risiko, das wenigstens auf den Hauptstraßen der Innenstadt eingedämmt werden könnte, wenn man Radwege einrichten würde. Außerdem, nicht jeder teilt die Furcht vor Radfahrern, wie sie oben beschrieben ist. Manche scheinen sich zu wünschen, wir würden uns in Luft auflösen, und scheinen zu glauben, dies in die Tat umsetzen zu können, wenn sie uns nur zu nahekommen. Mein Rat: Radfahren nur mit Helm und Augen auf!

Das ‚Gute‘ am Radfahren in einer Stadt mit einer kleinen, gefährdeten Radfahrerminderheit ist, dass sich bisher niemand die Mühe gemacht hat, Schilder anzubringen die verbieten, dass man sein Rad an öffentlichen Eigentum wie Geländern, Bäumen oder Straßenschildern anschließen darf. Das wäre aber auch schwierig, da Fahrradständer eine Seltenheit in Beiruts Straßen sind. Sie würden allerdings nicht nur das Straßenbild positiv prägen, sondern auch mehr Menschen ermutigen, sich per Rad zu bewegen. Eine libanesische Organisation, die gemeinsam mit Privatunternehmen, Nachbarschaftsorganisationen sowie der Stadtverwaltung Fahrradständer aufstellt, ist ‚Chain Effect‘. Ihr größtes Modell hat die Silhouette eines Autos. Wo ein Kleinwagen parkt, so die Botschaft, könnten 12 Fahrräder Platz finden. Wenn in einer Stadt, in der Parkplätze schwierig zu finden sind, 12 potentielle Kunden ihre Shopping- oder Essenstour von einem Parkplatz aus starten können, der normalerweise nur maximal fünf Kunden heranbringen könnte (und wie viele Autos sind schon voll belegt?!), dann sollten Geschäfte und Restaurants rasch auf den Zug, oder besser, auf das Rad aufspringen, und Fahrradständer statt Autoparkplätze zu Verfügung stellen. Gerade Restaurants sollten berücksichtigen, dass Radfahrer hungriger als Autofahrer sein dürften.

Fazit: Radfahren in Beirut ist höchst empfehlenswert. Für Adrenalin-Junkies empfehle ich auf jeden Fall die Rush Hour, und für verträumte Genießer, sich an der Strandpromenade ein Fahrrad auszuleihen. Falls du einen Radausflug mit anderen machen möchtest, gibt es organisierte Fahrten wie den ‚Beirut Night Ride‘. Auf den Facebook-Seiten ‚Beirut By Bike‘ oder ‚CyclingCircle‘ findest du die Events.

Sara Stachelhaus (c) privat

Sara Stachelhaus (c) privat

Sara Stachelhaus ist seit Oktober 2018 Praktikantin im Beirut-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung . Als Public Governance-Studentin in den beiden Fahrradstädten Münster und Enschede war es für sie selbstverständlich, sich auch in Beirut aufs Rad zu schwingen.

Die passende Quittung

Ich habe an dieser Stelle schon einmal darüber geschrieben, wie der Name unserer Stiftung für Verwirrung sorgt. Inmitten des langen, heißen Sommers in Beirut haben wir die (passende) Quittung dafür bekommen – statt „Heinrich Böll“ steht darauf „Heinrich Boil“ – wie „Heinrich, koch.“

Stilkritik: Kunstpalmen

In Deutschland gibt es fast keine Palmen, deshalb kaufen sich Leute Kunstpalmen. Allein bei real findet man über 60 verschiedene Palmen aus Plastik, Textil und Kunstholz, angefangen bei der günstigen Variante für 18,99 bis hin zum Edel-Modell für 607,50 Euro. Leute kaufen sich das, weil sie es schön finden. Und natürlich, weil Palmen der Inbegriff von Exotik sind. Die Artefakte sehen echten Palmen offenbar so ähnlich, dass die Hersteller teilweise in der Beschreibung darauf hinweisen, dass die Pflanze keine Pflege benötige.

In Marokko gibt es hingegen viele Palmen, und trotzdem begegnen mir täglich Kunstpalmen. Die sind aber viel größer als bei real und eher nicht für den Privathaushalt bestimmt. Sie sind auf großen Masten abgebracht und zieren das Straßenbild in Rabat, Marrakesch und Agadir. Die Städte haben sie aufgestellt, weil sie etwas Hässliches verdecken: Mobilfunkantennen. Ob es hier um rein optische Beweggründe oder die Prävention einer antizipierten Debatte über Mobilfunkstrahlung geht, vermag ich nicht zu beurteilen. Feststeht, dass die Mobilfunkmasten fast gar nicht auffallen und, ja, teilweise sogar schön aussehen. Der Handyempfang ist übrigens auch ausgezeichnet.

„Tampons? Das ist nichts für Mädchen!“

Mirna El Masri (c) privat

Ein Gastbeitrag von Mirna El Masri

Libanon ist bekannt für seine Vielfältigkeit, Offenheit und Modernität. Zumindest im Vergleich zu anderen Staaten des nahen- und mittleren Ostens. Von einer maßlosen Partymetropole bis hin zu der Stadt, die eine der höchsten Schönheitsoperationsraten der Welt vorweist, ist im Libanon alles vorzufinden – bis auf etwas so alltägliches wie Tampons. Damit wird es schwierig, denn diese sind ja zum Einführen in die Scheide vorgesehen – und wehe dem, der sich etwas vaginal im Libanon einführen möchte! Allein bei der Benennung des unaussprechlich privaten stellen sich bei sämtlichen Leuten, selbst Apothekern, bei denen man einen gewissen Bildungsgrad voraussetzen könnte, die Nackenhaare auf. Verschämt sprechen sie in der Regel (unbeabsichtigtes Wortspiel) von „da unten“ – oder deuten mit dem Finger in Richtung der allzu heiklen Körperregionen, begleitet mit einem Räuspern. Ein ebenfalls nur in geheimnisvoll raunendem Ton besprochenes Thema ist die Periode an sich, was Marsa, ein Zentrum für sexuelle Gesundheit im Libanon, zu dem Aufklärungsvideo „Leila die Spionin“ anregte.

Anfangs unwissend über die prekäre Situation, schlenderte ich durch die Einkaufszentren und kleinen Läden Beiruts, in der Hoffnung, Tampons zu kaufen. Nachdem ich selbst im dritten Geschäft keine ausfindig machen konnte, entschloss ich mich beim vierten dazu, die Verkäuferin nach Tampons zu fragen. Sie mustere mich ebenso misstrauisch wie vorwurfsvoll von oben bis unten hin. Viel jünger auszusehen, als man tatsächlich ist, kann einem in vielen Situationen Vorteile verschaffen – aber gerade bei den unerhörten sexualisierten Themen auch genug Nachteile, wie die Reaktion der Verkäuferin zeigte: „Tampons? Das ist nichts für Mädchen!“ verfügte sie. Einen kurzen Moment war ich irritiert – stattdessen für Jungs? Dann fiel der Groschen, dass ich aus ihrer Sicht noch ein „Mädchen“, keine „Frau“ war. Nach einer kleinen Diskussion mit ihr erfuhr ich, dass Tampons in der Regel in Apotheken angeboten werden.

Also wandte ich mich an die nächstgelegene Apotheke. Auch hier wieder ein intensives Gemustere, diesmal seitens der Apothekerin, gefolgt von der Frage: „Tampons, wofür brauchst du denn sowas?“ Verwundert antwortete ich: „Oh, ich wusste gar nicht, dass Tampons auf mehrere Art und Weise benutzt werden können …? Ich jedenfalls verwende sie während meiner Periode, zum Einführen in die Vagina.“ Vagina, bei dem Wort musste eine andere anwesende Apothekerin hysterisch kichern, ein männlicher Gehilfe lief rot an. Dann sagte die Angesprochene zögerlich: „Ja, Tampons haben wir da … aber du bist doch verheiratet, oder?“

Nun stellt sich die Frage, was denn beunruhigender ist: die Angst der Menschen vor einer vorehelichen Entjungferung – oder das offensichtliche Unwissen darüber, dass der Gebrauch von Tampons eben nicht zu einer Entjungferung führt, da sich – wie eigentlich allen ApothekerInnen bewusst sein sollte – das Jungfernhäutchen während der Periode weitet.

Und selbst wenn, sollte dennoch die erschütternde Gefahr einer vorehelichen Entjungferung durch einen Tampon oder noch unaussprechlichere Möglichkeiten anderweitig bestehen, kann man sich Gott sei Dank (!) für schlappe 2000-5000 $ das Jungfernhäutchen durch einen chirurgischen Eingriff wieder zurückzaubern lassen, um zur Hochzeitsnacht pflichtschuldig den Blutfleck der gesitteten Frau im Laken zu hinterlassen und somit achtenswert zu sein – ohne Jungfernhäutchen ist man das natürlich nicht! Die Wiederherstellung des Jungfernhäutchens ist übrigens auch ein weit verbreiteter Trend im Libanon.

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Mirna El Masri (c) privat

Mirna El Masri (c) privat

Mirna El Masri ist seit April 2018 Projektassistentin im Büro der Heinrich Böll Stiftung Middle East in Beirut. Davor studierte sie Integrierte Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt in Politikwissenschaften.

 

Tiere auf Beton

Tiere auf Beton – das ist das unwürdige Image, das viele Zoos in den 1970ern in Deutschland prägte und was bis heute an vielen Orten die traurige Realität ist.

Ein berühmtes Beispiel einer tragischen Zoo-Existenz ist Marjon, der Löwe, der 2002 im Zoo Kabul sein Leben beendete. Er war 1978 ein Geschenk des Kölner Zoos an den Hindukusch. 17 Jahre später begab sich ein Afghane ins Löwengehege,  um dort in Siegerpose fotografiert zu werden und wurde von Marjon zerfleischt. Der Bruder des Verstorbenen rächte ihn wenige Tage später, indem er eine Handgranate in den Käfig warf.

Der Löwe überlebte, verlor bei dem Anschlag jedoch ein Auge. Geehrt wurde er nach seinem Tod mit einem Grabstein  mit der Inschrift: „Hier ruht Marjon, der ungefähr 23 wurde. Er war der berühmteste Löwe der Welt.“

Was die Zoos betrifft, bildet Beirut vielleicht eine löbliche Ausnahme. Es hat nämlich keinen. Doch an Tieren auf Beton gebricht es der libanesischen Hauptstadt nicht.

Neulich saß ich abends in einem Straßencafé, in dem – wie üblich – alle paar Minuten eine riesige Kakerlake vorbei huschte. Die Leute, die sich am Nebentisch direkt neben dem Kakerlakentrampelpfad niederließen, hatten mit der Omnipräsenz von Periplaneta Americana offensichtlich noch nicht ihren Frieden gemacht, denn sie sprangen bei der nächsten panisch auf. Die Schabe floh unter den Nachbartisch zur Linken, die Gäste von gegenüber verschanzten sich hinter mir, und Sekunden später stand das halbe Restaurant quiekend auf den Zehenspitzen und lugte unter das Mobiliar.

„Es handelt sich schon noch um eine Kakerlake, die wir hier suchen?“ vergewisserte sich mein Gesprächspartner. In diesem Moment sah ich sie, stand auf und begrub sie unter meinem Fuß. „Gefahr gebannt“, verkündete ich. Der Kellner umarmte mich, und ich wurde gefeiert, als hätte ich gerade das Monster von Loch Ness mit bloßen Händen erwürgt. Ich sollte darüber nicht lästern, denn wäre das eine Spinne gewesen, wäre ich nie so beherzt gegen sie vorgegangen.

Der nächste Ort animalischer Ansichten in meiner Nachbarschaft war die örtliche Polizeiwache. Vor ihren ohnehin unappetitlichen Mülltonnen lag spektakulär eine fette tote Ratte. Die Diensthabenden beobachteten regungslos, wie ein Passant nach dem anderen angeekelt die Straßenseite wechselten und starrten die Ratte an, ohne jegliche Regung, sie wegzuräumen. Vielleicht war die Ratte auch nicht tot, sondern starte die Polizisten an, ohne sie wegzuräumen. Ganz sicher bin ich mir im Nachhinein nicht.