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Dunkle Wolken

Ein Beitrag von Anna Fleischer

“Das erinnert mich an Damaskus 2011”, sagt mein syrischer Bekannter völlig zerknüllt über seinen Drink gelehnt. „Ich wollte kurz zu Hause raus um mich weniger deprimiert zu fühlen. Aber die dunklen Straßen ohne Lichter, das deprimiert mich noch mehr.“ Ich weiß nicht, was ich antworten soll außer „Inshallah – so Gott will –  wird es irgendwann besser…“ Glauben kann ich daran aber nicht.

Wir haben seit Tagen, in manchen Regionen seit Wochen, wenig Strom. Das private Generatorensystem, das im Libanon fester Teil der Stromversorgung ist und in den Stunden übernimmt, in denen die Versorgung über das Stromnetz ausfällt, verfügt nicht mehr über genug Diesel, um die Ausfälle auszugleichen. Diese Generatoren sind Teil eines korrupten Systems reicher Politiker und Geschäftsmänner, die sich an den Bargeldzahlungen bereichern. Der Staat schafft es ohnehin nie 24 Stunden am Tag Strom bereitzustellen. Jetzt sind es mancherorts nur wenige Stunden pro Tag. Man bezahlt also zwei Rechnungen – die des staatlichen Stromversorgers und die der Generatorenmafia. Eben habe ich die Rechnung wieder in bar an der Haustür bezahlt, sie ist um 100% gestiegen.

Demonstrationen haben Menschen allen Alters auf die Strassen gebracht – auch aus Angst alles zu verlieren.

Dieser Tage verdunkelt die Wolke der Angst und Sorgen die Sommersonne über dem Libanon. Die wirtschaftliche Krise betrifft alle, außer vielleicht die Superreichen, aber die sind für mich sowieso nicht wirklich Teil dieses Landes. Sie haben Zweitpässe, oft Wohnsitze und in jedem Fall Konten außerhalb des Libanons.  Die libanesische Währung befindet sich im freien Fall: Normalerweise war die libanesische Lira an den US Dollar gebunden, was hieß 1,500 Lira für einen Dollar. Gestern habe ich gelesen, dass sie nun bei 10,000 Lira für einen Dollar steht.

In der Corona-Krise ist es fast so, als wäre in zwei Monaten geschehen, was sonst zwei Jahre oder länger gedauert hätte. Allen im Land war zwar klar, dass die Wirtschaft zu kollabieren drohte, aber niemand hatte eine globale Pandemie auf dem Schirm, die diesen Kollaps um ein unendliches beschleunigen würde.

Meinen Freundinnen und Freunde, die sonst kämpferisch und trotzig der schwierigen Lage entgegentreten, sind völlig deprimiert und müde. Viele Familien haben Probleme, medizinische Rechnungen zu begleichen, der Vater eines Freundes starb diese Woche. Sein Sohn hatte vergeblich versucht sein mühselig Erspartes von der Bank abzuheben um für die notwendigen Operationen und Medikamente zu zahlen. Die Banken halten die Einlagen normaler LibanesInnen förmlich als Geiseln. Auch leere Kühlschränke sind immer häufiger im Gespräch. Die Rede ist von mehr als drei Viertel der Bevölkerung, die unter der Armutsgrenze leben werden.

Für mich gab es immer zwei Libanons. Das eine war das Land, in dem die syrischen Flüchtlinge leben, ohne Menschenrechte, fast ohne Einkommen und nur mangelhaftem Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung. Das Leid dieser Menschen kenne ich gut aus meiner Arbeit und weil ich hingeschaut habe. Das tun viele in dem anderen Libanon, den ich kannte nicht so gern. Dieses andere Land hat luxuriöse Strandclubs, teure Restaurants und schicke Bars. In diesem Libanon habe ich auch Menschen getroffen, die zwar nicht völlig zufrieden sind, die aber als Mittelschicht komfortabel lebten. In den letzten Tagen habe ich das Gefühl, dass diese zwei Welten aufeinanderprallen: Die libanesische Mittelschicht zerfällt und verarmt vor unseren Augen.

Heute ist Freitag, das Wochenende steht vor der Tür. Ich wollte mich etwas aufheitern beim Gedanken daran. Dann lese ich die Nachricht: Ein Libanese nahm sich das Leben durch einen Schuss in den Kopf in einer der geschäftigsten Einkaufsstraßen der Stadt. Er trug um seinen Hals sein polizeiliches Führungszeugnis, aus dem hervorgeht, dass er nie gegen das Gesetz verstoßen hat. Darunter steht in großen roten Buchstaben: Ich bin kein Ungläubiger. Es schnürt mir die Kehle zu. Diese Zeile erinnert an ein berühmtes Lied des libanesischen Sängers Ziad Rahbani: „Ich bin kein Ketzer. Aber Hunger ist eine Häresie.“


Anna Fleischer koordiniert das Syrienprogramm der Heinrich Böll Stiftung im Beiruter Büro. Zuvor war sie in einer lokalen Frauenrechtsorganisation vor allem für Kampagnenarbeit zuständig.

Quaratine Diaries

Ein Beitrag von Fabian Heppe

Prolog: Das Abenteuer Tunesien endete für mich, bevor es wirklich angefangen hatte. Zweieinhalb Wochen nach meinem Jobbeginn in Tunis musste ich wegen der Corona-Krise wieder das Land verlassen. Nun nach knapp zwei Monaten im Home-Office in Berlin, starte ich meinen zweiten Anlauf und kehre nach Tunis mit einem Repatrierungsflug zurück. Was mich erwartet: Zwei Wochen staatlich verordnete Quarantäne in einem Hotelzimmer.

Tag 0 – Abflug

Der Frankfurter Flughafen ist wie ausgestorben. Außer dem Tunisair-Flug sind alle Schalter geschlossen, jede Sitzgelegenheit versperrt und die Souvenir- und Dutyfree-Geschäfte haben ihre Eisengitter heruntergefahren. Die Stimmung unter den Reisenden ist sehr gelöst, denn für viele geht es kurz vor dem wichtigsten muslimischen Feiertag Eid al-Adha zurück nach Hause. Alle stehen artig mit ihrem schweren Gepäck, Masken im Gesicht und unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes in der Schlange für den Check-in. Bevor einem die Bordkarte ausgehändigt wird, unterschreibt jede/r Passagagier*in eine Erklärung, sich in ein Hotelzimmer für eine zweiwöchige Quarantäne zu begeben. Sollte man die Quarantäne-Bestimmungen nicht einhalten, drohen einem eine saftige Geldstrafe und ein Gefängnisaufenthalt. Ich unterschreibe schwungvoll und schaue mit gemischten Gefühlen auf die vor mir liegenden Tage.

Im Flieger werden wir von einer Airline-Crew in voller Corona-Schutz-Montur (also mit Masken, Schutzkleidung, Handschuhen und sogar Schutzbrillen) fröhlich begrüßt. Der Flieger ist gut gefüllt. Ich erkundige mich bei meinem tunesischen Sitznachbarn, was ihn zurück nach Tunis treibt. Er arbeitet als Ingenieur für einen deutschen Autozulieferer. Seit dem Ausbruch der Corona-Krise ist er in Kurzarbeit und will nun seine Familie besuchen. „Ich habe ja nun Zeit“, sagt er mir schmunzelnd.

Angekommen in Tunis wird bei jeder Passagierin und jedem Passagier die Temperatur per Lasergerät gemessen, bevor wir uns in Busse begeben, die uns in das Quarantäne-Hotel fahren. Mit Polizeikorso und Blaulicht geht es nach Sousse, zwei Stunden südlich von Tunis. Ich staune, welche großen Anstrengungen ein kleines Land wie Tunesien unternimmt, um die Ausbreitung des Virus zu unterbinden. Für ein so hochverschuldetes Land ist es keine Selbstverständlichkeit, dass es seine Staatsbürger*innen zurückholt und ihnen die vollen Unterkunfts- und Verpflegungskosten bezahlt. Auch die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen reichen viel weiter, als wir sie aus Deutschland kennen und erinnern mich teilweise an Katastrophenfilme. Im Hotel wird unser Gepäck von Mitarbeit*innen des Gesundheitsministerium, die alle Schutzkleidung tragen, mit einem Sprüher desinfiziert. Da ich per Backpack reise und vergesse mein Gepäck abzustellen, werde ich freundlicherweise direkt mitdesinfiziert und kann mir die Dusche vor dem Schlafengehen sparen. An der Rezeption wird uns allen der Pass für die Zeit der Quarantäne abgenommen, damit wir nicht auf die Idee kommen das Hotel zu verlassen. Etwas verdutzt schaut der Herr vom Gesundheitsministerium auf meinen deutschen Pass und fragt, ob ich denn wüsste was mir bevorsteht. „Oui, je pense“, antworte ich. „Gut, dann sehen wir uns in zwei Wochen wieder. Inschallah“, entgegnet er. 

Tag 1 – Die kleinen Herausforderungen des Quarantäne-Alltags

Das Zimmer hat alles was man so zum Überleben braucht. Ein Bad mit Dusche, Schreibtisch und Bett, ja sogar einen Balkon mit Meerblick. Den ersten Tag nutze ich, um mich in meinem neuen Reich einzurichten. Die Yoga-Matte kommt für den täglichen Sonnengruß auf den Balkon, die Schokolade für den Heißhunger in den Kühlschrank und der Laptop auf den Schreibtisch. So weit, so gut. Doch schnell merke ich, dass sich in der Quarantäne andere Alltagsprobleme stellen als im normalen Leben. Wir dürfen die Hotelzimmer nicht verlassen und ein Signalton geht an, sobald wir die Tür öffnen. Der Kontakt mit der Außenwelt ist auf das Telefon und den flüchtigen, etwas schüchternen Austausch mit dem Personal des Gesundheitsministerium beschränkt, die dreimal täglich an unsere Zimmertür klopfen, um uns Essen zu liefern oder einfach sich zu versichern, dass wir noch leben. Das erste Problem ist, dass die Internetverbindung des Hotels nicht ausreichend stabil ist, um an den endlosen Webinaren und Internet-Konferenzen teilzunehmen, die zu dem neuen Corona-Arbeitsalltag gehören. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, dass dies vielleicht gar nicht so schlimm ist. Das zweite Problem stellt sich mir, als ich meine Simkarte wechseln muss, um mir einen Hotspot über das Handy für eine alternative Internetverbindung aufzubauen. Vergeblich versuche ich dem Gesundheitsministerium über das Hoteltelefon auf Französisch zu erklären, welche Art von Werkzeug ich brauche, um meinen Simkartenzugang am Handy zu öffnen. Verzweifelt gebe ich auf. Zwei Stunden später kann ich mein Glück kaum fassen: Ich finde in meinen Unterlagen eine Büroklammer mit der sich der Wechsel einfach vollziehen lässt. Das dritte Problem: Ich stelle fest, dass ich mittags aufgrund des Ramadans kein Essen geliefert bekomme. Ich werde also Zwangsfasten müssen. Abends bin ich so ausgehungert, dass sich die vegetarischen Essgewohnheiten bei fast ausschließlich Fleischgerichten kaum aufrechterhalten lassen.


Tag 3 – Fastenbrechen

Heute kam Mohamed, Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums und zuständig für die Überwachung und Verpflegung unseres Hotelflurs zu mir. Er erkundigte sich, ob ich mittags etwas zu essen bekommen hätte. „Nein, ich dachte es wäre Ramadan und deswegen werde ich nicht beliefert“, antwortete ich ihm. Etwas verlegen lächelt er mich an und sagt mir, dass nur die Gläubigen auf ihr Mittagessen verzichten würden und man mich wohl versehentlich bei der Essensauslieferung in den letzten drei Tagen vergessen hätte. Erleichtert sage ich ihm, dass sowas vorkommen kann und ich genug Proviant dabei habe, um über die Runden zu kommen. In dem Fall würde ich dann aber doch gerne wieder das Mittagessen in Anspruch nehmen.

Tag 4 –Tunesien – Urlaubsland mit beeindruckenden Farben und verstörenden Anschlägen

Seit gestern ist Wochenende und ich verspüre große Lust meine Umgebung zu erkunden. Ich nehme mir also einen Stuhl, setze mich auf den Balkon und lasse meinen Blick mehrere Stunden lang über die Welt vor mir schweifen. In 700 Metern Entfernung liegt das Meer und davor der Strand von Sousse. Dieser Strand erlangte 2015 traurige internationale Berühmtheit als ein Attentat auf Touristen in einem Hotel verübt wurde und 39 Menschen ums Leben kamen. Daraufhin brach der Tourismus in Tunesien dramatisch ein, da dies bereits der zweite Anschlag innerhalb kurzer Zeit war. Erst 2019 kam der Tourismus in Tunesien so richtig wieder auf die Füße und 2020 sollte endlich wieder ein goldenes Jahr für die Branche werden. Dann kam die Corona-Krise, und seitdem werden die Hotels nur noch mit einigen Rückkehrern, wie mir, zur Zwangsquarantäne gefüllt. So langsam nähert sich der Tag seinem Ende und ich richte nun den Blick auf das weite Meer und kann einige Fischerboote erspähen. Der Himmel färbt sich blutorange und steht in einem wunderbar angenehmen Kontrast zu dem dunkelblauen Meereswellen. Ich erahne, woher die Maler Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet damals 1914 während ihrer Tunisreise ihre Inspiration für neue Farben und Licht schöpften.

Sonnenuntergang an Tag 4
Tag 7 – Der Tag der Entscheidung

Heute ist es soweit! Das Personal des Gesundheitsministeriums führt bei allen Hotelgästen einen Corona-Test durch. Auf unserem Flur herrscht Angespanntheit. Einige Hotelgäste, mich eingeschlossen, laufen aufgeregt den Hotelflur von ihrem Zimmer zum Personal hoch- und runter, in der Annahme, dass sie nun mit dem Test an der Reihe seien. Nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen bin ich endlich dran und lege meinen Kopf in den Nacken. Ich fühle mich so privilegiert wie ein Spieler der Bundesliga, während das gut-geschulte Personal meine Nase malträtiert. Es ist erstaunlich, wie tief so ein Stäbchen in die Nase vordringen kann und kein sonderlich angenehmes Gefühl. Sollte der Test positiv ausfallen, werde ich an einen anderen Ort verlegt und muss wohl noch länger in Quarantäne verweilen. Ich hoffe, ich bin negativ. Inschallah…

Tag 8 – Gedanken zu Corona und Umweltverschmutzung

Während meiner Zeit in Quarantäne wird mir plastisch vor Augen geführt, dass die Corona-Krise wie ein Konjunkturprogramm für die Plastikindustrie wirkt. Es stapeln sich inzwischen Plastikberge bei mir im Zimmer und auf dem Balkon. Aus Angst vor einer Kontamination werden nur noch einwegverwendbare Plastikbehälter, -besteck, -tüten und –flaschen benutzt. Daneben sammelt sich auch noch der sonst übliche Plastikmüll an, der sich aus den täglichen Yoghurttrinkflaschen, Chipstüten oder Plastikprodukten für die tägliche Toilette zusammensetzen. Bereits ganz zu Beginn der Corona-Krise gab es in Tunesien erste Anzeichen dafür, dass Plastik noch präsenter im Alltag der Tunesier*innen sein wird, als er es ohnehin schon ist. Die Politik verordnete zum Beispiel, dass alle Kaffee-Häuser in Tunesien nur noch Getränke in Plastikbechern auszuschenken haben, um das Risiko einer Ansteckung zu verringern. Ich mache mir Sorgen, dass sich die Plastikindustrie das Hygiene-Argument so sehr zu eigen macht, dass die wenigen Erfolge im Kampf gegen die Verschmutzung zu Nichte gemacht werden. Bereits hier in meinen Vier-Wänden weiß ich schon nicht mehr, wohin mit dem Müll und bin froh, wenn ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes gelegentlich vorbeikommt und das Zeug für mich entsorgt. Nicht auszumalen, wie es dann wohl global aussieht.

Tag 9 – Durchhalten

Ich spüre, dass es hart wird in der Isolation und an die Psyche geht. Es fällt mir schwer mich zu motivieren und die tägliche Routine beizubehalten. Die Tage gleichen sich so sehr, dass es mich mental erschöpft und ich mich freue abends früh ins Bett gehen zu können, um den Tag hinter mich zu bringen. Auch diese ständige Grübelei tut mir nicht gut. Zu viel Nachdenken ist auch keine Lösung und ich ertappe mich dabei, wie ich gedanklich einem Freund oder einer Freundin vorwerfe sich nicht regelmäßiger bei mir zu melden. Sie wissen doch, dass ich alleine bin!

Neben diesen düsteren Gedanken, gab es heute eine sehr gute Nachricht. Mohamed verkündete mir mit breiten Grinsen, dass alle Hotelgäste Covid-19 negativ sind und ich wollte ihm vor Freude fast, um den Hals fallen, doch er bat den Sicherheitsabstand weiter einzuhalten.

Tag 10 – Es bewegt sich was

Das tunesische Gesundheitsministerium hat heute verkündet, dass in Zukunft alle Rückkehrer*innen nicht mehr zwei Wochen, sondern im Falle eines negativen Corona-Tests, sich nur noch eine Woche in staatlich-verordneter Quarantäne aufhalten müssen. Im Hotel läuft seitdem der Flurfunk heiß, ob diese Ankündigung sich auch auf unsere Situation auswirken könnte. Ich stelle mich innerlich jedoch darauf ein, die Quarantäne zu Ende zu machen und will mir keine falschen Hoffnungen machen. Wunderbar, behagliche Stimmungsmusik ist inzwischen mein Lebenselixier geworden und trägt mich durch den Tag. Zu elektronischen Naturklängen von Pantha du Prince drifte ich ab in ferne Techno-Sphären. Ich stelle mir vor durch einen Wald zu laufen, wenn ich die Augen schließe.

Tag 11 – Die unverhoffte Freiheit

Rückfahrt nach Tunis an Tag 11Am Ende ging alles ganz schnell. Noch gestern Abend wurde uns mitgeteilt, dass wir nun doch früher aus der Quarantäne entlassen werden. Die Tunesier*innen können somit doch noch Eid mit ihren Familien verbringen. Allerdings ist wegen der Corona-Krise und den Feiertagen das Reisen zwischen den Gouvernoraten weitgehend zum Erliegen gekommen und es gibt für mich keine Möglichkeit mit öffentlichen Transportmitteln nach Tunis zu kommen. Mohamed bietet mir an, eine private Autofahrt mit einem Freund von ihm zu organisieren. Bereitwillig nehme ich das Angebot an und packe noch schnell meine Sachen. Unten in der Rezeption werden die Hotelgäste von den Mitarbeiter*innen des Gesundheitsamtes mit herzlichen Umarmungen und Küsschen verabschiedet. Sie sind  für viele von uns inzwischen zu Freund*innen geworden und haben manchmal auch die Rolle einer Art Seelenklempner*innen eingenommen. Da ist es mehr als verständlich, dass für einen kurzen Moment dann doch über die strengen Hygienevorschriften hinweggesehen wird. Von uns geht schließlich keine Gefahr mehr aus. Unter Glückwünschen erhalte ich nun auch meinen Pass zurück. Glücklich und voller Vorfreude fahre ich, zusammengequetscht zwischen Gepäckstücken, in einem kleinen Auto nach Tunis. Die Straßen sind wie leergefegt, der Ausblick auf die vorbeiziehenden Landschaften wunderschön.

Epilog: Zusammenfassend kann ich festhalten, dass die Quarantäne eine spannende Selbsterfahrung war, die ich aber nicht nochmal machen würde. Es ist beachtlich wie gut Tunesien, die Ausbreitung des Virus in den Griff bekommen und in der Krise politische Handlungsfähigkeit bewiesen hat. Das Abenteuer Tunesien kann nun für mich beginnen, wenn es nicht längst angefangen hat.

Palästinensisches Palettenparadies

Ein Beitrag von Lara Kirchner

Der kreativen Bastlergemeinschaft angehörend, ist mir nach meiner Ankunft in Palästina sofort die allgegenwärtige Dichte an Holzpaletten an Ramallahs Straßenrändern aufgefallen. Mal vereinzelt, mal als aufgestapelter Berg. Dies war eine wahre Überraschung, ist doch der Anblick von frei verfügbaren Holzpaletten auf den Straßen deutscher Großstädte zu einer absoluten Rarität geworden. Grund ist die über Jahre gewachsene Nachfrage und Beliebtheit des rechteckigen Holzstücks. Denn was seit den frühen 1960er Jahren zum Zweck des vereinfachten Transports sämtlicher Güter produziert wurde, ist mittlerweile – bei designgerechter Weiterverarbeitung –  zum Ausdruck stilbewusster EinrichtungsliebhaberInnen geworden. Die Rede ist von der Europalette. Wer sie umgebaut als Teil des eigenen Interieurs präsentieren kann, gilt als hip, innovativ und umweltbewusst. Upcycling ist en vogue geworden; innerhalb europäischer Breitengrade gehört es mittlerweile zum guten Ton, Ausgedientes im neuen Glanze erscheinen zu lassen. Ob Regale, Tische und sogar Sofa- oder anderweitige Sitzgarnitur: die Europalette setzt kreativen Köpfen keine Grenzen. Alles ist machbar, wiederverwertbar, verwendbar. 80×120 cm Holz in genormter Palettenbauform wurden schnell zum Verkaufsschlager überraschter deutscher Großindustrieller, die sich kopfkratzend fragten, wozu ausgediente, zusammengenagelte Holzbretter noch zu gebrauchen wären. Was früher noch als neuer Trend galt, gehört mittlerweile zum festen Bestandteil diverser Einrichtungshäuser.

So bedarf es für das Auffinden der originalen Europalette in Ramallah zwar ein wenig mehr Zeit, doch muss nicht lange gesucht werden, um anderweitige zusammengenagelte Holzbretter in Palettenform zu finden, die in allen Farben und Größen verfügbar erscheinen. Da ich ohnehin eine nur teilmöblierte Wohnung gemietet hatte, reifte in meinem Kopf sehr schnell der Plan einer eigenen Möbelkreation, als ich die Palettenberge erblickte. Eines Tages machte ich mich auf den Weg, um zu fragen, ob ich einen kleinen Teil des sorgfältig aufgeschichteten Holzberges abschöpfen könne. Meine Frage zog ein paar fragende Blicke nach sich. Was ich denn damit wolle, wurde ich gefragt. „Möbelproduktion“ gab ich offen zu. Vorher ausgemessen, hatte ich die Wunschmaße der Paletten im Kopf und fragte, ob die Holzteile auch zurechtgeschnitten werden könnten. Die Paletten gehörten zu einer Werkstatt, die ihre Ware auf diesen geliefert bekommt. Das sich angrenzende Sägewerk ließ jedoch vermuten, dass mein Wunsch der Maßanpassung wahr werden könnte. Gefragt getan. Im Nu wurde ein Mann beauftragt die gewünschten zehn Paletten vom Berg zu nehmen. Er sprang in seinen Gabelstapler und beförderte die Paletten direkt zur automatischen Stichsäge, um die herum sich vier weitere Männer aufreihten, um die Palletten mit gemeinsamer Muskelkraft durch die Säge schieben zu können. Es dauerte keine zehn Minuten, da hatte ich meine zukünftigen Möbel in Einzelteilen, die nur noch darauf warteten, geschliffen und zusammengeschraubt zu werden. Ich verlud alles ins Auto, bedankte mich, erklärte nochmals mein Vorhaben und ließ die Männer mit fragenden Blicken zurück.

Vermutlich waren es selbige fragende Blicke, die damals auch die deutschen Großindustriellen hatten, als kreative Bastler mit dem Wunsch ankamen, ausgewählte Europaletten in ihren Besitz zu nehmen.

Doch Pionierin bin ich hier mit dem Upcycling ausgedienter Palletten nicht. Manche Läden in Ramallah bieten bereits aus Paletten zusammengeschraubte Gartenmöbel zum Verkauf an. Und manch hippes Café hat ein Regal oder einen kleinen Tisch aus Palletten gezimmert und dem Raum somit einen kleinen individuellen und kreativen Touch verliehen. Doch schaut man in die Privatwohnungen, so liegt der Trend weiterhin bei einheitlichen, ornamentversehenen Sitzgarnituren, raumeinnehmenden dunklen und schweren Holzmöbeln, die mit bunten Stoffen jeglicher Couleur bezogen sind. Die schlichte Holzpalette wirkt im Vergleich wie ein dekorationsloser Leichtbau für Bastleranfänger. Schmucklos statt pompös. Im Gegenzug dafür aber auch günstig anstatt kostspielig. Geschmäcker und Einrichtungskriterien sind bekanntlich verschieden. Aber wer weiß, vielleicht hält die ausgediente Holzpalette über kurz oder lang ja doch noch Einzug in die palästinensischen Privatwohnungen, sodass ich nicht mehr die einzige Person sein werde, die von Ramallahs Palettenbergen für eigenes Interieur großzügig abschöpfen wird. Bis dahin bleibt Ramallah für mich ein palästinensisches Palettenparadies, das in der Freizeit zum kreativen Basteln, Gestalten und Neuerfinden einlädt.

Frauenfreundschaften in Palästina

Ein Gastbeitrag von S., Praktikantin im Büro Ramallah

Die Westbank ist klein. Orte, in denen das Nachtleben nicht nur aus Kaffeehäusern und Schischa Bars besteht, sind begrenzt. Möchte man die im besetzten Westjordanland maximal möglichen Freiheiten genießen, endet man wohl oder übel in Ramallah – dem wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zentrum des Landes.

Und man kennt sich in Ramallah. Mit seinen offiziell knapp 34.000 Einwohnern (in Wirklichkeit sind es sehr viel mehr) und dem kleinen Anteil an Nachtschwärmern ist das kein Wunder. Ich lerne die ersten Leute an meinem zweiten Abend kennen, als ich mit meinen Mitbewohnerinnen ein Bier trinken gehe. Bald kann ich mitreden, wenn jemand über Ahmad („Der aus Hebron oder der, der Jura studiert hat?“), Mohammad („Unser Mohammad oder der Tandem-Mohammad oder der amerikanische Mohammad?“) und Jalal spricht. Es macht Spaß, dass jeder jeden kennt und man so leicht in dieses Netzwerk hineinkommt. Freundschaften schließen im Akkord. Der Haken – man – oder besser gesagt: frau lernt nur Männer kennen. An sich ja egal, aber es wäre doch mal schön, sich auch mit einer Palästinenserin zu unterhalten, zumal viele von ihnen wirklich beeindruckend sind. Sie treten mit einer Selbstsicherheit und Präsenz auf, die ich selten sehe und von dem weiblichen Gesprächsanteil bei gemischten Diskussion könnte sich mein Freundeskreis zuhause etwas abschneiden. Die jüngeren Frauen in den Bars sind so individuell angezogen, dass ihr Style ein neues Genre verdient hätte und bei den zwei weiblichen DJs aus Ramallah habe ich zu den (meiner Meinung nach) besten Sets seit langem getanzt.

„Garage“ – eine der populärsten Bars in Ramallah Alle Rechte vorbehalten

Der Freundinnen-Gedanke geht mir nicht mehr aus dem Kopf und als mich die (unglaublich coole) Barkeeperin bei der nächsten Party freundlich anlächelt, wittere ich meine Chance, endlich eine Freundin zu finden. Ich höre gar nicht mehr auf, zu lächeln und versuche, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Sie antwortet freundlich, mir gehen auf die Schnelle die Themen aus, und ich quatsche irgendwas über lokale Biermarken. Nach ca. fünf Minuten scheint sie ziemlich erlöst, als jemand am anderen Ende der Bar ein Bier (Corona) bestellt…

Die zweite Gelegenheit ergibt sich dank eines Besuchs bei der Frauenärztin. Ärztin Olga ist leider 40 Minuten zu spät und so langsam sammeln sich immer mehr Frauen vor der Praxistür. Ich errege als Ausländerin ein bisschen Aufmerksamkeit, und als ich in Anfänger-Arabisch nach der Ärztin frage, bricht das Eis langsam. Bald bin ich im Gruppengespräch aufgenommen, und was ich nicht verstehe, wird von einer amerikanischen Palästinenserin in Echtzeit übersetzt. Die Frauen sind ziemlich witzig, und beim Thema Eifersucht zwischen Geschwistern im Kleinkindalter kann ich souverän auf meine Erfahrungen als Tante zurückgreifen. Als sich das Gespräch dann Richtung Schwangerschaft bewegt, bin ich planloser und höre lieber zu. Das wird bemerkt und sofort nach meinen Kindern gefragt. Habe ich nicht. Verheiratet? Nein, auch nicht. Naja, das solle ich mal lieber genießen und schließlich sei ich ja noch jung. Als ich 27 sage und klar wird, dass das kein Versprecher war, kehrt kurz Stille im Wartezimmer ein. In Palästina wird im Durchschnitt deutlich früher geheiratet. Einige Frauen lächeln mir aufmunternd (mitleidig?) zu und meine amerikanische-palästinensische Sitznachbarin Marwa tätschelt mir die Schulter – das kann ja beides noch werden, meint sie tröstend. Dass ich eventuell weder das eine noch das andere will, führe ich nicht aus. Schnell wird das Thema gewechselt und mir wird klar, dass meine Wartezimmer-Bekanntschaften und ich in anderen Welten leben und das wohl nicht zu einer komplett offenen Freundschaft führen wird. Aber eine Verabredung zum Knafeh Essen (Palästinensische Süßigkeit) steht auf jeden Fall.

Eine Woche später laufe ich mit meinem Freund Ahmad durch die Altstadt von Ramallah. Er möchte mir einen Klamottenladen zeigen, der mir bestimmt gefällt. Wir gehen zu Babyfist, ein kleiner heller Laden mit zwei langen Stangen auf beiden Seiten. An die Wand ist eine Karte gemalt auf der einige Polaroidfotos glückliche internationale Käuferinnen zeigen.

Das „Babyfist“ – feministisches Modelabel in der Altstadt von Ramallah Alle Rechte vorbehalten

Ahmad fängt an, mir die arabischen Aufschriften auf den T-Shirts zu übersetzen.  This street is also my street, every rose has its revolution, get off my back. Irgendwann gesellt sich die Verkäuferin zu uns. „Wir sind ein feministisches Modelabel“, erklärt sie. 2018 hatte die Gründerin, Yasmeen Mjalli, mit Shirts mit dem englischen Aufdruck Not your habibti („Nicht Dein Liebling“) angefangen. Den Ausruf „habibti“ (Liebling) rufen in der arabischen Welt Männer mitunter Frauen auf der Straße nach. Das Label entwickelte sich schnell weiter und inzwischen promoten die (hauptsächlich in Gaza produzierten) Produkte Gleichberechtigung und Unterstützung von Frauen die sich nicht in gesellschaftliche Normen pressen lassen wollen. 10 % der Gewinne gehen an Frauen- und Mädchenprojekte. „Heute waren wir zum Beispiel im Shuafat Flüchtlingslager nahe Jerusalem um dort mit Mädchen der sechsten Klasse einen Menstruations-Workshop zu veranstalten“, erklärt die Verkäuferin. Ich bin begeistert und möchte mehr wissen. Als sie erzählt, dass sie gern Jura mit Fokus Menschenrecht studieren würde, erwähne ich die Veröffentlichungen unserer Partner bei der hbs. Sie kennt sie natürlich und fragt ein bisschen verunsichert, ob ich ihr nicht ein paar von ihnen ausleihen könnte. Schnell sind Handynummern ausgetauscht und wir verabreden uns für einen Kaffee am Wochenende.

Ahmad ist inzwischen ein bisschen gelangweilt, und gerade haben neue Kunden den Laden betreten. Wir verabschieden uns, ich bezahle mein wunderschönes Shirt (Get off my back), und wir machen uns auf dem Weg. Beim Verlassen des Ladens bemerke ich auf einmal, dass ich drauf und dran bin mich mit einer Palästinenserin zu befreunden. Ich überlege mir gleich, ob es doof ist, das neue Shirt bei unserem Treffen anzuziehen, ob ich die Veröffentlichungen lieber auf Englisch und Arabisch mitbringe und welches Café ich vorschlagen soll… In Ramallah bin ich wohl vor einer Kaffeeverabredung mit einer Bekannten aufgeregter als ich es je vor einem Date gewesen bin.

Warten ist schlimmer als sterben – die Heldinnen des Alltags in Idlib

Frauen bei einer Demonstration in Idlib. Mit freundlicher Genehmigung von Women Now for Development by Women Now for Development, mit freundlicher Genehmigung Alle Rechte vorbehalten

Von Anna Fleischer

Heute ist ein trauriger Tag für die Menschen in Idlib, die sich gegen das syrische Regime aufgelehnt haben. Denn heute steht Präsident Bashar al Assad das erste Mal seit über sieben Jahren wieder in dem letzten von Rebellen kontrollierten Gebiet. Seine Nachricht ist klar: „Jeder Zentimeter von Syrien wird zurück erobert, jeder einzelne.“ Aber nicht nur heute, sondern an jedem Tag, an dem in Idlib die Bomben fallen, fragen sich die Frauen, wie sie ihre Familien über den Tag bringen sollen – und bombardiert wird Idlib seit sechs Monaten täglich. Können sie es wagen, das Haus zu verlassen? Oder sollen sie lieber zu Hause bleiben und die Kinder trösten? In diesem Umfeld ständiger Gewalt, nach acht Jahren Krieg und inmitten der Zerstörung, die dies physisch aber auch emotional hinterlassen hat, werden Dinge zur Heldentat, die andernorts so alltäglich wären, dass man gar nicht darüber nachdenken würde. Wenn man eine Vorstellung davon haben will, wie ein Frieden in Syrien gelebt werden kann, ist es ein gravierender Fehler, nur – wie es im Moment passiert – auf bewaffnete Akteure zu schauen.

Als 2011 die Umbrüche mit friedlichen Protesten begannen, fand in Idlib eine rege Entwicklung statt. Es entstanden zivilgesellschaftliche Strukturen und lokale Selbstverwaltung, und schnell wurde die eigentlich konservative Provinz zu einem Sinnbild des Widerstandes gegen das Assad-Regime. Anders als Aleppo und Ost-Ghouta behauptet sich Idlib bis zum heutigen Tag gegen die Offensiven des Militärs. Dafür zahlen die Menschen einen hohen Preis: Über eine halbe Million Binnenflüchtlinge sind aus der anderen „Oppositionsgebieten“ hierher vertrieben worden. Die Region wird seit April 2019 heftig vom syrischen und russischen Militär bombardiert.

Während die Berichterstattung über Idlib sich auf das militärische Geschehen konzentriert, auf Terroristen und Milizen, gerät darüber in den Hintergrund, das der überwiegende Anteil derer, die in Idlib leben, und das sind laut den Vereinten Nationen zu über 99%, ZivilistInnen sind. Wie bestreiten diese in einem unter ständigen Bombardements stehenden Gebiet, aus dem es keinen Ausweg gibt, ihren Alltag? Wer unterstellt, es gäbe „keine Guten“ mehr in Syrien, ignoriert die Zehntausenden, vielleicht Hunderttausenden von Frauen und Männern, die sich tagtäglich für ihre Vision eines gerechteren Syriens einsetzen und das zivile Leben aufrechterhalten.

Eine der zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich mit Beginn der Umbrüche gründete, ist Women Now for Development, eine Frauenrechtsorganisation, die von Syrerinnen betrieben wird. Sie bietet unter anderem Bildungskurse, psychosoziale Betreuung und Führungstrainings in Gemeindezentren für Mädchen und Frauen an. Über drei Jahre habe ich diese Frauen bei ihrem Kampf nach mehr Mitsprache und mehr Freiheit unterstützt. Was die Frauen jeden Tag einzelnen Tag im Verborgenen leisten, fehlt in der Diskussion zu Syrien.

Nach dem Giftgasangriff auf Khan Sheikhoun im April 2017 öffnete ich Sprachnachricht um Sprachnachricht meiner Kolleginnen, die die Situation vor Ort beschrieben. Eine der Frauen erzählte, wie ihr Mann, der im einzigen Krankenhaus im nahegelegen Maarat al-Numan arbeitet, die Giftstoffe einfach nicht von denjenigen, um deren Leben er kämpfte, abgewaschen bekam. Egal, was er versuchte, Wasserkübel um Wasserkübel, er bekam sie einfach nicht ab. Als er abends völlig erschöpft heimkam, begannen die Augen seiner Frau und Kinder zu brennen. Weil die Chemikalien an seiner Kleidung und Haut klebten.

Zu dieser Zeit dachten einige der lokal tätigen Organisationen daran, ihre Arbeit einzustellen. Die Frauen vor Ort protestierten: Gerade jetzt können wir unsere Zentren nicht schließen! Egal, wie gefährlich es sein mochte, für sie war klar: „Jede Minute, die wir allein zu Hause sitzen und nichts tun, ist schlimmer als jede Gefahr. Warten ist schlimmer als sterben!“

Diese Heldentaten sind für das tägliche Leben eine absolute Notwendigkeit. Insbesondere für die Kinder, die oftmals nichts kennen außer Krieg. Abir in Idlib schrieb uns im Mai: „Unsere Nachbarschaft wurde gestern um 5 Uhr dreimal getroffen. Wir schlafen auf dem Flur, die Kinder im Badezimmer. Meine Tochter ist anderthalb Jahre alt und der Lärm der Bomben macht ihr Angst. Ich sage ihr immer wieder, dass es ein Spiel ist. Jedes Mal, wenn ein Militärflugzeug vorbeikommt, sage ich ihr … mach dich bereit für den KNALL, sie spielen nur mit uns.“ Die Mütter überspielten ihre Angst, um den Kindern eine Normalität vorzuspielen, die es seit fast zehn Jahren nicht mehr gibt.

Bei der Arbeit mit Frauen ist die Kinderbetreuung besonders wichtig. Die Frauenzentren stellen Kinderbetreuung für die Frauen zur Verfügung, die gerade an Kursen teilnehmen. Sie bieten Ersatz an für die völlig zerstörte Infrastruktur. Zum Beispiel in Sarakeb, einer Stadt in Idlib, die besonders hart vom Krieg getroffen wurde. Kindergärtnerin Bushra sagt: „Als die Bombardierung gestern begann, waren wir im Zentrum und die Kinder waren in der Kindertagesstätte, weit weg von ihren Müttern. Deswegen waren sie doppelt so verängstigt wie sonst. Mehr als 20 Kinder drängten sich um mich, weinten und schrien. Es dauerte zum Glück nicht lange, bis die Mütter kamen und ihr Kinder mitnahmen. Aber für die Minuten, in denen ich mit den Kindern allein war, wollte ich nichts weiter, als so lange Arme zu haben, dass ich sie alle umarmen kann.“

In einer der Feuerpausen dieser letzten Militäroffensive, die nun schon ein halbes Jahr anhält, erreichte mich ein Bild, das mich stutzen ließ. Darauf waren eine Schildkröte und zu einem Peace-Zeichen geformte Hände zu sehen.

Eine der Lehrerinnen im Frauenzentrum hatte eine Atempause genutzt, um mit ihren Kindern nach draußen zu gehen. Die Kinder hatten sich seit Tagen zu Hause versteckt wegen schwerer Bombardements, meist sogar unten ihren kleinen Betten. Als es ein wenig ruhiger wurde, bettelten die Kinder ihre Mutter an, sie wollten das Haus einmal verlassen. Da es das Ende von Ramadan war, und sie Mitleid mit ihren Kindern hatte, gab die Mutter nach. Sie brachte ihre Kinder raus in die Natur. Sie fanden jene Schildkröte und machten das Bild mit den Kinderhänden um zu zeigen, dass es immer noch normales Leben in Idlib gibt. Ihr Kommentar: „Die Kinder sollen soweit irgend möglich ein normales Leben führen. Wir lieben das Leben!“ Wieder so eine kleine Heldentat.

Oft höre ich die Frage: Wie geht es nun weiter in Syrien? Die Frauen haben eine klare Antwort darauf: Es geht eben weiter! Sie wollen sich nicht ergeben, sich nicht beugen. Sie haben sich in den letzten acht Jahren viel Raum erkämpft, gesellschaftlich und politisch. Den wollen sie nicht aufgeben. Sie haben neue Aufgaben angenommen, weil ihre Männer entweder traumatisiert, inhaftiert oder verstorben sind. Sie wollen sich nicht mehr zurückdrängen lassen, besonders gegenüber dem Assad-Regime sind sie hart: Unter Assad leben, nie wieder! Das ist für sie klar, denn genau gegen dieses Regime haben sie sich aufgelehnt, gegen Folter, Unterdrückung und Tyrannei. Um es mit den Worten von Nebal, einer Französisch-Lehrerin im Frauenzentrum, zu sagen: „Der gleiche Krieg, der viele Dinge in uns tötet, tötete auch unsere Angst vor vielen Dingen“.

Wer die alltäglichen Heldentaten der Frauen von Idlib sieht, weiß besser wie es um die Zukunft steht, als nur bei der Betrachtung von Terroristen, Soldaten und Milizen. Trotz aller Widrigkeiten, zeigt sich in den letzten Wochen der unbändige Wille der Menschen in Idlib für eine bessere Zukunft. In den Feuerpausen der russischen Kampfjets gehen sie auf die Straße und fordern Freiheit, Gerechtigkeit und den Sturz von Assad. Dieser rebellische Geist, den ein Jahrzehnt voller Zerstörung nicht brechen konnte, wird auch die Zukunft des Landes prägen. Militärisch mag es dem Regime gelingen, alle Gebiete Syriens wieder unter seine Herrschaft zu zwingen – an ihren Überzeugungen wird er jedoch nichts ändern können.

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Anna Fleischer koordiniert das Syrienprogramm der Heinrich Böll Stiftung im Beiruter Büro. Zuvor war sie in einer lokalen Frauenrechtsorganisation vor allem für Kampagnenarbeit zuständig.

Pride Monat in Beirut

Drag Queens (und Cythia Khalfeh) (c) Lewis Semrani, mit freundlicher Genehmigung Alle Rechte vorbehalten

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

Die Stadt Boston genehmigte Ende Juni einer sogenannte „Straight Pride Parade“- ein Event, das den Organisatoren zufolge die „unterdrückte Mehrheit heterosexueller Menschen“ zelebrieren solle. Ausgerechnet Milo Yiannopoulos, ehemaliger Redakteur der rechtslastigen Webseite Breitbart News, werde hierbei die Leitung der Veranstaltung übernehmen. Yiannopoulus ist seit langem aufgrund zutiefst rassistischer, frauenfeindlicher und rechtsextremer Äußerungen aus sämtlichen sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verbannt. So beschimpfte er Transmenschen mehrfach als „kranke homosexuelle Menschen, die nach Aufmerksamkeit suchen.“ Erschreckend also, dass ihm offenbar erneut eine öffentliche Plattform für die Verbreitung seiner widerlichen Ansichten geboten wird.

Eigentlich sollte es ja nicht nötig sein, schon wieder auszuführen zu müssen, weshalb absolut keine Notwendigkeit für eine Straight Parade besteht. Doch anscheinend gibt es immer noch genug Menschen, die der Überzeugung sind, sie profitieren noch nicht genug von ihrem gesellschaftlichen Status und ihren Privilegien. Anstatt sich die eigenen Vorrechte mal vor Augen zu führen oder gar ein bisschen Sensibilität gegenüber weniger privilegierten Bevölkerungsgruppen zu entwickeln, schlagen diese Männer um sich und krakeelen als versuchte man ihnen, etwas wegzunehmen. Tun wir ja auch: Nämlich ihre Privilegien, die bisher unangetastet geblieben sind. Und diesen Verlustängste muss natürlich lautstark auf den Straßen Bostons Ausdruck verliehen werden.

Werden diese Menschen wohl je verstehen, dass Heterosexualität nicht zelebriert werden muss? Nö, werden sie nicht, denn dann müsste man sich ja eingestehen, dass man etwas feiert, wofür man selbst überhaupt nichts getan hat. Mit der Pride Parade hat dies nichts gemein. Denn wenn man sich die Mühe macht und die Ursprünge der Pride Parade hinterfragt, dann kommt man zu dem Schluss, dass in unserer Gesellschaft praktisch jeden Tag Straight Parade ist. Menschen und insbesondere Männer, die in das heteronormative Mainstreamraster der Gesellschaft passen, müssen keine Angst vor Diskriminierung haben. Sie müssen ebenso wenig Angst vor polizeilicher Gewalt oder Verhaftungen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität haben. Im Pride Monat dagegen geht es deshalb darum, Vielfalt zu proklarieren, weil LGBTIQ* Menschen immer noch massive Diskriminierung erfahren. Inspiriert von den Stonewall-Aufständen homosexueller Menschen in New York 1969, die sich gegen polizeiliche Ausschreitungen und homophobe Gewalt zur Wehr setzten, demonstrieren auch heute noch LGBTIQ* Menschen für Gleichberechtigung und Toleranz. Anstatt mutigen Demonstrierenden, die jedes Jahr wieder auf die Straße gehen, aber den Respekt zu zollen, den sie verdienen, geht man(n) in Boston –  eine der LGBTIQ* freundlichsten Städte des Landes – lieber einen Schritt zurück und feiert Machismus und längst überholte Rollenbilder. Und das mitten im Pride-Monat!

Apropos, Pride Monat: Vor einigen Wochen habe ich hier einen Beitrag zum Auftakt des Pride-Monats in Beirut geschrieben, in dem ich der Frage auf den Grund ging, inwiefern das Hissen von Regenbogenflaggen in Raouche Rock als eine grundsätzliche Zunahme der Toleranz gegenüber LGBTIQ Menschen interpretiert werden kann. Inwiefern dienen die Stonewall Aufstände auch in Beirut als Vorbild für Proteste gegen patriarchale Strukturen und strukturelle Diskriminierung? Zumindest in Beirut dominierten im Pride-Monat Drag Queens das Nachtleben.

Mit freundlicher Genehmigung von Eric Mathieu Ritter, Gründer von Emergency Room Alle Rechte vorbehalten

Darüber hinaus ist seit kurzem erstmalig ein Transmodel auf öffentlichen Werbeanzeige zu sehen. Das libanesische Modelabel Emergency Room entschied sich nämlich dafür, Sasha Elijah als Model für ihre neue Kollektion zu engagieren. Emergency Room wurde vor einem Jahr von Eric Mathieu Ritter gegründet: „Letzte Woche haben wir unsere Boutique in Beirut eröffnet und mir ist es sehr wichtig, zu verdeutlichen, dass das Label nicht nur für Nachhaltigkeit bei der Produktion und einen ethisch vertretbaren Umgang mit den Arbeitskräften steht, sondern auch für Diversität und Individualität. Aus diesem Grund entschieden wir uns dafür, ein Fotoshooting mit 25 unterschiedlichen Menschen mit verschiedenen Körperformen, Größen, Altersklassen, Religionszugehörigkeiten, Ethnien, Geschlechtern und Sexualitäten zu veranstalten, um zu zeigen, dass auch Beirut selbst ein Mix aus den unterschiedlichsten Menschen darstellt.“ Bei der Auswahl der digitalen Werbeanzeigen entschied Ritter sich dann unter anderem für Sasha Elijah, die sich in der Vergangenheit immer wieder auf mutige Weise gegen transphobe Kritik zur Wehr gesetzt hatte und mittlerweile auch auf internationaler Ebene als Model gefragt ist. Noch vor einigen Jahren wäre es nicht denkbar gewesen, ein Trans-Model auf einer großen öffentlichen Werbeanzeige mitten in Beirut zu sehen, aber im Gegensatz zu Boston hat sich in Beirut seither einiges in Richtung Offenheit getan. Das zeigt sich auch auf dem Instagram-Account der bekannten libanesischen Schauspielerin Cynthia Khalifeh, die sich mit einer Gruppe von Drag Queens ablichten ließ und sich auf Instagram für mehr Toleranz gegenüber LGBTIQ*-Menschen aussprach. Es scheint also doch Menschen zu geben, die ihre Plattform dafür nutzen, Solidarität zu bekunden anstatt rechtsextremistische und homo- bzw. transphobe Propaganda zu verbreiten. In diesem Sinne: Happy Pride Month! Auf dass all die krakeelenden Männerstimmen mal für einen Moment verstummen, damit die Menschen gehört werden können, die viel zu lang keine Stimme hatten.


Inga Hofmann

Inga Hofmann by Inga Hofmann Alle Rechte vorbehalten

Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

Bräunungsöl und koloniale Kontinuitäten

Savannah-Werbung Alle Rechte vorbehalten

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

Da sich die brütende Hitze in Beirut außerhalb des kühlen Büros nur schwer ertragen lässt und der von Müll überflutete Strand am Rand der Stadt auch nicht unbedingt zu einer kleinen Abkühlung einlädt, nutzen meine Freund*innen und ich die Wochenenden meist, um in den Süden des Libanons an die sauberen Strände zu fahren. Auf dem Weg dorthin creme ich mich – zur Belustigung meiner libanesischen Freunde – normalerweise bereits im Auto mit meiner 50+ Sonnencreme ein. Der Rest der Gruppe dagegen reibt sich frühestens nach dem ersten Gang ins Wasser großzügig mit Sonnenöl oder auch Babyöl ein, um möglichst schnell möglichst braun zu werden.

Jedes Mal wetteifern sie sich dann im Gespräch darüber, wie man den perfekt bronzenen Teint erhalten könne. Manchmal schnappen umliegenden Tourist*innen diese Tips auf und setzen sie um – und am Ende des Tages den Strand nicht selten mit schmerzhaften Sonnenbränden zu verlassen.

Die Art und Weise, in der viele im Libanon nach möglichst schnell erworbener, möglichst tiefer Bräune, streben, bietet der Werbung ein unerschöpfliches Feld für sämtliche Produkte, die den Prozess beschleunigen und den Bräunungsgrad optimieren sollen. So stach mir auf dem Weg zum Strand letzte Woche eine riesige Werbeanzeige der Kosmetikmarke Savanah ins Auge: Mit dem Slogan „Go Black or Go Home“ versuchten sie ihr neuestes Bräunungsöl zu vermarkten und es schien sie dabei nicht zu stören, dass sie sich eines rassistischen Jargons bedienten.

Ein Freund von mir kontaktierte die Firma später über Twitter, doch diese wiesen jegliche Rassismus-Vorwürfe von sich und gaben sich stattdessen naiv. Als ich ihre Social Media Präsenz anschließend genauer betrachtete, wunderte mich das gar nicht mehr: Die Werbeanzeige war kein Einzelfall, sondern stand vielmehr exemplarisch für eine ganze Reihe, die von rassistischen Vorurteilen nur so strotzten – und etwas, das man im europäischen Kontext klar als koloniale Kontinuitäten beschreiben würde.  So benannte Savanah eine ihrer Bräunungscremes nicht nur „Antelope“ und setzte sie damit in einen direkten Bezug zu einem Tier, das klischeehafterweise in der afrikanischen Savanne zu finden ist, sondern fügte darüber hinaus auch noch das Bild eines weißen Farmers hinzu. Das Erscheinungsbild des Mannes lässt darauf schließen, dass dieser sich des Blackfacings bediente, was angesichts der Tatsache, dass es sich bei dem Produkt um Bräunungscreme handelt, besonders perfide ist.

Beim Blackfacing malen sich weiße Menschen das Gesicht oder den Körper an, um auf diese Weise People of Color zu diskriminieren. Ursprünglich stammt diese Praxis aus der Kolonialzeit, in der sich US-Amerikaner in den sogenannten Minstrel Shows mit dunkler Farbe bemalte, um People of Color zu demütigen und bereits vorhandene Stereotype zu verstärken.
Bis heute hat sich an dem Rassismus, dem diese Praxis zugrunde liegt, nichts geändert, denn immer noch geht darum, rassistische Muster der Vergangenheit zu reproduzieren und internalisierten Rassismus aufrechtzuerhalten. Das funktioniert natürlich am besten, indem man die Verbrechen des Kolonialismus und noch immer bestehende Ungleichheiten aufgrund von Ethnie und Klasse einfach ignoriert und stattdessen versucht, den kritischen Diskurs durch rassistische Internet-Memes einzudämmen.

Von einer ähnlichen Ignoranz gegenüber kolonialen Kontinuitäten zeugt der folgende Post der Kosmetikmarke auf Instagram, auf dem ein Mann zu sehen ist, der vor einem Hintergrund posiert, welcher an die romantisierte Darstellung der afrikanischen Steppe zu Zeiten des Kolonialismus erinnert. Der Mann bewirbt das „Black Tanning Oil“ und erneut fragt man sich: Kann es nicht einfach Tanning Oil heißen? Kann es offenbar nicht, denn betitelt ist das Bild darüber hinaus auch noch mit der Überschrift „My heart is in Lebanon, my soul is in Africa“ . Doch auf wen wird hier Bezug genommen? Wessen Herz ist im Libanon und wessen Seele in Afrika?

An dieser Stelle kann ich nur mutmaßen, aber es könnte sich um libanesische Migrant*innen in Westafrika handeln. Denn Ende des 19. Jahrhunderts emigrierten viele Libanesen und Libanesinnen aus ökonomischen Gründen in Gebiete Westafrikas, die heute Länder wie Senegal, Mali oder Cote d´ Ivoire bilden. Genau wie der Libanon standen diese Gebiete damals unter französischer Kolonialherrschaft, weshalb Frankreich die Migration der libanesischen Menschen aktiv unterstützte. Die meisten Menschen wollten ursprünglich in die USA auswandern doch aufgrund mangelnder finanzieller Mittel und falscher Versprechungen durch die französische Kolonialmacht, migrierten sie schließlich nach Westafrika. Im Laufe der Zeit etablierte sich auf diese Weise eine libanesische Community in der Region, die bis heute vor allem auf wirtschaftlicher Ebene sehr präsent ist. Die zweite Welle von Migrant*innen, die aus ökonomischen Gründen migrierte, erfolgte erst später während des Libanesischen Bürgerkrieges, sodass libanesische Menschen mittlerweile die größte nicht-afrikanische Minderheit in der Region bilden.

Kolonialismus und koloniale Kontinuitäten sollten also nicht nur als binäres Verhältnis zwischen Kolonialmächten und einheimischer Bevölkerung verstanden werden, sondern in all ihrer Komplexität analysiert werden. Dazu gehört auch, die Rolle weiterer Communities innerhalb Westafrikas zu hinterfragen. Darüber hinaus sollte analysiert werden, inwiefern die rassistische Hierarchisierung der Gesellschaft als Folge des Kolonialismus auch heute noch eine Rolle spielt. Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Menschen aus westafrikanischen Ländern und Menschen mit libanesischem Hintergrund? Inwiefern dominiert ein gewisses „Überlegenheitsgefühl“ von Seiten der libanesischen Menschen und welche Konsequenzen hat das für People of Color, die im Libanon leben?

Nachdem Länder wie der Senegal ihre Unabhängigkeit deklariert hatten, verschwand zwar die französische Präsenz doch koloniale Kontinuitäten wurden bis heute aufrechterhalten – in allererster Linie natürlich von europäischen Ländern, die noch immer das größte Interesse daran hatten, ihre globale Hegemoniestellung zu wahren. Doch auch im Libanon lässt sich die rassistische Hierarchisierung der Gesellschaft spüren: Genau wie von den europäischen Mächten, wird immer noch zwischen europäischen und nicht- europäischen Menschen unterschieden und darüber hinaus werden nicht- europäische Menschen noch einmal in arabische bzw. nicht- arabische Menschen unterteilt. People of Color, die im Libanon leben, berichten immer wieder von Diskriminierungserfahrungen, die sich auf das nationale Rechtssystem und gesellschaftliche Faktoren zurückführen lassen. Haushaltskräfte aus Ländern wie Äthiopien bekommen keinerlei arbeitsrechtlichen Schutz gewährt und sprechen in Interviews von einer doppelten Form der Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe. Der fehlende rechtliche Schutz führt häufig zu Ausbeutung, Unterbezahlung und in den schlimmsten Fallen Gewaltdelikten. Darüber hinaus werden Menschen mit einem libanesischen Elternteil einerseits und einen afrikanischen Elternteil andererseits von der Gesellschaft ausgeschlossen: Betroffene schildern, wie sie auf überhebliche Weise von anderen Libanesen und Libanesinnen automatisch als Haushaltskraft bezeichnet wurden.
Genau mit diesem Thema setzten sich auch Nisreen Kaj und Marta Bogdanska in ihrer Ausstellung „Mixed Feelings“ auseinander und zeigten, wie die libanesische Gesellschaft die Zugehörigkeit zur Gesellschaft allein über die Hautfarbe einzelner Menschen definiere. Schon viel zu lang dominiere im Libanon das Verständnis einer homogenen Gesellschaft, das allein auf dem Ausschluss migrantischer Haushaltskräfte und „mixed Lebanese“ beruhe. Sehr treffend meinte Nisreen Kaj in einem Interview: „Die meisten sagen, sie hätten nie ein mixed- Lebanese gesehen, aber das stimmt nicht. Sie schließen nur automatisch darauf, dass wir nicht libanesisch sein können.“

Gegen dieses exklusive Konzept einer libanesischen Identität setzen sich NGOs wie Anti Racism Movement zur Wehr und versuchen Bewusstsein zu schaffen, indem sie Menschen aus Ländern wie Äthiopien unterstützen und vor Ausbeutung schützen. Doch solange die Mainstream-Werbung in der Öffentlichkeit die koloniale Vergangenheit romantisiert anstatt sie in ihrer eigentlichen Brutalität zu sehen, bleibt die rassistische Hierarchisierung der Gesellschaft wohl auch zukünftig erhalten.


Inga Hofmann

Inga Hofmann by Inga Hofmann Alle Rechte vorbehalten

Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

 

 

 

 

 

 

Alles vergebens für den „Haustiertag“

 

Zukünftiges Haustier auf der Straße (c) privat by Bente Scheller Alle Rechte vorbehalten

Ich weiß die Bemühungen der Schule durchaus zu schätzen, die SchülerInnen kreative Impulse bieten wollen. Nur sind nicht alle von ihnen sehr gut durchdacht. Obwohl mein Sohn in einer Schule ist, die sich „Vielfalt“ auf die Fahne geschrieben hat, findet diese in einem gesellschaftlichen Kontext statt, in dem vieles sehr einfach, anderes sehr vorurteilsbehaftet ist. Jedes Jahr gibt es zum Beispiel einen „Come as you like day“, einen Tag, an dem die SchülerInnen ihre Schuluniform temporär an den Nagel hängen und sich verkleiden durften.

Mein Sohn war begeistert: Elsa, die Heldin des Disney-Films „Die Eisprinzessin“, war so populär unter den Mädchen seiner Klasse, dass auch er davon träumte, einmal im glitzernden Kostüm erscheinen zu dürfen. Er lag mir lange damit in den Ohren, dass wir ein solches erwerben sollten, doch als ich ihn am Tag davor mit zum Einkaufen nehmen wollte, war er gar nicht mehr entzückt. Zu sehr hatten die LehrerInnen immer wieder nachgehakt, ob er nicht doch lieber Spiderman, Batman oder ein anderer männlicher Fantasy-Held sein wolle.  „Wenn ich mich nicht so verkleiden darf, wie ich will, dann lieber gar nicht,“ vekündete er genkickt, und hielt das auch im nächsten Jahr durch. Da durften die Verkleideten vor allen anderen der Schule ans Mikrofon treten und sagen, welchen Charakter sie sich ausgesucht hätten. Er verkündete, er komme als „er selbst.“

Wenig später schickte die Schule eine Einladung, dass alle SchülerInnen an einem bestimmten Tag ihr Haustier mitbringen sollten. Zugegebenermaßen hatte ich die Träume meines Sohns von einer eigenen Katze oder einem Hund stets einen Riegel vorgeschoben, weil wir so viel reisen, dass es schwierig gewesen wäre, sich angemessen um diese  zu kümmern. Als Ausgleich hatte ich ihm eine große Rundassel auf der Straße aufgelesen, die seither in einem Terrarium auf unserem Balkon lebte und um die er sich hinreißend kümmerte. „Weißt du, die anderen ekeln sich vor Insekten,“ meinte Laslo. „Als ich neulich einen Käfer auf dem Schulhof aufheben wollte,  haben die aus meiner Klasse gekreischt und die Schulhofaufsicht hat die Sicherheitsleute gerufen, damit sie den Käfer entfernen. Sie dachten, er sei gefährlich! Wenn ich „Roly Poly“ migbringe, reagieren sie bestimmt ähnlich, und vielleicht wäre es gefährlich für Roly Poly.“ – „Und wie wäre es mit Pitzy?“ fragte ich, wohl wissend dass Pitzy, eine grüne  Wanze aus den Bergen, ähnlich unbeliebt sein würde, aber immerhin deutlich niedlicher als die schwarze Assel erscheinen würde. „Pitzy ist letze Woche weggeflogen,“ erinnerte mich mein Sohn. „Und auch der kleine Gecko, der immer durch die Wohnung läuft, fände es in meiner Schule bestimmt nicht schön.“ Wir einigten uns darauf, dass das magere kleine Chamäleon, das wir mit kleinen Grashüpfern und Fliegen zu päppeln versuchten, dort gewiss auch nicht am richtigen Ort sei. Der kleine Bruder versuchte zu helfen: „Oh, eine tote Ratte. Wah meihnt du, iht die  gut für Hauhtiertag?“ lispelte er auf der Straße. „Sie müssen lebendig sein, in einem Käfig oder Aquarium“, antwortete Laslo nüchtern. 

Haustier, frisch geduscht (c) privat by Bente Scheller Alle Rechte vorbehalten

Ich versuchte, ihn zu überzeugen, dass er stellvertretend vielleicht ein Kuscheltier mitbringen könne. Derweil entspann sich über die Whatsapp-Gruppe der Klasse eine erhitzte Debatte. Tierschutz spielte dabei weniger eine Rolle. Auch nicht, ob Hunde, Katzen und Vögel gleichzeitig in der Klasse eine gute Idee seien. Dafür aber Allergien: Es mögen bitte nur antiallergene Hunde und Katzen mitgebracht werden. Ich staunte, hatte ich bis dahin doch nicht einmal gewusst, dass es so etwas gibt.

Die Schule entschied sich letztlich, den Haustiertag abzusagen. Daraufhin flutete die nächste Welle enttäuschter Kommentare die Whatsapp-Gruppe: „Mein Kind hatte kein Haustier, jetzt haben wir ihr diesen teuren tropischen Fisch für den Haustiertag gekauft, und er wird einfach abgesagt?“ – „Wir auch – ein Kaninchen – und alles vergebens?“

Headbanging – das Gegenteil von Abnicken

Slave to Sirens - mit freundlicher Genehmigung von Slave to Sirens

Slave to Sirens – mit freundlicher Genehmigung von Slave to Sirens by Slave to Sirens Alle Rechte vorbehalten

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

Ende April hätte die brasilianische Heavy Metal Band Sepultura eigentlich ein Konzert im  Libanon geben sollen, doch am Flughafen in Beirut wurde ihnen die Einreise in letzter Sekunde verweigert. Angeblich seien ihre Texte gewaltfördernd und religionsfeindlich.  Anhand dieses Verhaltens zeigt sich, dass die libanesische Gesellschaft offenbar immer noch ein sehr vorurteilsbehaftetes Bild der Heavy-Metal-Musik hat. Doch wenn sogar internationale Bands aufgrund dieser Vorurteile nicht einreisen dürfen, wie weit werden libanesische Metalheads und Fans stigmatisiert und in ihren Handlungen eingeschränkt?

Auf der Podiumsdiskussion der Heinrich Boell Stiftung „Music Beats Politics“  (hier als Video verfügbar) erklärte Alma Doumai, Bassistin der Heavy Metal Band Slave to Sirens, dass Heavy Metal immer noch nicht gesellschaftlich akzeptiert sei. Den Bandmitgliedern werde oft vorgeworfen, sie würden durch ihre Musik Aggressionen und Hass befördern. “Wir wurden sogar schon als Teufelsanbeter beschimpft“ berichtet Doumani. Solche Vorwürfe sind völlig veraltet und unbegründet und zeugen lediglich vom weit verbreiteten Unverständnis für Kunstformen, die nicht dem Mainstream entsprechen. Slave to Sirens beispielsweise befürworten in ihren Texten keineswegs Gewalt, sondern üben in ihrer Musik gesellschaftliche Kritik, indem sie auf Missstände wie Tierquälerei und Korruption aufmerksam machen. Besonders staatliche Kräfte hören diese Kritik natürlich nicht gern, und so ist es wohl einfacher für sie, Metalheads als Teufelsanbeter zu diffamieren, anstatt sich ernsthaft mit der inhaltlichen Kritik ihrer Songtexte auseinandersetzen zu müssen. Auch einigen deutschen Medien fällt es offenbar schwer, sich auf den Inhalt der Songs zu konzentrieren: Erst im April widmete der Nachrichtensender n-tv der Band Slave to Sirens zwar einen eigenen Beitrag, verfehlt dabei jedoch völlig die eigentlichen politischen Implikationen der Musik. So betitelte n-tv den Beitrag mit „Party gegen politische Unsicherheit – Junge Libanesen suchen Ablenkung im Nachtleben“.Viel interessanter als diese reißerische Headline wäre gewesen, darüber zu berichten, wie Slave to Sirens den europäischen Umgang mit Geflüchteten kritisiert. Im dritten Track ihres Albums, der den gleichen Titel trägt wie die Band selbst, singen sie nämlich:

„Listen to the sound of a 1000 screaming souls
Afraid! Betrayed…
Waiting for some time to be saved!
Alone! Forgotten!
Salt Water smothers your face“

 

Wie die Band selbst auf ihrer Facebook-Seite erklärt, wollen sie mit dem Song das Ertrinken unschuldiger Kinder, Männer und Frauen anprangern und auf diese Weise die europäische Politik kritisieren, die Geflüchtete dazu zwingt, riskante Wege nach Europa zu beschreiten. Anstatt diese politische Dimension der Musik in ihrem Beitrag aufzugreifen, bagatellisiert n-tv es als jugendlichen Unfug einiger Partygäste.
Doch woran liegt es, dass Heavy Metal noch immer nicht akzeptiert und in seiner politischen Dimension gesehen wird?

Die Skepsis gegenüber Heavy Metal hat eine lange Tradition, denn bereits in den 1990er Jahren protestierten christliche Institutionen und Autoritäten immer wieder gegen die Musik, und lange Zeit waren international bekannte Bands wie Metallica und Nirvana im Libanon verboten. Doch auch in anderen Ländern der Region wie Ägypten wurden Heavy Metal Fans Ende der 1990er Jahre von der Polizei festgenommen und beschuldigt, Teil eines satanischen Kultes zu sein. Die Band Alm Namrood aus Saudi Arabien berichtete 2015 sogar, dass alle Bandmitglieder ihre Identitäten geheim halten müssten und bisher kein einziges Konzert spielen konnten, da sie anderenfalls die Todesstrafe riskieren würden.

Und auch wenn Heavy Metal Musiker*innen in Europa weder mit einer Festnahme noch der Todesstrafe rechnen müssen, dominiert auch dort Intoleranz gegenüber Heavy Metal Musik. Während der Podiumsdiskussion berichtete Simon Stumpf, Metalhead und Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Beirut, davon, wie sich im südlichen Teil Deutschlands 2010 ein Lehrer vor der Schulleitung dafür rechtfertigen haben müsse, dass er Frontsänger einer Death Metal Band gewesen sei. Nur unter der Bedingung, dass er mit Heavy Metal Musik aufhören werde, hätte er weiter unterrichten dürfen.

Simon Stumpf betonte, dass Heavy Metal in allererster Linie Kunst sei und stellt die entscheidende Frage: „Wer entscheidet eigentlich, was Kunst ist und was nicht?“
Vor allem entscheiden das wohl die jeweiligen Gesellschaften und in einigen Fällen wohl auch die Regierungen. Auf die Frage, weshalb es immer noch ein weiter Weg bis zur breiten gesellschaftlichen Toleranz sei, antwortet  Alma Doumani, dass viele Menschen es abschreckend fänden, wie Metal Bands während ihrer Konzerte schreien, headbangen und zum Teil auch knurren oder andere Laute von sich gäben.
Besonders bei Slave to Sirens kommt natürlich noch hinzu, dass es sich um die allererste rein weibliche Heavy-Metal-Band in der Region handelt – vielleicht sogar weltweit. Sie stellen mit ihrer Bühnenpräsenz und ihrer Musik etablierte Wertevorstellungen, die bestimmen, was als feminin gilt, grundsätzlich in Frage. Davon fühlen sich insbesondere männliche Politiker natürlich in ihrer Position bedroht, denn schließlich stellen Slave to Sirens auf diese Weise ja auch alles, worauf ihre Privilegien und letztendlich ihr gesellschaftlicher Status beruhen, in Frage.
„Musik kann politisch sein“, fasst Konrad Siller, Leiter des Goethe Instituts Libanon es sehr treffend zusammen und macht darüber hinaus auf Gefahren wie „patriotische Gesänge, homophoben Rap und rechtsextremistische Musik“ aufmerksam. Staatliche Autoritäten und Beamte sollten also ihre Zeit nicht damit vergeuden,  Lehrer*innen, die in ihrer Freizeit Heavy Metal singen, in ihr Büro zu zitieren, sondern ihren Blick für die manipulativen Effekte von Musik schärfen. In Deutschland zumindest hätten sie angesichts rechtsextremistischer Aufmärsche mit Marschtrommeln und Parolen wie in Plauen genug zu tun.

Doch die Metal Bands und ihre Fans zeigen sich von gesellschaftlichen Vorurteilen recht unbeeindruckt und lassen sich nicht aus der Öffentlichkeit verdrängen. Mostafa Mahmoud, Mitglied der ägyptischen Band Vyprus, sagte nach den Festnahmen 1997 in einem Interview: „Rock did not die,“ und das trifft es wohl auf den Punkt, denn mittlerweile ist die Community so gut vernetzt, dass größere Plattformen wie LebMetal auf anstehende Ereignisse aufmerksam machen. Darüber hinaus findet seit 2017 in Beirut das jährliche Beirut Metal Fest statt. Auch in der Filmbranche findet Heavy Metal zunehmend Beachtung: So griffen Eddy Moretti und Suroosh Alvi das Thema bereits 2006 in ihrem Film „Heavy Metal in Baghdad“ auf und reisten in den Irak, um die damals einzige irakische Heavy Metal Band zu interviewen und deren Bandleben in Zeiten des Krieges und der Flucht zu dokumentieren.
Und auch Monzer Darwish greift in seinem neuen Film „Syrian Metal is War“ die persönlichen Erfahrungen von syrischen Metal Bands und deren Fans in einem vom Krieg zerstörten Syrien auf. „Mithilfe von Metal ist es möglich, seine politischen […] Werte zu vermitteln.“ Daher rührt  auch der Titel des Films, denn auch in der Vergangenheit  musste die syrische Metal Community ihre Musik kämpferisch gegen die Gesellschaft verteidigen.

Ebenso kämpferisch ließen übrigens im April die libanesischen Metalheads das Einreiseverbot von Sepultura nicht auf sich sitzen: Sämtliche libanesische Metal-Bands setzten dem ein Protestkonzert entgegen, auf dem Sepultura per Skype aus der Türkei live dabei sein durfte.


Inga Hofmann

Inga Hofmann by Inga Hofmann Alle Rechte vorbehalten

Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung  in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

Frauenfeindliche Sensationsgier

 

Sufeina Tuffix - mit freundlicher Genehmigung von ihrer Webseite http://tuffix.net/portfolio/stop-bild-sexism/#.XPpb3ZwzaUk

(c) Sufeina Tuffix – mit freundlicher Genehmigung von ihrer Webseite http://tuffix.net/portfolio/stop-bild-sexism/#.XPpb3ZwzaUk by Sufeina Tuffix Alle Rechte vorbehalten

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

„UN- Sicherheitsrat: Deutsche Helferin macht ihrem Ärger Luft“- so lautete die Überschrift eines Artikels der Tageschau. Dabei ging es in dem Artikel darum, dass die stellvertretende UN- Nothilfekoordinatorin Ursula Müller im UN- Sicherheitsrat gefordert hatte, Zivilist*innen in Idlib angesichts des zunehmenden Beschusses besser zu schützen.

Stattdessen wird die Nothilfekoordinatorin auf den anonymen Begriff „Helferin“ degradiert und aus einer politischen Forderung wird mal eben ein emotionaler Ausbruch gemacht. Getreu dem Klischee: Die emotionsgesteuerte Frau, die ihren Überzeugungen nicht anders Ausdruck verleihen kann als unkontrolliert vor Wut zu explodieren. Dagegen kommen sachliche Argumentationen und politische Forderungen natürlich nicht an. Ein Mann in dieser Position wäre in der Überschrift gewiss nicht herabgestuft und anonym zitiert worden – außerdem ist anzunehmen, dass es geheißen hätte: „prangert Vernachlässigung des Schutzes von Zivilist*innen an“ oder „verurteilt den fehlenden Schutz von Zivilist*innen“ – etwas Rationales.
Der Ton der Überschrift durchzieht den ganzen Text – das Motiv der gefühlsduseligen „Frau, die Nothilfe organisiert, aber vor lauter Not nicht mehr helfen kann“ – so wörtlich im Text –  und sich in letzter Instanz an den Sicherheitsrat wendet – wenn auch „nicht mehr bittend, sondern anklagend“ (ebenfalls ein Zitat). Natürlich auch hier nicht auf verbaler Ebene, sondern mittels vorwurfsvoller Blick, die sie jedem „der 15 UN- Botschafter“ zuwirft.

Der Artikel der Tagesschau ist symptomatisch für ein tiefer liegendes Problem: Sobald Frauen die politische Bühne betreten, werden sie auf traditionelle Rollenbilder reduziert- ganz besonders im Zusammenhang mit dem Syrienkrieg: Immer wieder stehen Emotionen im Vordergrund und ihnen werden automatisch Charaktereigenschaften wie Fürsorglichkeit (hier wären wir wieder bei der deutschen Helferin) zugeschrieben. Es scheint unmöglich sie schlicht als politische Akteur*innen zu begreifen. Angela Merkel, in der Forbes-Liste 2018 als „mächtigste Frau der Welt“ gewürdigt, wird in Deutschland stets mit Diminutiven versehen: Von Helmut Kohls Bezeichnung als „Mädchen“ bis hin zur „Mutti“, über deren „Mutterrolle“ die ZEIT während der Flüchtlingskrise schrieb, dass aus der „strengen ‚Mutti‘ [später] ‚Mama Merkel‘“ geworden sei. Ist es so schwierig, die Politik der Bundeskanzlerin zu kritisieren, ohne ihr aufgrund ihres Geschlechts ein besonderes Maß an Fürsorglichkeit unterstellen zu müssen? Für die meisten Medien offenbar schon: So konzentriert sich der Focus in einem Artikel über Asma al-Assad lediglich auf ihre Position als „Frau an der Seite des syrischen Machthabers Assad“ und auf andere besonders irrelevante Aspekte wie ihre „modische Kurzhaarfrisur“ anstatt auf ihre Verantwortung im syrischen Bürgerkrieg einzugehen bzw. ihr Verhalten zu kritisieren. Generell scheint ihr Aussehen für viele Medien von deutlich größerer Relevanz zu sein als alles andere, denn auch die WELT sieht sie zuallererst als „Schönheit, die neben dem Schlächter schläft.“ Wenn man sie dafür kritisieren möchte, dass sie Bashar al-Assad bei der massiven Menschenrechtsverletzung in Syrien unterstützt, dann muss man ihr schon etwas mehr als nur die Rolle des schlafenden Dornröschens zutrauen. Besonders tiefschürfend analysierte übrigens der Cicero die Rolle Asma al- Assads, indem er uns über das „Seelenleben der schönen Asma al-Assad“ aufklärte und dabei  „die schönen Rehaugen,“ welche nun nicht mehr „wahrmherzig“ sondern „abgrundtief böse“ aussähen, als zentrale Hinweise für eine grundsätzliche Persönlichkeitsveränderung während des Syrienkrieges deutete.

Doch auch Frauen in anderen Rollen werden durch die Wahl bestimmter Formulierungen oft abgewertet. Am deutlichsten wird dies bei der oft von Sensationslust geprägten Berichterstattungen über Frauen und den sogenannten „Islamischen Staat“. Geht es um diejenigen, die sich ihm angeschlossen haben, wird kaum thematisiert, dass sie eine eigene Motivation gehabt haben könnten – jenseits der Familie. So lautet im April die Titelüberschrift im Spiegel „Syrien: Geheime Rückholaktion für deutsche IS- Braut.“ In dem Artikel ging es um eine IS-Anhängerin aus Essen, die gemeinsam mit ihrer Familie in einer Geheimaktion nach Deutschland zurückgeholt wurde, nachdem sie sich in einem Lager in Syrien aufgehalten hatte. In dem Text wird sie entweder als „Braut“ oder als „Mutter“ bezeichnet und so immer nur in Bezug zu ihrem Ehemann bzw. ihren Kindern gesetzt. Diese Darstellung schreibt der Anhängerin eine sehr passive Rolle zu und ignoriert dabei völlig die Tatsache, dass sie sich auch aktiv dafür entschieden haben könnte, sich dem IS anzuschließen. Natürlich ist es leichter, es so dazustellen, als sei die Anhängerin als Braut ihres Ehemanns quasi dazu gezwungen worden, aber diese Darstellungsweise ist auch ebenso gefährlich. Denn wie soll Extremismus und Terror vorgebeugt werden, wenn ihre Hintergründe nicht tiefschürfend analysiert werden?

Auf ähnlich unreflektierte Weise verwenden Medien oft unhinterfragt den Begriff „Sexsklavin“. Der Focus beispielsweise berichtet 2014 im Zusammenhang damit, dass im Irak Jesidinnen verschleppt wurden, das ISIS-Propagandamagazin „Daqip“ habe erklärt, dass die „Versklavung von Jesiden“ rechtens sei. Leider distanzierte sich der Focus jedoch nicht von der Wortwahl dieses Magazins, sondern betitelte den Artikel selber mit „Jesidische Frauen in Sex- Hölle: Um nicht vergewaltigt zu werden: IS- Sklavinnen strangulieren sich gegenseitig.“ Ebenso unsensibel ist, dass dieser Artikel – wie viele andere auch – das Verbrechen der Vergewaltigung als „Sex“ bezeichnet. 2016 versuchte BILD, das frauenverachtende Ausmaß auf die plakative Headline „ISIS verkauft Sklavinnen über Whatsapp“ runterzubrechen, und auch die FAZ betitelt ein Video, in dem die Jesidin Jinan über ihre traumatischen Erlebnisse berichtet, mit „IS- Sexsklavin berichtet über die Gefangenschaft. “ Diese Wortwahl ist angesichts des Mutes, den Jinan aufgebracht hat, um in einem Buch über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt zu berichten und sich gegen ihre Vergewaltiger zu stellen, völlig unangemessen.
Natürlich lassen sich die Kontexte, aus denen die Artikel stammen nur sehr schwer miteinander vergleichen. Die Artikel selber haben jedoch alle gemeinsam, dass sie Frauen eine eigenständige Rolle absprechen: Diejenigen in Führungspositionen werden durch die Wortwahl oft herablassend verkleinert und auf Äußerlichkeiten und Emotionalität reduziert. Und diejenigen in andere Rollen werden ein zweites Mal zum Opfer gemacht, indem die Berichterstattung die Wortwahl der Täter übernimmt.


Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung  in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.