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Ramadan für nicht-Faster in Marokko

Ein Gastbeitrag von Lena Richter

„Bald ist Ramadan- Füllt die Vorräte auf!“ (c) im Netz gefunden von Lena Richter Public Domain

Für die meisten Marokkaner/innen ist der Ramadan eine sehr schöne Zeit: Das gemeinsame Fastenbrechen mit der Familie, Almosen geben, die besondere Atmosphäre während der langen Ramadan-Nächte, das Gefühl von Gemeinschaft, sowie mehr Zeit zum Nachdenken, für Spiritualität und Bescheidenheit. Besonders in Marokko ist das Fasten unglaublich wichtig. Für viele sogar wichtiger als andere Säulen des Islams, wie das Beten. So wichtig, dass der Alltag während des Ramadans auf dem Kopf steht: der Arbeitstag wird von 8h auf 6h verkürzt und selbst die Zeit wird um eine Stunde zurückgestellt. Und so wichtig, dass es oft Unverständnis aufruft wenn jemand nicht fastet. Dass jedoch nicht ganz Marokko fastet, wird zum Beispiel kurz vor Beginn der Fastenzeit klar, wenn (Alkohol)vorräte noch schnell aufgefüllt werden bevor die Spirituosengeschäfte während des Fastenmonats schließen.

Die Motive fürs nicht-fasten können sehr unterschiedlich sein. Manche Marokkaner/innen können krankheitsbedingt nicht fasten, andere gehören einer anderen Religion an und wiederum andere sind nicht-praktizierend oder nicht-gläubig. Für sie bedeutet der Ramadan nicht in der Öffentlichkeit essen zu können und sich oft rechtfertigen zu müssen warum man nicht fastet. Die Devise „iss doch einfach zu Hause“ ist oft einfacher gesagt als getan, besonders wenn man bei seiner Familie lebt, die fastet. Einige gehen darum während der Fastenzeit ins Ausland oder in Städte, wo es etwas weniger streng zugeht, wie etwa in Essaouira. Andere entwickeln kreative Strategien, um doch zu essen. Zum Beispiel, einen der legitimen Gründe um nicht zu fasten (krank sein, seine Tage haben, auf Reisen sein, etc.) als „Ausrede“ zu benutzen. Auch Wechselkleidung dabeihaben, die nicht verrät, dass man geraucht hat oder in einem Cafe war, ist eine Möglichkeit. Auf dem Arbeitsplatz bleibt jedoch manchmal nur das heimliche Essen im WC. Das Verstecken und Notlügen ist auf die Dauer sehr belastend, aber für viele der Preis den sie zu zahlen bereit sind, um den Haussegen nicht zu gefährden oder Probleme zu vermeiden.

Die neue Kampagne von MALI : Sticker-Aktion auf Stoppschildern (c) Lena RichterCreative Commons License logo

Andere möchten nicht still bleiben und fordern durch Aktivismus mehr Rechte für nicht-Faster. Es ist zum Beispiel 10 Jahre her, dass die Marokkanische MALI Bewegung zu einem öffentlichen Picknick während des Ramadans aufgerufen hat. Hiermit wurde eine jährlich wiederkehrende Debatte ausgelöst. Laut MALI sollte das Thema nicht nur während der Fastenzeit eine Rolle spielen. Deswegen haben sie sich dieses Jahr dazu entschlossen nicht während, sondern nach dem Ramadan ihre neuen Kampagne „StopArticle222“ zu starten. Mit einer Sticker-Aktion kritisieren sie die Gesetzeslage, die Essen in der Öffentlichkeit während des Fastenmonats für Marokkaner/innen untersagt. Ironischerweise ist besagter Artikel ein Abschiedsgeschenk aus der französischen Kolonialzeit, doch gerade Ausländer/innen sind von dem Gesetz nicht betroffen. Viele nicht-praktizierende Muslime kritisieren diese Doppelmoral.  Für Ausländer/innen ist es während des Ramadan zum Beispiel möglich im Diplomatenshop Alkohol zu kaufen oder auf der Terrasse eines italienischen Restaurants Wein zu trinken, während Marokkaner/innen im besten Fall ein „to go“ Paket von McDonalds bekommen.

Beispiel eines memes, welches auf Facebook viel geteilt wurde (c) im Netz gefunden von Lena Richter Public Domain

Wegen des Tabus rund um das Thema findet der Großteil des Aktivismus und der Debatte online statt. Zum Beispiel in Facebook-Gruppen wie „A cool Ramadan“, ein Wortspiel, das sich auf das arabische Wort „akul“ für „essen“ bezieht. Hier werden memes und Essens-Selfies gepostet, aber auch Ratschläge und Erfahrungen ausgetauscht. Im kleinen Umfang findet hier auch ein Austausch mit religiösen Führern statt. Während die meisten muslimischen Gelehrten die geltenden Gesetze, die das Essen im öffentlichen Raum verbieten, verteidigen, gibt es auch einige Islamgelehrte, die darauf aufmerksam machen, dass im Koran deutlich steht „es gibt keinen Zwang in Religion“.

 

 

In der tunesischen Facebook-Gruppe „Fater“ ist diese interaktive Karte von geöffneten Cafes entstanden Public Domain

Ein Blick nach Tunesien verrät, die muslimische Identität eines Landes und die Toleranz gegenüber religiösen und nicht religiösen Minderheiten müssen nicht gegenstreitig sein. Doch auch in Tunesien, wo fasten nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, bleibt Essen während des Ramadans, besonders im Inneren des Landes (siehe Karte), ein gesellschaftliches Tabu. Deswegen werden zum Beispiel Zeitungen vor Cafés gehangen, um die nicht-Faster vor Blicken zu schützen. Aus diesem Grund sind letztes Jahr viele Tunesier/innen unter dem Motto „#mouchbessif“ (kein Zwang) auf die Straße gegangen. Unter Ihnen auch praktizierende Muslime, die das Recht ihrer Mitbürger/innen auf Religionsfreiheit, verankert in der neuen Verfassung, unterstützen (siehe Fotos).

 

 

 

Die Demonstration #mouchbessif / Dieser Herr, ausgestattet mit der tunesischen Flagge und der Verfassung, fastet, aber findet es wichtig, dass jede/r dies frei entscheiden kann (c) Lena Richter

 

Dass es wichtig ist, dass Gläubige und nicht-Gläubige sich gegenseitig in ihrem Recht auf Religionsfreiheit, einschließlich der Freiheit nicht zu glauben, unterstützen, zeigt auch die andere Seite der Medaille: In vielen europäischen Ländern werden Menschen die fasten manchmal schief angeschaut. In China ist der Ramadan in der Provinz Xinjiang für die muslimische uigurische Minderheit sogar verboten, da der Ramadan dort als eine „extremistische Praxis“ angesehen wird, die gegen die kommunistische Ideologie verstößt. Demjenigen, der fastet, droht deshalb eine Geldstrafe. Deswegen fordern viele beides: Mehr Verständnis für diejenigen die fasten und diejenigen die nicht fasten.


 

  Lena Richter ist Doktorandin an der Radboud Universität in Nimwegen und war sechs Monate als Praktikantin bei der Heinrich-Böll Stiftung in Rabat tätig. Seit drei Jahren forscht sie über Atheismus in Marokko, Tunesien und der marokkanischen Diaspora.

Die Magie des Al Boraq

Er hat seinen Namen redlich verdient, denn er hat etwas Magisches an sich. Der neue TGV-Schnellzug, der seit November 2018 die beiden marokkanischen Küstenstädte Casablanca und Tanger verbindet. Für die gut 350 km braucht er nur noch 2:10 Stunden anstatt 4:45, in denen der alte Zug die Strecke bewältigte.

Vor kurzem bin ich zum ersten Mal mit dem Al Boraq gefahren – so heißt der TGV, benannt nach dem magischen Reittier mit dem Prophet Mohamed seinerzeit in Windeseile von Mekka nach Jerusalem geflogen ist. Und wie fliegen fühlt es sich auch ein bisschen an, wenn der Zug mit über 300 km/h durch die grünen Felder der marokkanischen Küstenebene rast. Nicht dass der deutsche ICE das nicht auch könnte (wenn er sich zufällig auf einer entsprechend ausgebauten Zugtrasse befindet), es ist vielmehr der marokkanische Kontext, der den Unterschied macht – die Kontraste von schnell und langsam sind hier viel stärker. Die Magie des Boraq entsteht gerade durch die Ungleichzeitigkeit von Geschwindigkeit und Entwicklung. Das ist mir bei meiner Fahrt nach Tanger noch einmal sehr klar geworden. Auf den Feldern entlang der Schienen spannen die Bauern noch Pferde vor den Pflug, um ihre Äcker zu bestellen, und bringen ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse mit Eselskarren zum Markt. Während dessen nutzen Geschäftsleute den Al Boraq, um schnell für ein Meeting nach Casablanca zu fahren und vielleicht dabei einen Cappuccino im Bord-Bistro zu trinken.

Auch die Pünktlichkeit des neuen TGV ist phänomenal. Am Unterwegsbahnhof Kenitra mit seiner neu gebauten Bahnhofshalle, die selbst den Flughafen von Rabat alt aussehen lässt, fuhr der Zug während meiner Reise sogar zwei Minuten zu früh ab. Sehr gewöhnungsbedürftig für die marokkanischen Fahrgäste, die bestens mit chronischen Verspätungen vertraut sind. Denn in Sachen Pünktlichkeit kann die marokkanische Eisenbahngesellschaft ONCF es bei den regulären Zügen problemlos mit der deutschen Bahn aufnehmen. Dies ist auch einer der zentralen Kritikpunkte am neuen TGV. Anstatt in den Ausbau des bestehenden Schienennetzes und die Verbesserung der Angebote zu investieren, leistet sich der Staat ein teures Prestigeprojekt – so die Kritiker, die sich auf Facebook und Twitter tummeln.

Der Parlamentsabgeordnete Omar Balafrej kritisiert das TGV-Projekt schon seit Jahren. Anstatt super schnell nach Tanger fahren zu können, setzt er sich dafür ein, weitere Städte jenseits der Ballungszentren an der Küste ans Schienennetz anzuschließen, um ihnen bessere Entwicklungsperspektiven zu geben. Plakativ stellte er deshalb der Regierung mehrmals die Frage, wann denn der Zug in Errachidia ankomme. Bis heute hat die Provinzhauptstadt im Südosten des Landes keine Eisenbahnanbindung und Omar Balafrej keine Antwort auf seine Frage.

Ich fand die Fahrt mit dem Al Boraq trotzdem beeindruckend, auch weil sie mir wieder gezeigt hat, wie relativ Geschwindigkeit ist. Und ich bin pünktlich in Tanger angekommen.

Stilkritik: Kunstpalmen

In Deutschland gibt es fast keine Palmen, deshalb kaufen sich Leute Kunstpalmen. Allein bei real findet man über 60 verschiedene Palmen aus Plastik, Textil und Kunstholz, angefangen bei der günstigen Variante für 18,99 bis hin zum Edel-Modell für 607,50 Euro. Leute kaufen sich das, weil sie es schön finden. Und natürlich, weil Palmen der Inbegriff von Exotik sind. Die Artefakte sehen echten Palmen offenbar so ähnlich, dass die Hersteller teilweise in der Beschreibung darauf hinweisen, dass die Pflanze keine Pflege benötige.

In Marokko gibt es hingegen viele Palmen, und trotzdem begegnen mir täglich Kunstpalmen. Die sind aber viel größer als bei real und eher nicht für den Privathaushalt bestimmt. Sie sind auf großen Masten abgebracht und zieren das Straßenbild in Rabat, Marrakesch und Agadir. Die Städte haben sie aufgestellt, weil sie etwas Hässliches verdecken: Mobilfunkantennen. Ob es hier um rein optische Beweggründe oder die Prävention einer antizipierten Debatte über Mobilfunkstrahlung geht, vermag ich nicht zu beurteilen. Feststeht, dass die Mobilfunkmasten fast gar nicht auffallen und, ja, teilweise sogar schön aussehen. Der Handyempfang ist übrigens auch ausgezeichnet.

Fußball-Fieber

In Marokko dreht sich seit Wochen alles um die Fußball-Weltmeisterschaft. Nicht die in Russland 2018, nein, sondern die in Marokko 2026. Das ist zumindest die große Hoffnung der Marokkanerinnen und Marokkaner. Noch ist es allerdings nicht so weit. Die FIFA wird erst am 13. Juni darüber entscheiden, ob die WM 2026 tatsächlich in Marokko ausgetragen oder von dem Trio USA, Mexiko und Kanada ausgerichtet werden wird.

Von außen betrachtet erscheint dies ein sehr ungleicher Zweikampf zu sein. Dem Außenseiter Marokko werden aber durchaus Chancen eingeräumt. Die WM-Kandidatur beherrscht die Schlagzeilen der marokkanischen Medien – seit Monaten. Die Euphorie im Land ist riesig, jetzt, zu kurz vor der finalen Entscheidung des FIFA-Kongress.

Minutiös analysiert die Presse die taktischen Manöver der Kontrahenten und das voraussichtliche Wahlverhalten der afrikanischen und europäischen Länder. Auf einer interaktiven Weltkarte werden die Präferenzen der einzelnen Mitgliedsländer laufend aktualisiert. Sogar Marokkos Erzfeind Algerien hat angekündigt für den Nachbarn zu stimmen, angesichts der Alternative Trump. Letzterer hat sich mit seinem Tweet zur WM-Vergabe den geballten Unmut der Marokkanerinnen und Marokkaner zugezogen. In gewohnter Trump-Manier drohte er, allen Ländern, die die WM-Kandidatur der USA nicht unterstützten, die Hilfsgelder zu streichen. Damit zielte er natürlich auf die afrikanischen Unterstützer Marokkos ab. Und tatsächlich, wenige Tage später erklärte Südafrika entgegen seiner zuvor verkündeten uneingeschränkten Unterstützung der marokkanischen Kandidatur, nun doch für die USA, Mexiko und Kanada stimmen zu wollen.

Die Aussicht auf eine WM im eigenen Land bewegt die Menschen in Marokko. Das spürt man. Die Resonanz auf Facebook und Twitter ist enorm. Gemeinsam wird die erhoffte Entscheidung für Marokko geradezu herbeibeschworen. Hunderte Unterstützer – ganz normaler Bürgerinnen und Bürger, aber auch Prominente wie Zlatan Ibrahimović und Lionel Messi – haben sich der Online-Kampagne #MAYMKENCH angeschlossen und ein kurzes Video hochgeladen, um der marokkanischen Kandidatur zusätzlichen Atem einzuhauchen. Bekannte Pop-Musiker haben gemeinsam eine Hymne auf die marokkanische Nation komponiert, in der sie die die Qualitäten ihres Heimatlandes besingen. Das 16 minütige Video zeigt ein Meer aus marokkanischen Fahnen, Autobahnen, Windräder, Wüste und natürlich den König. Das war vielen dann doch zu dick aufgetragen. Der folkloristische Patriotismus des Videos wurde in den Medien zerrissen, der Produzent für seinen „Clip der Schande“ scharf kritisiert.

YouTube Preview Image

Das Hoffen auf die WM geht aber weiter. Und ja, es gibt viele gute Gründe, die für Marokko sprechen. WM-Botschafter Lothar Matthäus erläutert diese besonders prägnant: „Die Leute in Marokko lieben den Fußball, sie atmen den Fußball, sie leben Fußball. Und deswegen muss die Weltmeisterschaft in Marokko stattfinden.“ Aus seiner Erfahrung des Länderspiels zwischen Deutschland und Marokko von 1986 bescheinigt Lothar Matthäus den Marokkanern zudem, dass bei ihnen auch in der Niederlage eine hohe Qualität stecke. Marokko braucht die Entscheidung der FIFA am 13. Juni also nicht zu fürchten.

Warum Milch, Wasser und Benzin in Marokko boykottiert werden

Milch und Wasser einkaufen ist in Marokko dieser Tage gar nicht so einfach. Denn, es ist zu einem Politikum geworden. Seit Ende April werden die beiden marktführenden Produkte, Wasser von Sidi Ali und Milch von Centrale, boykottiert. Dasselbe gilt für den Sprit der marokkanischen Tankstellen-Kette Afriquia.

Angefangen hat alles mit ein paar Facebook-Posts, die dazu aufriefen, die genannten drei Marken einen Monat lang zu boykottieren, um die Produzenten zu zwingen, die Preise für Wasser, Milch und Benzin zu senken. Der Aufruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer – ohne prominente Initiatoren, ohne Unterstützung von politischen Parteien und anderen Organisationen. Im ganzen Land ist der Boykott mittlerweile Thema. Zeitungen und Zeitschriften bringen Titelgeschichten. Die sozialen Medien quellen über. Und Politiker und Konzerne reagieren unbeholfen bis patzig.

Bei dem Boykott geht es aber längst nicht nur um hohe Preise. Mit der Kampagne ist ein heterogenes Bündel von enttäuschten Erwartungen, latenter Unzufriedenheit und handfestem Frust verknüpft. Jeder in Marokko kennt Sidi Ali, Centrale und Afriquia. Dasselbe gilt für die Personen und Familien, denen die Unternehmen gehören. Auf sie und auf das System, für das sie stehen, richtet sich die Wut vieler Marokkanerinnen und Marokkaner. Denn ihre schier unermessliche politische und wirtschaftliche Macht spottet den alltäglichen Sorgen, unter denen die Menschen leiden: Steigenden Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und Korruption.

Sinnbild hierfür ist der Besitzer der Afriquia Tankstellen, Aziz Akhannouch. Er ist nicht nur amtierender Landwirtschaftsminister und Vorsitzender der Regierungspartei RNI, sondern auch der reichste Mann Marokkos. Der Boykott hat ihn aber offenbar überrascht – zumindest lassen seine unglücklichen Reaktionen dies vermuten. Zuerst tat er den Boykott als rein virtuelle Kampagne ab, die keinerlei Bedeutung habe. Kurz darauf appellierte er an die Boykotteure, doch woanders spielen zu gehen. Ähnlich ungeschickt äußerte sich ein Direktor des Centrale-Konzerns, der mittlerweile zum Multi Danone gehört. Wer die Centrale-Milch boykottiere, sei ein Vaterlandsverräter, da er die heimische Wirtschaft schwäche. Gleichzeitig brachte Centrale erstaunlich schnell eine neue Verpackungs-Edition für seine Milch auf den Markt, die dem marokkanischen Kulturerbe gewidmet ist. Für die sozialen Medien war das natürlich ein gefundenes Fressen, bestätigten die Aussagen doch nur, was viele ohnehin schon denken: Die da oben scheren sich nicht um uns und unsere Sorgen und Nöte.

Doch neben dem Verdruss über soziale Ungleichheit, hohe Preise und Monopol-ähnliche Wirtschaftsstrukturen, schwingt auch viel Euphorie und Hoffnung in der Boykott-Kampagne mit. Insbesondere junge Leute sehen in ihr eine neue, vielversprechende Aktionsform. Unter ihnen viele, die sich 2011 für die Bewegung 20. Februar engagiert haben, mittlerweile aber von der stagnierenden politischen Transformation enttäuscht sind. In dem Boykott sehen sie eine Möglichkeit, neuen Reformdruck aufzubauen, ohne eine Verhaftung zu riskieren. Noch. Denn letzte Woche hat die Regierung angekündigt, dass sie Boykottaufrufe, denen falsche Informationen zugrunde liegen, zukünftig strafrechtlich verfolgen werde.

Die realen Effekte des Boykotts lassen sich jenseits der Flut an Facebook-Posts nur schwer abschätzen, da bislang weder die betroffenen Unternehmen noch die Supermärkte Zahlen über verkaufte Wasserflaschen, Milchtüten und Tankfüllungen veröffentlicht haben. Messbar sind aber die Kurseinbrüche der Aktien von Afriquia und Centrale-Danone an der Börse in Casablanca.

Wie es weitergeht? Das ist ungewiss. Es dürfte schwer werden, die Kampagne ohne zentrale Koordination und klare Forderungen über einen längeren Zeitraum durchzuhalten. Zumal diese Woche in Marokko der Ramadan beginnt. Gleichzeitig hat der Boykott aber schon jetzt ein Ausmaß angenommen, das Befürworter und Gegner überrascht hat. Die erstaunliche Dynamik, die der Boykottaufruf entwickelt hat, zeigt, wie sehr es unterhalb der Oberfläche gärt. Die Boykott-Kampagne hat der latenten Unzufriedenheit im Land ein Ventil gegeben.