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Regenbogenflaggen über Beirut – Beirut Pride Week

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Ein Beitrag von Bastian Neuhauser

„So… Happy Beirut Pride, I guess!“, schreit die Moderatorin ins Publikum. Menschen johlen, klatschen, schnippen mit den Fingern, und man hat das Gefühl, sie wissen selbst nicht ganz, was gerade passiert. Unter bunten Glühbirnen drängen sich mittlerweile mehr Menschen als Stühle, man sitzt auf dem Boden, auf Paletten und Schößen. Es ist eine Nacht des Geschichtenerzählens, und obwohl sich hunderte von Menschen um die winzige Bühne mit dem verloren wirkenden Mikrofon drängen, hat man sofort das Gefühl, dass es ein besonderer Augenblick ist. Lesbische, schwule, bi, trans, inter und queere Menschen nehmen Raum ein – Raum, der ihnen sonst nicht zugestanden wird. In keinem Moment vergisst man, wie wenig selbstverständlich das ist, in einem Umfeld, das sonst fast immer nur prekär ist für Personen deren Identität jederzeit als unnatürlich, gefährlich, strafbar gelten kann. Was entsteht, ist fast so etwas wie Intimität. Die Moderatorin wirft einen langen Blick in die Runde und fasst dieses Gefühl in Worte, erklärt dass dies ein Ort ist, an dem man offen sein darf, seltsam sein darf, verwundbar sein darf, und bittet alle dies zu respektieren. Menschen kommen auf die Bühne und erzählen ihre Geschichten. Eine Lesbe erzählt von ihrem Coming Out und ihrer ersten Liebe, ein schwuler Aktivist von den Tagen, als Sicherheitskräfte seine Wohnung durchsuchten und er für drei Tage verhaftet wurde, ein Sänger von den Traumata seiner Jugend und seiner Gegenwart. Jeder Pointe, jeder Pause folgt frenetischer Jubel, der gebrochen von den Brandwänden der umliegenden Hochhäuser zurückschallt. Man feiert das eigene Dasein, das eigene Überleben und die Tatsache, der Gesellschaft diesen Ort und diese Momente abgerungen zu haben, nur eine Handvoll Stunden, nachdem die libanesische Politik den Auftakt der Pride bereits in die Knie zwang. Man schätzt diese Tatsache, niemand unterbricht sich, niemand steht auf, als hätte man Angst, diese Seifenblase zum Platzen zu bringen. Die Bühne öffnet sich für alle, manche erzählen ernst ihre Lebensgeschichten, andere alberne Witze. Langsam löst sich der Abend auf. Als ich aufstehe, schreit grell eine Polizeisirene durch die Nacht. Mein Nachbar dreht sich um: „Ach, jetzt kommen sie also doch noch um die Veranstaltung zu räumen. Ein bisschen spät, jetzt hatten wir schon unseren Spaß.“ Noch mit einem Grinsen im Gesicht tritt er auf die Straße.

II.

Das Epizentrum der elektronischen Tanzszene Beiruts liegt auf dem 4. Stock eines alten Hafengebäudes, am Ende eines langen, stets mit Rauch gefüllten und von vier Scheinwerfern zerschnittenen Ganges. An diesem Abend wird die schlicht monochrome Dramatik dieser Installation von den Farben des Regenbogens abgelöst. Werden sonst hier nur die kulturell und finanziell privilegierten eingelassen, verteilt nun ein Türsteher mechanisch Stempel an das hereinströmende – und trotzdem gewohnt homogene – Publikum. Es soll ein feministischer Vortrag stattfinden, dazu Musik. Ersteres ist schnell erledigt. Eine Gruppe von Frauen liest einen überraschend knappen Text, gerichtet an den spärlich gefüllten Saal. Niemand scheint zuzuhören, man weiß an den richtigen Stellen zu klatschen, ansonsten warten Menschen ungeduldig auf die Rückkehr der Musik. Zum Ende des Vortrags beginnt sich der Saal zu füllen, Bewegung kommt in die nun beachtliche Menge als verkündet wird, es gäbe eine halbe glückliche Stunde lang kostenlose Getränke an der mit etwas verängstigt dreinblickendem Personal besetzten Bar. „Finally, we can have some fun“, stöhnt eine Freundin in mein Ohr und ist im nächsten Moment mit drei Gläsern bewaffnet zurück. Die Bässe trommeln nun gnadenlos los. Es beginnt – in bester libanesischer Manier – ein Abend mit Alkohol, Tanzen, Küsschen links, Küsschen rechts, kenn´ ich dich nicht von irgendwoher? In einem ersten Impuls bin ich überrascht von der Abwesenheit von inhaltsschweren Vorträgen, emotionalen Reden, großen Gesten. Und dann vom Überdruss meiner Bekannten. „Warum muss alles immer politisch sein?“, wird mir von einer angetrunkenen Freundin mit zusammengerafften Augenbrauen entgegengeworfen, „Haben wir kein Recht, einfach zu existieren, über normale Dinge zu reden, die nichts mit Religion oder Krieg zu tun haben? Dürfen das nur Leute aus dem Westen?“ Ich nippe an meinem Gin Tonic. Die zerknittert am DJ-Pult hängende Regenbogenflagge bewegt sich sanft über der zunehmend ekstatisch bunten Menge. Und mir wird klar, was es auch heißen kann, politisch zu sein:  Spaß zu haben, zu tanzen, einfach zu existieren.

III.

In einem weiten Bogen fliegen die langen plastikroten Locken von links nach rechts und klatschen nahezu hörbar gegen den Vollbart der Drag Queen. Zwischen den Tischen der Glücklichen deren Reservierung sie zu einem Abend überteuerter panasiatischer Küche und bester Sicht auf das Geschehen ermöglicht, schreit sich Evita stumm die Seele zu Missy Elliots Reverse It aus dem Leib. Im Hintergrund diejenigen, die auf Bänken stehend Blicke erhaschen, noch dahinter auf der anderen Seite der Fenster, die lange Schlange derjenigen, die gar keinen Platz gefunden haben. Das Lied endet, ein langer Schluck aus einem Glas das sowohl mit Gin als auch mit Wasser gefüllt sein könnte, ein tiefer Atemzug. Evita füllt die Stille mit ihren Geschichten, immer laut, derb, aber nie will sie ihre Intelligenz ganz verbergen. Es sind Geschichten aus queeren Alltagen: über die Grenzen allgemein akzeptabler Körperbehaarung, über hetero Männer, die Sex mit anderen Männern auf schwulen Dating Apps suchen, über die mannigfaltigen Wege, enkellose Großeltern auf Familienfeiern ein weiteres Jahr zu vertrösten. Die Themen kommen mir vertraut vor, es sind dieselben in Barcelona und Berlin. Ich pfeife, wenn Evita alle maskulinen Männer bittet den Saal zu verlassen, um Platz für die „good gays“ zu machen und wenn sie immer wieder betont, dass lesbische Frauen doch eigentlich die besseren Menschen auf dieser Welt sind, ohne sie wohl niemand hier wäre, am wenigsten sie selbst. Mittlerweile rollen die Schweißperlen dick von der gepuderten Stirn. Doch noch mit verschmiertem Lippenstift kämpft sie unerbittlich plaudernd gegen die Dinge, die die Community, hier und überall, bewegen. Nebensätze über Hass, Gewalt, Scham, über die Frage, wie man sich in Polizeikontrollen verhält, und was es bedeutet, nicht mehr seiner Familie zu sprechen, weil sie nicht erträgt, wer man ist. Am Ende versteht sie, diesen letzten Abend der Pride nicht in dunklen Tönen zu beenden. Die Regenbogenflaggen, die am Tag davor in den Straßen Mar Mikhaels hingen, die Euphorie, die sich während dieser Woche in der Beiruter Szene breit machte, und der vage aber elektrisierende Vorgeschmack auf einen anderen Libanon sind noch zu präsent. In den letzten Atemzügen ihres zweistündigen Monologs stellt sie selbst etwas überwältigt fest: „Oh my god, look around! I feel like I am in Paris!“. Die Bar bricht in Jubel aus.


Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser ist seit April 2017 Projektassistent im Büro der Heinrich Böll Stiftung in Beirut. Davor studierte er Politikwissenschaften und Soziologie unter anderem in Berlin.

Israels Sommerhit 2013 – Jüdisch, arabisch, schwul

Foto: Arisa

Foto: CD Cover – Omer Adam „Tel Aviv“

Die jüdischen Einwander/innen aus arabischen Ländern, Iran und Nordafrika – Mizrahim – haben einen langen Weg an die Spitze der israelischen Gesellschaft hinter sich. Und sie sind noch nicht ganz am Ziel. In Führungspositionen in Politik und Wirtschaft sind sie weiterhin unterrepräsentiert. Die gesellschaftliche Elite ist noch eher europäisch – aschkenasisch – geprägt, obgleich Juden aus dem Mittleren Osten mittlerweile einen leichten Vorsprung in der Gesamtbevölkerung haben.

Im kulturellen und kulinarischen Alltag ist Israel längst ein Schmelztiegel. Das tunesische Shakshuka ist zum geliebten, klassischen Frühstück der Israelis geworden. Um Humus gibt es den berühmten Streit, ob er nun libanesisch oder israelisch ist. Die iranisch-stämmige Sängerin Rita gehört seit Jahrzehnten zu den Größten im Land. Ihr letztes Album – ihr erstes mit persischen Liedern -, wurde hier zum Riesenerfolg (und zu heiß gehandelter Untergrundware im Iran).

Das Genre von Mizrahi-Popmusik hat erst in den letzten zwanzig Jahren seinen Durchbruch auf Israels Radiowellen erlebt. Zuvor galt diese, von arabischen Klängen geprägte, Musik als eher primitiv. Sänger/innen wie Sarit Hadad oder Eyal Golan gehören heute zu den erfolgreichsten Stars des Landes. Eyal Golan hat mittlerweile die zweite Staffel seiner Version von „Israel sucht den Superstar“ für junge Mizrahi Talente erfolgreich zu Ende gebracht. Das Finale von „Eyal Golan is Calling You“ wurde erstmals im führenden Sender Channel 2 ausgestrahlt. – Eine neue Hürde von Mizrahi-Kultur im israelischen Fernsehen erfolgreich genommen.

Seit gut einem Jahr erobert Mizrahi-Pop auch die Tel Aviver Schwulenszene. Die monatliche Arisa-Party gehört zu den erfolgreichsten Parties der Stadt. Zahlreiche Pop-Größen lassen es sich nicht nehmen, dort aufzutreten. Die Stimmung ist groß. Die kreativen Werbe-Videos mit Model Eliad Cohen und Tänzer Uriel Yekutiel sind Kult (hier, hier und hier) – mittlerweile auch in der internationalen Gay Community.

In diesem Sommer setzt die Schwulenszene nun dazu an, die Welt der Mizrahim zu erobern. Und sie haben niemand Geringeren gefunden als den Mizrahi-Superstar Omer Adam. Ursprünglich als Werbevideo für den Tel Aviver Gay Pride gedacht, entwickelt sich der Song „Tel Aviv“ zum ersten Sommerhit des Jahres. Er läuft auf allen Kanälen rauf und runter. Es vergeht derzeit kein Tag, an dem einem „Tel Aviv, Ya Habibi, Tel Aviv“ nicht mindestens drei Mal aus einem Café, Laden oder Auto irgendwo im Land entgegen schallt.

Und das zugehörige Video dürfte nicht die Standardware auf heimischen Bildschirmen sein:

YouTube Preview Image

Innerhalb eines Monats hat der Youtube-Clip rund 500.000 Zuschauer/innen gefunden. Und der Sommer geht gerade erst los.

Der Pioneer des Schwulseins in der israelischen Popkultur ist zweifelsohne der Liedermacher Ivri Lider. Auch er gehört zur obersten Pop-Riege Israels. Mit seinem Coming-Out und seinen Liebesliedern hat er viel für Sichtbarkeit und Toleranz für Lesben und Schwule erreicht. Das interessante an Omer Adam ist: er ist gar nicht schwul. Und womöglich hat er auch gar nicht vor, zum Botschafter von Lesben- und Schwulenrechten zu werden. Doch dass er mit diesem Song und Video „Queerness“ auf leichte, mit Geschlechterrollen spielende und humorvolle Weise über Tel Aviv hinaus ins ganze Land und in den Schmelztiegel trägt, ist nicht zu unterschätzen.

Auf jeden Fall ist ihm gelungen den ersten Sommerhit des Jahres zu kreieren, und Tel Aviv eine Hymne zu geben.

Zum internationalen Tag gegen Homophobie & Transphobie

Jerusalem Pride in mitten der Sozialproteste im Sommer 2011. Foto: Marc Berthold

Jerusalem Pride in mitten der Sozialproteste im Sommer 2011. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Israel gilt als das fortschrittlichste Land für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intersexuelle (LGBTI) im Nahen Osten; Tel Aviv als das Berlin der Levante. Eine Vielzahl von Lesben- und Schwulenorganisationen arbeiten innerhalb der Szene, machen Aufklärung in Schulen, arbeiten mit Eltern und engagieren sich im Gesundheitsbereich. In Jerusalem arbeitet das Open House mit Ultra-Orthodoxen. In Tel Aviv unterhält die Stadtverwaltung das Lesben- und Schwulenzentrum und organisiert den Gay Pride. CSDs gibt es darüber hinaus von Haifa im Norden bis nach Eilat im Süden. Es gibt einen offen schwulen Knesset-Abgeordneten, der nun sogar Bürgermeister in Tel Aviv werden will. Ausländische Lebenspartner/innen von israelischen Lesben und Schwulen erhalten eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Heiraten dürfen sie nicht, da es in Israel keine Zivilehe gibt. Auch Heterosexuelle können nur religiös heiraten. Allerdings werden im Ausland geschlossene Ehen für alle anerkannt.

Auch palästinensische LGBTIs haben sich in den letzten Jahren organisiert. Al Qaws tritt für sexuelle Rechte und Selbstbestimmung in Israel und Palästina ein. Sie haben Gruppen in Jerusalem, Jaffa, Haifa und Ramallah, bieten eine Telefon-Hotline an, und arbeiten mit Künstlern sowie Menschenrechtsorganisationen zusammen, um in der eigenen Gesellschaft für Akzeptanz zu werben. Ein Mal im Monat veranstaltet Al Qaws eine Party in Jaffa, an der hunderte palästinensische Lesben, Schwule und Trans* aus dem ganz Land zusammen kommen. In Haifa gibt es zudem die Lesben-Organisation Aswat.

Doch längst ist nicht alles rosa im Staate Israel. Lediglich Tel Aviv kann als wirklich offen und tolerant bezeichnet werden. In den meisten anderen Städten und auf dem Land ist die Situation für LGBTIs deutlich schwieriger. Je religiöser desto härter der Alltag. Israel’s Rechte für Lesben und Schwule wurden durch die Gerichte erkämpft. Auf dem parlamentarischen Weg gibt es bislang keine Chance. Nicht mal die Zivilehe für Heterosexuelle ist absehbar.

Anhörung zu LGBTI-Rechten in der Knesset, Mai 2012.

Anhörung zu LGBTI-Rechten in der Knesset, Mai 2012. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Und der israelisch-palästinensische Konflikt macht auch vor dieser Szene natürlich keinen Halt. Die israelische Regierung hat Tel Aviv’s Offenheit als Image-Politur erkannt, um sich von der arabischen Welt abzusetzen. Weltweit führt sie Werbekampagnen durch, beteiligt sich an Gay Prides und unterstützt israelische Schwulen-Parties. Viele LGBTI-Organisationen nutzen die Gelegenheit, um vor allem in den USA Spendengelder zu sammeln. Vor allem von palästinensischer Seite hagelt es Kritik. Die Regierung und die NGOs betrieben „Pink Washing“, um von der Besatzung abzulenken. Einige Politiker/innen befürworteten LGBTI-Rechte, während sie andere Menschenrechte ignorierten oder gar verletzten, so der Aktivist Aeyal Gross.

Die beiden palästinensischen NGOs setzen weniger dezidiert auf LGBTI-Rechte als auf generelle, sexuelle Rechte und Selbstbestimmung. Im Kontext des andauernden Konflikts und von Diskriminierung der arabischen Bevölkerung Israels setzen sie sich gleichzeitig für allgemeine Bürger- und Menschenrechte für Palästinenser/innen und für ein Ende der Besatzung ein. Bislang sehen sie sich als Teil der internationalen BDS- und Anti-Normalisierungskampagnen.

Zaghaft scheint auf beiden Seiten der LGBTI-Szenen jedoch etwas in Bewegung zu geraten. Seit dem Höhepunkt der „Pink Washing“-Debatte im vergangenen Jahr, als ein internationaler LGBTI-Jugendgipfel verhindert werden sollte, diskutieren einige lesbischen und schwule Aktivist/innen, wie diese Polarisierung überkommen werden, und wie eine Zusammenarbeit mit palästinensischen Gruppen auf Augenhöhe stattfinden kann. Die Lesben-Gruppe Aswat spricht in einem offenen Brief von Interesse an Dialog und Kooperation, fordert jedoch die Anerkennung ihrer palästinensischen Identität ein.

Bedauerlich ist es da, dass die amerikanische Botschaft zu einem Empfang anlässlich des internationalen Tages gegen Homophobie und Transphobie, laut Aswat, eine palästinensische Rednerin abgelehnt haben soll und, so die Gruppe, bei Projekten für arabische LGBTIs in Israel nicht mit palästinensischen Gruppen zusammenarbeitet. Auch das Israel-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung ist in der Vergangenheit zwischen die Fronten dieser Polarisierung geraten. Auch wir konnten Projekte mit palästinensischen Gruppen nicht, wie gewünscht, durchführen, da wir uns nicht der Strategien von BDS und Anti-Normalisierung verschreiben wollten. Dennoch erkennen wir die Komplexität und Ungleichheit der Situation an und sehen den Bedarf, insbesondere mit arabisch-israelischen LGBTIs zu kooperieren.

Internationale Einrichtungen, seien es Botschaften oder Stiftungen, sollten als Foren für Dialog und Annäherung zur Verfügung stehen. Wir sollten keine Türen blockieren, die sich langsam öffnen.