65 Jahre „Nakba“

Am 15. Mai wurde in Palästina – und in der palästinensischen Diaspora – der „Nakba“, der Vertreibung von 700.000 Palästinenserinnen und Palästinensern aus palästinensischen Dörfern auf dem Gebiet des heutigen Staatsgebietes Israels gedacht. Seit Tagen wiesen in der Westbank entsprechende Plakate und Fahnen auf den kommenden 65. Jahrestag hin. In Ramallah wurde der Tag nakba2mit politischen Reden und einem Gedenk-Volksfest begangen. In der gesamten Westbank und in Ost-Jerusalem kam es außerdem wieder zu vielen Zusammenstößen von Demonstrierenden mit der israelischen Armee, da die israelische Armee die Kundgebungen nicht erlaubt und damit auch ihre eigenen Grundsätze verletzt. Nicht nur in der Westbank und in Jerusalem, auch in Israel wird das Gedenken an die Nakba mit Macht seit vielen Jahren unterdrückt; was trotz aller Bemühungen immer weniger gelingt, wie manche Beobachter in Israel meinen. Mutige jüdisch-israelische nakba1Organisationen setzen sich dafür ein, dass die Geschichte der systematischen Vertreibungen und Zerstörungen im Krieg von 1948 nicht verdrängt, sondern aktiv erinnert wird. Unser Blog berichtete schon über das Dorf Iqrit im Norden Israels, zu dessen Überresten nun israelische Palästinenser zurückgekehrt sind. Der offizielle, vom israelischen Staat geförderte und legitimierte Narrativ sieht dafür keinen Platz, was sich auch in den Schulbüchern widerspiegelt. Interessanterweise räumt das Thema aber scheinbar nach den Kontroversen und Attacken auf die palästinensischen Schulbücher auch in den Curricula der palästinensischen Autorität nur noch wenig Platz ein. Die Tabuisierung der Vergangenheit in Israel nach dem Motto „es kann nicht sein was nicht sein darf“ ist Gift für die demokratische Kultur des Landes und natürlich vor allem für die Palästinenser mit israelischem Pass, die immerhin 20% der Bevölkerung stellen. Ihre Vergangenheit, ihre Geschichte findet kaum Platz, während die Palästinenser in der Westbank und Gaza oder in der Diaspora mit ihren staatlich verordneten, starr ritualisierten Gedenk- und Erinnerungsformen auch kaum Räume für eine echte Auseinandersetzung bieten. Dabei ist die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Jahr 1948 und der Flüchtlingsfrage gerade jetzt, da ein politischer Kompromiss fast unmöglich scheint, wichtiger denn je. Eine wie auch immer geartete „friedliche Lösung“ oder ein bloßes Zusammenleben auf dem Gebiet des historischen Palästinas – in zwei oder in einem Staat – wird überhaupt nur möglich sein, wenn Geschichte nicht nicht mit Macht verdrängt oder nur noch als Legitimation des eigenen Narrativs missbraucht wird.

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