Vom Aufleben der Vorurteile

Eine nette Familie aus Syrien führt den kleinen Laden, bei dem ich immer einkaufe. Nur politisch sind wir nicht auf einer Wellenlänge. Während der Fernseher über dem Kühlschrank üblicherweise entweder arabische Historienschinken zeigt, wurden anlässlich des Rückeroberung der syrischen Stadt Qusayr durch das syrische Regime und die Hisbollah den ganzen Tag die Jubelfeiern des syrischen Staatsfernsehens im Laden zelebriert. Das sorgte auch unter Kunden in diesem tendentiell revolutionskritischen Stadtteil für Kontroversen. „Wir sind hier im Libanon. Mach den syrischen Quatsch aus, da werden wir doch nach Strich und Faden belogen.“ Einer anderer Einkäufer schüttelte den Kopf. „Für Libanon ist die einzige Möglichkeit, sich aus allem rauszuhalten. Was will die Hisbollah da? Wie können die sich dort engagieren und Libanon schutzlos zurücklassen?“IMG_0223

Heute verfolgen Kaffee trinkende Kunden eine Seifenoper über den Fernseher. Passend dazu versstopft eine frische Lieferung Waschpulver die Gänge, so dass meine Sohn in der Sportkarre kaum reinpassen würde. Bilal, der Ladeninhaber, zuvorkommend wie immer, schickt einen seiner Angestellten vor die Tür, damit er ein Auge auf meinen Sohn hat. Er zieht mich vertraulich zur Seite: „Seit 15 Jahren lebe ich hier, in diesem Viertel ist alles in Ordnung. Aber du weißt, wie die Libanesen sind. In Syrien brauchst du dir keine Sorgen zu machen, aber hier? Die Libanesen klauen Kinder. Lass deinen Sohn bloß nicht aus den Augen.“

„Ich komme später wieder,“ sage ich, und mache mich auf den Weg. Eine Passantin – als Frau mit Kopftuch in diesem Viertel unschwer als  Syrerin zu erkennen – schiebt ihre kleine Tochter in Richtung meines Sohns: „Gib ihm einen Kuss, masahallah, was für ein schönes Kind!“ Der libanesische Ladeninhaber des Geschäftes vor dem wir stehen, reißt von innen die Tür auf. „Schnell, kommt rein,“ sagt er mit einem misstrauischen Blick auf die Frau. „Hier sind über eine Million syrischer Flüchtlinge unterwegs, ohne Arbeit, ohne Geld. Pass bloß auf deinen Sohn auf. Die Syrer klauen Kinder.“

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