Ich bin kein Kronleuchter? Ein Logo und seine Geschichte

anamachitria

Bei marokkanischen Usern der sozialen Medien kursiert aktuell ein Logo, auf dem ein durchgestrichener Kronleuchter zu sehen ist und unter dem steht „anamachitria“ (auf deutsch: „Ich bin kein Kronleuchter“). Was hat es damit auf sich?

Die marokkanische Vereinigung „Papier pour tous“ (Papiere für alle) hatte im März eine drei monatige Sensibilisierungskampagne  gegen Rassismus und Diskriminierung lanciert, die den Titel trägt:  „Anamasmitichazzi“ (auf deutsch  übersetzt etwa: „ich heiße nicht Nigger“).

Marokko erlebt seit letztem Sommer einen radikalen Politikwechsel was seine Einwanderungspolitik betrifft. Erklärte sich das Land bisher als Transitland, und ignorierte weitgehend die Anliegen der bis zu 40 000 nicht formal registrierten Flüchtlinge und Migranten, so erkennt Marokko seit einer königlichen Rede im September 2013 die Realität an und bemüht sich, dieser gerecht zu werden: angekündigt wurde eine rasche Registrierung der bisher informell im Land sich aufhaltenden Menschen. Ebenso wurden 3 Gesetzesinitiativen angekündigt: ein Gesetz gegen Menschenhandel, ein Gesetz für legale Registrierung bisher nicht registrierter sich in Marokko aufhaltender Menschen und ein Asylgesetz. Seit Januar 2014 können unregistriert in Marokko lebende Personen nun einen Antrag auf Registrierung abgeben.

Bis Anfang Juni hatten 15500 Menschen dies getan, allerdings wurden nur 1150 davon mit einer einjährigen Aufenthaltsgenehmigung beantwortet. Das heißt, 92, 6% der Anträge wurden abgelehnt. Was mit diesen Menschen jetzt passiert, ebenso wie mit denjenigen, deren Aufenthaltsgenehmigung nach 1 Jahr abläuft, ist nicht bekannt. Der marokkanische Staat unternimmt parallel Anstrengungen zur Inklusion der registrierten Flüchtlinge: sie sollen Zugang zum Arbeitsmarkt und zu sozialer Sicherung erhalten sowie ihre Kinder Zugang zu Schulbildung.

Die Kampagne gegen Rassismus und Diskriminierung möchte – parallel zu diesem offiziellen Politikwechsel – für die Inklusion subsaharischer Flüchtlinge in der marokkanischen Gesellschaft sensibilisieren. Bisher sind die in Marokko auf ihrem Weg ins Eldorado Europa gestrandeten Flüchtlinge weder in den Arbeitsmarkt integriert noch haben sie Zugang zum Gesundheits- und Bildungswesen. Es gibt viele Familien, in denen schon in 2. Generation Menschen offiziell nicht existierend in Marokko in ärmlichsten Behausungen oder in Wäldern leben. Die Haltung in der marokkanischen Gesellschaft ist wenig integrierend und wertschätzend.

In Anlehnung an den Titel dieser Kampagne und ihr Logo haben nun user der sozialen Medien ein neues Logo kreiert, um auf die jüngsten Äußerungen des Premierminister Benkirane zu reagieren:  am 17. Juni rief dieser im Parlament Marokkos Frauen dazu auf, zu ihrer natürlichen Rolle zurückzufinden. „Frauen seien wie Kronleuchter“ so der Regierungschef. Seit sie zur Arbeit gingen sei das marokkanische Haus dunkel! Arbeitende Frauen hätten nicht die Zeit für die Erziehung ihrer Kinder und Familie. Benkirane hat damit offen die Entwicklung der marokkanischen Gesellschaft bedauert und das „europäische Modell“ verurteilt.

Ungefähr 200 Menschen, vor allem Frauen, protestierten daraufhin am 24. Juni in Rabat gegen diese Äußerungen. Kräfte der Zivilgesellschaft – unter anderen die Coalition civile pour l’application de l’article 19 de la Constitution – hatten zu einem Protestmarsch vor dem Parlament in Rabat aufgerufen und verurteilten die Äußerungen des Regierungschefs. Diese stünden im Gegensatz zu Artikel 19 der Verfassung, welcher zu Gleichheit der Geschlechter verpflichtet und für Männer und Frauen die gleichen Rechte und Freiheiten einfordert – politisch, ökonomisch, sozial, kulturell. Wie viele Artikel der reformierten Verfassung von 2011 ist jedoch auch der Artikel 19 bis heute nicht praktisch umgesetzt.

Die sozialen Medien bleiben aktiv – heute erschien die frankophone Version der marrokkanischen Kronleuchter:

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