Quaratine Diaries

Ein Beitrag von Fabian Heppe

Prolog: Das Abenteuer Tunesien endete für mich, bevor es wirklich angefangen hatte. Zweieinhalb Wochen nach meinem Jobbeginn in Tunis musste ich wegen der Corona-Krise wieder das Land verlassen. Nun nach knapp zwei Monaten im Home-Office in Berlin, starte ich meinen zweiten Anlauf und kehre nach Tunis mit einem Repatrierungsflug zurück. Was mich erwartet: Zwei Wochen staatlich verordnete Quarantäne in einem Hotelzimmer.

Tag 0 – Abflug

Der Frankfurter Flughafen ist wie ausgestorben. Außer dem Tunisair-Flug sind alle Schalter geschlossen, jede Sitzgelegenheit versperrt und die Souvenir- und Dutyfree-Geschäfte haben ihre Eisengitter heruntergefahren. Die Stimmung unter den Reisenden ist sehr gelöst, denn für viele geht es kurz vor dem wichtigsten muslimischen Feiertag Eid al-Adha zurück nach Hause. Alle stehen artig mit ihrem schweren Gepäck, Masken im Gesicht und unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes in der Schlange für den Check-in. Bevor einem die Bordkarte ausgehändigt wird, unterschreibt jede/r Passagagier*in eine Erklärung, sich in ein Hotelzimmer für eine zweiwöchige Quarantäne zu begeben. Sollte man die Quarantäne-Bestimmungen nicht einhalten, drohen einem eine saftige Geldstrafe und ein Gefängnisaufenthalt. Ich unterschreibe schwungvoll und schaue mit gemischten Gefühlen auf die vor mir liegenden Tage.

Im Flieger werden wir von einer Airline-Crew in voller Corona-Schutz-Montur (also mit Masken, Schutzkleidung, Handschuhen und sogar Schutzbrillen) fröhlich begrüßt. Der Flieger ist gut gefüllt. Ich erkundige mich bei meinem tunesischen Sitznachbarn, was ihn zurück nach Tunis treibt. Er arbeitet als Ingenieur für einen deutschen Autozulieferer. Seit dem Ausbruch der Corona-Krise ist er in Kurzarbeit und will nun seine Familie besuchen. „Ich habe ja nun Zeit“, sagt er mir schmunzelnd.

Angekommen in Tunis wird bei jeder Passagierin und jedem Passagier die Temperatur per Lasergerät gemessen, bevor wir uns in Busse begeben, die uns in das Quarantäne-Hotel fahren. Mit Polizeikorso und Blaulicht geht es nach Sousse, zwei Stunden südlich von Tunis. Ich staune, welche großen Anstrengungen ein kleines Land wie Tunesien unternimmt, um die Ausbreitung des Virus zu unterbinden. Für ein so hochverschuldetes Land ist es keine Selbstverständlichkeit, dass es seine Staatsbürger*innen zurückholt und ihnen die vollen Unterkunfts- und Verpflegungskosten bezahlt. Auch die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen reichen viel weiter, als wir sie aus Deutschland kennen und erinnern mich teilweise an Katastrophenfilme. Im Hotel wird unser Gepäck von Mitarbeit*innen des Gesundheitsministerium, die alle Schutzkleidung tragen, mit einem Sprüher desinfiziert. Da ich per Backpack reise und vergesse mein Gepäck abzustellen, werde ich freundlicherweise direkt mitdesinfiziert und kann mir die Dusche vor dem Schlafengehen sparen. An der Rezeption wird uns allen der Pass für die Zeit der Quarantäne abgenommen, damit wir nicht auf die Idee kommen das Hotel zu verlassen. Etwas verdutzt schaut der Herr vom Gesundheitsministerium auf meinen deutschen Pass und fragt, ob ich denn wüsste was mir bevorsteht. „Oui, je pense“, antworte ich. „Gut, dann sehen wir uns in zwei Wochen wieder. Inschallah“, entgegnet er. 

Tag 1 – Die kleinen Herausforderungen des Quarantäne-Alltags

Das Zimmer hat alles was man so zum Überleben braucht. Ein Bad mit Dusche, Schreibtisch und Bett, ja sogar einen Balkon mit Meerblick. Den ersten Tag nutze ich, um mich in meinem neuen Reich einzurichten. Die Yoga-Matte kommt für den täglichen Sonnengruß auf den Balkon, die Schokolade für den Heißhunger in den Kühlschrank und der Laptop auf den Schreibtisch. So weit, so gut. Doch schnell merke ich, dass sich in der Quarantäne andere Alltagsprobleme stellen als im normalen Leben. Wir dürfen die Hotelzimmer nicht verlassen und ein Signalton geht an, sobald wir die Tür öffnen. Der Kontakt mit der Außenwelt ist auf das Telefon und den flüchtigen, etwas schüchternen Austausch mit dem Personal des Gesundheitsministerium beschränkt, die dreimal täglich an unsere Zimmertür klopfen, um uns Essen zu liefern oder einfach sich zu versichern, dass wir noch leben. Das erste Problem ist, dass die Internetverbindung des Hotels nicht ausreichend stabil ist, um an den endlosen Webinaren und Internet-Konferenzen teilzunehmen, die zu dem neuen Corona-Arbeitsalltag gehören. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, dass dies vielleicht gar nicht so schlimm ist. Das zweite Problem stellt sich mir, als ich meine Simkarte wechseln muss, um mir einen Hotspot über das Handy für eine alternative Internetverbindung aufzubauen. Vergeblich versuche ich dem Gesundheitsministerium über das Hoteltelefon auf Französisch zu erklären, welche Art von Werkzeug ich brauche, um meinen Simkartenzugang am Handy zu öffnen. Verzweifelt gebe ich auf. Zwei Stunden später kann ich mein Glück kaum fassen: Ich finde in meinen Unterlagen eine Büroklammer mit der sich der Wechsel einfach vollziehen lässt. Das dritte Problem: Ich stelle fest, dass ich mittags aufgrund des Ramadans kein Essen geliefert bekomme. Ich werde also Zwangsfasten müssen. Abends bin ich so ausgehungert, dass sich die vegetarischen Essgewohnheiten bei fast ausschließlich Fleischgerichten kaum aufrechterhalten lassen.


Tag 3 – Fastenbrechen

Heute kam Mohamed, Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums und zuständig für die Überwachung und Verpflegung unseres Hotelflurs zu mir. Er erkundigte sich, ob ich mittags etwas zu essen bekommen hätte. „Nein, ich dachte es wäre Ramadan und deswegen werde ich nicht beliefert“, antwortete ich ihm. Etwas verlegen lächelt er mich an und sagt mir, dass nur die Gläubigen auf ihr Mittagessen verzichten würden und man mich wohl versehentlich bei der Essensauslieferung in den letzten drei Tagen vergessen hätte. Erleichtert sage ich ihm, dass sowas vorkommen kann und ich genug Proviant dabei habe, um über die Runden zu kommen. In dem Fall würde ich dann aber doch gerne wieder das Mittagessen in Anspruch nehmen.

Tag 4 –Tunesien – Urlaubsland mit beeindruckenden Farben und verstörenden Anschlägen

Seit gestern ist Wochenende und ich verspüre große Lust meine Umgebung zu erkunden. Ich nehme mir also einen Stuhl, setze mich auf den Balkon und lasse meinen Blick mehrere Stunden lang über die Welt vor mir schweifen. In 700 Metern Entfernung liegt das Meer und davor der Strand von Sousse. Dieser Strand erlangte 2015 traurige internationale Berühmtheit als ein Attentat auf Touristen in einem Hotel verübt wurde und 39 Menschen ums Leben kamen. Daraufhin brach der Tourismus in Tunesien dramatisch ein, da dies bereits der zweite Anschlag innerhalb kurzer Zeit war. Erst 2019 kam der Tourismus in Tunesien so richtig wieder auf die Füße und 2020 sollte endlich wieder ein goldenes Jahr für die Branche werden. Dann kam die Corona-Krise, und seitdem werden die Hotels nur noch mit einigen Rückkehrern, wie mir, zur Zwangsquarantäne gefüllt. So langsam nähert sich der Tag seinem Ende und ich richte nun den Blick auf das weite Meer und kann einige Fischerboote erspähen. Der Himmel färbt sich blutorange und steht in einem wunderbar angenehmen Kontrast zu dem dunkelblauen Meereswellen. Ich erahne, woher die Maler Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet damals 1914 während ihrer Tunisreise ihre Inspiration für neue Farben und Licht schöpften.

Sonnenuntergang an Tag 4
Tag 7 – Der Tag der Entscheidung

Heute ist es soweit! Das Personal des Gesundheitsministeriums führt bei allen Hotelgästen einen Corona-Test durch. Auf unserem Flur herrscht Angespanntheit. Einige Hotelgäste, mich eingeschlossen, laufen aufgeregt den Hotelflur von ihrem Zimmer zum Personal hoch- und runter, in der Annahme, dass sie nun mit dem Test an der Reihe seien. Nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen bin ich endlich dran und lege meinen Kopf in den Nacken. Ich fühle mich so privilegiert wie ein Spieler der Bundesliga, während das gut-geschulte Personal meine Nase malträtiert. Es ist erstaunlich, wie tief so ein Stäbchen in die Nase vordringen kann und kein sonderlich angenehmes Gefühl. Sollte der Test positiv ausfallen, werde ich an einen anderen Ort verlegt und muss wohl noch länger in Quarantäne verweilen. Ich hoffe, ich bin negativ. Inschallah…

Tag 8 – Gedanken zu Corona und Umweltverschmutzung

Während meiner Zeit in Quarantäne wird mir plastisch vor Augen geführt, dass die Corona-Krise wie ein Konjunkturprogramm für die Plastikindustrie wirkt. Es stapeln sich inzwischen Plastikberge bei mir im Zimmer und auf dem Balkon. Aus Angst vor einer Kontamination werden nur noch einwegverwendbare Plastikbehälter, -besteck, -tüten und –flaschen benutzt. Daneben sammelt sich auch noch der sonst übliche Plastikmüll an, der sich aus den täglichen Yoghurttrinkflaschen, Chipstüten oder Plastikprodukten für die tägliche Toilette zusammensetzen. Bereits ganz zu Beginn der Corona-Krise gab es in Tunesien erste Anzeichen dafür, dass Plastik noch präsenter im Alltag der Tunesier*innen sein wird, als er es ohnehin schon ist. Die Politik verordnete zum Beispiel, dass alle Kaffee-Häuser in Tunesien nur noch Getränke in Plastikbechern auszuschenken haben, um das Risiko einer Ansteckung zu verringern. Ich mache mir Sorgen, dass sich die Plastikindustrie das Hygiene-Argument so sehr zu eigen macht, dass die wenigen Erfolge im Kampf gegen die Verschmutzung zu Nichte gemacht werden. Bereits hier in meinen Vier-Wänden weiß ich schon nicht mehr, wohin mit dem Müll und bin froh, wenn ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes gelegentlich vorbeikommt und das Zeug für mich entsorgt. Nicht auszumalen, wie es dann wohl global aussieht.

Tag 9 – Durchhalten

Ich spüre, dass es hart wird in der Isolation und an die Psyche geht. Es fällt mir schwer mich zu motivieren und die tägliche Routine beizubehalten. Die Tage gleichen sich so sehr, dass es mich mental erschöpft und ich mich freue abends früh ins Bett gehen zu können, um den Tag hinter mich zu bringen. Auch diese ständige Grübelei tut mir nicht gut. Zu viel Nachdenken ist auch keine Lösung und ich ertappe mich dabei, wie ich gedanklich einem Freund oder einer Freundin vorwerfe sich nicht regelmäßiger bei mir zu melden. Sie wissen doch, dass ich alleine bin!

Neben diesen düsteren Gedanken, gab es heute eine sehr gute Nachricht. Mohamed verkündete mir mit breiten Grinsen, dass alle Hotelgäste Covid-19 negativ sind und ich wollte ihm vor Freude fast, um den Hals fallen, doch er bat den Sicherheitsabstand weiter einzuhalten.

Tag 10 – Es bewegt sich was

Das tunesische Gesundheitsministerium hat heute verkündet, dass in Zukunft alle Rückkehrer*innen nicht mehr zwei Wochen, sondern im Falle eines negativen Corona-Tests, sich nur noch eine Woche in staatlich-verordneter Quarantäne aufhalten müssen. Im Hotel läuft seitdem der Flurfunk heiß, ob diese Ankündigung sich auch auf unsere Situation auswirken könnte. Ich stelle mich innerlich jedoch darauf ein, die Quarantäne zu Ende zu machen und will mir keine falschen Hoffnungen machen. Wunderbar, behagliche Stimmungsmusik ist inzwischen mein Lebenselixier geworden und trägt mich durch den Tag. Zu elektronischen Naturklängen von Pantha du Prince drifte ich ab in ferne Techno-Sphären. Ich stelle mir vor durch einen Wald zu laufen, wenn ich die Augen schließe.

Tag 11 – Die unverhoffte Freiheit

Rückfahrt nach Tunis an Tag 11Am Ende ging alles ganz schnell. Noch gestern Abend wurde uns mitgeteilt, dass wir nun doch früher aus der Quarantäne entlassen werden. Die Tunesier*innen können somit doch noch Eid mit ihren Familien verbringen. Allerdings ist wegen der Corona-Krise und den Feiertagen das Reisen zwischen den Gouvernoraten weitgehend zum Erliegen gekommen und es gibt für mich keine Möglichkeit mit öffentlichen Transportmitteln nach Tunis zu kommen. Mohamed bietet mir an, eine private Autofahrt mit einem Freund von ihm zu organisieren. Bereitwillig nehme ich das Angebot an und packe noch schnell meine Sachen. Unten in der Rezeption werden die Hotelgäste von den Mitarbeiter*innen des Gesundheitsamtes mit herzlichen Umarmungen und Küsschen verabschiedet. Sie sind  für viele von uns inzwischen zu Freund*innen geworden und haben manchmal auch die Rolle einer Art Seelenklempner*innen eingenommen. Da ist es mehr als verständlich, dass für einen kurzen Moment dann doch über die strengen Hygienevorschriften hinweggesehen wird. Von uns geht schließlich keine Gefahr mehr aus. Unter Glückwünschen erhalte ich nun auch meinen Pass zurück. Glücklich und voller Vorfreude fahre ich, zusammengequetscht zwischen Gepäckstücken, in einem kleinen Auto nach Tunis. Die Straßen sind wie leergefegt, der Ausblick auf die vorbeiziehenden Landschaften wunderschön.

Epilog: Zusammenfassend kann ich festhalten, dass die Quarantäne eine spannende Selbsterfahrung war, die ich aber nicht nochmal machen würde. Es ist beachtlich wie gut Tunesien, die Ausbreitung des Virus in den Griff bekommen und in der Krise politische Handlungsfähigkeit bewiesen hat. Das Abenteuer Tunesien kann nun für mich beginnen, wenn es nicht längst angefangen hat.

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