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Wenn auf einmal alles anders ist – Sieben Monate nach der Explosion

Ein Beitrag von Anna Fleischer

Der Schlüssel gleitet ins Schloss, ich drehe ihn herum und betrete das Büro. Davon abgesehen, dass im Treppenhaus kein Licht ist und der Fahrstuhl nicht funktioniert, weil es keinen Strom gibt, könnte das ein normaler Tag sein. Es ist aber kein normaler Tag. Es ist mein erster Tag im Büro nach der Explosion im Hafen am 4. August 2020, einer der größten nichtnuklearen Explosionen in der Geschichte. Riesige Mengen von Ammoniumnitrat explodierten nach einem Feuer und zerstörten weite Teile der Stadt. Laut libanesischen Regierungsangaben starben mindestens 190 Menschen und mehr als 6.500 wurden verletzt.

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Der Knoten im Magen löst sich etwas, als ich meine Kolleginnen sehe. Ich kann ihr Lächeln nur erahnen, da wir alle Masken tragen. Wir reden in hohen lauten Stimmen miteinander: “So schön dich wieder zu sehen! Wow, du hast abgenommen! Vom Stress oder hast du eine Diät gemacht?”. Irgendwie ein bisschen Normalität in der ganzen Unsicherheit. Wir sind seit knapp einem Jahr im Home Office und sehen nur unsere Gesichter auf Zoom.

Ich gehe den Flur hinunter in das Zimmer, in dem ich sonst sitze. Die Fenster sind wieder heil, meine Kollegin erklärt mir, dass der Tischler ein Genie ist, weil er das zersplitterte Holz wiederverwenden konnte, anstatt alles neu oder aus Aluminium zu machen. Der Staub, der durch die Explosion und die darauffolgenden Renovierungsarbeiten entstanden ist, liegt auch nach mehrmaligem Putzen immer noch in der Luft.

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Die Explosion am 4. August kurz nach 18 Uhr hätte für uns als Team schlimm enden können. Alle Seiten des Büros haben große Fensterfronten, die allesamt durch die Druckwelle aus den Angeln gerissen wurden und durch den Raum geschleudert wurden. Wenn einer von uns dort gesessen hätte, wäre es wahrscheinlich tödlich verlaufen. Kurz nach der Explosion stand ich am längsten vor dem Tisch meiner Kollegin, die damals hochschwanger war. Ihr Platz war extrem beschädigt und ich konnte nicht aufhören zu denken: “Gott sei Dank war sie nicht hier.”

Es gab nach der Katastrophe für die Betroffenen keine Hilfe von der libanesischen Regierung, jeder musste selbst schauen, wie er das zerstörte Hab und Gut ersetzen oder reparieren konnte. Wir sind natürlich privilegiert und erhalten Hilfe von außen, aber die allermeisten haben dieses Glück nicht. Denn der Libanon hat nicht nur die Explosion erlebt, sondern befindet sich auch in einer Hyperinflation, die es fast unmöglich macht, Reparaturen zu bezahlen. Ein Beispiel, das dies gut illustriert, ist Glas. Es sind geschätzte 5.000 Tonnen Fensterscheiben bei der Explosion zu Bruch gegangen, die ersetzt werden müssen. Und gleichzeitig gibt es im ganzen Land keine einzige Glasfabrik.

Meine eigene Wohnung in Beirut war ebenfalls schwer betroffen und alle Fenster zerbarsten, ich selbst war zu dem Zeitpunkt im Norden des Landes und blieb unversehrt. Die Fensterrahmen aus Aluminium wurden durch die Druckwelle aus den Angeln gerissen. Ich hatte das Glück, über Netzwerke zu verfügen, die weit weg sind von Beirut und die noch Glas und Aluminium vorrätig hatten. Als ich den jungen Mann für die neuen Fenster bezahlte, fühlte ich mich wie in einem schlechten Mafia-Stück. Ich zählte Schein für Schein mehr als 9 Millionen libanesische Lira ab und gab sie ihm in einem Umschlag, weil das Gummiband nicht herum passte. Das waren 1.500 US Dollar zum Schwarzmarkt-Kurs. Vor der Hyperinflation waren das mal umgerechnet 6.000 US Dollar!

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Diese wirtschaftliche Notlage, die Pandemie, die Explosion und die weiterhin völlig unbeeindruckten politischen Eliten lassen bei den Menschen eine Wut und Trauer aufkommen, die mich oft übermannt. Man sieht jeden Tag, wie Menschen einfach immer weiter in die Verzweiflung getrieben werden. “Kannst du Aspirin aus Deutschland mitbringen? Oder Babynahrung? Ich kann in der Apotheke hier nichts mehr bekommen.” Solche Anfragen sind mittlerweile an der Tagesordnung.

Meine Freunde durchlaufen alle mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten den post-traumatischen Stress. Es ist eine kollektive Erfahrung der Trauer, Wut und Hoffnungslosigkeit, die es schwer macht, füreinander da zu sein, weil jede/r es selbst durchmacht. Trauma ist wie ein Gespenst, das sich über alle alltäglichen Dinge legt und einem im Supermarkt die Kehle zuschnürt oder beim Abwasch die Hände zittern lässt, so dass alles zu Bruch geht. Und so banal es klingen mag, aber Scherben und laute Geräusche sind momentan absolut unerträglich.

Die Nachricht, die mich in diesen Tagen morgens am häufigsten erreicht, ist “Ich konnte schon wieder nicht schlafen. Ich weiß auch nicht wieso.” Aber eigentlich wissen wir natürlich wieso. Wir erleben einen wirtschaftlichen Kollaps, eine Hyperinflation, die Folgen einer Explosion, für die niemand zur Rechenschaft gezogen werden wird und bei der die Regierung vermutlich nicht einmal einen ernsthaften Versuch unternehmen wird, sie aufzuklären, und überfüllte Krankenhäuser, ohne dass wir eine effektive Impfstrategie gegen Corona erkennen können. Wir wissen, wieso wir nicht schlafen können. Aber es muss weitergehen. Irgendwie.


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Anna Fleischer koordiniert das Syrienprogramm der Heinrich Böll Stiftung im Beiruter Büro. Zuvor war sie in einer lokalen Frauenrechtsorganisation vor allem für Kampagnenarbeit zuständig.

 

Dunkle Wolken

Ein Beitrag von Anna Fleischer

“Das erinnert mich an Damaskus 2011”, sagt mein syrischer Bekannter völlig zerknüllt über seinen Drink gelehnt. „Ich wollte kurz zu Hause raus um mich weniger deprimiert zu fühlen. Aber die dunklen Straßen ohne Lichter, das deprimiert mich noch mehr.“ Ich weiß nicht, was ich antworten soll außer „Inshallah – so Gott will –  wird es irgendwann besser…“ Glauben kann ich daran aber nicht.

Wir haben seit Tagen, in manchen Regionen seit Wochen, wenig Strom. Das private Generatorensystem, das im Libanon fester Teil der Stromversorgung ist und in den Stunden übernimmt, in denen die Versorgung über das Stromnetz ausfällt, verfügt nicht mehr über genug Diesel, um die Ausfälle auszugleichen. Diese Generatoren sind Teil eines korrupten Systems reicher Politiker und Geschäftsmänner, die sich an den Bargeldzahlungen bereichern. Der Staat schafft es ohnehin nie 24 Stunden am Tag Strom bereitzustellen. Jetzt sind es mancherorts nur wenige Stunden pro Tag. Man bezahlt also zwei Rechnungen – die des staatlichen Stromversorgers und die der Generatorenmafia. Eben habe ich die Rechnung wieder in bar an der Haustür bezahlt, sie ist um 100% gestiegen.

Demonstrationen haben Menschen allen Alters auf die Strassen gebracht – auch aus Angst alles zu verlieren.

Dieser Tage verdunkelt die Wolke der Angst und Sorgen die Sommersonne über dem Libanon. Die wirtschaftliche Krise betrifft alle, außer vielleicht die Superreichen, aber die sind für mich sowieso nicht wirklich Teil dieses Landes. Sie haben Zweitpässe, oft Wohnsitze und in jedem Fall Konten außerhalb des Libanons.  Die libanesische Währung befindet sich im freien Fall: Normalerweise war die libanesische Lira an den US Dollar gebunden, was hieß 1,500 Lira für einen Dollar. Gestern habe ich gelesen, dass sie nun bei 10,000 Lira für einen Dollar steht.

In der Corona-Krise ist es fast so, als wäre in zwei Monaten geschehen, was sonst zwei Jahre oder länger gedauert hätte. Allen im Land war zwar klar, dass die Wirtschaft zu kollabieren drohte, aber niemand hatte eine globale Pandemie auf dem Schirm, die diesen Kollaps um ein unendliches beschleunigen würde.

Meinen Freundinnen und Freunde, die sonst kämpferisch und trotzig der schwierigen Lage entgegentreten, sind völlig deprimiert und müde. Viele Familien haben Probleme, medizinische Rechnungen zu begleichen, der Vater eines Freundes starb diese Woche. Sein Sohn hatte vergeblich versucht sein mühselig Erspartes von der Bank abzuheben um für die notwendigen Operationen und Medikamente zu zahlen. Die Banken halten die Einlagen normaler LibanesInnen förmlich als Geiseln. Auch leere Kühlschränke sind immer häufiger im Gespräch. Die Rede ist von mehr als drei Viertel der Bevölkerung, die unter der Armutsgrenze leben werden.

Für mich gab es immer zwei Libanons. Das eine war das Land, in dem die syrischen Flüchtlinge leben, ohne Menschenrechte, fast ohne Einkommen und nur mangelhaftem Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung. Das Leid dieser Menschen kenne ich gut aus meiner Arbeit und weil ich hingeschaut habe. Das tun viele in dem anderen Libanon, den ich kannte nicht so gern. Dieses andere Land hat luxuriöse Strandclubs, teure Restaurants und schicke Bars. In diesem Libanon habe ich auch Menschen getroffen, die zwar nicht völlig zufrieden sind, die aber als Mittelschicht komfortabel lebten. In den letzten Tagen habe ich das Gefühl, dass diese zwei Welten aufeinanderprallen: Die libanesische Mittelschicht zerfällt und verarmt vor unseren Augen.

Heute ist Freitag, das Wochenende steht vor der Tür. Ich wollte mich etwas aufheitern beim Gedanken daran. Dann lese ich die Nachricht: Ein Libanese nahm sich das Leben durch einen Schuss in den Kopf in einer der geschäftigsten Einkaufsstraßen der Stadt. Er trug um seinen Hals sein polizeiliches Führungszeugnis, aus dem hervorgeht, dass er nie gegen das Gesetz verstoßen hat. Darunter steht in großen roten Buchstaben: Ich bin kein Ungläubiger. Es schnürt mir die Kehle zu. Diese Zeile erinnert an ein berühmtes Lied des libanesischen Sängers Ziad Rahbani: „Ich bin kein Ketzer. Aber Hunger ist eine Häresie.“


Anna Fleischer koordiniert das Syrienprogramm der Heinrich Böll Stiftung im Beiruter Büro. Zuvor war sie in einer lokalen Frauenrechtsorganisation vor allem für Kampagnenarbeit zuständig.