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Feiern übers Ziel hinaus

Was Kampflärm betrifft, darf man in Beirut auch in Friedenszeiten nicht zart besaitet sein, denn dieser begleitet Feiern aller Art: ob Geburten oder Todesfälle, gute Schulnoten oder Hochzeiten, politische Reden, alles ist ein Anlass für ein Feuerwerk. Wenn man gerade keines zur Hand hat, tun es allerdings auch Waffen, mit denen man in die Luft feuert. Hauptsache, es knallt.

Manch ein Feuerwerk ist größer als der politische Anlass, der eigentlich gefeiert werden soll. Nabih Berri, Vorsitzender des Amal-Bewegung und seit stolzen 21 Jahren Sprecher des Parlaments, wurde 2009 im Amt bestätigt. Es gab keinen Gegenkandidaten, und doch mussten die Parlamentarier den Namen ihres Favoriten auf Zettel schreiben, die alle laut vorgelesen wurden. Einige Abgeordneten machten sich damals lustig und gaben ihre Stimme dem libanesischen Musiker Ziad Rahbani oder dem längst verstorbenen ägyptischen Sänger Farid Atrash. Kaum wurde Berris Amtsbestätgung bekannt gegeben, feuerten begeisterte Berri-Anhänger an Amal-Checkpoints Salutschüsse ab, obwohl dieser Sieg nun offensichtlich keine große Leistung war.

Schaulustige bei der Explosion am "Tag der Armee" am 1. August (c) Andrey Dolmov

Schaulustige bei der Explosion am „Tag der Armee“ am 1. August (c) Andrey Dolmov

Regelmäßig wird vor den Gefahren des Feuerwerks gewarnt. Feuerwerkskörper werden illegal importiert oder selbst gebastelt; sie werden ohne Ansehen der Person oder Alterskontrolle verkauft. Die Inneren Sicherheitskräfte (ISF) fordern Familien daher auf, ihre freudigen Ereignisse auf „zivilisiertere Weise“ zu feiern. Die Gefahren seien jedoch nicht nur technischer Natur: Nicht selten, so die ISF, komme es über ein Feuerwerk zum Streit zwischen Nachbarn, der in bewaffneten Auseinandersetzungen gipfeln könne. Um der gefährlichen Unsitte von Schüssen in die Luft zu begegnen, gibt es jetzt einen Spott-Spot, in dem auch gleich noch das mutmaßlich Männliche des Gebarens der Feierfreudigen durch den Kakao gezogen wird. Zwei Waffennarren erläutern die Choreographie der Schüsse aus ihren Maschinenpistolen zu den jeweiligen Anlässen. Als ein dritter sich anschickt, anlässlich der Geburt eines Mädchens einen Granatwerfer abzufeuern, brüllt einer von ihnen „Nicht die B7! Die ist für die Geburt von Jungen reserviert!“

Auch in mutmaßlich befugten Händen zu offiziellen Anlässen gibt es keine Garantien, dass alles gutgeht. Am 1. August wollte die libanesische Armee es anlässlich des alljährlichen „Army Day“ zur Feier ihres 68jähriges Bestehenmal so richtig krachen lassen. Damit schoss sie ein bisschen über das Zeil hinaus, als versehentlich eine Kiste Feuerwerkskörper in Brand geriet. Die Explosion in Downtown ließ noch die kilometer entfernte Bliss-Street in Hamra erbeben, einige Autos gingen in Flammen auf, und mindestens fünf Menschen wurden schwer verletzt.

Der Fotograf Andrey Dolmov, der zufällig gerade am Ort des Geschehens war, zeichnet kein sehr überzeugendes Bild des Krisenmanagements: „Es war alles so unkoordiniert. Die Feuerwehr wollte zunächst von hier aus löschen, und hat erst dann gemerkt, dass das Feuer ja auf der anderen Seite ist. Bei einem der Löschfahrzeuge ist der Reifen geplatzt, viele Feuerwehrleute standen einfach herum, und nur einer ist herumgelaufen und hat irgendwelche Befehle gebrüllt.“ So vernarrt sind viele Libanesen ins Feuerwerk, dass selbst der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah mit seiner Ablehnung dessen auf verlorenem Posten zu stehen scheint. Obwohl er sich immer wieder dagegen ausspricht, lassen seine Anhänger es sich nicht nehmen, seine Reden mit Feuerwerk zu begrüßen. Wie es eine libanesische Kommentatorin in al-Jadid dieser Tage auf den Punkt brachte: selbst, wenn ein Gesetz verabschiedet würde, das Feuerwerk gesetzlich verbietet, würde dessen Inkrafttreten wahrscheinlich mit einem Feuerwerk gefeiert.