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Je mehr Stempel, desto besser

Ein Beitrag von Bauke Baumann

Stempeln ist Macht. Denn ohne Stempel geht nichts. Dokumente, Kopien und Unterschriften entfalten in Marokko erst mit Stempelprägung einen wirklichen Wert. Dabei gilt die Faustregel: Je mehr Stempel, desto besser.

Diese Lektion habe ich schnell gelernt als ich vor drei Jahren nach Marokko gezogen bin. Für meinen Umzug musste ich damals eine Menge Papierkram im Hafen von Casablanca erledigen. In Erinnerung geblieben ist mir davon vor allem die Suche nach den richtigen Stempeln bzw. den stempelberechtigten Zollbeamten. Hatte ich auf dem weitläufigen Hafengelände endlich die richtige Dienststelle gefunden, war dort leider oft der zuständige Beamte in einer langen Mittagspause oder an jenem Tag gar nicht im Büro – sein Stempel lag währenddessen gut verwahrt in einer abgeschlossenen Schreibtischschublade, zu der die Kollegen keinen Zugang hatten. Umso erleichterter war ich jedes Mal, wenn ich endlich meine Dokumente zücken konnte und der Stempel auf das Papier knallte. Ein wenig fühlte ich mich dabei an mein Stempelheft aus Kindertagen erinnert, das ich bei einer Wanderung im Harz bekam. Für jede Etappe wurde man damals mit einem Stempel belohnt.

Mein persönliches Stempel-Highlight war aber eine Arbeitsbescheinigung, die ich mir selbst ausstellen und stempeln durfte. Das ergab sich folgendermaßen: Eine Dame auf dem Amt wollte meine französische Arbeitsbescheinigung der Böll-Stiftung partout nicht akzeptieren, weil diese nur mit dem deutschen Stempel aus Berlin versehen war. Sie forderte mich auf, eine neue Arbeitsbescheinigung des Büros in Rabat vorzulegen, mit marokkanischem Stempel. Ich erklärte ihr, dass ich in diesem Fall meine eigene Arbeitsbescheinigung unterschreiben müsste, was in meinen Augen wenig Sinn machte. „Dann machen Sie das doch Herr Baumann“, erwiderte sie lapidar, „Hauptsache wir haben einen Stempel mit marokkanischer Adresse.“ Und tatsächlich war sie am nächsten Tag mit meiner eigenhändig unterschriebenen und gestempelten Bescheinigung zufrieden.

Wer die marokkanische Stempel-Obsession verstehen möchte, muss zur Mokataa gehen, einer Art Bürgeramt, das es in fast jedem Stadtteil gibt und das hauptsächlich dafür da ist, Unterschriften und Kopien zu beglaubigen bzw. zu stempeln. Ich gehe regelmäßig dort hin, um Kopien meines Reisepasses und meiner Geburtsurkunde, aber auch Unterschriften auf Verträgen und anderen Schriftstücken amtlich beglaubigen zu lassen. Vor den Schaltern der Mokataa drängeln sich meist viele Menschen, die so wie ich auf die Legalisierung ihrer Papiere warten. Nachdem der erste Beamte meine Unterschrift auf dem Dokument mit meiner Unterschrift im Pass verglichen hat, zückt er seinen Stempel und klebt eine Art kleine Briefmarke auf das Papier, neben die er zusätzlich noch seine Unterschrift setzt. Dann wird der Vorgang in ein großes handschriftlich geführtes Buch eingetragen, in dem ich auch noch mal unterschreiben muss. Anschließend stelle ich mich beim Schalter des zweiten Beamten an, der meine beglaubigte Unterschrift nochmals stempelt und mit seinem Kürzel versieht. Jetzt ist es amtlich, meine Unterschrift ist legalisiert! Erst jetzt entfaltet sie auf den gestempelten Dokumenten Gültigkeit. Ein Miet- oder Arbeitsvertrag, der nur mit „normaler“ Unterschrift gezeichnet ist, gilt in Marokko nicht als rechtskräftig. Entsprechend häufig müssen die Marokkanerinnen und Marokkanern mit ihren Papieren zur Mokataa.

Das soll sich nun aber ändern: Verwaltungsverfahren sollen einfacher und transparenter werden, so sieht es das neue Gesetz 55.19 vor, das am 1. April 2021 in Kraft getreten ist. Zukünftig wird weniger gestempelt in der Mokataa, denn dann braucht es nur noch in Ausnahmefällen legalisierte Kopien und Unterschriften. Der wahrscheinlich meistgenutzte marokkanische Behörden-Stempel wird somit wohl Schritt für Schritt aus dem Alltag der Bürgerinnen und Bürger verschwinden. Gestempeltes Papier wird aber vermutlich weiterhin einen hohen Stellenwert in Marokko genießen, denn das Mantra „nur ein gestempeltes Dokument ist ein gutes Dokument“ ist bei vielen Menschen längst in Fleisch und Blut übergegangen. Das merke ich auch an mir selbst. PDF-Rechnungen aus Deutschland ohne Stempel und Unterschrift wirken auf mich zunehmend suspekt.

Fußball-Fieber

In Marokko dreht sich seit Wochen alles um die Fußball-Weltmeisterschaft. Nicht die in Russland 2018, nein, sondern die in Marokko 2026. Das ist zumindest die große Hoffnung der Marokkanerinnen und Marokkaner. Noch ist es allerdings nicht so weit. Die FIFA wird erst am 13. Juni darüber entscheiden, ob die WM 2026 tatsächlich in Marokko ausgetragen oder von dem Trio USA, Mexiko und Kanada ausgerichtet werden wird.

Von außen betrachtet erscheint dies ein sehr ungleicher Zweikampf zu sein. Dem Außenseiter Marokko werden aber durchaus Chancen eingeräumt. Die WM-Kandidatur beherrscht die Schlagzeilen der marokkanischen Medien – seit Monaten. Die Euphorie im Land ist riesig, jetzt, zu kurz vor der finalen Entscheidung des FIFA-Kongress.

Minutiös analysiert die Presse die taktischen Manöver der Kontrahenten und das voraussichtliche Wahlverhalten der afrikanischen und europäischen Länder. Auf einer interaktiven Weltkarte werden die Präferenzen der einzelnen Mitgliedsländer laufend aktualisiert. Sogar Marokkos Erzfeind Algerien hat angekündigt für den Nachbarn zu stimmen, angesichts der Alternative Trump. Letzterer hat sich mit seinem Tweet zur WM-Vergabe den geballten Unmut der Marokkanerinnen und Marokkaner zugezogen. In gewohnter Trump-Manier drohte er, allen Ländern, die die WM-Kandidatur der USA nicht unterstützten, die Hilfsgelder zu streichen. Damit zielte er natürlich auf die afrikanischen Unterstützer Marokkos ab. Und tatsächlich, wenige Tage später erklärte Südafrika entgegen seiner zuvor verkündeten uneingeschränkten Unterstützung der marokkanischen Kandidatur, nun doch für die USA, Mexiko und Kanada stimmen zu wollen.

Die Aussicht auf eine WM im eigenen Land bewegt die Menschen in Marokko. Das spürt man. Die Resonanz auf Facebook und Twitter ist enorm. Gemeinsam wird die erhoffte Entscheidung für Marokko geradezu herbeibeschworen. Hunderte Unterstützer – ganz normaler Bürgerinnen und Bürger, aber auch Prominente wie Zlatan Ibrahimović und Lionel Messi – haben sich der Online-Kampagne #MAYMKENCH angeschlossen und ein kurzes Video hochgeladen, um der marokkanischen Kandidatur zusätzlichen Atem einzuhauchen. Bekannte Pop-Musiker haben gemeinsam eine Hymne auf die marokkanische Nation komponiert, in der sie die die Qualitäten ihres Heimatlandes besingen. Das 16 minütige Video zeigt ein Meer aus marokkanischen Fahnen, Autobahnen, Windräder, Wüste und natürlich den König. Das war vielen dann doch zu dick aufgetragen. Der folkloristische Patriotismus des Videos wurde in den Medien zerrissen, der Produzent für seinen „Clip der Schande“ scharf kritisiert.

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Das Hoffen auf die WM geht aber weiter. Und ja, es gibt viele gute Gründe, die für Marokko sprechen. WM-Botschafter Lothar Matthäus erläutert diese besonders prägnant: „Die Leute in Marokko lieben den Fußball, sie atmen den Fußball, sie leben Fußball. Und deswegen muss die Weltmeisterschaft in Marokko stattfinden.“ Aus seiner Erfahrung des Länderspiels zwischen Deutschland und Marokko von 1986 bescheinigt Lothar Matthäus den Marokkanern zudem, dass bei ihnen auch in der Niederlage eine hohe Qualität stecke. Marokko braucht die Entscheidung der FIFA am 13. Juni also nicht zu fürchten.