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Dabei sein ist nicht immer alles: WM-Fieber im Libanon

(c) Sarah Schwahn

(c) Sarah Schwahn

Ein Gastbeitrag von Sarah Schwahn, Büro Beirut

Als ich  den Salon betrete, fragt mich der Frisör, woher ich komme. Deutschland? Er  zieht  die Augenbrauen kritisch nach oben und zeigt auf die Flagge an der Wand. „Wir unterstützen hier Brasilien.“ Aus Sicherheitsgründen entscheide ich mich für die Pediküre bei seiner Kollegin, deren Blick sich wiederum schlagartig aufhellt. „Deutschland!“ ruft sie und deutet auf das schwarzrotgoldene Armband an ihrem Handgelenk.

Szenen wie diese sind seit Beginn der Weltmeisterschaft allgegenwärtig im Libanon. Befestigt an Autos oder komplette Hauswände verdeckend prägen seit einigen Wochen bunte Fahnen der verschiedensten Staaten die Stadtbilder mit. Zwar hat sich die libanesische Nationalmannschaft nie für die WM qualifiziert und die nationale Liga ruft eher mäßige Begeisterung bei den Libanesen hervor, aber Fußball ist und bleibt der populärste Sport im Libanon, und auch die wenig sportbegeisterten Libanesen können sich dem Fußballfieber nicht entziehen. Fast jede Bar und jedes Café überträgt das Turnier in Brasilien, und das nicht nur in den Straßen der belebten Viertel Beiruts, sondern auch in den kleinen Gassen fernab von den Partymeilen.

Einige suchen die Erklärung für diese Fußballbegeisterung in ihrer Kindheit. Deutschland wird im Jahr 1990 Weltmeister, Brasilien holt den Titel vier Jahre darauf. Die Generation fühlt sich erinnert an diese Zeit und fiebert heute, zwanzig Jahre später, mit ihrem Team mit. Es mag hinzukommen, dass in Brasilien fast doppelt so viele Libanesen leben wie im Libanon selbst. Aber nicht nur brasilianische und deutsche Flaggen sind zu sehen. Die Bandbreite ist groß, vielleicht auch deshalb, weil die Fußballfans es genießen sich bei der Fußballweltmeisterschaft ganz unabhängig vom politischen oder religiösen Hintergrund entscheiden zu können, welches Team sie unterstützen.

Das ist zu anderen Gelegenheiten aufgeladener: Ein Fußballspiel Libanon – Iran musste im letzten Herbst vor leeren Rängen ausgetragen werden, aus Sicherheitsbedenken vor Anschlägen aber auch Ausschreitungen, weil es gerade zuvor einen Anschlag a auf die iranische Botschaft Sicherheitsbedenken gegeben hatte.

Und so erklären viele die Fußballbegeisterung mit der angespannten politischen Situation im Libanon. „Die Menschen sind es leid, die Nachrichten einzuschalten und Berichte über terroristische Anschläge oder die gescheiterten Suche nach einem Präsidenten zu sehen. Da ist die Weltmeisterschaft eine willkommene Abwechslung“, erzählt mir ein Fußballfan während einer Übertragung. Eine Barkeeperin aus Hamra findet eine ganz ähnliche Erklärung. „Für viele Libanesen bedeutet die Weltmeisterschaft einen ganzen Monat der Ablenkung von Politik. Es ist wie Doping für die Leute“, sagt sie. So ist der Sport für die Libanesen, die sonst gerne Witze über die Politik im eigenen Land machen, eine andere Gelegenheit, sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen: Haid, ein Mitarbeiter unseres Büros, wurde von unserer Kollegin Noor nach dem Ausscheiden seiner Mannschaft, Spanien, auf eine Werbeanzeige für einen nur zweimal verwendeten TV Receiver hingewiesen – günstig abzugeben von einem Spanien-Fan. Nicht nur in den Cafés, sondern auch in den Büros geht es also schnell ähnlich zu, wie bei Diskussionen über Politik. Jeder hat seine ganz eigene Meinung zur richtigen Strategie, und nicht ganz ernst gemeinte Gräben tun sich auf zwischen den Anhängern verschiedener Mannschaften. Trotzdem, was immer die Gründe für die libanesische Fußballbegeisterung sind, ich muss zugeben: Das Fußballfieber im Libanon ist eindeutig ansteckend.