Israels Sommerhit 2013 – Jüdisch, arabisch, schwul

Foto: Arisa

Foto: CD Cover – Omer Adam „Tel Aviv“

Die jüdischen Einwander/innen aus arabischen Ländern, Iran und Nordafrika – Mizrahim – haben einen langen Weg an die Spitze der israelischen Gesellschaft hinter sich. Und sie sind noch nicht ganz am Ziel. In Führungspositionen in Politik und Wirtschaft sind sie weiterhin unterrepräsentiert. Die gesellschaftliche Elite ist noch eher europäisch – aschkenasisch – geprägt, obgleich Juden aus dem Mittleren Osten mittlerweile einen leichten Vorsprung in der Gesamtbevölkerung haben.

Im kulturellen und kulinarischen Alltag ist Israel längst ein Schmelztiegel. Das tunesische Shakshuka ist zum geliebten, klassischen Frühstück der Israelis geworden. Um Humus gibt es den berühmten Streit, ob er nun libanesisch oder israelisch ist. Die iranisch-stämmige Sängerin Rita gehört seit Jahrzehnten zu den Größten im Land. Ihr letztes Album – ihr erstes mit persischen Liedern -, wurde hier zum Riesenerfolg (und zu heiß gehandelter Untergrundware im Iran).

Das Genre von Mizrahi-Popmusik hat erst in den letzten zwanzig Jahren seinen Durchbruch auf Israels Radiowellen erlebt. Zuvor galt diese, von arabischen Klängen geprägte, Musik als eher primitiv. Sänger/innen wie Sarit Hadad oder Eyal Golan gehören heute zu den erfolgreichsten Stars des Landes. Eyal Golan hat mittlerweile die zweite Staffel seiner Version von „Israel sucht den Superstar“ für junge Mizrahi Talente erfolgreich zu Ende gebracht. Das Finale von „Eyal Golan is Calling You“ wurde erstmals im führenden Sender Channel 2 ausgestrahlt. – Eine neue Hürde von Mizrahi-Kultur im israelischen Fernsehen erfolgreich genommen.

Seit gut einem Jahr erobert Mizrahi-Pop auch die Tel Aviver Schwulenszene. Die monatliche Arisa-Party gehört zu den erfolgreichsten Parties der Stadt. Zahlreiche Pop-Größen lassen es sich nicht nehmen, dort aufzutreten. Die Stimmung ist groß. Die kreativen Werbe-Videos mit Model Eliad Cohen und Tänzer Uriel Yekutiel sind Kult (hier, hier und hier) – mittlerweile auch in der internationalen Gay Community.

In diesem Sommer setzt die Schwulenszene nun dazu an, die Welt der Mizrahim zu erobern. Und sie haben niemand Geringeren gefunden als den Mizrahi-Superstar Omer Adam. Ursprünglich als Werbevideo für den Tel Aviver Gay Pride gedacht, entwickelt sich der Song „Tel Aviv“ zum ersten Sommerhit des Jahres. Er läuft auf allen Kanälen rauf und runter. Es vergeht derzeit kein Tag, an dem einem „Tel Aviv, Ya Habibi, Tel Aviv“ nicht mindestens drei Mal aus einem Café, Laden oder Auto irgendwo im Land entgegen schallt.

Und das zugehörige Video dürfte nicht die Standardware auf heimischen Bildschirmen sein:

YouTube Preview Image

Innerhalb eines Monats hat der Youtube-Clip rund 500.000 Zuschauer/innen gefunden. Und der Sommer geht gerade erst los.

Der Pioneer des Schwulseins in der israelischen Popkultur ist zweifelsohne der Liedermacher Ivri Lider. Auch er gehört zur obersten Pop-Riege Israels. Mit seinem Coming-Out und seinen Liebesliedern hat er viel für Sichtbarkeit und Toleranz für Lesben und Schwule erreicht. Das interessante an Omer Adam ist: er ist gar nicht schwul. Und womöglich hat er auch gar nicht vor, zum Botschafter von Lesben- und Schwulenrechten zu werden. Doch dass er mit diesem Song und Video „Queerness“ auf leichte, mit Geschlechterrollen spielende und humorvolle Weise über Tel Aviv hinaus ins ganze Land und in den Schmelztiegel trägt, ist nicht zu unterschätzen.

Auf jeden Fall ist ihm gelungen den ersten Sommerhit des Jahres zu kreieren, und Tel Aviv eine Hymne zu geben.

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