AktivistInnen füllen syrisches Sommerloch mit Schutt

Die Aufforderung der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA, Bilder vom Sommer in Syrien zu posten

Die Aufforderung der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA, Bilder vom Sommer in Syrien zu posten

Das hatte sich die Öffentlichkeitsarbeit des syrischen Regimes besitmmt anders vorgestellt, als sie den Hashtag #SummerInSyria bewarb: „Zeigt uns eure Schnappschüsse des Sommers“, forderte die staatliche Nachrichtenagentur SANA die Leser auf. Zur Aufmunterung postet SANA selbst unter diesem Hashtag fröhliche Events, die man auf keinen Fall verpassen sollte – eine DJ-Party in der Bar „Der Pate“ in Tartous zum Beispiel. Besonders hübsch ist, dass auf dem Plakat der Hinweis „Don’t drink and drive“ nicht fehlt. Die Sicherheit der BürgerInnen ist eben ein wichtiges Anliegen.

Nun stellt sich die Frage, was zynischer ist – die Farce, vorzuspielen, dass in Syrien alles in Ordnung sei und man sich allenfalls den Kopf darüber zerbrechen müsse, wo man abends ausgeht, oder die Bilder von Krieg und Zerstörung, mit denen findige AktivistInnen den Hashtag für sich besetzen.

Einige SyrerInnen haben sich die Gelegenheit nämlich nicht entgehen lassen, ihre „Sommer-Bilder“ einzustellen. @aamal_dani schreibt: #SummerInSyria ist eine einmalige Gelegenheit, Feuerwerk, das vom Himmel fällt, nicht nur zu sehen sondern auch anzufassen. @AlanaBowker posted das Foto eines kleinen Mädchens, das mit einem Bagger in der Hand auf einem Trümmerhaufen steht: #SummerinSyria – nur ein paar mehr Fassbomben, und das hier wird alles weißer Sand sein.“

@al_7aleem twittert: „Trinke gerade Tee, genieße die Aussicht von meinem Balkon. #Homs #SummerInSyria“, und „Not a Spy“ stellt ein Foto der Flüchtlingswelle aus Idlib ein: „Mach mit beim Charity Run – #SummerInSyria“, schreibt er dazu.

@al_7aleem: Just having some tea enjoying the view from my balcony. #Homs #SummerInSyria

@al_7aleem: Just having some tea enjoying the view from my balcony. #Homs #SummerInSyria

Mit welchem Ziel SANA die Kampagne gestartet hat, ist fraglich. Normalität vorspiegeln, wie es auch andere SANA-Meldungen tun, zum Beispiel die über eine Tourismus-Messe in Damaskus, oder darüber, wieviel Syrien im Bereich des Naturschutzes („Wildlife protetion“) tut.

„Man sollte meinen, dass es derzeit schon zu viele ‚ausländische Touristen‘ in Syrien gibt,“ schrieb ein Twitterer mit einem Seitenhieb auf die zahlreichen ausländischen Kämpfer: Zehntausende zumeist schiitische Söldner hat das Regime aus dem Ausland angeworben, und dem gegenüber werden insbesondere in den Reihen von ISIS Tausende ausländischer sunnitischer Islamisten vermutet. Gegen all diese hatte sich die syrische Zivilgesellschafts-Kampagne „No tourists with weapons“ gerichtet.

 

 

Yarmouk – ist das nicht, wo ISIS …?

„Blue“YouTube Preview Image

„Delegationen kommen, Delegationen gehen … es werden immer mehr Delegationen und immer mehr Versprechen – oh, was sind das für Zeiten,“ singen melancholisch die berühmt gewordenen „Piano-Helden“ von Yarmouk. Verwoben ist die Sequenz in den Dokumentarfilm „Blue“ des palästinensisch-syrischen Musikers und Regisseurs Abu Gabi, der damit den diesjährigen Samir-Kassir-Preis für Pressefreiheit im Libanon in der Rubrik Audiovisuelle Medien gewonnen hat. Das ist in mehrerlei Hinsicht erfreulich: erstens, weil es ein wunderbarer Film ist, in dem die Erinnerungen des Musikers mit der heutigen Lage zusammengebracht werdden.

Zweitens, weil es Yarmouk in Erinnerung ruft. „Yarmouk, ist das nicht was neulich von ISIS erobert wurde?“  Dass ISIS das Lager letztlich nicht übernommen hat, sondern – trotz der willkürlichen Luftangriffe des Regimes, nicht wegen – von den Bewohnern zurückgedrängt worden ist, ist nur von wenigen realisiert worden.

Yarmouk, zuvor zum Inbegriff des Leidens in Syrien geworden, scheint seit dem Überfall der Terrormiliz nur noch durch sie im kollektiven Gedächtnis präsent. ISIS temporärer Terror dort hat augenscheinlich die fürchterlichen Bilder der Massen, die dort um Essen anstehen aus dem Gedächtnis verdrängt.

Von den einst 450.000 BewohnerInnen des äußerst lebensfrohen Stadtteils von Damaskus, der als Palästinensercamp seinen Anfang nahm, sind schätzungsweise nur knapp über 10.000 geblieben. Die meisten sind geflohen, weil das Regime Yarmouk seit über zwei Jahren belagert und systematisch aushungert. ISIS hat für eine weitere Fluchtwelle aus dem Camp gesort. Umso schöner ist es, mit einem solchen Film den Geist zwischen den Ruinen von Yarmouk plakativ in den Vordergrund zu rücken: dass es nicht nur ein Hort von Kämpfern ist, sondern dass es weiterhin dort Zivilisten gibt, die sich weigern kleinbeizugeben, und die trotz allem, was ihnen widerfährt, den Kampf für ihre Rechte auf friedlichem Wege fortsetzen.

In diesem Jahr stammten alle drei Finalisten-Beiträge in dieser Kategorie aus den Produktionen von Bidayyat, und alle drei sind sehenswert: Ein armenischer Opernsänger spricht in dem Film „1915“ über das komplexe Verhältnis von Armeniern zu den jeweiligen Ländern und Gesellschaften in denen sie sich aufahlten. „Armenier, die nach Deir ez-Zor flohen, wurden von der dortigen Bevölkerung aufgenommen, und es wurde ihnen geholfen, ein neues Leben zu beginnen. Heute, 100 Jahre später sind sie wieder auf der Flucht. Aber diesmal sind sie nicht alleine. Die Leute aus Deir ez-Zor fliehen mit ihnen gemeinsam,“ sagt der Protagonist an einer Stelle.

In „Frontline“ filmt der Regisseur Saeed Batal, der sich weiterhin in der von Belagerung zermürbten und durch die Luftschläge des Regimes zerstörten Ghouta befindet, einen Scharfschützen, der letztlich die Waffe weglegt, um Bäcker zu werden. Schöner und melancholischer kann man in 12 Minutenn ichtauf dne Punkt bringen, wonach sich viele in Syrien sehen: Normalität, aber eine andere Normalität, als die, die sich im Krieg in vielen kleinen Enklaven auch an der Front etabliert.

Fatale Fußnoten: Wieso die Flüchtlingszahlen im Libanon nicht steigen

Schule im Norden Syriens (c) Mustafa Haid 2013

Schule im Norden Syriens (c) Mustafa Haid 2013

1.183.327 registrierte syrische Flüchtlinge gibt es derzeit im Libanon – und dabei wird es auch einstweilen bleiben, ist seit eingen Tagen auf der Webseite der Vereinten Nationen zu lesen. Was nach einer guten Nachricht klingen mag – so, als habe sich die Situation in Syrien gebessert und als gäbe es weniger Anlass zu fliehen, ist in Wirklichkeit die Fortschreibung von Ungerechtigkeit, verbrämt durch eine Statistik.

Bereits im Januar 2015 hatte die libanesische Regierung Schritte unternommen, um den Flüchtlingsstrom zu begrenzen. Konnten SyrerInnen zuvor ohne Pass, nur mit ihrem Personalausweis einreisen, so müssen sie seither gute Gründe geltend machen, um in den Libanon wollten. Eine Hotelreservierung und eintausend Dollar Bargeld erfüllen einige der offiziellen Anforderungen. Auch ein Termin für einen Visumsantrag bei einer der Botschaften in Beirut hilft. Letztlich liegt es aber in der Hand der Grenzbeamten, wer einreisen kann. Besser gekleidete haben es deutlich leichter als diejenigen, die schon nach Flüchtlingen aussehen. Insofern überquerten in den letzten Monaten deutlich weniger SyrerInnen als zuvor die Grenze zum Libanon.

Nun ist findigen administrativen Geistern noch etwas eingefallen, das die Statistiken besser aussehen lässt: „Vom 6. Mai 2015 an registriert das UN-Flüchtlingshilfswerk im Libanon temporär keine neuen Flüchtlinge, auf Weisung der libanesischen Regierung. Folglich werden Flüchtlinge, die auf die Registrierung warten, nicht länger berücksichtigt,“ heißt es in einer Fußnoten zu den Libanon-Statistiken des UNHCR. 

Das ist für die Versorgung der Flüchtlinge fatal. Schon jetzt gibt es erhebliche Engpässe in der Versorgung, da die zur Verfügung gestellten Mittel dem Ausmaß der Krise nicht gerecht werden. Nach einem dramatischen Aufruf des Welternährungsprogramms (WFP) im Dezember 2014 konnte zwar das Schlimmste abgewendet werden, aber die pro-Kopf-Leistungen wurden von $27,70 auf $19 pro Kopf pro Monat heruntergefahren. „WFP hat seine Programme enger darauf zugeschnitten, lediglich die Bedürftigsten einzubeziehen,“ heißt es in einem Informationsblatt es WFP. Das heißt: Schwangere und Kinder. Neunzehn Dollar im Monat – das sind dreiundsechzig Cent am Tag. Ein Packung Brot kostet mindestens einen Dollar, ein Liter Milch rund 2 Dollar.

Doch auch für den Libanon ist diese Politik nicht eben von Vorteil. Bereits im April hatte der syrische Sozialwissenschaftler Haid Haid in einem Kommentar für die taz einige der Folgen der Veränderten Einreisepolitik für den Libanon aufgegriffen: „Zwar sank die Zahl der legal einreisenden Syrer von täglich 8.000 auf 3.000, wie eine hochrangige Quelle des libanesischen Innenministeriums eine Woche nach Einführung der Maßnahmen der Zeitung Asharq al-Awsat erklärte. Gleichzeitig nimmt natürlich die illegale Einwanderung zu, denn der Krieg in Syrien geht ja unverändert brutal weiter. Mit dem Unterschied, dass die Ausbeutung von vertriebenen Syrern nun noch leichter wird,“ heißt es hier.

Die Auswirkungen beschreibt das WFP selbst in zwei Papieren: „Infolge dessen, dass nur noch Gutscheine geringeren Wertes ausgegeben worden sind, haben rund 80% der Betroffenen negative Wege eingschlagen, damit umzugehen. Unter anderem leihen sie sich Geld, um ihre unmittelbaren Bedrüfnisse abzudecken. Zudem haben 14% der Familien angegeben, ihre Kinder aus der Schule genommen zu haben, 4% gaben an, sie zur Arbeit zu schicken. Wenn weiterhin nur solch geringe Summen ausgezahlt werden können, ist zu erwarten, dass die Betroffenen noch weniger geschützt sind und dass die Spannungen mit den Aufnahmegemeinden steigen.“

Schmerzende Waden in Bethlehem: Palästina-Marathon

Wie alles hier vor Ort ist auch der Lauf politisch: Der jetzt zum dritten Mal veranstaltete Palästina-Marathon wird jährlich von der internationalen Kampagne „Right to Movement“ veranstaltet. Der in Dänemark ansässigen Initiative geht es darum, auf das Grundrecht zur freien Bewegung innerhalb eines Landes (Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) aufmerksam zu machen – und wie eben jenes der Palästinenser in der Westbank und im Gazastreifen verletzt wird. Das wird kaum in einer Stadt deutlicher als in der eingemauerten Stadt Bethlehem. Die historische nur wenige Kilometer entfernte Nachbarstadt von Jerusalem ist durch die israelische Sperranlage völlig von der arabischen Metropole Ost-Jerusalem abgeriegelt.

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Läufer bereiten sich auf den 3. Palästina-Marathon vor. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Die politische Aktion unterstütze ich mit meiner Teilnahme (die 10-Kilometer-Variante, nicht den Marathon: das reicht schon für schmerzende Waden), zwei Mitarbeiterinnen unseres Heinrich-Böll-Stiftungsbüros nehmen auch teil. Morgens um 5.30 geht es los in Richtung Bethlehem für den Lauf, der um 8 Uhr beginnen soll, da auch ich nicht weiß ob die israelische Armee Checkpoints schließt und den Lauf möglicherweise behindert. So wie dies bei zahlreichen anderen palästiennsischen Großveranstaltungen geschieht. Besonders in Jerusalem, wo aufgrund der israelischen Restriktionen das palästinensische Kultur- und Sportleben kaum stattfinden kann. Gegen den jährlichen Jerusalem-Marathon protestieren PalästinenserInnen und Menschenrechtsorganisationen, da er auch durch Teile des besetzten Ost-Jerusalems führt und die international nicht anerkannte israelische Annexion Ost-Jerusalems zementieren soll.

Immerhin 50 Läufer aus Gaza können in Bethlehem teilnehmen. Ihnen wurde von Israel die Erlaubnis zur Ausreise erteilt. Der Gazastreifen wird von Ägypten und Israel nahezu vollständig abgeriegelt, nur wenige Menschen können mit willkürlich erteilten Genehmigungen ausreisen. Wie sportlich die Läufer aus Gaza sind bewies Nader al-Masri. Der ehemalige Olympiateilnehmer (Peking 2008), dessen Haus bei israelischen Luftangriffen im Sommer 2014 zerstört wurde, gewann den Marathonlauf in der Siegerzeit von 2:47:15.

 

Syrien: Hoffen auf Widerhall im All

Planet Syrien

Planet Syrien

„Planet Syrien“ heißt die Kampagne, die syrische AktivistInnen diese Woche gestartet haben, um für internationale Solidarität zu werben. Die wichtigsten Anligen der Unterzeichner aus dem gewaltfreien syrischen Widerstand: dass die internationale Gemeinschaft endlich den Fassbomben-Abwürfen en Ende bereitet, und dass es ernsthafte Friedensverhandlungen geben soll.

Der Name der Kampagne rührt daher, dass viele SyrerInnen – insbesondere aus den Kreisen des gewaltfreien Widerstandes – sich mit ihren Anliegen alleingelassen fühlen. „Wir werden behandelt, als ob wir Außerirdische seien, als ob wir irgendetwas ganz Undekbares fordern,“ heißt es, „dabei wollen wir etwas völlig normales: in Frieden leben.“

Je mehr die Situation in Syrien eskaliert ist, desto mehr ist in den Hintergrund getreten, dass die syrische Revolution monatelang in friedfertigen Demonstrationen bestand, ja, das eingangs noch nicht eimal der Sturz des Regimes gefordert wurde. Würde, Gerechtigkeit, ein Ende der Korruption und poltische Reformen waren es, wofür Menschen in ganz Syrien 2011 auf die Straße gingen, und worauf das Regime keine andere Antwort als die Gewalt fand. Insbesondere, seit ISIS im Sommer letzten Jahres Mossul überrant und einen eigenen „Staat“ ausgerufen hat, geht es in der Berichterstattung zu Syrien im Wesentlichen um die Grausamkeiten von ISIS, und gelegentlich um das Leid der Flüchtlinge. Dass nach wie vor die stärkste Bedrohung für Zivilisten in Syrien vom Assad-Regime ausgeht, gerät ebenso ins Hintertreffen. Gerade hat The Syria Campaign es in eindrucksvollen Grafiken festgehalten, die auf Daten des Violations Documentation Center beruhen:

The Syria Campaign: Wer tötet Zivilisten in Syrien?

Noch ungleicher fällt die Balance bei der Frage aus, wer hauptverantwortlich für den Tod meidizinischen Personals ist. Ärzte, Krankenschwestern und medizinische Einrichtungen sind in den letzten Jahren gezielt ins Visier genommen worden. Über 60% der syrischen Krankenhäuser gelten als zerstört, die übrigen als begrenzt funktionsfähig. 97,4% der Toten aus dem Gesundheitssektor hat das Regime auf dem Gewissen. 

Leicht könnte man den Eindruck gewinnen, dass es in Syrien keine demokratischen Kräfte mehr gibt. Das Regime hat sein Möglichsts getan, um eine solche Situation heraufzubeschwören. Von Anfang an hat es die Demontranten als „Terroristen“ bezeichnet und verfolgt. Hunderttausende sind mit ungeklärtem Schicksal in Regeimegefängnissen verschwunden, und die Fotos von über 10.000 zu Tode Gefolterten, die zwecks Identifikation der Opfer nun ins Internet gestellt werden, lassen für viele von ihnen Schlimmes vermuten. Über die Hälfte des Bevölkerung ist auf der Flucht. Auf dem Friedhof, im Gefängnis, im Exil – so wurde die syrische Opposition nach dem Massaker von Hama 1982 verortet, und so könnte man es auch heute für viele AktivistInnen zynisch umschreiben.

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Umso bewundernswerter, dass es, trotz vier Jahren des erbarmungslosen Krieges und obwohl durch die Terrormiliz ISIS und andere extrmistische Gruppen die Bedrohungen für gewaltfreie AktivistInnen vielfältiger geworden sind, weiterhin eine so starke Bürgerbewegung in Syrien gibt. 85 syrische Organisationen haben sich für „Planet Syrien“ zusammengefunden. Ein Ende der Fassbomben erscheint ihnen eine besondere Dringlichkeit, weil Fassbomben wahllos töten: es handelt sich um improvisierte Bomben, die nicht gezielt abgeworfen werden können, und die das Regime im Wesentlichen eingesetzt hat, um ganze Stadteile und Ortschaften außerhalb seiner Kontrolle in Schutt und Asche zu legen. Die meisten Opfer von Fassbomben sind Zivilisten, und die meisten Zivilisten, die in diesem Krieg einer Regierung gegen ihr eigenes Volk sterben, sterben durch Fassbomben.

Auch Chlorgas ist mit syrischen Fassbomben abgeworfen worden. Chlorgas selbst fällt nicht unter die Chemiewaffenkonvention fällt, der Syrien 2013 beitrag, als es nach einem Chemiewaffeneinsatz erstmals zugab, über nicht-konventionelle Waffen zu verfügen. Wohl aber dessen Einsatz als Waffe.

Es ist über ein Jahr her, dass der UN-Sicherheitsrat und damit auch Russland die Resolution 2139 verabschiedete, in der ein Ende der Fassbombenabwürfe gefordert wird. Es ist wenige Wochen her, dass mit UN-Resolutin 2209 nicht nur ein Ende des Chemiewaffeneinsatzes in Syrien gefordert wurde, sondern auch erwähnt wurde, dass zur Umsetzung der Resolution Gewalt angewendet werden kann. Das syrische Regime schert sich um keine der Resolutionen, und die internationale Gemeinschaft zeigt keinerlei Anzeichen, dass sie die Umseztung dieser Resolutionen einfordern wird.

Daher wenden sich die Organisatoren der Kampagne an die breite Öffentlichkeit: „Lasst uns hören, dass wir wenigstens eure moralische Unterstützung haben, so das Motto. Für den 7. April hat „Planet Syrien“ all diejenigen aufgefordert, die ein Ende der Gewalt in Syrien unterstützen, eigene Aktionen an ihren jeweiligen Orten zu starten, um ein Ende der Fassbomben und ernsthafte Verhandlungen einzufordern. Sie hoffen, dass zumindest dieser Aufruf nicht ungehört im All verhallt.

 

Erfolg ohne Tore – Palästina beim Asiencup

Seit 1998 ist Palästina Mitglied des FIFA-Weltverbandes, nie war man bei einem großen Turnier dabei. Das änderte sich mit dem sensationellen Erfolg im Mai 2014 gegen die Philippinen, als erstmals die Qualifikation für einen Asien-Cup gelang. Anschließend kletterte Palästina sogar um 71 Ränge auf Platz 94 der „FIFA-Weltrangliste“. Sportlich blieb die Teilnahme am Asiencup, der derzeit in Australien ausgetragen wird, weit hinter den Erwartungen zurück: 0:4 gegen den starken Favoriten Japan, 1:4 gegen Jordanien – eine Mannschaft die zum überwiegenden Teil auch aus Palästinensern besteht – und 0:2 gegen den Irak, eine andere kriegsgebeutelte Nation. Aber das Palästina trotz aller Widerstände überhaupt teilnehmen konnte, war dennoch ein Riesenerfolg, über denen sich nicht nur PalästinenserInnen in Australien freuen konnten – ausgerechnet dem Land, das Palästina jedes Recht auf Eigenständigkeit abspricht.

Zuhause in Palästina – immerhin seit 2012 auch von den Vereinten Nationen als Staat anerkannt – stehen einem regulären Fußballbetrieb viele Hindernisse entgegen. Durch die Zersplitterung der besetzten Gebiete kann keine Liga betrieben werden, an der Mannschaften aus Gaza, Westjordanland und Ostjerusalem gemeinsam teilnehmen können. Viele palästinensicshe Fußballer sitzen in israelischer Haft, oder ihre Ausreise wird verhindert, wie auch beim jüngsten Asiencup. Aufgrund der prekären Lage im Gazastreifen, die sich seit dem jüngsten Krieg nicht entspannt hat, ist hier kaum an Fußball zu denken. Dennoch sind die Menschen dort genauso fußballverrückt wie im Rest des palästinensischen Gebiets.

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Shisha mit Emblem von Barcelona in Ramallah.

Wenn in Spanien das „Classico“ ausgespielt wird, sind die Straßen Ramallahs immer wie leer gefegt. Zuvor verkaufen Andenkenverkäufer am zentralen Manara-Platz Fahnen und Trikots der beiden Mannschaften. Die Symbole von Real und Barca sind überall. Die Unterstützung für die palästinensische Nationalmannschaft fällt zurückhaltender aus, was an den mangelnden Erfolgen liegt. Ein regionaler Erfolg wie der Sieg von Muhammad Assaf bei „Arab Idol“ wiegt schwerer. Die Palästinenserinnen und Palästinenser warten auf den Tag, an dem ein ein „Classico“ zwischen Gaza-Stadt und Ost-Jerusalem so normal ist, wie heute die Begegnung zwischen Madrid und Barcelona.

(Ein ausführlicher Artikel zum Thema ist vom Autor erschienen in Israel&Palästina 2/2014, „Fußballnation ohne Staat – Fußball in Palästina“). Siehe auch den Blogbeitrag zu Fußball in Gaza.

Der schöne Schein

Beirut

Beirut

Das Elektrizitätswerk in Zahle, einer Stadt in der Nähe der syrischen Grenze, sorgte jüngst für Schlagzeilen. Es wollte alle BürgerInnen in seinem Einzugsgebiet rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, mit Strom versorgen. Das gibt es nicht einmal im Herzen Beiruts, in dem man täglich mindestens drei Stunden sehen muss, wie man zurecht kommt. Wohl eines der meistfotografierten Motive als Symbole für die nicht ganz ausgefeilte Infrastruktur der Stadt ist das Beiruter Elektrizitätswerk, weil an dessen Fassade eigentlich immer einige der Buchstaben von „Electricité du Liban“ dunkel bleiben.

Vertretungshalber: Kirschbäume

Nadelt auch nach Neujahr nicht

Wo eine Lücke, da auch ein Markt: Private Generatorenbetreiber springen ein, wenn die städtische Stromzufuhr schwächelt. Eben diese waren auch überhaupt nicht glücklich mit dem Plan der Betreiber in Zahle, und klagten, damit werde ihnen die Lebensgrundlage entzogen. Für die meisten BürgerInnen wäre es jedoch auf jeden Fall wünschenswert. Schließlich zahlt man neben der normalen Stromrechnung immer eine Generatoren-Gebühr von bis zu 125 Dollar im Monat – oder sitzt zwischendrin im Dunkeln.

Doch während der Weihnachtszeit verstummt das übliche Klagen über die Stromversorgung. An Weihnachtsbeleuchtung möchte – konfessionsübergreifend – keiner sparen. Der Weihnachtsbaum in der Küstenstadt Byblos hat es unter die schönsten Weihnachtsbäume weltweit geschafft. Im südlichen Tyros hat man ein Modell aus Autoreifen – sonst gerne bei Demonstrationen verbrannt – gebaut und grün angesprüht. Bürgersteige und Verkehrsinseln werden geschmückt, und auch an Krippenszenen mangelt es nicht. Wie die Zeitung Daily Star schreibt: oft werde das Christkind erst am Heiligabend dazugelegt. Das werfe Fragen auf – warum die Heiligen Drei Könige zum Beispiel schon da seien.

Die schönsten Beispiele einiger Lichterarrangements hier:

Darth Vader kommt die Erleuchtung

Darth Vader kommt die Erleuchtung

Grünt (errötet und gilbt) nur zur Weihnachtszeit

Grünt (errötet und gilbt) nur zur Weihnachtszeit

 

Weihnachten auf der Baustelle

Weihnachten auf der Baustelle

Billard um halb 10 morgens

Billard um halb 10 morgens

Designer-Weihnachtsbaum

Designer-Weihnachtsbaum

 

Gegen den Strom

YouTube Preview ImageDüster sieht es aus um Aleppo. Die Stadt ist seit Monaten belagert. Während die Kameras sich auf Kobane richteten, gelang es dem Regime, den Zugang zur Altstadt, die von Rebellen gehalten wird, auf einen schmalen Korridor zu begrenzen.Was, wenn dieser sich auch noch schließt? „Wenn das Regime die Altstadt wieder einnimmt, sind Zivilisten Geschichte,“ sagte die Aktivistin Marcell Shehwaro Anfang November bei einer Veranstaltung in Berlin. Shehwaro ist Mitgründerin der Organisation Kesh Malek („Schachmatt“), die seit einigen Wochen eine Kampagne durchführt, um die Weltöffentlichkeit von ihrer ausschließlichen Konzentration auf die Terrormiliz ISIS abzubringen. Während ISIS im Westen als größte Bedrohung gesehen wird, leiden viele SyrerInnen mindestens ebenso unter den fortgesetzten, jetzt aber weniger beachteten Gewalt des Regimes. Daher kleben AktivistInnen wo immer sie hinkommen Piktogramme von Assad auf Toiletten, eines bärtig, eines mit Sonnenbrille. „Same Shit“: Assad und ISIS seien letztlich das Gleiche in grün.

Marcell Shehwaro und ihre MitstreiterInnen arbeiten gleichzeitig daran, die Lebensbedingungen in Aleppo zu verbessern. Sie unterhalten mittlerweile zehn Schulen in der Stadt. Schulen, ebenso wie Krankenhäuser, zählen zu den vom Regime am stärksten ins Visier genommenen öffentlichen Einrichtungen, Lehrer werden nicht mehr bezahlt. Das öffnet gerade reichen konservativen oder islamistischen Organisationen Tür und Tor. Für ihre Unterstützung von Schulen fordern sie, die Lehrpläne entsprechend umzugestalten. Kesh Malek arbeitet diesem Trend der schleichenden religiös-ideologischen Beeinflussung entgegen.

Als Marcell 2012 von islamistischen Milizen festgesetzt wurde, weil sie sich weigerte, ein Kopftuch zu tragen, sorgte dies für eine Protestwelle. Marcell wurde wenig später nicht nur freigelassen, sondern erhielt von der Miliz eine schriftliche Entschuldigung. Der Zwischenfall steigerte ihr Ansehen, denn sie hatte bei ihrer Verweigerung das Kopftuch zu tragen, nicht darauf verwiesen, Christin zu sein, sondern es als Recht aller SyrerInnen eingefordert, sich so zu kleiden, wie sie es für richtig hielten.

Als größte Stadt Syriens galt die Metropole Aleppo einst. Heute ist ein Großteil der Industrie zerstört, und Hunderttausende haben die Stadt verlassen. Vor fast zwei Jahren, zwischen Januar und März 2013, spülte der Queik-Fluss in Aleppo jeden Tag eine schaurige Fracht in dem von der Freien Syrischen Armee gehaltenen Stadteil an. Über 200 Leichen von Jungen und Männern fischten die Bewohner aus dem Fluss. Die meisten von ihnen hatten hinter dem Rücken verbundene Hände und waren durch einen Kopfschuss getötet worden. Viele von ihnen zählten sich selbst nicht zu Oppositionellen. Sie waren für ihren Lebensunterhalt in Regime-Territorien unterwegs, verschwanden an Checkpoints und wurden im Regimegefängnis oberhalb am Flusslauf ermordet.

Um ihrer zu erinnern, veranstalteten dieser Tage Aktivisten in Aleppo einen Lauf – keinen Marathon, einen Wettlauf. Mehr als 60 der in der Altstadt Aleppos verbliebenen hüllten sich in die Farben der Revolution und wurden bei einer durch ihre Einfachheit bestechenden Siegerehrung gepriesen. Sie stellen sich gegen den Strom, gegen das Vergessen des gewaltsamen Todes. Der Queik-Fluss firmiert unter Oppositionellen als „Fluss der Märtyrer.

 

Die Causa Fattoush – Politiker ohne Biss

Ein Gastbeitrag von Carolin Dylla*

Fattoush (C) Rafel Miro

Fattoush (C) Rafel Miro

Fattoush ist eine libanesische Köstlichkeit aus grünem Salat, Tomate, Gurke und Radieschen, garniert mit frittierten Fladenbrot-Stücken und Granatapfel-Kernen, verfeinert mit einem Dressing aus Grantapfel-Essig und Sumach. Seit Ende Oktober allerdings hat man bei der Nennung von Fattoush einen schalen Beigeschmack im Mund. Das liegt an einer Art Spezial-Gewürz, die das Rezept abrundet: das Aroma des politischen Skandals, der sich um einen politischen Namensvetter des Salates rankt.

Nicolas Fattoush, Anwalt, Staatsminister und Abgeordneter des Wahlkreises Zahle, hatte am 21. Oktober Schlagzeilen gemacht, weil er eine Verwaltungsangestellte des Baabda Judicial Palace geschlagen hatte. Nicht ohne triftigen Grund, versteht sich – die Dame hatte sich tatsächlich geweigert, der Bearbeitung seines Anliegens Vorrang einzuräumen und ihn zu bitten, einige Minuten vor der Tür zu ihrem Büro zu warten.

Gegenüber der Tageszeitung The Daily Star haben Augenzeugen berichtet, dass Fattoush zuerst sehr laut geworden sei, seine politische Position als Mitglied der Regierung und Parlamentsabgeordneter betont habe, und dann handgreiflich geworden sei. Der Politiker selbst streitet alle Vorwürfe ab und behauptet, die Frau nie geschlagen zu haben. Er untermauert diese Aussage mit dem Hinweis, dass die Menschen seiner Heimatstadt Zahle berühmt seien für ihre Würde, ihre Männlichkeit und ihr Heldentum. Er habe es einfach sehr eilig gehabt. Als Parlamentsabgeordneter habe er eben keine Zeit zu verlieren. Bei genauerem Hinsehen allerdings ist dieses Argument gerade mal so hieb- und stichfest wie ein welkes Salatblatt, denn das libanesische Parlament tagt weder besonders häufig noch besonders lang.

Eine besonders pikante Note bekommt der Skandal-Salat außerdem dadurch, dass der Gesetzesentwurf, auf dessen Grundlage das Mandat des libanesischen Parlaments am 05. November um weitere zwei Jahre und sieben Monte verlängert wurde, maßgeblich von Nicolas Fattoush erarbeitet wurde. Die offizielle Begründung für diesen demokratisch mehr als fragwürdigen Schritt sind die regionale Sicherheitslage und die schleppende Reform des Wahlgesetzes. Davon abgesehen will Nicolas Fattoush wahrscheinlich einfach bloß weitere zweieinhalb Jahre seines Lebens sich – und natürlich sein würdevolles Heldentum – in den Dienst des libanesischen Volkes stellen.

Viele aber wollen sich von ihren Abgeordneten im Allgemeinen – und von Abgeordneten wie Fattoush im Speziellen – nicht repräsentiert wissen. Und so wird die Causa Fattoush zum Inbegriff der Kampagne la al-tamdeed (Nein zur Verlängerung). Organisationen wie Stop Cultural Terrorism in Lebanon, eine Satire-Seite, die sich für Meinungsfreiheit einsetzt und vornehmlich auf facebook ebenso scharfe wie pointierte Angriffe auf die politische Elite des Landes lanciert, postete beispielweise Bilder des Salates, unter denen zu lesen ist:

„Niemand repräsentiert mich!“

„So fühlen wir uns. Das sind eben wir.“

Die Kampagne ist dabei allerdings nicht nur ein mit Granatapfel-Essig gewürzter Angriff auf eine politische Klasse, die von vielen als nepotistisch, tatenlos und korrupt wahrgenommen wird, sondern auch Selbstkritik angesichts der wachsenden politischen Apathie der Bevölkerung. Diese wie auch das Gefühl der Machtlosigkeit sind aber mehr als verständlich, wenn man den juristischen Ausgang der Episode bedenkt: nachdem die Dame zuerst Anzeige gegen den Politiker erstattet hatte, zog sie diese noch am gleichen Tag wieder zurück. Zwar hat die Anwaltskammer von Beirut Nicolas Fattoush als Reaktion auf die Affäre aus ihren Reihen ausgeschlossen – ernsthafte politische oder gar juristische Konsequenzen muss er wohl aber nicht befürchten. Und hat die Kammer darüber hinaus seinerseits wegen Verleumdung und Diffamierung verklagt.

Anders als ihre Küche – auf die sie sehr stolz sind – finden die LibanesInnen ihre Politiker häufig einfach nur geschmacklos, und die Lust auf bürgerlich-politisches Engagement ist ihnen zumindest auf absehbare Zeit vergangen. Aber halt: abwählen könnten sie Nicholas Fattoush ja ohnehin erst wieder in zwei Jahren und sieben Monaten.

Da haben wir den Salat.

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* Carolin Dylla hat im September 2014 ihren Master im Studiengang Internationale und Europäische Governance an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und dem IEP de Lille abgeschlossen. Während ihres fünfmonatigen Praktikums im Büro der hbs in Beirut organisiert sie das Projekt More Than A Talkshop.

Conchita Wursts syrische Schwestern

YouTube Preview Image„Wann immer die Protagonisten des Bollywood-Kinos einen kritischen Punkt in der Handlung erreicht haben, beginnen sie erstmal zu singen und zu tanzen,“ versuchte mir eine Freundin einst die von ihr so geliebten indischen Filme nahezubringen. Daran musste ich als allererstes denken, als ich unlängst das Video „To our countries“ sah, das zwei syrische Schwestern in Stockholm auf Youtube stellten, denn hier funktioniert es ähnlich.

Während Bollywood-Filme in erster Linie der Unterhaltung dienen, aber viele von ihnen transportieren gesellschaftliche und politische Botschaften, verhält es sich bei der Mini-Schmonzette von Fadia und Rihan Younan genau umgekehrt: sie verbrämen Eigenwerbung mit einer politischen Botschaft. Grammatikalisch ist das Video im Passiv gehalten, was den Zuschauern überlässt, sich ihren Teil über Täter, Opfer und mögliche Lösungsansätze zu denken.

Von den bislang über 1,4 Millionen, die sich das Video angeschaut haben, verbreiteten es viele begeistert. Andere sehen es kritisch. Das beschreibt unter anderem die deutsche Journalistin Martina Sabra in ihrem spitzzüngigen Beitrag „Peinlicher Medienhype“ auf Qantara.de.  In westlichen Foren wird eher in sexistischer Manier auf der Selbstinszenierung der schönen Schwestern herumgehackt. Arabische Kommentatoren bemängeln die zynischen politischen Botschaft, die elegant verpackt ist. Als „Shabiha-Schnepfen“ werden die beiden tituliert, in Anlehnung an die gängige Bezeichnung der gefürchteten inoffiziellen Regime-Milizen. Das ist einerseits dem Umstand geschuldet, dass eine der Schwestern stolz auf ihrem Facebook-Account vermeldete, bei den syrischen Präsidentschaftswahlen für Bashar al-Assad gestimmt zu haben. Doch auch in dem Video ist der „Friedensappell“ keinesfalls ohne ein Geschmäckle. So wird die „Versklavung von Frauen“ zu Recht gebrandmarkt, bei der die meisten automatisch an ISIS und nicht an die systematiche sexuelle Gewalt des Regimes denken. Andere Gewaltstrategien wie die fortgesetzten Bombardierungen mit Fassbomben oder das Aushungern zahlreicher Landstriche erwähnen sie nicht.

Die syrische Revolution und die von außen erzwungene Intervention im Irak werden implizit über einen Kamm geschoren. „Seit über 10 Jahren wird der Irak  von Tyrannei und Unterdrückung befreit, um durch noch gröerer Tyrannei und Unterdrückung ersetzt zu werden,“ dichten Fadia und Rihan. Also nicht nach Freiheit streben, weil das nur größeres Leid erzeugt? Irak und Syrien, eine von außen erzwungene Intervention und ein Volksaufstand, sind nicht zu vergleichen. Aber genau das ist es, was Assad der Wet seit 2011 zu vermitteln sucht. Der Freiheitsdrang der Syrerinnen und Syrer hat ihn zu Hochform auflaufen lassen. Wer sich gegen die omnipräsente aber nach Möglichkeit verdeckt gehaltene Repression aufgelehnt hat, bekommt jetzt ein Vielfaches von dem völlig ungeniertund öffentlich obendrauf.

Während vor der syrischen Revolution nicht nur die Repression sondern auch der Widerstand weitgehend im Stillen stattfand, zögern syrische AktivistInnen nun nicht mehr, auch selbst an die Öffentlichkeit zu gehen. Es dauerte nur Tage, bis im Internet eine Parodie auftauchte, in der zwei Syrer mit Perücken und großzügig im Bart verteiltem Lippenstift sich geradezu als die syrische Version von Conchita Wurst präsentieren.

Allein schon im vor Betroffenheit nur so triefenden Augenaufschlag des einen spiegelt sich am Beginn des Videos der Zynismus des Originals wider. Nach der kitschigen musikalischen Eröffnung, die sie dem ursprünglichen Video entlehnen, beten sie nach, was auch heute viele Regime-Anhänger als Narrativ der Revolution präsentieren: eine Handvoll ausländischer Terroristen habe Syrien heimgesucht. Obwohl man ihnen großzügig Reformen und gar eine Amnestie in Aussicht gestellt hätte, hätten sie keine Ruhe gegeben. Und eigentlich sei Bashar gut – nur die „Leute um ihn herum“ A***löcher.