ISIS, IS oder Daesh? Ein Sturm im Buchstabensuppenteller

ISIS-Spott: "Baghdadis Wahl: Omega erhältlich in allen ISIS-Läden in Syrien und Irak" (c) @Al_Khateeb

ISIS-Spott: “Baghdadis Wahl: Omega erhältlich in allen ISIS-Läden in Syrien und Irak” (c) @Al_Khateeb

„Daesh – möge ihrer ‚Herrlichkeit’ ein kurzes Dasein beschieden sein,“ ruft der syrische Intellektuelle Yassin Al Haj Saleh im Dokumentarfilm „Our Terrible Country“ in einer höhnischen Imitation des pompös-bedrohlichen Tons von ISIS’ eigenen Äußerungen. „Daesh,“ sagt er an anderer Stelle und rollt das Wort im Mund, „das klingt, wie eines der Monster aus den Märchen, die man uns als Kinder erzählt hat.“

Die Monstrosität von ISIS übersteigt in vielerlei Hinsicht jedes Fabelwesen. Materiell labt sich ISIS an vielen Quellen – an Financiers gebrach es nicht, auch wenn die Golfstaaten jede Verantwortung von sich weisen; erpresste Schutzgelder von Geschäftsleuten, Lösegeld für Geiseln, die Beute, die sie bei ihren Eroberungen gemacht haben, von Geld und Waffen zu Öl – bevorzugt verkauft an das syrische Regime sichern ihren Fortbestand.

Ideell lebt ISIS von blanker Bestialität. Sie erlaubt ihnen, unter denjenigen zu rekrutieren, die sich entrechtet fühlen und als ISIS-Kämpfer erstmals meinen, über anderen zu stehen und Macht ohne Verantwortung, ohne an Regeln gebunden zu sein, ausüben zu können. Das versetzt ihre Gegner in der Region in Schreckensstarre oder treibt sie in die Flucht: „Ich habe vieles Schlimme erlebt, aber meine Angst war nie größer als in dem Moment, in dem ich gesehen habe, wie ISIS in einen Ort eingefallen ist. Maskierte Bewaffnete, die ohne lange zu fackeln kurz und brutal ihre Macht demonstrieren – das hat ein größeres Grauen ausgelöst, als alles zuvor,“ sagt eine Aktivistin.

Hier versuchen arabische Aktivisten und Medienschaffende, sie zu packen: Trotz oder gerade wegen der ernsthaften Bedrohung durch ISIS laufen die Satiriker zur Hochform auf. So spottet Anthony al Ghosseini, ISIS hätte den Libanon nicht als Eroberungsziel ins Auge gefasst, weil sie schlicht nicht wüssten, wen sie hier stürzen sollten. Auch die Verkehrsprobleme im Land seien einem Vormarsch nach Beirut extrem hinderlich. Dass “der Kalif” mit einer teuren westlichen Uhr gesichtet wurde, veranlasste unter anderem Spott auf Twitter: “Baghdadis Wahl von #Omega nun verfügbar in allen #ISIS Läden in #Syrien und #Irak twitterte @Al_Khateeb. Die Prominenz kam der, des zuvor durch sein pinkfarbenes “Hello Kitty”-Notizbuch berühmt gewordenen Extremistenführers Zahran Alloush, gleich.

ISIS weiß um den Wert der öffentlichen Inszenierung von Brutalität. Anders als viele andere Barbaren, die das Bestreben haben sich als die „eigentlich Guten“ zu vermarkten, die nur, weil sie dazu gezwungen seien, Gewalt ausübten, legt ISIS größten Wert darauf, sich so schrecklich wie möglich in Szene zu setzen.

Das macht sie zum Feind, auf den man sich leicht einigen kann. Gegen ISIS zu sein, ist eine Selbstverständlichkeit, bei der sich keine Regierung leisten kann, zu schweigen. Dass dem nicht unbedingt Taten folgen müssen, zeigt am besten das syrische Regime, das sich von Anfang an und weiterhin in vornehmer Zurückhaltung übt, wenn es darum geht, sie anzugreifen. Die Terrormiliz ist Assads Gelegenheit, sich als das ‚kleinere Übel’ zu inszenieren. Innenpolitisch war es stets ein Herzstück der Assad-Propaganda, sich nicht als normale Herrscherfamilie darzustellen, sondern sich mit gottgleichen Attributen zu versehen: „Assad bis in die Ewigkeit“ und „Assad, der ewige Führer“ waren nur einige der Slogans, die 40 Jahre lang beharrlich auf Stadtmauern und Plakate gepinselt wurden. Die Poster mit den Konferfeis von Hafez al-Assad, Bashar und seinem verstorbenen Bruder Basel zusammen wurden halbernst als Anklang an die Darstellung der Dreifaltigkeit „Vater, Sohn und der heilige Geist“ betrachtet.

Die Dreifaltigkeit: Bassel, Hafez und Bashar al-Assad {c} qifanabki.com

Die “Dreifaltigkeit”: Bassel, Hafez und Bashar al-Assad {c} qifanabki.com

Von einem in die himmlischen Sphären getriebenen Personenkult in Syrien selbst und einer hoffnungsvollen Schönschreibung des Diktators als Beschützer der Minderheiten und säkularem Bollwerk gegen den Extremismus ist es ein weiter Weg, die eigentliche Höllendimension des Regimes zu ermessen. Auf Youtube mangelt es nicht an Videos, in denen Schergen des Regimes sich dabei filmen, Gefangene zu Tode zu quälen. Die 55.000 aus dem Land geschmuggelten Bilder von 11.000 in Assads Gefängnissen totgefolterten, auch noch im Auftrag des Regimes fotografiert, lassen sich augenscheinlich leichter beiseite schieben. Es stand, anders als bei ISIS’ Enthauptungsvideos nicht drauf, dass das eine Botschaft an Amerika oder den Westen sei, warum also sollte man sie verstehen? War was?

Auf internationaler Ebene ruft ISIS blinden Aktionismus hervor, der sich bislang auf unausgegorene Militärstrategien ohne eine entsprechend starke politische Untermauerung erstreckt. Luftschläge gegen ISIS sind zwar ein Anfang, aber dass nicht gleichzeitig ein vehementeres Vorgehen gegen Assad debattiert wird, er in manchen Kreisen sogar als potentieller Partner gesehen wird, führt zu Unmut. Das wiederum stößt im Westen auf Unverständnis. „Jetzt tun wir mal etwas, da ist es auch wieder nicht recht, das ist eine Wasch-mich-aber-mach-mich-nicht-naß-Haltung,“ lautet oftmals die Argumentation. Dabei sehen viele Syrerinnen und Syrer Assad und ISIS als zwei Formen ein und desselben tyrannischen, menschenverachtenden Geistes, ja, dass sie sich in manchen Dingen im wahrsten Sinne bis aufs i-Tüpfelchen gleichen: „Weißt du, als ich nach Raqqa kam und die von ISIS neu angebrachten Ruhmesparolen sah, habe ich mir die Augen gerieben,“ sagt ein Künstler. „Die Schriftzüge zeigten, dass der gleiche Kalligraph am Werk gewesen war.“

Während ISIS’ Attitüde international von Größenwahn zeugt, regiert bei ihrer eigenen Benennung eben die Kleinlichkeit. Sie wollen nicht nur als ‚Islamischer Staat in Irak und Syrien’ (oder der Levante) gesehen werden, da offenbart, dass es keine vorkoloniale einheitlich benannte Entität gibt, auf deren Wiederherstellung sie sich gerne berufen würden. Sie wollen als der islamische Staat schlechthin auftreten. Ihre Grandezza soll nicht durch Abkürzungen geschmälert werden, sie nicht zu einem beliebigen Teil der Buchstabensuppe machen. Deswegen hört bei der Verwendung ihres arabischen Akronyms „Daesh“ („al-Dawla al-Islamiya fi al-Iraq wa al-Sham“) der ohnehin nicht vorhandene Spaß auf. Sie ahnden die weltliche Abkürzungsfreude mit drakonischen Strafen. Dass auch „Dawla“ (Staat) ein moderner Begriff ist, der mit einem historischen Kalifat wenig zu tun hat, ist Nebensache.

In der allgemeinen Ratlosigkeit, wie ISIS beizukommen sei – ganz zu schweigen von einer politischen Lösung, die die Region befrieden könnte-, greift man auch zu rhetorischen Strohhalmen. So gibt es derzeit in Frankreich ein Bestreben, ISIS weder ISIS noch IS zu nennen, sondern stattdessen den unter Extremisten verhassten Begriff „Daesh“ zu verwenden. Wie der französische Außenminister Laurent Fabius sagte: „Es handelt sich hier um eine terroristische Gruppe, nicht um einen Staat. Ich empfehle, nicht den Terminus ‚Islamischer Staat zu verwenden, denn damit verwischt man die Trennlinien zwischen Islam, Muslimen und Islamisten. Die Araber nennen sie ‚Daesh’, und ich nenne sie die ‘kehlenaufschlitzenden Daesh’.”

Ein Eimer voller Schutt – Gaza hat kein (Eis-)wasser

Seit Wochen schütten sich Prominente und Semi-Prominente Eimer mit Eiswasser über den Kopf. Das nervt langsam – zumal von der ursprünglichen Idee, damit Spenden für die Bekämpfung der Nervenkrankheit ALS zu generieren, keine Rede mehr ist.

Eine ganz andere Perspektive haben auf den nassen Unsinn die Menschen in Gaza. Sie mussten einen 50-tägigen Krieg mit weitreichenden Zerstörungen durchleiden. Der halbe Gazastreifen liegt in Schutt und Asche, auch die Infrastruktur für Wasserversorgung und Abwasser ist weitreichend zerstört.

Darauf macht auf zynische Weise in einem Video der Journalist Ayman Al-Alul aus Gaza aufmerksam. “Ich mochte den Eiswasser-Wettbewerb”, sagt er. “Daher habe ich eine palästinensische Version erfunden. Ich habe nach einem Eimer Wasser gesucht, aber Wasser ist in Gaza zu kostbar, als es sich über den Kopf zu schütten. Auch kann man es nicht einfrieren, da es keine Elektrizität gibt.” Die palästinensische Version der Eiswasseraktion geht daher so: Statt Wasser schüttet man sich einen Eimer mit Schutt des Krieges über den Kopf. “Wir haben kein Wasser, aber DAS ist es, was wir haben…”, sagt Ayman al-Alul.

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Heute wurde ein Waffenstillstand erzielt. Es ist zu hoffen, dass er endlich hält. Dann wird auch hoffentlich die grundlegende Wasserversorgung für die Bevölkerung wieder gewährleistet werden können – wenn auch nicht für den Eiswasser-Wettstreit.

 

 

 

 

 

Der Ausverkauf des “blauen Goldes”

 

Mager gefüllter Qaraoun-Stausee, Anfang Juni 2014 (c) Bente Scheller

Mager gefüllter Qaraoun-Stausee, Anfang Juni 2014 (c) Bente Scheller

Beirut ist eine laute Stadt. Alles darf an einem Auto kaputt sein, nur nicht die Hupe und die Alarmanlage, und im Stau dröhnt verlässlich eine Kakophonie der oft vollaufgedrehten Musikanlagen. Die Bars, die Baustellen, und Freudenschüsse und Feuerwerk  zu jedweder Gelegenheit tragen ihr übriges dazu bei. Seit dem Frühling mischt sich noch ein anderes Geräusch in diesen Klangteppich: das Rattern der Pumpen der Wasser-Lkws.

Es war ein trockner Winter im Libanon. Erstmals blieben die Skigebiete aus Schneemangel geschlossen, und ohne Niederschlag sieht es auch für die Wasserversorgung düster aus. Dabei wäre der Bedarf mit so viel mehr Menschen im Lande – weit über eine Million syrischer Flüchtlinge – noch viel größer als in den Vorjahren. Der erste Regen ist erst wieder im Herbst zu erwarten. Bis dahin müssen alle sich mehr recht und schlecht arrangieren.

Manche Leute in Beiruthaben das Glück, auf einer Quelle zu wohnen. Dann hat man immer Wasser. Bei einigen Häusern gibt es hier jedoch den Pferdefuß, dass das Meerwasser so stark ins Grundwasser drückt, dass man nach jeder Dusche mit Salzkristallen überlagert ist. Die anderen Häuser im Stadtzentrum sind an ein marodes Netz der Wasserversorgung angeschlossen, so auch wir. Dass heißt nicht, dass wir rund um die Uhr versorgt sind: der Anschluss wird derzeit zwei Mal die Woche für jeweils vier Stunden geöffnet. So haben alle Wassertanks – einen unten im Hof, einen auf dem Dach. Der Wasserdruck reicht nicht, die oben zu befüllen, sondern von dem unteren pumpt man es jeweils selbst auf sein Dach. Da die Leitungen, porös wie sie sind, unter Friedhöfen und Tankstelen hindurchführen, benutzen wir das Wasser aus dem Hahn weder zum Trinken noch zum Kochen. Wir haben keine Spülmaschine, keine Balkonpflanzen, wir duschen seit Jahresbeginn nur noch mit sorgsam abgemessenem Wasser in Eimern, das wir danach wiederum für die Klospülung und zum Putzen recyclen, und dennoch sitzen wir ständig auf dem Trocknen. Dann bestellt man den Wasser-LKW – eine der vielen privaten Firmen, die mit Tankwagen Wasser liefern.

“Mein Sohn mit seinen zwei Kindern kommt nächste Woche aus den USA zu Besuch – sie können sich das gar nicht vorstellen. Aus Florida kriegen wir jeden Tag besorgte Nachfragen: ‘Habt ihr denn auch genug Wasser, wenn wir kommen?’,” sagt meine Nachbarin. Der Hausverwalter zuckt mit den Schultern: “Was sollen wir tun? Die Wasserwerke begründen das damit, dass unser Haus direkt zwischen zwei Straßen mit vielen Restaurants und Bars liegen – die werden natürlich bevorzugt behandelt.” Auch der benachbarte Bestatter ist verzweifelt: “Kannst du dir das vorstellen? Wir bestellen schon Wasserlieferungen von privaten Firmen. Die kommen nur, wenn man einen Mindestbestellwert hat – aber dann liefern sie davon nur die Hälfte und kassieren doppelt. Den Rest müssen wir ausgleichen, indem wir das Trinkwasser in Kanistern bestellen. Allein heute haben wir so viel sauberzumachen, dass wir mit Tankwagen und abgefülltem Trinkwasser 100 Dollar zahlen,” sagt er und deutet auf die 6-Liter-Flaschen, die sich vor seinem Büro stapeln.

In dieser verzweifelten Lage – normalerweise treten die Engpässe erst im September, Oktober, direkt vor Beginn der Regensaison auf – nimmt es nicht wunder, dass eine Kampagne zur kommerziellen Wasserbewirtschaftung Zulauf hat. “Blaues Gold”, heißt sie. Was wie eine Wertschätzung der Resource Wasser klingen könnte, ist nüchtern betrachtet ein Vorstoß, die Wasserversorgung zu privatisieren. Um in das  Konsortium zu gelangen, das die Kampagne gestartet hat, muss man eine Eintrittsgebühr von 50.000 Dollar entrichten, die jährlichen Beiträge belaufen sich auf 10.000 Dollar. Der Libanon sei ein wasserreiches Land, kann man auf der Webseite nachlesen, aber das Potential der Wasserbewirtschaftung nur zu einem Bruchteil ausgeschöfpft. Doch was so einfach klingt, ist es natürlich nicht: Der karstige Untergrund bietet sich an den meisten Stellen nicht an, um Staudämme zu bauen, da das Wasser schlicht versickern würde. “Sobald klar ist, man möchte das Wasser eigentlich verkaufen, stellt sich natürlich auch die Frage für alle Landwirte: dürfen sie überhaupt noch selbst Wasser in Zisternen sammeln?” fasst es ein Partner der Stiftung zusammen.

Obwohl klar ist, dass es sich hier um eine im Zweifelsfall für BürgerInnen und NutzerInnen ungünstige Kommerzialisierung handelt, sind die Kommentare unter dem Artikel weitgehend positiv: “Gott schütze euch, Jungs, möge dieses Projekt funktionieren.”

Warten auf den Waffenstillstand: Urlaub impossible

Im Gazastreifen fallen die Bomben, über tausend Tote und kein Ende in Sicht. Wie soll man da Urlaub in Deutschland machen? Umso mehr, wenn man dort zahlreiche Freunde und Bekannte hat, und auch Kolleginnen und Kollegen durch die Arbeit der Stiftung. Eigentlich hätte es ein entspannter WM-Sommer werden sollen – für mich und die Fußballverrückten in Palästina und der Region (und dann noch mit so einem grandiosen Ausgang). Und eine Entspannung von den ewigen Frustrationen und Spannungen des Lebens in den besetzten Gebieten. Aber es kam anders, denn nicht nur in den Halbzeitpausen wurde man an die schreckliche Realität erinnert. Omnipräsent waren die Bilder aus dem Gazastreifen, wo die Menschen völlig schutzlos den Angriffen ausgeliefert waren, und omnipräsent war die Sorge um die Freunde dort. Vor allem in den sozialen Medien ein unaufhörlicher Strom von grauenhaften Bildern der Opfern – für mich eben keine anonymen, sondern die engen Freunde und Familien meiner Bekannten. Mittlerweile ist die Schwelle von 1000 Todesopfern überschritten, die meisten Zivilisten, viele Kinder und Frauen. Und warum in aller Welt versagt die Diplomatie auf ganzer Linie bei der Vermittlung eines Waffenstillstandes?

Unterstützen Sie hier bitte unsere Thunderclap-Kampagne für einen sofortigen und nachhaltigen Waffenstillstand!

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Der Versuch abzuschalten scheitert so völlig; auch im Urlaub bediene ich ein paar Presseanfragen, zum Beispiel beim NDR, bei Phönix oder beim Deutschlandradio. Und doch plagt das schlechte Gewissen, nichts tun zu können für die bedrohten Menschen im Gazastreifen.

Auch die schrecklichen Szenen von antisemitischen Ausschreitungen in Paris, aber auch in Deutschland schockieren und belasten mich. Wie kann man so dumm sein, so geschichstvergessen, und bei Demonstrationen für ein Ende des Krieges und gegen die Politik der gegenwärtigen radikalen israelischen Regierung jüdische Enrichtungen anzugreifen, jüdische Bürger oder Synagogen? Und dann wieder erregen mich jene, die jedem notwendigen und legitimen Protest gegen die israelische Politik und die Bombardments Antisemitismus unterstellen oder ihn als “antiisraelisch” diskreditieren wollen.

Ähnliches geschieht, als internationale Fluggesellschaften ihre Flüge nach Tel Aviv absetzen. Und das passiert genau an jenem Tag, als ich mit Lufthansa nach Tel Aviv zurückfliegen möchte. Denn in Yehud, einer kleinen Stadt in der Nähe des Ben Gurion Flughafens, ist eine Rakete eingeschlagen. Auch wenn ich mich selbst nicht unmittelbar gefährdet fühle und am liebsten zurück in die „Heimat“ möchte – schließlich werden 90% aller Raketen vom „Iron Dome“ System abgefangen – man geht doch davon aus und erwartet das auch, dass Fluggesellschaften alle Risiken für ihre Fluggäste ausschließen wollen. Etwas befremdlich waren daher Stimmen in den USA, die politischen Druck zu einer Wiederaufnahme der Flüge machten. Und auch in Deutschland gab es ähnliche Kommentare, sogar aus der Politik – als betroffener Fluggast muss ich doch sagen, dass ich die Risikoanalyse lieber Fachleuten überlasse. Auch manchen Piloten und Crew-Mitgliedern der Lufthansa ging das so. Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, buchen wir schließlich um: Nach Amman. Das ist ein Umweg, und auch die Einreise nach Palästina über Jordanien ist manchmal beschwerlich; so endet ein anstrengender Urlaub. Wenn jetzt endlich ein Waffenstillstand hält und der Gazastreifen eine Zukunft bekommt, wird es bald vergessen sein.

 

Sarg niemals nie

(c) Bente Scheller

(c) Bente Scheller

Sobald die Sonne in Beirut aufgeht, zupft mein kleiner Sohn an mir: “Aufstehen, Mama!” Voller Ungeduld sucht er mir etwas zum Anziehen aus dem Schrank, und dann soll es bitteschön losgehen auf die Straße. Der einzige Laden, der dann schon geöffnet hat, ist das Bestattungsinstitut. Dort kann ich ihm beim Versteckenspielen mit dem Zeitungsverkäufer zuzuschauen. Ich sehe schwarz für alle Vampirfilme, die wir künftig schauen könnten. Wenn sich der Sargdeckel knarrend hebt, wird Laslo durchs ganze Kino brüllen: “Den kenn ich, das ist der Zeitungsverkäufer!” Der neueste Trick ist, sich kreischend in die Vorhänge zu wickeln und vor Vorfreude bebend darauf zu warten, dass der jeweils andere einen entdeckt.

Highlights im Leben sind die Tage, an denen es Blumen von Beerdigungen gibt, und wenn ein Sarg zur Beschriftung mit einem Ende auf einem Stuhl lagert und der daran arbeitende kurz weggeht, fährt mein Sohn mit seinem kleinen Zeigefinger über die goldenen Buchstaben und tut, als könne er lesen – in dem er seinen eigenen Namen buchstabiert. Neulich sahen wir in einem anderen Laden frisch angebrachte, leere Regale, und sofort zirpte er: “Auch so schöne Kisten? Wie beim alten Herrn?”

Wenn der Senior im Beerdigungsinstitut ist, darf Laslo auch ins Büro kommen und sich aus der Süßigkeitendose bedienen. “Was das denn?” fragt er mit Blick auf eine an der Wand befestigte Marienstatue. “Die Jungfrau Maria,” sagt der alte Herr. Laslo nickt wissend: “Und das ein Ventilator!” erwidert er auf deutsch, während er auf das ihm deutlich interessanter erscheinende Objekt neben dem kleinen Schrein deutet.

Dieser Tage laden uns die muslimischen Mitarbeiter des christlichen Ladens aufs Herzlichste zum Fastenbrechen ein, zu dem sie sich stets auf den paar Stühlen im hinteren Ladenteil um das Notfall-Sterbefall-Telefon scharen.Im Ramadan scheinen die sonst gelegentlich spürbaren Spannungen vergessen. Als die christliche Inhaberin des Supermarktes sich vergewissert, dass alle bestellten Waren ordnungsgemäß geliefert worden sind, fragt sie: “Wann ist Fastenbrechen? Erst Viertel vor acht? Ihr Armen, so heiß wie es dieses Jahr ist!” Schulterzuckend einigen sie sich darauf: “Wenn das Allahs Wille ist, muss es wohl so sein.”

Dabei sein ist nicht immer alles: WM-Fieber im Libanon

(c) Sarah Schwahn

(c) Sarah Schwahn

Ein Gastbeitrag von Sarah Schwahn, Büro Beirut

Als ich  den Salon betrete, fragt mich der Frisör, woher ich komme. Deutschland? Er  zieht  die Augenbrauen kritisch nach oben und zeigt auf die Flagge an der Wand. „Wir unterstützen hier Brasilien.“ Aus Sicherheitsgründen entscheide ich mich für die Pediküre bei seiner Kollegin, deren Blick sich wiederum schlagartig aufhellt. „Deutschland!“ ruft sie und deutet auf das schwarzrotgoldene Armband an ihrem Handgelenk.

Szenen wie diese sind seit Beginn der Weltmeisterschaft allgegenwärtig im Libanon. Befestigt an Autos oder komplette Hauswände verdeckend prägen seit einigen Wochen bunte Fahnen der verschiedensten Staaten die Stadtbilder mit. Zwar hat sich die libanesische Nationalmannschaft nie für die WM qualifiziert und die nationale Liga ruft eher mäßige Begeisterung bei den Libanesen hervor, aber Fußball ist und bleibt der populärste Sport im Libanon, und auch die wenig sportbegeisterten Libanesen können sich dem Fußballfieber nicht entziehen. Fast jede Bar und jedes Café überträgt das Turnier in Brasilien, und das nicht nur in den Straßen der belebten Viertel Beiruts, sondern auch in den kleinen Gassen fernab von den Partymeilen.

Einige suchen die Erklärung für diese Fußballbegeisterung in ihrer Kindheit. Deutschland wird im Jahr 1990 Weltmeister, Brasilien holt den Titel vier Jahre darauf. Die Generation fühlt sich erinnert an diese Zeit und fiebert heute, zwanzig Jahre später, mit ihrem Team mit. Es mag hinzukommen, dass in Brasilien fast doppelt so viele Libanesen leben wie im Libanon selbst. Aber nicht nur brasilianische und deutsche Flaggen sind zu sehen. Die Bandbreite ist groß, vielleicht auch deshalb, weil die Fußballfans es genießen sich bei der Fußballweltmeisterschaft ganz unabhängig vom politischen oder religiösen Hintergrund entscheiden zu können, welches Team sie unterstützen.

Das ist zu anderen Gelegenheiten aufgeladener: Ein Fußballspiel Libanon – Iran musste im letzten Herbst vor leeren Rängen ausgetragen werden, aus Sicherheitsbedenken vor Anschlägen aber auch Ausschreitungen, weil es gerade zuvor einen Anschlag a auf die iranische Botschaft Sicherheitsbedenken gegeben hatte.

Und so erklären viele die Fußballbegeisterung mit der angespannten politischen Situation im Libanon. „Die Menschen sind es leid, die Nachrichten einzuschalten und Berichte über terroristische Anschläge oder die gescheiterten Suche nach einem Präsidenten zu sehen. Da ist die Weltmeisterschaft eine willkommene Abwechslung“, erzählt mir ein Fußballfan während einer Übertragung. Eine Barkeeperin aus Hamra findet eine ganz ähnliche Erklärung. „Für viele Libanesen bedeutet die Weltmeisterschaft einen ganzen Monat der Ablenkung von Politik. Es ist wie Doping für die Leute“, sagt sie. So ist der Sport für die Libanesen, die sonst gerne Witze über die Politik im eigenen Land machen, eine andere Gelegenheit, sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen: Haid, ein Mitarbeiter unseres Büros, wurde von unserer Kollegin Noor nach dem Ausscheiden seiner Mannschaft, Spanien, auf eine Werbeanzeige für einen nur zweimal verwendeten TV Receiver hingewiesen – günstig abzugeben von einem Spanien-Fan. Nicht nur in den Cafés, sondern auch in den Büros geht es also schnell ähnlich zu, wie bei Diskussionen über Politik. Jeder hat seine ganz eigene Meinung zur richtigen Strategie, und nicht ganz ernst gemeinte Gräben tun sich auf zwischen den Anhängern verschiedener Mannschaften. Trotzdem, was immer die Gründe für die libanesische Fußballbegeisterung sind, ich muss zugeben: Das Fußballfieber im Libanon ist eindeutig ansteckend.

Ich bin kein Kronleuchter? Ein Logo und seine Geschichte

anamachitria

Bei marokkanischen Usern der sozialen Medien kursiert aktuell ein Logo, auf dem ein durchgestrichener Kronleuchter zu sehen ist und unter dem steht „anamachitria“ (auf deutsch: „Ich bin kein Kronleuchter“). Was hat es damit auf sich?

Die marokkanische Vereinigung „Papier pour tous“ (Papiere für alle) hatte im März eine drei monatige Sensibilisierungskampagne  gegen Rassismus und Diskriminierung lanciert, die den Titel trägt:  „Anamasmitichazzi“ (auf deutsch  übersetzt etwa: „ich heiße nicht Nigger“).

Marokko erlebt seit letztem Sommer einen radikalen Politikwechsel was seine Einwanderungspolitik betrifft. Erklärte sich das Land bisher als Transitland, und ignorierte weitgehend die Anliegen der bis zu 40 000 nicht formal registrierten Flüchtlinge und Migranten, so erkennt Marokko seit einer königlichen Rede im September 2013 die Realität an und bemüht sich, dieser gerecht zu werden: angekündigt wurde eine rasche Registrierung der bisher informell im Land sich aufhaltenden Menschen. Ebenso wurden 3 Gesetzesinitiativen angekündigt: ein Gesetz gegen Menschenhandel, ein Gesetz für legale Registrierung bisher nicht registrierter sich in Marokko aufhaltender Menschen und ein Asylgesetz. Seit Januar 2014 können unregistriert in Marokko lebende Personen nun einen Antrag auf Registrierung abgeben.

Bis Anfang Juni hatten 15500 Menschen dies getan, allerdings wurden nur 1150 davon mit einer einjährigen Aufenthaltsgenehmigung beantwortet. Das heißt, 92, 6% der Anträge wurden abgelehnt. Was mit diesen Menschen jetzt passiert, ebenso wie mit denjenigen, deren Aufenthaltsgenehmigung nach 1 Jahr abläuft, ist nicht bekannt. Der marokkanische Staat unternimmt parallel Anstrengungen zur Inklusion der registrierten Flüchtlinge: sie sollen Zugang zum Arbeitsmarkt und zu sozialer Sicherung erhalten sowie ihre Kinder Zugang zu Schulbildung.

Die Kampagne gegen Rassismus und Diskriminierung möchte – parallel zu diesem offiziellen Politikwechsel – für die Inklusion subsaharischer Flüchtlinge in der marokkanischen Gesellschaft sensibilisieren. Bisher sind die in Marokko auf ihrem Weg ins Eldorado Europa gestrandeten Flüchtlinge weder in den Arbeitsmarkt integriert noch haben sie Zugang zum Gesundheits- und Bildungswesen. Es gibt viele Familien, in denen schon in 2. Generation Menschen offiziell nicht existierend in Marokko in ärmlichsten Behausungen oder in Wäldern leben. Die Haltung in der marokkanischen Gesellschaft ist wenig integrierend und wertschätzend.

In Anlehnung an den Titel dieser Kampagne und ihr Logo haben nun user der sozialen Medien ein neues Logo kreiert, um auf die jüngsten Äußerungen des Premierminister Benkirane zu reagieren:  am 17. Juni rief dieser im Parlament Marokkos Frauen dazu auf, zu ihrer natürlichen Rolle zurückzufinden. „Frauen seien wie Kronleuchter“ so der Regierungschef. Seit sie zur Arbeit gingen sei das marokkanische Haus dunkel! Arbeitende Frauen hätten nicht die Zeit für die Erziehung ihrer Kinder und Familie. Benkirane hat damit offen die Entwicklung der marokkanischen Gesellschaft bedauert und das „europäische Modell“ verurteilt.

Ungefähr 200 Menschen, vor allem Frauen, protestierten daraufhin am 24. Juni in Rabat gegen diese Äußerungen. Kräfte der Zivilgesellschaft – unter anderen die Coalition civile pour l’application de l’article 19 de la Constitution – hatten zu einem Protestmarsch vor dem Parlament in Rabat aufgerufen und verurteilten die Äußerungen des Regierungschefs. Diese stünden im Gegensatz zu Artikel 19 der Verfassung, welcher zu Gleichheit der Geschlechter verpflichtet und für Männer und Frauen die gleichen Rechte und Freiheiten einfordert – politisch, ökonomisch, sozial, kulturell. Wie viele Artikel der reformierten Verfassung von 2011 ist jedoch auch der Artikel 19 bis heute nicht praktisch umgesetzt.

Die sozialen Medien bleiben aktiv – heute erschien die frankophone Version der marrokkanischen Kronleuchter:

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anamachitria

Ich bin kein Kronleuchter? Ein Logo und seine Geschichte

Bei marokkanischen Usern der sozialen Medien kursiert aktuell ein Logo, auf dem ein durchgestrichener Kronleuchter zu sehen ist und unter dem steht „anamachitria“ (auf deutsch: „Ich bin kein Kronleuchter“). Was hat es damit auf sich?

Die marokkanische Vereinigung „Papier pour tous“ (Papiere für alle) hatte im März eine drei monatige Sensibilisierungskampagne  gegen Rassismus und Diskriminierung lanciert, die den Titel trägt:  „Anamasmitichazzi“ (auf deutsch  übersetzt etwa: „ich heiße nicht Nigger“).

Marokko erlebt seit letztem Sommer einen radikalen Politikwechsel was seine Einwanderungspolitik betrifft. Erklärte sich das Land bisher als Transitland, und ignorierte weitgehend die Anliegen der bis zu 40 000 nicht formal registrierten Flüchtlinge und Migranten, so erkennt Marokko seit einer königlichen Rede im September 2013 die Realität an und bemüht sich, dieser gerecht zu werden: angekündigt wurde eine rasche Registrierung der bisher informell im Land sich aufhaltenden Menschen. Ebenso wurden 3 Gesetzesinitiativen angekündigt: ein Gesetz gegen Menschenhandel, ein Gesetz für legale Registrierung bisher nicht registrierter sich in Marokko aufhaltender Menschen und ein Asylgesetz. Seit Januar 2014 können unregistriert in Marokko lebende Personen nun einen Antrag auf Registrierung abgeben.

Bis Anfang Juni hatten 15500 Menschen dies getan, allerdings wurden nur 1150 davon mit einer einjährigen Aufenthaltsgenehmigung beantwortet. Das heißt, 92, 6% der Anträge wurden abgelehnt. Was mit diesen Menschen jetzt passiert, ebenso wie mit denjenigen, deren Aufenthaltsgenehmigung nach 1 Jahr abläuft, ist nicht bekannt. Der marokkanische Staat unternimmt parallel Anstrengungen zur Inklusion der registrierten Flüchtlinge: sie sollen Zugang zum Arbeitsmarkt und zu sozialer Sicherung erhalten sowie ihre Kinder Zugang zu Schulbildung.

Die Kampagne gegen Rassismus und Diskriminierung möchte – parallel zu diesem offiziellen Politikwechsel – für die Inklusion subsaharischer Flüchtlinge in der marokkanischen Gesellschaft sensibilisieren. Bisher sind die in Marokko auf ihrem Weg ins Eldorado Europa gestrandeten Flüchtlinge weder in den Arbeitsmarkt integriert noch haben sie Zugang zum Gesundheits- und Bildungswesen. Es gibt viele Familien, in denen schon in 2. Generation Menschen offiziell nicht existierend in Marokko in ärmlichsten Behausungen oder in Wäldern leben. Die Haltung in der marokkanischen Gesellschaft ist wenig integrierend und wertschätzend.

In Anlehnung an den Titel dieser Kampagne und ihr Logo haben nun user der sozialen Medien ein neues Logo kreiert, um auf die jüngsten Äußerungen des Premierminister Benkirane zu reagieren:  am 17. Juni rief dieser im Parlament Marokkos Frauen dazu auf, zu ihrer natürlichen Rolle zurückzufinden. „Frauen seien wie Kronleuchter“ so der Regierungschef. Seit sie zur Arbeit gingen sei das marokkanische Haus dunkel! Arbeitende Frauen hätten nicht die Zeit für die Erziehung ihrer Kinder und Familie. Benkirane hat damit offen die Entwicklung der marokkanischen Gesellschaft bedauert und das „europäische Modell“ verurteilt.

Ungefähr 200 Menschen, vor allem Frauen, protestierten daraufhin am 24. Juni in Rabat gegen diese Äußerungen. Kräfte der Zivilgesellschaft – unter anderen die Coalition civile pour l’application de l’article 19 de la Constitution – hatten zu einem Protestmarsch vor dem Parlament in Rabat aufgerufen und verurteilten die Äußerungen des Regierungschefs. Diese stünden im Gegensatz zu Artikel 19 der Verfassung, welcher zu Gleichheit der Geschlechter verpflichtet und für Männer und Frauen die gleichen Rechte und Freiheiten einfordert – politisch, ökonomisch, sozial, kulturell. Wie viele Artikel der reformierten Verfassung von 2011 ist jedoch auch der Artikel 19 bis heute nicht praktisch umgesetzt.

Die sozialen Medien bleiben aktiv – heute erschien die frankophone Version der marrokkanischen Kronleuchter:

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Der Klang der Revolution – Samir-Kassir-Preis für “Street Music”

Orwa al-Meqdad in the Award Ceremony (c) Bente Scheller

Orwa al-Meqdad in the Award Ceremony (c) Bente Scheller

Jedes Jahr am 2. Juni wird in Beirut der Samir-Kassir-Preis für Medienfreieheit verliehen. Unterstützt von der Europäischen Union sichtet die Samir-Kassir-Stiftung hunderte von Beiträgen aus der gesamten arabischen Welt und lässt eine wechselnde Jury in drei Kategorien den besten Beitrag.

In der Rubrik “investigativer Journalismus” gewann dies Jahr Hanene Zbiss aus Tunesien mit einem Beitrag über Koran-Kindergärten in Tunesien. Der ägyptische Journalist Mohammad Aboul Ghit wurde für seinen Kommentar: “Saison der lebenden Toten” ausgezeichnet, in dem er die Wandlung der Mubarak-Gegner in Sisi-Befürworter beschreibt.

In der audiovisuellen Komponente setzte sich der syrische Regisseur Orwa al-Meqdad durch. Während die Region von Krieg und Anspannung geprägt ist, wird hier ein Beitrag über syrische Straßenmusik im Libanon ausgezeichnet: „Street Music”.

Aus "Steet Music". (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audiovisual Arts

Aus “Steet Music”. (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audiovisual Arts

Mit diesem Kurzfilm wirft der syrische Regisseur Orwa
al-Meqdad einen eindrucksvollen Blick auf das Medium Musik als Waffe
des friedlichen Widerstands und als gleichzeitige Ausdrucksform von
Heimat und Geborgenheit. Diese scheinbar widersprüchliche Perspektive
spiegelt wider, wie syrische Exilanten trotz ihres nicht selten
„schizophrenen“ Alltags den Herzschlag Beiruts mitgestalten.
Die Dokumentation stellt drei Musiker und eine Sängerin vor, die sich
in Beirut kennengelernt haben und in der Wohnung eines gemeinsamen
Freundes proben. Sie zeigt, wie ihre unterschiedlichen Charaktere den
Sound der Stadt um eine weitere Facette bereichern. Passend dazu ist es
die pulsierende und lebhafte Hamra Street, die sich in eine
vorübergehende Bühne für die vier Musiker verwandelt. Mit ihrer Musik
drücken sie ihre ganz eigene Erinnerung an Syrien aus, und finden
mitunter zu einem vollkommen neuen Verständnis ihrer Heimat.

Szene aus "Street Music" (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audivisual Arts

Szene aus “Street Music” (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audivisual Arts

Wenn auch Musik nicht den Lärm von Gewehrfeuer übertönen mag, wie sich einer der portraitierten Künstler ausdrückt, wird sie zur Ausdrucksform der kleinen Gruppe, und damit sowohl zum Produkt verschiedener
Lebensgeschichten wie auch selbst zum identitätsbestimmenden Medium.
Letztlich beleuchtet Orwa al-Meqdad mit seiner Hommage an das
Potential der syrischen Revolution den Versuch vier junger Menschen,
einen vorübergehenden Platz in einer ihnen fremden Gesellschaft zu
finden. Er zeigt, wie Musik zugleich symbolische Waffe sein und zu
einem Ort der Geborgenheit werden kann, und mit den Instrumenten in
den Händen scheint es, als würden Musiker die
Kontrolle nicht nur über ihr eigenes Schicksal, sondern über die
gesamte syrische Revolution zurückzuerringen versuchen. “Street Music” ist eine Produktion der syrischen Organisation Bidayyat for Audivisual Arts, deren Kurzfilme auf einem eigenen Youtube-Kanal abrufbar sind.

Der Preis, der nach dem im Jahr 2005 ermordeten
libanesischen Journalisten Samir Kassir benannt ist, ist offen für
Einsendungen aus der gesamten arabischen Welt und wird von der
Europäischen Union gefördert.

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Dieser Beitrag stammt von Sarah Schwahn, derzeit Praktikantin im Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung, und Bente Scheller.

Die Show hat begonnen!

Seit dem 22. Mai hat die libanesische Regierung Syrern im Libanon „alle politischen Aktivitäten“ untersagt. Das scheint sich nicht auf Assads Wahlkampf zu erstrecken. Umzüge und Lautsprecherwagen von Assadgetreuen sind unbeirrt weiter durch Beiruter Stadtviertel gefahren. Auch auf der Straße vom Flughafen in die Stadt lacht einem Bashar al-Assad von Plakaten seiner „Sawa“ – „Gemeinsam“ – übertitelten Wahlkampagne entgegen.

Am 29. Mai sind die Straßen um die syrische Botschaft im Beiruter Vorort Yarzeh herum verstopft, weil Exilsyrer hier schon jetzt ihre Stimme für die Präsidentschaftswahlen am 3. Juni abgeben können. Die Bilder, die einen immensen Andrang zu zeigen scheinen, gehen um die Welt. Das ist einer der Gründe, warum man die vorherigen Diskussionen um das Aufstellen von Wahlurnen in der Bekaa-Ebene stillschweigend hat fallenlassen: In den engen Straßen des Wohnviertels wirken schon ein paar Hundert, als handele es sich um einen Sommerschlussverkauf.

Mein Kollege Haid erzählt von einer Konversation zwischen zwei Syrern, von denen einer sich im kleinen Tante-Emma-Laden um die Ecke verdingt: „Der eine hat den anderen gefragt, ob er schon wählen war, und als der verneinte, hat er weitergefragt: ‘Warum nicht? Alle Syrer gehen heute wählen.’ Der andere hat nur gesagt: ‘Nein. Nicht alle.'” Viele müssten arbeiten und können da nicht einfach weg. Ein libanesischer Angestellter habe gespottet, man solle sich nur mal anschauen, wie dieser ganze Wahlzirkus abgehalten werde. “Das ist, als wäre es die Hochzeit des Staates – all die jubelnden Leute mit ihren Fähnchen … ” Die ebenfalls libanesische Ladenbesitzerin habe daraufhin nur den Kopf geschüttelt – was Syrien doch für ein verrücktes Land sei, dass eine Million Bürger in den Libanon geflüchtet sei, aber sich jetzt darum drängelte, hier für Assad zu stimmen. “Warum sind sie alle hier? Verstehe ich wirklich nicht.”

Gewiss gibt es auch im Libanon Assad-Anhänger. Inwieweit sich die hier befindlichen Flüchtlinge allerdings fühlen, als hätten sie die tatsächlich eine Wahl ist fraglich. Das liegt nicht daran, dass die nahezu unbekannten Gegenkandidaten Assads aus seinen eigenen Reihen kommen und nur antreten dürfen, weil sie chancenlos sind. Es ist vielmehr die prekäre Situation der Syrer im Libanon, die für einen Großteil des Andrangs an den Wahlurnen bei der syrischen Botschaft verantwortlich sein dürfte. Seit der Wahltermin feststeht, geht das Gerücht um, dass die syrische Botschaft eine Liste führt, wer seine Stimme abgibt. Nichtwählern, so heißt es, werde die syrische Staatsbürgerschaft entzogen oder sie dürften nicht mehr nach Syrien einreisen. Besuche von “einer libanesischen Partei” und Mitarbeitern der syrischen Botschaft in Flüchtlingssiedlungen in der Bekaa-Ebene sollen ihr übriges dazu beigetragen haben, die Furcht vor dem Nichtwählen zu schüren.”

Gerüchte über Sanktionen für Nichtwähler gab es auch bei vorigen Wahlen. Doch egal wie wenig glaubhaft ein Gerücht sein mag, in einer Situation der Unsicherheit entwickelt es eine eigene Dynamik. Allen ist klar, wie angreifbar sie hier im Libanon sind. Die Flüchtlinge haben gesicherten rechtlichen Status, und der Arm des syrischen Regimes ist lang.

Am 11. Mai bekundete eine “arabisch-syrischen Arbeitervereinigung” im Fernsehen, sie werde sich jetzt um die Rechte der syrischen Arbeiter im Libanon kümmern. Deswegen sollten diese sich umgehend dort registrieren. “Ich habe noch nie vorher von dieser Vereinigung gehört, dabei behaupten sie, dass sie seit 1977 besteht,” sagt meine Kollegin Hiba, “und ausgerechnet jetzt treten sie in Erscheinung?”

Angesichts der chaotischen Szenen um die syrische Botschaft herum und des ostentativen Jubels für Bashar al-Assad fordern Mitglieder der libanesichen Bewegung 14. März, Assad-Anhänger des Landes zu verweisen. Ihr Verhalten sei eine Provokation der Libanesen, und wenn sie Assad unterstützten, sollten sie das lieber in ihrem eigenen Land tun, als ihren Nachbarn das Leben schwerzumachen. In der Tat steht das selbstbewusste Feiern der Assadtreuen an diesem Tag in einem für viele Libanesen bitteren Kontrast zu dem hohen Preis, den der Libanon in dieser Krise zahlt.

Trotz aller Bemühungen, die Wahlen als Machtdemonstration zu inszenieren, scheint es am ersten Tag noch nicht gereicht zu haben. Spontan wird der Schluss des improvisierten Wahllokals um einen Tag verlängert.