Beautiful Trouble – Theaterworkshop im Flüchtlingslager Al Jalasoun

Herunterhängende Kabel, schmale verwinkelte Gassen, verfallendes Mauerwerk. In Al Jalasoun bei Ramallah, einem der zahlreichen Flüchtlingslager im besetzten Westjordanland, wo sich ein Haus an das andere drängt, dominieren Männer das Straßenbild. Auch ich habe während meiner Besuche im Lager nur wenige Mädchen und Frauen auf der Straße gesehen und mich – und letztendlich einige Bekannte – gefragt, wo sie wohl ihre Zeit verbringen. „Meistens sind sie zuhause“ war die häufigste Antwort, die ich bekam.

Doch heißt dies automatisch, dass Frauen hier weniger zu sagen haben? Und wer fragt sie? Wer fragt die Einwohnerinnen des Camps, ob es den Raum gibt, ihre persönliche Situation in Ruhe anzusprechen? Damit meine ich auch einen physischen Raum, der für alle Frauen zugänglich und öffentlich ist, um Gespräche zu führen, die nur mit bestimmten Menschen geführt werden wollen. Ich stelle mir das schwierig vor, auf den wenigen Quadratkilometern des Lagers, wo nahezu 10.000 Menschen leben.

Um dieser Frage nach Raum auf den Grund zu gehen, haben meine Freunde Alaa Zubaide und Jawdat Sayyeh und ich, Praktikantin der Heinrich-Böll-Stiftung Ramallah, Einwohnerinnen des Camps im Alter von 13 bis 30 Jahren zu einem eintägigen Theaterworkshop eingeladen, den wir gemeinsam und mit Unterstützung der HBS zum Thema „Theater der Unterdrückten“, organisiert haben.

Dabei haben wir die Feststellung von Hannah Arendt zum Ausgangspunkt genommen, dass Privates politisch ist und demnach Diskussionsgegenstand der Öffentlichkeit. Diese These wird praktisch angewandt im „Theater der Unterdrückten“, wie es etwa am Freedom Theater in Jenin praktiziert wird. Es speist sich aus der Logik, eigene Erfahrungen zur Grundlage von Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu machen. Zuschauende werden zu Darstellenden, indem sie in das Geschehen auf der Bühne eingreifen und ihren Lösungsvorschlag für das dargestellte Problem testen können.

Einen geeigneten Ort für unseren Workshop fanden wir im Women’s Programs Center, einige hundert Meter hinter dem Eingang zum Camp. Es ist ein langgestreckter zweistöckiger Bau. In der Eingangshalle würdigt ein überdimensioniertes Metallschild die ausländischen Spender der Einrichtung.

 

Jede der zwölf Mädchen und Frauen, die nun mit uns im Stuhlkreis sitzen, lebt in Al-Jalasoun. Ihre Namen will ich aus Rücksicht auf ihre Privatsphäre nicht nennen.

Während der Planung des Workshops hatten wir viel darüber gesprochen, dass wir auf jeden Fall verhindern wollen, koloniale Strukturen zu reproduzieren und versuchen wollen, dem hier allgegenwärtigen Paternalismus zu entgehen. Ich möchte nicht als weiße Europäerin Frauen aus einem palästinensischen Flüchtlingslager beibringen, wie sie mit Konflikten, und dann noch privaten, umzugehen haben. Daher betonen wir zu Beginn des Workshops, dass es keine starren Strukturen gibt, sondern Ablauf und Methoden flexibel sind.

Nach einer ausführlichen Vorstellungsrunde und dem einstimmigen Beschluss, dass mein Bekannter Alaa gerne als Übersetzer im Raum bleiben könne, sehen wir uns gemeinsam den Kurzfilm „Shadi in the Beautiful Well“ an. Ein palästinensischer Junge tauscht hier seine neuen Turnschuhe gegen seine geliebte Taube, die ihm von anderen Jungen im Lager gestohlen wurde, anstatt sie sich gewaltvoll zurück zu erkämpfen.

Zugegebenermaßen, ich hätte nicht erwartet, dass die Teilnehmerinnen die kurz zuvor angekündigte Flexibilität bereits so kurz nach Beginn des Workshops einfordern würden. Nach meiner anfänglichen Überforderung, spüre ich jedoch, dass dies das Richtige ist. Alaa und ich sind nun diejenigen, die zuhören.

Als nach dem Film die erste praktische Einheit beginnen soll, finden wir uns nicht wie geplant in der pantomimischen Darstellung der Konflikte wider, die vom Film auf die Realität übertragbar sind. Vielmehr wird von den Teilnehmerinnen meine Rolle hinterfragt und mit ihr eine eurozentrische Sichtweise. Diese Diskussion wird von meiner Eingangsfrage nach der Filmvorführung ausgelöst:

„Vor dem Hintergrund des Films, was bedeutet Freiheit in einem weiterem Sinne für jede Einzelne von euch?“

Die kritische Antwort einer älteren Teilnehmerin folgt blitzschnell:

“Frieden einzig und allein in mir selbst zu finden, ist für mich nicht akzeptabel. Hör zu: es gibt keinen Frieden, nur Mauern. Wie kann es Frieden geben, wenn ich in diesem Land nicht frei bin??”

Im Raum, hinter den zugezogenen, mit Blüten bestickten Vorhängen herrscht nun betretenes Schweigen. Von draußen ist der vorher nur im Hintergrund wahrnehmbare Alltagslärm deutlich zu hören. Das Herz pocht mir bis zum Hals. Jetzt habe ich es doch getan und mich in einen bis zum Rand mit Eurozentrismus gefüllten Fettnapf gesetzt. Ich habe mit meiner Frage nämlich die Besatzung beiseitegelassen, wollte mich auf vermeintlich Essentielles beschränken, auf die Freiheit jenseits der Besatzung. Im europäischen Kontext gelingt das ganz großartig. Aber hier? Nicht einmal einen Kilometer Luftlinie entfernt von der israelischen Siedlung Beit El, hier sicher nicht. Ich komme mir wahnsinnig anmaßend vor. Dabei wollte ich eigentlich „nur“ auf tieferliegende Probleme blicken, die die Teilnehmerinnen und ich, als Frauen, vielleicht etwas einfacher bearbeiten, aber seltener thematisieren können. Mir fällt es, mit meinem deutschen Pass und den dazugehörigen Privilegien, leicht die Besatzungsrealität auszublenden und über persönliche Themen wie Sexismuserfahrungen zu sprechen. Für die Frauen, deren Leben geprägt ist von Soldaten, die sie und ihre Familien aus dem Schlaf reißen, von Konfrontationen mit der israelischen Armee und ewigen Checkpoint-Kontrollen, lässt sich nicht so einfach eine Grenze zwischen innerer und äußerer Freiheit ziehen.

 

Eine junge Frau, die merkt, wie unwohl ich mich fühle, eilt mir zur Hilfe. Sie greift meine Frage auf und stellt sie selbst.

„Aber stell dir vor, Palästina würde befreit. Was müsste sich ändern, damit wir uns wirklich frei fühlten?“

Die Theatermethoden, mit denen wir eigentlich den Workshop durchführen wollten, sind in den Hintergrund gerückt. Stattdessen tauchen wir in eine spannende Diskussion um die Themen ein, die von den eingeladenen Frauen bestimmt werden. Eine dritte Teilnehmerin führt das Argument weiter:

„Ich glaube nicht an Freiheit in einem weiteren Sinne, weil es Traditionen und Gewohnheiten gibt, die die Leute einschränken. Und Frauen und Mädchen sind besonders eingeschränkt.“

„Die Enge des Camps führt zu Enge in den Köpfen!“

wirft eine Schülerin dazwischen. Rundherum zustimmendes Lachen. Für Frauen gibt es in  der palästinensischen Gesellschaft, wie in anderen Gesellschaften auch, aber erst recht in der drangvollen Enge der Flüchtlingslager, weit mehr Verhaltensregeln als für Männer. So können sich Frauen nicht einfach in Coffeeshops auf ein Pläuschchen bei Tee und Wasserpfeife treffen. Und nach sechs Uhr abends alleine auf der Straße zu sein, wird auch nicht gerne gesehen. Es ist nicht einfach, als Frau in der palästinensischen Gesellschaft Raum nur für sich selbst zu reklamieren. Die junge Schülerin fügt erklärend hinzu:

 „Es hängt von dem Mann ab, mit dem du zusammen bist. Wenn ich einen liberalen Typen hätte, würde ich mit ihm von hier wegziehen.“

Als ich die Teilnehmerinnen weniger später frage, wie sie ihre Privatsphäre beurteilen, antwortet mir eine vierfache Mutter aufgebracht: „Mauer an Mauer, Tür an Tür, Fenster an Fenster“. Das Leben auf beengtem Raum, verhindert nicht nur die physische Ausdehnung öffentlicher Begegnungsräume, sondern schafft ein Netz der sozialen Kontrolle, das abweichendes Verhalten schnell entlarvt und gegebenenfalls sanktioniert.

Moralische Bedenken gibt es in der palästinensischen Gesellschaft auch in Bezug auf Erwerbstätigkeit von Frauen. Eine Teilnehmerin berichtet, ihr Vater würde ihr nicht erlauben, außerhalb des Camps zu arbeiten, aus Sorge, sie könnte an den Checkpoints sexueller Belästigung ausgesetzt sein. Eine junge Frau, die erst vor kurzem in Finanz- und Steuerrecht  graduierte, ergänzt resigniert, dass auch sie aufgrund der Vorbehalte ihres Vaters nicht in eine andere Stadt ziehen könne. Starke Rückbesinnung auf Traditionen gibt einigen Menschen Sicherheit, wenn die Umwelt als bedrohlich wahrgenommen wird – aber sie schränkt eben auch ein.

Die Unterdrückungsmechanismen von Patriarchat und Besatzung greifen in Al Jalasoun eng ineinander. Sie zu thematisieren war ein wichtiger Schritt für uns. Noch bedeutender allerdings war die autonome Dynamik, die unser Workshop entfaltete und die zu einer solidarischen Atmosphäre führte. Die Begegnung mit den Mädchen und Frauen aus dem Flüchtlingslager Al Jalasoun war ein einzigartiges Erlebnis für mich. Für die Zukunft würde ich mir aber wünschen, dass solche Workshops nicht von einer Frau aus Europa, sondern von einer Palästinenserin selbst gegeben werden.

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Nina Siebert hat bei der hbs Ramallah ein Praktikum absolviert und studiert in Marburg Friedens-und Konfliktforschung. Sie hat während längerer Aufenthalte im Libanon und Palästina u.a. in palästinensischen Flüchtlingscamps gearbeitet und beschäftigt sich derzeit mit politischer Bildungsarbeit und kritischer Geschlechterforschung.

Der Vogel stinkt immer vom Kopf

"Bald am Beiruter Flughafen" - AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

„Bald am Beiruter Flughafen“ – AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

Massentötungen von Seevögeln, die Müllkrise, und wie all das mit der bewegten Geschichte Libanons zu tun hat

Ein Gastbeitrag von Mohamad Hassan Mansouri

Der Himmel über den Stränden Beiruts ist seit Mitte Januar überraschend leer. Wo sich sonst besonders Seevögel tummelten, herrscht Mitte Januar gähnende Leere. Besonders fällt das den Fischern auf. : „Natürlich vermisse ich sie. Sie waren unterhaltsam,“ zitiert die New York Times Mohammad Jradi, der seit 20 Jahren fischt Wie für ihn waren die Seevögel für viele andere Fischer stete Begleiter. Heute ist es einsam um sie geworden, nachdem innerhalb von drei Tagen im Januar angeblich 10.000 Vögel abgeschossen wurden.

Angelockt hatte die Vögel die „Costa Brava“, ein Küstenabschnitt wenige Kilometer südlich des einzigen internationalen Flughafens des Libanons. Hier lieh sich in hoffnungsvolleren Zeiten ein Strandressort den Namen des populären europäischen Touristenstrandes. Wo sich einst ausländische Tourist/innen und Libanes/innen am Strand erholten, türmt sich heute  provisorisch in Säcke gepresster Müll. Weil hier im letzten Jahr viel mehr abgeladen wurde, als die Deponie eigentlich verkraften kann, ist Costa Brava, wie der libanesische Blogger Claude el Khal schrieb, zu einem „riesigen kostenlosen libanesischen Restaurant“ für Vögel geworden.

In ihrer Masse begannen sie schließlich Starts und Landungen auf Beiruts Flughafen zu gefährden. Internationale Fluggesellschaften drohten, ihre Flüge in den Libanon einzustellen, weil Vogelschwärme in die Triebwerke geraten und die Maschinen zum Absturz bringen könnten. Umweltorganisationen hatten schon lange davor gewarnt und eine dauerhafte Lösung des Müllproblems gefordert.

Zunächst signalisierte das Umweltministerium, über eine Lösung nachzudenken – allerdings nicht die Schließung der Deponie, sondern lediglich Abschreckungsmaßnahmen für die Vögel. Am 14. Januar dieses Jahres nahm sich eine Gruppe von Jägern des Problems an – angeblich bezahlt durch die Regierung in einem  von Middle East Airlines gesponserten Bus kamen sie zur Küste und schossen Tausende Vögel vom Himmel.

Dieser Zwischenfall erzürnte libanesische Umweltaktivisten und lenkte den Fokus zurück auf die weiterhin ungelöste Müllkrise von 2015. Um die Proteste einzudämmen, hatte die Regierung gegen den Widerstand der Anwohner die Wiedereröffnung einiger längst überfüllter Mülldeponien beschlossen. Das ermöglichte den Abtransport des Abfalls aus Beirut und Mount Lebanon, und nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ legten sich die Proteste, an denen Tausende teilgenommen hatten.

Umweltaktivist/innen warfen der Regierung u.a. einen Bruch der Konvention von Barcelona vor, welche das Errichten von Mülldeponien an der Mittelmeerküste untersagt.

Jedoch war es vorauszusehen, dass die neuen Deponien und der neue Plan vom damaligen Agrarminister Chehayeb die Abfallproblematik nicht auf Dauer lösen können. Um zu verstehen, warum sich die Lösungsansätze ständig zwischen der Schließung alter und der Eröffnung neuer Deponien bewegen, lohnt sich ein Blick in die Nachkriegsgeschichte des Libanon.

Am 13. Oktober 1990 marschierten libanesische und syrische Streitkräfte im Präsidientenpalast ein und General Michel Aoun gab seine Kapitulation bekannt. Damit endete nach 15 Jahren ein Krieg, der das Land beinahe vollständig zerstört hatte. Dabei wurde auch vieles der Vorkriegsordnung zerstört und neue Machtverhältnisse ersetzten alte. Das 1977 gegründete Council for Development and Reconstruction (CDR) wurde 1992 wiederbelebt und wurde zum wichtigsten Instrument für den Wiederaufbau der Infrastruktur des Landes.

Gleichzeitig waren die Arbeiten und Vorgehensweisen des CDR immer begleitet von Korruptions- und Parteilichkeitsvorwürfen. Hauptakteur in der Abfallwirtschaft des Landes ist die private Firma Sukleen, welche auf die Abfallentsorgung spezialisiert ist, allerdings wenig im Bereich Mülltrennung und –beseitigung unternimmt. Ihr wird aufgrund ihrer Näher zur Familie Hariri vorgeworfen, Ausschreibungen trotz wettbewerbsunfähiger Preise für sich zu entscheiden. So kam es, dass Sukleen 1994 in einer Ausschreibung für 3,6 Millionen US Dollar zum beinahe alleinigen Abfalldienst  im gesamten Land wurde. Schon damals stand die skandalöse Schätzung im Raum, dass eine dezentralisierte Abfallbeseitigung in den Kommunen nur die Hälfte dieser Summe gekostet hätte und Korruptionsvorwürfe wurden laut. Dennoch ist Sukleen bis heute stets alleinige Bewerberin um die Vergabe der Beiruter Müllentsorgung. Pro Tonne erhält Sukleen den Spitzenpreis von USD 150, ist jedoch gleichzeitig nur für den Abtransport, nicht für die Bereitstellung von Deponiefläche zuständig.

Schon 1997 hatte die Vetternwirtschaft im Müllsektor zu einer Krise geführt. Damals war die Mülldeponie in Bourj Hammoud nach massiver Übernutzung geschlossen worden, ohne dass die Regierung eine Alternativlösung parat hatte. Das Resultat war eine Müllkrise in den südlichen Vororten Beiruts und in der Matn-Region, bei der die Regierung mehr oder weniger offen zugab, dass sie nicht in der Lage ist, etwas anderes als neue Mülldeponien anzubieten, geschweige denn eine längerfristige Vision für das Abfallmanagement hätte.

Heute, 20 Jahre später, scheint sich ihre Geschichte des Versagens zu wiederholen. Die Costa Brava ist lediglich ein weiteres Symptom einer verfehlten Politik, welche an der Grundsituation nichts ändert: der Libanon produziert zu viel Müll, ist nicht in der Lage ihn alleine zu bearbeiten und Recycling wird so gut wie nicht betrieben. Ohne, dass die Regierung bereit ist, das Problem nachhaltig anzugehen und solange die Gesellschaft nicht sensibler mit dem Thema Abfall umgeht, wird das Land auch in Zukunft dazu verdammt sein, seine Geschichte zu wiederholen – auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung.

Mohamad Hassan Mansouri

Mohamad Hassan Mansouri studierte Betriebswirtschaft und Interkulturelle Studien in Heilbronn und Kairo, sowie Volkswirtschaft und Politikwissenschaften in Marburg und Beirut.
Derzeit unterstützte er das hbs-Büro in Beirut in Wirtschaftsfragen und beschäftigte sich vorwiegend mit den wirtschaftlichen Folgen des seit 2011 anhaltenden Syrienkrieges.

Körperlichkeit in Ägypten – zwischen Tabu und Romantisierung

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[Ritesh Batra: Café Regular, Cairo on Youtube and Vimeo]

Ein Gastbeitrag von Lena El-Laymony

Ein ägyptisches unverheiratetes Paar trifft sich im „Café Regular“ in Kairo. Sie sind schon seit Längerem zusammen und etwa Mitte/Ende 20. Nach einigem Hin und Her erzählt sie ihm, sie habe im Zug Ausländer ganz offen über „Sex und Körper“ reden hören und natürlich habe sie sich nicht wohl gefühlt. Sie habe sich weggesetzt, ergänzt sie, als ihr Freund wütend wird. Sie sehe nicht aus, als würde sie sich in einer solchen Situation wegsetzen, erwidert er. Die Ausländer hätten seine Freundin beeinflusst. Sie entgegnet, wie er denn reagieren würde, wenn sie ihn fragen würde, ob sie Sex haben könnten. Er wird ungehalten und erklärt, dass das kein Thema ist, das im Café besprochen werden sollte. Obwohl beide noch zuhause wohnen – wenn er das Geld für eine eigene Wohnung hätte, wären sie längst verheiratet, betont er – überzeugt sie ihn davon, am nächsten Tag, wenn ihre Eltern unterwegs sind, bei ihr zuhause Sex zu haben. Das Problem, dass sie danach keine Jungfrau mehr ist, sei darüber hinaus nur ihr überlassen. Die Bedingungen seien: Erstens, er solle 50 rote Rosen mitbringen und diese auf dem Bett verteilen und zweitens, sie werde ihr Kopftuch anbehalten. Er findet das zwar albern, willigt schließlich jedoch ein. Sie ist gerührt, dass er das alles für sie machen würde, grinst, und verwirft schließlich die gesamte Idee.

Statistisch gesehen gehören die beiden einer Altersgruppe an, die 2016 etwa 20% der Gesamtbevölkerung entspricht (20–30 Jahre) und bereits der Titel des Kurzfilms „Café Regular“ von Ritesh Batra deutet an, dass das Paar, dass sich der Problematik der angesprochenen Themen konfrontiert sieht, kein Einzelfall ist. Auch als ich den Clip das erste Mal sah, erkannte ich einiges wieder, das ich im Laufe meiner Zeit in Ägypten wahrgenommen und erlebt habe: Ich bekam von meinem Umfeld dort zum Beispiel überraschte und enttäuschte Reaktionen, als ich den sympathischen jungen Mann auf meinem romantischen Facebookprofilbild nicht heiratete. Mir wurde klar, wie meine gleichaltrigen Verwandten und ich zwar gleichzeitig die ersten Beziehungen hatten, jedoch „Beziehung“ sehr unterschiedlich definierten – während z. B. in meinem „deutschen“ Umfeld kaum eine erste Beziehung länger als ein Jahr dauerte, stand bei den ersten Beziehungen in meinem „ägyptischen“ Umfeld immer schon die Hochzeit im Raum. Und ich lernte, dankbar zu sein dafür, dass meine Familie in Ägypten mich nicht genau fragte, welche Erfahrungen eigentlich in Deutschland mit einer (ersten) Beziehung verbunden sind, und, obwohl sie es sich vermutlich vorstellen konnten, weder werteten, noch sich jemals einmischten. Trennungen wurden – alhamdulillah – nicht in der ganzen Familie diskutiert, anders als bei manch anderen.

Erst in persönlichen Gesprächen mit ägyptischen FreundInnen merkte ich, wie stark sich eigentlich die Vorstellungen von Beziehung, Ehe, Sexualität und auch Liebe im Allgemeinen in diesen beiden Gesellschaften, die mich von klein auf prägen, unterscheiden. Ich erinnere mich an Gespräche mit einer Freundin und einem Freund zurück: Sie waren beide jeweils in einer Beziehung und damals vielleicht etwas jünger als das Paar im „Café Regular“. Wir besuchten die Zitadelle in Alexandria: Imposant thront sie über dem Mittelmeer und ihre zahlreichen kleinen Türmchen sind bekannte, wundervoll romantische Rückzugsorte für Paare, die ein bisschen Zeit füreinander haben wollen. Nachdem wir aus Versehen ein knutschendes Pärchen aufgescheucht hatten, drehte sich das Gespräch unwillkürlich um „das Thema“: Unverheiratete lebten meist noch bei ihren Eltern, weshalb die Möglichkeit der Zweisamkeit für diese jungen Paare sehr begrenzt ist. Deshalb nutzen sie Orte wie die verwinkelte Zitadelle, an denen man weitgehend ungestört bleibt. Doch an diesen Orten der Öffentlichkeit hat die Zweisamkeit ein recht schnelles Ende. Auch hier muss Verlangen gezügelt und es kann sich nur begrenzt ausprobiert werden. Ein wenig später fragte ich neugierig und ein wenig mutig nach ihren sexuellen Erfahrungen. Die Antworten waren – verglichen mit dem Durchschnitt meines deutschen Umfelds – ernüchternd: Die Erfahrungen beschränkten sich auf Küsse. Sie erklärten, dass ihre Familien zwar offen genug seien, um eine voreheliche Beziehung zu akzeptieren, doch dass alles, was über Küssen und Händchenhalten hinausgeht, sie gesellschaftlich ins Abseits befördern würde. Außerdem würde das ein schlechtes Licht auf die Familien werfen.

Aus diesem Grund gibt es, so weit ich weiß, viele junge Frauen und Männer, die ihre Beziehungen vor den Familien verheimlichen und/oder heimlich vorehelichen Sex haben. Ich selbst kenne eine Ägypterin persönlich, die sich vor ihrer Hochzeit heimlich das Jungfernhäutchen reparieren ließ. Neu ist für mich jedoch, dass sich in den letzten Jahren unverheiratete ägyptische Freundinnen mit immer persönlicheren intimen Fragen an mich wenden. Eine ganz Besondere sticht dabei immer wieder heraus: „Wie ist Sex überhaupt?“ und „Ist es so wunderschön/[beliebiges positives Attribut], wie ich es mir vorstelle?“ Aus dem fehlenden Wissen und der wohl auch fehlenden Aufklärung lässt sich schließen, dass Themen wie Sex und Sexualität in der ägyptischen Gesellschaft, einschließlich derer mit gebildeten Hintergrund, tabuisiert sind. Zu Gunsten des gesellschaftlichen Ansehens, wahrscheinlich aus Unwissen und vielleicht auch aus Angst verzichten viele Ägypter und besonders Ägypterinnen auf vorehelichen Sex.

Meist bietet nur das Internet die nötigen Informationen. Dabei sind die Suchergebnisse bezüglich Sex und Sexualität sicherlich häufig kostenlose und leicht zugängliche Pornos oder andere contents, die hinsichtlich der enthaltenen Rollenbilder zu hinterfragen wären. So schreibt z.B. der Jungdichter Muhammad el-Messiry aus Alexandria in seiner Ballade „die Schule“ über das Heranwachsen:

و ‫تزيد ‫‫التساؤلت

هو يعني ‫ايه ‫مراهقة

و ‫ليه ‫أنا ‫كبرت

‫و ‫يعني ‫ايه ‫بنت

‫و ‫يعني ‫ايه حب

‫بابا … يعني ‫ايه حب

ولد ‫حب ‫يعني

حب ‫بابا ‫حب ماما

حب ‫تيتا ‫حب ‫جدو

غير كدة ‫متحبش ‫يا ‫حبيبي […]

و ‫أدور ‫على ‫إجابات لأسألتي

عن البنت

و ملقتش ‫قدامي ‫غير النت

‫تعلمت ‫عنها ‫أسوأ ‫النظرات

و الان فهمت

لم ‫قالت ‫لها  ‫أمها ‫هذا

‫لأننا ‫بفضل ‫تربيتنا

لا نرى العالم إلا … سرير

Fragen tauchten auf:

Was bedeutet Jugend

Und warum wuchs ich

Und was bedeutet Mädchen

Und was bedeutet Liebe?

„Papa … was bedeutet Liebe?“

„Sohn, Liebe bedeutet:

Liebe zum Papa und Liebe zur Mama,

Liebe zur Oma und Liebe zum Opa.

Nur so liebt man, mein Liebling. […]

Ich suchte Antworten auf meine Fragen

Über die Mädchen

Und vor mir lag nur das Internet:

Ich fand die schlechtesten Urteile über sie

Und verstand jetzt,

Warum ihre Mutter ihr das gesagt hat.

Dank unserer Erziehung

Sehen wir in der Welt nur … ein Bett.[1]

Dieses sehr menschliche Bedürfnis so stark zu tabuisieren bedeutet jedoch selbstverständlich nicht, dass das Verlangen selbst nicht existiert, wobei die Tabuisierung zugleich zu einer romantischen Mystifizierung desselben führt. Der altbekannte Reiz des Verbotenen verbunden mit der (übertrieben) romantischen Darstellung der Hochzeit und des idealen Ehelebens als Inbegriff der Liebe lässt einen Erwartungsdruck entstehen, der wohl nicht selten in traditionellen Rollenbildern, aber auch Versagensängsten gipfelt. Dennoch fiebern die inzwischen meist zu Endzwanzigern Gewordenen der Hochzeit in ihrem romantischsten Ideal nicht zuletzt deshalb wie verrückt entgegen, weil sie ein bisher tabuisiertes oder gar verbotenes Verlangen endlich legalisiert. Enttäuschung ist vorprogrammiert, wenn das bis dato meist enthaltsame Paar eine romantische Hochzeitsnacht erwartet, doch beide nach einer ganz- (oder gar mehr-)tägigen Feier vor Nervosität und Müdigkeit kläglich daran scheitern, den Ansprüchen, den Bildern und dem Druck gerecht zu werden.

Aus diesem Zusammenspiel von Tabu, Romantisierung, Erwartung und Enttäuschung resultiert ein Kreislauf, der nicht nur privat, sondern auch gesellschaftlich, weitreichende Folgen hat und nicht nur in Ägypten, sondern auch in allen anderen Gemeinschaften: Wird den Menschen die Chance verwehrt, sich auszutauschen und Erfahrungen zu sammeln, folgt daraus Unsicherheit. In diesem Fall ist der einzige Orientierungspunkt das bereits Bekannte – das sind im spezifischen Fall der Themen Liebe, Sex, Sexualität und Ehe einerseits die Tabuisierung und andererseits die meist aus Internet, Werbung und Filmen etc. transportierten Rollenbilder. Dadurch wird bei Problemen und Unwissen das Gespräch umgangen und Enttäuschung und Unzufriedenheit machen sich breit. Das gipfelt wiederum in der Romantisierung dieser Thematik, sowie in der Suche nach weiteren Informationen und Wegen zur (sexuellen) Zufriedenheit – häufig im Internet, anstatt den Kreislauf zu durchbrechen und das Gespräch zu suchen. Somit wird die – meines Erachtens gefährliche – Dichotomie aus Tabuisierung und Romantisierung von (sexuellen) Beziehungen weitergelebt und weitergegeben.

Doch es wäre zu einfach und zu plakativ zu sagen, dies geschähe nur in Ägypten, jedoch in Deutschland (oder anderen Ländern) nicht mehr. Die Deutlichkeit, mit der mir dieses Phänomen durch die Möglichkeit des Vergleichs der beiden Länder vor Augen geführt wurde, zeigt mir erst, dass auch in Deutschland eine – vielleicht subtilere – Tabuisierung und Romantisierung bestimmter Beziehungsformen alltäglich ist: Bei genauerem Hinsehen fällt auch in Deutschland auf, dass das Bild einer romantischen, monogamen, heterosexuellen Beziehung mit Liebe und Verliebtheit bis ans Lebensende einerseits und Unwissen über alle anderen möglichen Formen von Beziehung und Liebe andererseits weiterhin verbreitet sind.

Die Tabuisierung und gleichzeitige Romantisierung des Themenfelds Beziehung, Liebe und Sexualität scheint ein gesamtgesellschaftliches und weltweites Problem zu sein; und es dürfte nicht nur deshalb eines sein, weil „sexuelles Unwissen […] häufig in hypersexuelles Verhalten und Aggressivität übersetzt [wird],“ wie die Sozialwissenschaftlerin Sophie Roznblatt in einem anderen Zusammenhang treffend erklärt. Die Freiheit Erfahrungen zu sammeln, um selbstbestimmt zu entscheiden, welche Arten von Beziehung wir leben wollen, und somit auch zu artikulieren, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen, ist ein Grundrecht, das wir uns durch die gesellschaftliche Tabuisierung einerseits und die idealisierte Romantisierung unterschiedlicher Formen von Beziehungen andererseits verwehren.

Ritesh Batra und weitere AktivistInnen, wie z.B. die Schweizägypterin Alyaa Gad mit ihrem hocharabischen Aufklärungs-Channel afham.tv (dt. „Ich verstehe“), geben jedenfalls Hoffnung auf eine Veränderung in der ägyptischen Gesellschaft, indem sie dazu aufrufen über das Thema Sex(-ualität) zumindest zu sprechen.

[1]             Als Mitglied der Dichtergruppe al-Lāmawhūb trägt der Dichter seine Gedichte mündlich vor. Eigene Übersetzung aus der Bachelorarbeit zu literarischem Engagement im postrevolutionären Ägypten.

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Lena El-Laymony

Lena El-Laymony

Lena El-Laymony ist Studentin des MA Interkulturelle Germanistik in Göttingen und studierte den BA Islamischer Orient in Bamberg. In Deutschland als Tochter einer Deutschen und eines Ägypters geboren und aufgewachsen, besucht sie jährlich ihre Familie in Ägypten. Sie ist außerdem Gründerin und Vorsitzende des Betna e.V., der sich für Frauen in Ägypten, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, einsetzt. Bei der Heinrich Böll Stiftung in Beirut forscht sie im Rahmen ihrer Masterarbeit zum Thema „Identität und Migrationserfahrung bei libanesischen RückkehrerInnen“.

Es werde Licht

(c) Bente Scheller

Besucher in manchen Beiruter Stadtteilen mögen sich über die zahlreichen kleinen Schreine auf der Straße wundern. Mal freisetehend, mal an Häusern, mal mit Glas und mal als kleine kün

Der Schrein gegenüber (c) Bente Scheller

stliche Grotten sind sie ein nicht wegzudenkender Teil des Straßenbildes.

In unserem Büro gibt es gleich im Erdgeschoß ein kleines Türchen mit Glasscheibe, hinter der man den heiligen Georg beim Sieg über den Drachen sieht, beleuchtet gelegentlich von einem elektrischen „ewigen Licht“. Die Bewohner legen hier Blumen nieder oder halten Zwiesprachen mit den beiden Madonnenstatuen.

Vielleicht haben sie, wie ich, mal  die Tür daneben geöffnet, hinter der sich die Elektroinstallationen des Hauses verbergen. Angesichts des Kabelsalats kann man nur andächtig staunen und es für ein Wunder halten, das alles funktioniert.

 

 

 

 

 

 

Farkha – das erste Öko-Dorf Palästinas

Ein Beitrag von Yara Almunaizel und Bettina Marx

Die Einwohner des Dorfes Farkha im nördlichen Westjordanland sind sich nicht einig, was der Name ihres Dorfes bedeutet. Denn das Wort „Farkha“ kann man sowohl mit Henne als auch mit Speerspitze übersetzen. Beide Bedeutungen sagen etwas über die rund 1600 Einwohner des kleinen Ortes aus. Einerseits versuchen sie – wie eine Henne – im Einklang mit der Natur zu leben und scharren im kargen Boden nach Essbarem. Andererseits wollen sie eine Speerspitze der ökologischen Bewegung in Palästina sein. Nach und nach wandeln sie ihr Dorf darum in ein Ökodorf um. Eine umweltgerechte Landwirtschaft ohne künstlichen Dünger, sparsame Nutzung der ohnehin mageren Ressourcen, Recyceln und Kompostieren von Abfällen, Aufbereitung von Nutzwasser – das sind die Pläne, mit denen sie ihr Dorf umbauen, ihre Ausgaben reduzieren und ihre Erträge steigern wollen.

Farkha liegt in der Nähe der Kleinstadt Salfit, etwa 30km nördlich von Ramallah, auf einem Hügel voller Olivenbäume. Die Mauern des Dorfes sind mit Graffiti geschmückt, darunter das berühmte Konterfei des argentinischen Revolutionärs Che Guevara. Es zeugt von der in der Region verbreiteten linken politischen Haltung.

Im Dorf gibt es zwei Schulen, zwei Kindergärten, eine Frauengemeinschaft und eine große Moschee mit einer zitronengelben Kuppel die von fast überall im Dorf zu sehen ist. Die Ruinen der alten bescheidenen Bauernhäuser am Rande des Dorfes geben einen Einblick in das Leben vor einhundert Jahren. Damals lebten die Familien zusammen mit den Nutztieren in einem Haus. Der Stall befand sich unter dem Schlafzimmer von Eltern und Kindern. Siekonnten so von der Wärme profitieren, die Schafe und Ziegen ausstrahlten. Die spärlichen Besitztümer wurden auf gemauerten Regalen gestapelt. Wer Geld hatte, ließ sich aus dem wohlhabenden Küstenort Jaffa ein Holzfenster oder einen hölzernen Kleiderschrank kommen. Heute sind die alten Häuser fast verfallen, aber die Dorfgemeinschaft plant, sie wiederherzustellen und Besuchern als eine Art Freiluftmuseum zugänglich zu machen.

Unterstützung erhalten die Dorfbewohner von zahlreichen Freiwilligen, die einmal im Jahr kommen, um bei der Aufbau- und Restaurierungsarbeit zu helfen. Seit 23 Jahren veranstaltet Farkha ein Freiwilligenfestival, zu dem jährlich rund 500 Besucher aus dem Westjordanland, aus Israel und dem Ausland kommen. Die engagierten Helfer – viele von ihnen kommen jedes Jahr wieder – legen überall mit Hand an, wo es nötig ist. Sie streichen die Klassenzimmer der Schule, sie bessern die Straßen aus und pflanzen Bäume. Und sie kochen und feiern mit den Dorfbewohnern.

40% der Bewohner von Farkha arbeiten und leben von der Landwirtschaft. Sie stellen vor allem organisches Olivenöl her, das im Dorf gepresst wird.
Saad Dagher ist Agrarwissenschaftler, der das Dorf seit Jahren auf seinem Weg zum Ökodorf unterstützt. Zusammen mit der Arabischen Gemeinschaft für Agrarwissenschaften und unterstützt durch die Heinrich-Böll-Stiftung hat er eine Studie über die soziale und ökonomische Situation von Farkha erstellt, auf deren Grundlage der Wandel vorangetrieben werden soll. Dabei hat er drei Hauptprobleme identifiziert, mit denen die Dorfbewohner konfrontiert sind: Wassermangel, die veralteten Sickergruben und die Wildschweine, die in dieser Gegend frei umherlaufen und  die Ernte zerstören. Im Islam gelten die Tiere als unrein und dürfen nicht gejagt und verzehrt werden. Da sie unter Naturschutz stehen, dürfen sie auch nicht durch Gift oder Fallen getötet werden.

Hamad Bakr, der Bürgermeister von Farkha, hat freundlich funkelnde grüne Augen und ist optimistisch, dass das Dorf eine Lösung für das Wildschweinproblem finden wird. Er selbst ist überzeugter Vegetarier, eine Seltenheit in Palästina, und setzt daher auch im Umgang mit den Wildschweinen auf Gewaltlosigkeit. Seine Mitbürger unterstützt Bakr mit Elan und Tatkraft. Farkha soll ein ökologisches Schatzkästchen im Westjordanland werden, ein Vorbild für andere Dörfer, die auf umweltfreundliche Landwirtschaft setzen wollen. Schon haben sich Interessenten aus dem Gazastreifen gemeldet, die Ideen und Innovationen für ihre eigenen Projekte übernehmen wollen. In der unter Wasserarmut und beschränktem Zugang zu Ressourcen leidenden Gegend könnte der Umstieg auf ökologische Landwirtschaft den Menschen helfen, zu überleben.

 

Die Willkür der Geburt

Szene aus Amanda Baillys Film "8 Borders, 8 Days"

Szene aus Amanda Baillys Film „8 Borders, 8 Days“

– Zum Weltbürgerrecht der Syrerinnen und Syrer –

Ein Gastbeitrag von Antonia Klein

„Das W e l t b ü r g e r r e c h t soll auf Bedingungen der allgemeinen H o s p i t a l i t ä t eingeschränkt seyn. 

Es ist hier […] nicht von Philanthropie, sondern vom Recht die Rede, und da bedeutet H o s p i t a l i t ä t (Wirtbarkeit) das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann […].“

Immanuel Kant, Dritter Definitivartikel Zum Ewigen Frieden (1795).

Die Menschheit ist zusammengewachsen. Wir alle fühlen heute die Nähe zu den Bewohnern anderer Teile der Erde: Das Internet ermöglicht es uns, unmittelbar an ihrem Leben teilzunehmen und aus Berlin, zum Beispiel, können wir in nur fünf Stunden auf die Kanarischen Inseln fliegen, oder, ähnliche Entfernung, nach Damaskus, wenn dort nicht gerade Krieg wäre. Wir nehmen dadurch das einzelne Individuum mehr und mehr als eigene Persönlichkeit, losgelöst von seiner Nationalität, wahr. An die einst gezogenen Staatsgrenzen denken wir nicht mehr. Wir, das sind wir Europäerinnen und Europäer.

Wie sieht so eine Grenze eigentlich aus? Vor ein paar Jahren wäre es den Jüngeren unter uns schwer gefallen, diese Frage zu beantworten. Mit Grenzen hatte man in Europa seit Eröffnung des Schengen-Raums im Jahr 1995 nicht mehr viel am Hut. Auch die Grenzbarrieren von Staaten außerhalb unserer Gemeinschaft sind dank des gerngesehenen europäischen Tourismus mehr als dezenter Fingerzeig denn als Abschreckungsmaßnahme ausgestaltet.

Erst mit der Syrienkrise spürt der europäische Bürger, wie lieb ihm diese eigentlich schon vergessene Trennlinie ist. Wie es sich für Nicht-Europäerinnen und Europäer anfühlt, diese Grenzen zu überqueren, zeigt Amanda Bailly in ihrer Dokumentation 8 Borders, 8 Days, in der sie die Syrerin Sham und ihre zwei Kinder auf ihrem Weg von der Türkei nach Deutschland begleitet. Der Film zeigt nur Ausschnitte der Gewalt der Grenzbeamten gegen die Geflüchteten: An den Grenzen scharen sich die Menschen. Sie tragen nur ein bisschen Stoff auf der Haut und einen kleinen Koffer in der Hand. Die Menge schiebt und drängt. Auf der anderen Seite stehen die staatlichen Sicherheitsbeamten drohend mit ihren Schlagstöcken, die Menschen drängen weiter, über die Grenze, und die Polizei schlägt zu. Es ist Gewalt gegen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, um nicht im Bombenhagel unterzugehen.

Ich kenne diese Bilder bereits aus Zeitung und Fernsehen. Aber heute, während ich Amandas Film in einem Beiruter Café zwischen Syrern und Libanesen sitzend anschaue, wird ein Gefühl in mir besonders stark: Ich möchte mich von meinem Europäerinnendasein lösen. Auf keinen Fall möchte ich mit diesem politischen System in Verbindung gebracht werden, das, angefeuert durch die immer weiter nach rechts kippende Bevölkerung, diese Menschenrechtsverletzungen verübt.

Natürlich ist es den Leuten um mich herum egal, wo ich herkomme. Ich kann schließlich nichts dafür, Europäerin zu sein. Ich kann, jedenfalls solange ich mich klar gegen dieses Handeln positioniere, nichts dafür, wie sich viele meiner europäischen Landsleute verhalten – ich bin ja auch nur ein Mensch, zufällig in Deutschland geboren.

Gleichzeitig wird etwas anderes deutlich: Nicht nur ich kann nichts dafür, in Deutschland geboren zu sein. Auch die Syrerinnen und Syrer können nichts dafür, in Syrien geboren zu sein. Und, jedenfalls der größte Teil der Bevölkerung, der sich nicht an den Kämpfen beteiligt, sondern nur vor einem unterdrückenden System und einem Krieg, bei dem kein Ende in Sicht ist, Schutz sucht, kann nichts dafür, wie sich die Kampfparteien verhalten und dass Russland und die USA über Waffenruhe feilschen als werde der Krieg tatsächlich ihrer Interessen wegen geführt.

Auf welcher Grundlage nehmen wir uns nun heraus, uns vor diesen Menschen, die vor Krieg fliehen, zu verschließen? Was wollen wir vor ihnen schützen, das es rechtfertigt, ihm den Vorrang gegenüber dem Leben dieser Menschen einzuräumen? Wir sind doch auch nur zufällig in Europa geboren. Warum also messen wir der Herkunft dieser Frauen, Männer und Kinder, die zu uns kommen, so viel Bedeutung bei?

Wem gehört die Welt?

Der Lebensraum auf unserer Erde ist begrenzt. Wir müssen akzeptieren, dass wir nur zufällig an einem bestimmten Ort der Welt geboren werden und dass wir alle Bewohner der Welt sind, Bürger der Welt, Weltbürger. Als solchen steht uns die Erdoberfläche gleichermaßen zu. Freilich müssen wir berücksichtigen, dass Menschen nicht nur Weltbürger, sondern gleichzeitig Staatsbürger sind. Das Recht, sich anderen Menschen gegenüber auf den Staat und seine Grenzen zu berufen, endet aber dann, wenn diese in ihrer Heimat nicht mehr sicher leben können. Fällt ein Ort als bewohnbarer Platz auf der Erde weg, müssen die Menschen in anderen Teilen der Welt zusammenrücken, um der nunmehr staatsgebietslosen Bevölkerung weiterhin ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Im Falle Syriens kann niemand leugnen, dass der Staat keinen sicheren Ort mehr für Menschen bietet. Wir müssen daher endlich aufhören, das Weltbürgerrecht nur zu unserem Vorteil zu nutzen und den Syrerinnen und Syrern gegenüber unsere Staatsgrenzen zu verriegeln. Vielleicht fällt dies leichter, wenn wir uns vor Augen führen, dass auch wir nur zufällig Europäer sind und jede und jeder einzelne von uns auch zufällig in Syrien hätte geboren sein können.

Antonia Klein

Antonia Klein

Antonia Klein studierte Jura und Philosophie in Tübingen und
Aix-en-Provence. Seit Beginn ihres Rechtsreferendariats setzte sie sich für Geflüchtete in Berlin ein. Den Herbst 2016 verbrachte sie bei der Heinrich Böll Stiftung in Beirut, um die rechtliche Situation de Geflüchteten im Libanon näher zu betrachten, wo seit Beginn des Krieges mehr als 1,5 Millionen Syrerinnen und Syrer Schutz gesucht haben.

Palettenbänke und Reifensessel

Ein Gastbeitrag von Yara Almunaizel

Das pinkfarbene Haus von Rasha sticht einem sofort ins Auge. Schon aus der Ferne ist es zu sehen, hoch auf einem Hügel in Al Walajeh, einem 2600 Seelen Dorf bei Bethlehem. Als wir aus dem Auto steigen empfängt uns das laute Brummen einer Schleifmaschine. Eine große Wolke von Holzstaub liegt in der Luft und der beißende Geruch von frischer Farbe. Mehrere Frauen in langen Mänteln und bunten Kopftüchern haben grade eine Bank aus alten Holzpaletten fertiggestellt und sind jetzt dabei, zwei übereinander gestapelte Reifen zusammenzuschrauben, die in bunte Sessel verwandelt werden sollen. Wir treffen die Frauen im Hof von  Lubna, wo heute gezimmert, gebohrt und gemalt wird. Zweimal in der Woche treffen sich neun Frauen von Al Walajeh zum gemeinsamen Basteln und Arbeiten. Ihr Ziel ist es, ihre Gärten zu verschönern, Schaukeln und Rutschen für die Kinder und Bänke und Stühle für die Erwachsenen anzufertigen. Unterstützt werden sie von Alaa, der in Beit Sahour, einem Ort bei Bethlehem einen Recycling-Hof betreibt. „One man’s trash is another one´s treasure“, sagt Alaa, „Des einen Müll ist des anderen Schatz.“ Er zeigt den Frauen, wie man schraubt und sägt, und wir dürfen zuschauen, wie kreativ und geschickt die Frauen ihre Ideen umsetzen. Beim Anmalen der alten Autoreifen, die zu Zäunen, Pflanzkästen und Hockern umgestaltet werden, dürfen wir sogar helfen. Leuchtende Farben werden bevorzugt, gelb und grün, blau und rot und natürlich gerne immer wieder pink. Lubna serviert uns unterdessen selbstgebackenes Brot mit Labaneh, dem dicken weißen Käse aus Schafsmilch und Gemüse. Das Brot ist frisch aus dem Ofen und noch warm.
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Rasha und Lubna bei der Arbeit (Fotos von Katja Volkenant)

Die Idee, alte Autoreifen, Paletten und Plastikcontainer zu recyceln, kam von den Frauen von Al Walajeh selbst. „Am Anfang wussten sie noch nicht so genau, wie sie das anstellen sollten“, erzählt Katja Volkenant von der deutschen Organisation Kurve Wustrow, die die Frauen mit Energie und Tatkraft unterstützt. „Inzwischen aber sind sie sehr findig und haben dauernd neue Ideen.“ Jeden Sonntag und Mittwoch ist sie mit dabei, wenn die Frauen arbeiten, und sie legt auch selbst mit Hand an. Voller Stolz zeigt sie uns die Ergebnisse ihrer Arbeit. An diesem Tag werden zwei Bänke zusammengezimmert und mehrere Reifensessel zusammengeschraubt und angestrichen. Seit Beginn des Jahres haben die neun Frauen angefangen, ihre Gärten umzugestalten.  Kurve Wustrow unterstützt das Projekt mit 500 Euro pro Garten. Bis jetzt wurden schon vier Gärten angelegt. In Planung ist auch ein Spielplatz für die Kinder des Dorfes. Das Projekt ist im Dorf auf viel Aufmerksamkeit gestoßen. Viele Nachbarn schauen mit Bewunderung auf die Gärten der Frauen. „Es wird die anderen Dorfbewohner inspirieren, ihre Gärten ebenfalls zu verschönern“, sagt Alaa.

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Gleich neben Lubnas Haus liegt das pinkfarbene Haus von Rasha, das wir von schon aus der Ferne gesehen hatten. Als wir ihren bunten Garten betreten, kommen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Der Garten ist mit alten Reifen in Bonbon-Farben geschmückt, es gibt zwei Schaukeln aus aufgeschlitzten Reifen, eine Palme aus Plastikflaschen und bunte Reifensessel. Überall, wo man hinsieht, entdeckt man etwas Neues. Rasha zeigt uns stolz die Pflanzen, die sie in die Reifen gepflanzt hat und die bald zu einer grünen Hecke heranwachsen sollen. Der Garten bietet einen weiten Blick über Al Walajeh und das Westjordanland. Das von Siedlungen umzingelte Dorf liegt zu über 90% in der sogenannten C Zone, die vom israelischen Militär kontrolliert wird. Hier ist es für Palästinenser praktisch unmöglich, zu bauen. „Die meisten Häuser in Al Walajeh haben daher einen Abrissbefehl von der israelischen Armee“, erklärt uns Samia, die Frau, die das Projekt mit in die Wege geleiten hat.

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Um uns ein besseres Bild von der Situation zu verschaffen fahren wir zu Tufah, die ebenfalls im Frauenprojekt mitarbeitet. Von ihrem Dach aus sieht man die israelische Sperrmauer, die direkt am Haus vorbei führt, und dahinter die großen Häuser  der Siedlung Har Gilo. Von der anderen Seite des Daches hat man einen schönen Ausblick über die Nachbarhäuser und das Tal. Uns fällt ein riesiger Schutthaufen direkt hinter Tufahs Haus auf. „Das war einmal ein Haus“, erzählt sie uns. „Es wurde von der israelischen Armee „aus Versehen“ zerstört. Eigentlich sollte das stattliche Haus daneben abgerissen werden, vermutlich weil es den Siedlern die Aussicht über das malerische Tal versperrt. Den ehemaligen Bewohnern der Ruine ist es nicht gestattet, ihr Haus wieder aufzubauen. Solche Geschichten gibt es viele im Dorf. Viele der Familien fürchten um ihre Häuser. Wir sind geschockt und  überlegen uns, wie wir mit einer solchen Situation leben würden.
Von Tufahs Haus fahren wir weiter zu Sahar, um auch ihren Garten zu besuchen. Auch bei ihr finden wir die schon bekannten und sehr bequemen Reifensessel, jedoch sind diese nicht bunt angemalt sondern mit zusammengenähten Kaffesäcken bezogen. Sahar zieht gedeckte Farben und schlichte Formen vor. Ihren Garten nutzt sie oft zum Meditieren und findet hier zur Ruhe in der angespannten Atmosphäre von Al Walajeh.

Im Meditationsgarten von Sahar

Bald, so die Pläne der israelischen Behörden, soll das Dorf vollständig von der Mauer eingeschlossen und isoliert sein. Dann sollen die Bewohner es nur noch durch ein einziges Tor verlassen dürfen, das von der Armee kontrolliert wird. „Wenn wir dann quasi eingesperrt sind, wollen wir wenigstens ein schönes Dorf mit einladenden Gärten haben“, so die Frauen von Al Walajeh. Sie nennen ihr Projekt daher „Sumud“ – Widerstandskraft.

Al Badawi – der älteste Olivenbaum der Welt

Er heißt al Badawi – der Nomade , obwohl er mit Sicherheit noch nie seinen Standort verlagert hat. Im Gegenteil, der wohl älteste Olivenbaum der Welt steht fest verwurzelt in der steinigen Erde Palästinas, ein gewaltiger Baum mit zahlreichen Ablegern, die ihn umstehen wie die Leibwächter. Möglicherweise wuchs er in der Zeit heran, als in Ägypten die ersten Pyramiden gebaut wurden. Japanische Forscher attestieren ihm jedenfalls ein Alter von zwischen 4000 und 5000 Jahren. Benannt wurde er nach einem lokalen Weisen, Ahmed al Badawi, benannt, der vor 200 Jahren in seinem Schatten zu sitzen pflegte und dort seinen Gedanken nachhing und philosophierte. Er ist 12 Meter hoch und hat – mit seinen Ablegern – einen Durchmesser von 25 Metern. Seine Krone beschattet ein Gelände von 250 Quadratmetern.

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Heute ist Al Badwai das Wahrzeichen des kleinen Ortes al Walajeh bei Bethlehem, das sich malerisch in die von Oliven- und Nussbäumen bestandenen Hügel schmiegt. Früher verfügte Al Walajeh über mehr als zwei Dutzend Quellen, heute sind es noch zwei, die kaum noch Wasser spenden. Denn die israelischen Siedlungen, zwischen denen Al Walajeh eingeklemmt ist, rücken immer näher. Das Dorf hat schon einen großen Teil seines Landes an diese beiden Siedlungen verloren. 4209 Dunam (etwa 420 Hektar) werden zusätzlich von der israelischen Sperrmauer aufgefressen, die das Dorf schon fast vollständig umgibt. Wenn die Mauer fertiggestellt ist, wird der Ort fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten sein. Die Bewohner können ihren Ort dann nur noch durch ein einziges Tor verlassen, das von israelischen Soldaten bewacht wird. Auch der alte Olivenbaum könnte in Gefahr geraten, denn die Mauer wird nur wenige Meter an seinem Standort vorbeiführen und könnte seine Wurzeln beschädigen und das Grundwasser stören, aus dem er sich speist.

Doch noch steht er, majestätisch und gelassen, und seine Oliven spenden noch immer dickflüssiges und aromatisches Olivenöl, dem sogar Heilkräfte nachgesagt werden.

Die Armee der Zerstrittenheit

armeederzerstrittenheitAls 2003 die iranische Anwältin Shirin Ebadi mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, trank ich gerade Tee mit einem älteren syrischen Menschenrechtsanwalt in Damaskus, der das sich gar nicht darüber freuen konnte: „Ich habe jahrelang im Gefängnis verbracht, und sie kriegt den Friedensnobelpreis?“ empörte er sich. Deutlicher hätte man nicht machen können, unter welchen Bedingungen die syrische Opposition seit Hafez al-Assads Putsch 1970 lebte und arbeitete: Unter Hafez al-Assad und Bashar wurden Zehntausende für ihre Geisteshaltung und politischen Aktivitäten zu Verbrechern erklärt,  verschleppt, verhaftet, gefoltert und ermordet. Weit über zwanzig Jahre verbrachte der Kommunist Riad Turk unter verschiedenen Regimen Syriens in Haft und verbrachte sein Leben danach weitgehend im Untergrund; andere erholten sich nie von den im Gefängnis erlittenen Misshandlungen und die meisten von ihnen bekamen keinen Pass und keine Ausreiseerlaubnis.

Doch das Regime verfügte noch über andere Mittel: Mindestens ebenso wichtig wie die physische Einschüchterung der Untertanen war es, Misstrauen zu säen – zu kooptieren, Privilegien ohne Erklärung zu geben und wieder zu entziehen und Gerüchte zu streuen. Daraus entstand der „Wettbewerb des Leidens“, wie er sich in des Anwalts Missgunst gegenüber Shirin Ebadi niederschlug: Nicht selten wurden Oppositionelle, die weniger Zeit hinter Gittern verbracht hatten, von anderen kritisch beäugt: „All seine Brüder waren in Haft, aber er ist immer noch auf freiem Fuß?“ – Rasch wurde argwöhnt, die Betreffenden seien gar keine „echten“ Oppositionellen sondern Spitzel für das Regime.

So, wie das Regime sich in den eigenen Reihen absicherte, in dem die Wichtigkeit einer Person sich nicht allein aus einem bestimmten Amt ableitete, sondern auch oder sogar mehr aus ihrer Loyalität gegenüber dem Präsidenten, trieb es erfolgreich Keile zwischen seine echten und vermeintlichen Gegner.

Aus diesem historischen Erbe erklärt sich, warum nicht aus dem brutal und absichtlich geschaffenen Nichts plötzlich eine geeinte Opposition hervorgeht – kompatibel mit westlichen Erwartungen, anerkannt im eigenen Land und mit einem klaren Programm.

Hinzu kommen fünf Jahre, in denen europäische Staaten, die USA, die Golfstaaten, die Türkei und einige andere selbst sich keinesfalls einig waren: was sie von der syrischen Opposition wollen, wie viel sie bereit sind, dafür selbst zu leisten und auf welchem Wege.

Einigkeit wäre immer notwendiger gewesen, je weiter der Konflikt fortschritt, denn die Gegner der Opposition mehrten sich: Sowohl ISIS als auch das Regime sahen in der Opposition ihren Hauptfeind, so dass diese zwischen den beiden Fronten aufgerieben wurde, um nur einige zu nennen.

Je grausamer das Regime den Widerstand niederschlug, desto weitere Abgründe klafften jedoch auch zwischen politischen und militärischen Akteuren der Opposition, zwischen Vertretern eines gewaltfreien (und vom Regime besonders unerbittlich verfolgten) Widerstands und bewaffneten Gruppen. So verständlich es ist, dass viele in Sysrien wie im Westen sich gewünscht hätten, dass die friedlich begonnene Revolution auch so bleibt: Wie, angesichts der brutalen Niederschlagung? Für viele derjenigen, die in den letzten Jahren zu Waffen gegriffen haben, war es buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Oder, wie der Zahnarzt und Schriftsteller Assaf Alassaf es in seinem Roman „Abu Jürgen“ seinem fiktiven Ich in den Mund legt: „Von Jesus und Deir ez-Zor (habe ich gelernt), dass ich, wenn ich dem, der mich geschlagen hat, meine linke Wange hinhalte, ihm gleichzei­tig einen Kopfstoß geben muss, von dem er sich nicht wie­der aufrappeln kann, … sonst drischt er einfach unendlich weiter auf mich ein.“

Viele Aktivistinnen wissen um die Schwäche, die aus der Uneinigkeit resultiert, und sehen sich doch nicht in der Lage etwas dagegen zu tun. Das nutzen das Regime und seine Unterstützer weidlich aus. Schon lange fordern sie, dass sich moderate von extremistischen Rebellengruppen nicht nur distanzieren, sondern auch im physischen Sinne Abstand nehmen, was an vielen Orten schlicht nicht machbar ist.

Nachbarorte werden gezielt gegeneinander aufgewiegelt, in dem nach Jahren der Belagerung punktuell an einem mehr Schmuggel toleriert oder doch ein Hilfskonvoi  zugelassen wird – oder in dem mit den derzeitigen ethnischen Säuberungen um Damaskus herum Tausende Kämpfer und Zivilisten nach Idlib gezwungen werden – wo sie nicht unbedingt als Unterstützung sondern auch als zusätzliche Last angesehen werden.

Angesichts der hoffnungslosen Lage hat sich eine Gruppe nun satirisch geäußert und im Stile der Myriaden bewaffneter Gruppen mit bedrohlich schillernden Namen eine weitere ins Leben gerufen: „Die Armee der Zerstrittenheit“. „Spaltet euch!“ fordert sie, „denkt lokal!“ – „Desertiert und gründet neue Formationen, selbst wenn ihr nur ein oder zwei Kämpfer seid!“ – „Wir fordern all unsere Konkurrenten auf, jegliche Einigungsbemühungen einzustellen und gefälligst Hass zu säen, damit wir gemeinsam die vollständige Zerstörung von Ghouta erleben können“, ätzt die Gruppe und droht, alle militärischen Avancen mit Waffengewalt niederzuschlagen. Im Gegenzug bietet sie an, allen neuentstehenden Splittergruppen ein eigenes Statement zu schreiben.

Drei Farben: knallbunt, blutrot, leichenblass

#I_Love_Damascus auf Twitter

#I_Love_Damascus auf Twitter

Ein Beitrag von Alisha Molter und Bente Scheller

„I love Damascus“ – Syrien ist tot, es lebe Damaskus. Glaubt man einem Regime-Werbevideo, gaben sich am Wochenende Tausende junge Menschen in Damaskus in einem offensichtlich eigens dafür entworfenen und verteilten Outfit einem Farbrausch hin, ein großes Fest für die Damaszener, inszeniert vom syrischen Regime.

Die Farben, die in die Menschenmenge gesprüht werden, erinnern an Holi, das hinduistische Fest, mit dem der Sieg des Guten über das Böse gefeiert wird und die Zerstörung der Dämonin Holika – also etwas positiv konootiertes. Von sportlicher Betätigung sind keine Bilder überliefert, und doch scheint die Damaszener Inszenierung an die kommerziellen „Color Runs“ anknüpfen zu wollen, die in den letzten Jahren als Mini-Marathons „zwecks Gesundheit und Glückseligkeit“ vermarktet werden.  „Die syrische Jugend entscheidet sich für das Leben“ frohlockt die christliche Organisation „SOS Chretiens d’Orient“ stolz auf Twitter. Christlichen Werte wie Nächstenliebe und Respekt scheinen in weite Ferne gerückt.

In dem Vido geben sich Jugendliche einem Farbrausch hin, den wir mit einem Leben jenseits von schwarz und weiß assoziieren, einem bunten, vielfältigen Leben fernab der dunklen Realität, mit denen SyrerInnen zu tun haben, die außerhalb der regimekontrollierten Gebiete leben: mit dem Grau des Staubs, der sich nach Fassbomben senkt, den schwarz in den Himmel ragenden Ruinen, wo Brandbomben das Leben ausgelöscht haben und dem Tiefrot des Blutes, mit dem Kinder, Frauen und Männer nach jedem Angriff überströmt sind. Kaum fünf Kilometer entfernt sterben Menschen, Syrerinnen und Syrer, die politische Reformen gefordert haben und damit unweigerlich auf die schwarze Liste des Regimes gelangt sind.

In seiner derzeitigen Version in Syrien wird der Color Run gemischt mit der Liebe zu einer fraglos wunderbaren Stadt und erhält dabei doch einen bitteren Beigeschmack.
Nicht zuletzt, weil „Liebe“ in Syrien seit langem kein rein privater Begriff ist, war doch die Erwartung der Regierung an die Staatsbürger nicht darauf beschränkt, die Verfassung und ihre Institutionen zu respektieren: Schon Hafez al-Assad legte größten Wert darauf, dass die Untertanen ihm persönlich mehr Respekt zollen als dem Staat, der Verfassung und seinen Institutionen. Sein Personenkult manifestierte sich in Plaketten, Reliefs, Wandmalereien – schon am Flughafen wurde allen Besuchern mit Plakaten klargemacht, dass sie hier „Suriya al-Assad“, „Assads Syrien“ betraten.

Zahlreiche Devotionalien mit dem Schriftzug „I love Bashar“ überfluteten nach dem Machtantritt seines Sohns Bashar die Märkte, und nach 2011 waren sie die Referenz für Spötter, die Regimeanhänger despektierlich als „Minhibbakjis“ – „Ich liebe dichs“ bezeichnen. Schon vor einer formellen Teilung ist Syrien gespalten, was sich auch in dem Motto der Veranstaltung manifestiert: „I love Syria“ gibt es hier nicht mehr, nur noch „I love Damaskus“.

Der Krieg ist völig ausgeblendet in der I Love Damascus-Kampagne. Das Massensterben, Elend und Hungern in den umliegenden Gebieten und der Völkermord, der derzeit in Aleppo an den eigenen Landsleuten begangen wird, rücken die Partystimmung der jugendlichen Damaszener Loyalisten in ein makaberes Licht. Anteilnahme oder zu mindestens Taktgefühl für die Situation der anderen Syrer, die einst Teil ihres Syriens waren, gibt es nicht. Das Geräusch von Rotoren, für viele Syrer eine Ankündigung des Tods, der sie mit irregulären Waffen aus dem Himmel heimsucht, ist eingeflochten in die Techno-Hits, die das Video untermalen. „Wenn dass das Damaskus ist, das ihr liebt… dann hasse ich Damaskus“ schreibt @ysyriana, ein Gegner der Aktion, bei Twitter.

Bei Facebook folgen viele dem Aufruf und lassen sich mit einem der „I love Damascus“ T-shirts ablichten. Auch unter Exil-Syrern, jenen die aus Damaskus, aus Gesamtsyrien, vertrieben und verstoßen wurden und vielleicht nie wieder zurückkehren dürfen, ist das Video populär. Ihre Liebe zu Damaskus gilt jedoch selten der Party-Szene, die an diesem Wochenende in der Hauptstadt in den Vordergrund gerückt wird – es ist der Duft des Jasmins, ihre Freunde, Nachbarn und Eltern, die sie mit der Stadt verbinden, und alles was sie sich wünschen, ist noch einmal durch die Straße zu laufen, in der sie aufgewachsen sind.

Und die Menschen aus Aleppo? Ihre Kindheitserinnerungen werden gerade in Schutt und Asche gelegt. Ost-Aleppo wird, laut Schätzungen der UN, Ende 2016 komplett zerstört sein.
Und was kommt dann? Die makabere Trauerfeier des Regimes in Aleppo, kaum, dass die letzte totbringende Bombe auf ein Wohnhaus gefallen ist – ein Leichenschmaus bei dem Regimeanhänger ihre Champagnergläser erheben und T-Shirts tragen, auf denen steht: „We loved Aleppo“.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.