Gegen den Strom

YouTube Preview ImageDüster sieht es aus um Aleppo. Die Stadt ist seit Monaten belagert. Während die Kameras sich auf Kobane richteten, gelang es dem Regime, den Zugang zur Altstadt, die von Rebellen gehalten wird, auf einen schmalen Korridor zu begrenzen.Was, wenn dieser sich auch noch schließt? “Wenn das Regime die Altstadt wieder einnimmt, sind Zivilisten Geschichte,” sagte die Aktivistin Marcell Shehwaro Anfang November bei einer Veranstaltung in Berlin. Shehwaro ist Mitgründerin der Organisation Kesh Malek (“Schachmatt”), die seit einigen Wochen eine Kampagne durchführt, um die Weltöffentlichkeit von ihrer ausschließlichen Konzentration auf die Terrormiliz ISIS abzubringen. Während ISIS im Westen als größte Bedrohung gesehen wird, leiden viele SyrerInnen mindestens ebenso unter den fortgesetzten, jetzt aber weniger beachteten Gewalt des Regimes. Daher kleben AktivistInnen wo immer sie hinkommen Piktogramme von Assad auf Toiletten, eines bärtig, eines mit Sonnenbrille. “Same Shit”: Assad und ISIS seien letztlich das Gleiche in grün.

Marcell Shehwaro und ihre MitstreiterInnen arbeiten gleichzeitig daran, die Lebensbedingungen in Aleppo zu verbessern. Sie unterhalten mittlerweile zehn Schulen in der Stadt. Schulen, ebenso wie Krankenhäuser, zählen zu den vom Regime am stärksten ins Visier genommenen öffentlichen Einrichtungen, Lehrer werden nicht mehr bezahlt. Das öffnet gerade reichen konservativen oder islamistischen Organisationen Tür und Tor. Für ihre Unterstützung von Schulen fordern sie, die Lehrpläne entsprechend umzugestalten. Kesh Malek arbeitet diesem Trend der schleichenden religiös-ideologischen Beeinflussung entgegen.

Als Marcell 2012 von islamistischen Milizen festgesetzt wurde, weil sie sich weigerte, ein Kopftuch zu tragen, sorgte dies für eine Protestwelle. Marcell wurde wenig später nicht nur freigelassen, sondern erhielt von der Miliz eine schriftliche Entschuldigung. Der Zwischenfall steigerte ihr Ansehen, denn sie hatte bei ihrer Verweigerung das Kopftuch zu tragen, nicht darauf verwiesen, Christin zu sein, sondern es als Recht aller SyrerInnen eingefordert, sich so zu kleiden, wie sie es für richtig hielten.

Als größte Stadt Syriens galt die Metropole Aleppo einst. Heute ist ein Großteil der Industrie zerstört, und Hunderttausende haben die Stadt verlassen. Vor fast zwei Jahren, zwischen Januar und März 2013, spülte der Queik-Fluss in Aleppo jeden Tag eine schaurige Fracht in dem von der Freien Syrischen Armee gehaltenen Stadteil an. Über 200 Leichen von Jungen und Männern fischten die Bewohner aus dem Fluss. Die meisten von ihnen hatten hinter dem Rücken verbundene Hände und waren durch einen Kopfschuss getötet worden. Viele von ihnen zählten sich selbst nicht zu Oppositionellen. Sie waren für ihren Lebensunterhalt in Regime-Territorien unterwegs, verschwanden an Checkpoints und wurden im Regimegefängnis oberhalb am Flusslauf ermordet.

Um ihrer zu erinnern, veranstalteten dieser Tage Aktivisten in Aleppo einen Lauf – keinen Marathon, einen Wettlauf. Mehr als 60 der in der Altstadt Aleppos verbliebenen hüllten sich in die Farben der Revolution und wurden bei einer durch ihre Einfachheit bestechenden Siegerehrung gepriesen. Sie stellen sich gegen den Strom, gegen das Vergessen des gewaltsamen Todes. Der Queik-Fluss firmiert unter Oppositionellen als “Fluss der Märtyrer.

 

Die Causa Fattoush – Politiker ohne Biss

Ein Gastbeitrag von Carolin Dylla*

Fattoush (C) Rafel Miro

Fattoush (C) Rafel Miro

Fattoush ist eine libanesische Köstlichkeit aus grünem Salat, Tomate, Gurke und Radieschen, garniert mit frittierten Fladenbrot-Stücken und Granatapfel-Kernen, verfeinert mit einem Dressing aus Grantapfel-Essig und Sumach. Seit Ende Oktober allerdings hat man bei der Nennung von Fattoush einen schalen Beigeschmack im Mund. Das liegt an einer Art Spezial-Gewürz, die das Rezept abrundet: das Aroma des politischen Skandals, der sich um einen politischen Namensvetter des Salates rankt.

Nicolas Fattoush, Anwalt, Staatsminister und Abgeordneter des Wahlkreises Zahle, hatte am 21. Oktober Schlagzeilen gemacht, weil er eine Verwaltungsangestellte des Baabda Judicial Palace geschlagen hatte. Nicht ohne triftigen Grund, versteht sich – die Dame hatte sich tatsächlich geweigert, der Bearbeitung seines Anliegens Vorrang einzuräumen und ihn zu bitten, einige Minuten vor der Tür zu ihrem Büro zu warten.

Gegenüber der Tageszeitung The Daily Star haben Augenzeugen berichtet, dass Fattoush zuerst sehr laut geworden sei, seine politische Position als Mitglied der Regierung und Parlamentsabgeordneter betont habe, und dann handgreiflich geworden sei. Der Politiker selbst streitet alle Vorwürfe ab und behauptet, die Frau nie geschlagen zu haben. Er untermauert diese Aussage mit dem Hinweis, dass die Menschen seiner Heimatstadt Zahle berühmt seien für ihre Würde, ihre Männlichkeit und ihr Heldentum. Er habe es einfach sehr eilig gehabt. Als Parlamentsabgeordneter habe er eben keine Zeit zu verlieren. Bei genauerem Hinsehen allerdings ist dieses Argument gerade mal so hieb- und stichfest wie ein welkes Salatblatt, denn das libanesische Parlament tagt weder besonders häufig noch besonders lang.

Eine besonders pikante Note bekommt der Skandal-Salat außerdem dadurch, dass der Gesetzesentwurf, auf dessen Grundlage das Mandat des libanesischen Parlaments am 05. November um weitere zwei Jahre und sieben Monte verlängert wurde, maßgeblich von Nicolas Fattoush erarbeitet wurde. Die offizielle Begründung für diesen demokratisch mehr als fragwürdigen Schritt sind die regionale Sicherheitslage und die schleppende Reform des Wahlgesetzes. Davon abgesehen will Nicolas Fattoush wahrscheinlich einfach bloß weitere zweieinhalb Jahre seines Lebens sich – und natürlich sein würdevolles Heldentum – in den Dienst des libanesischen Volkes stellen.

Viele aber wollen sich von ihren Abgeordneten im Allgemeinen – und von Abgeordneten wie Fattoush im Speziellen – nicht repräsentiert wissen. Und so wird die Causa Fattoush zum Inbegriff der Kampagne la al-tamdeed (Nein zur Verlängerung). Organisationen wie Stop Cultural Terrorism in Lebanon, eine Satire-Seite, die sich für Meinungsfreiheit einsetzt und vornehmlich auf facebook ebenso scharfe wie pointierte Angriffe auf die politische Elite des Landes lanciert, postete beispielweise Bilder des Salates, unter denen zu lesen ist:

„Niemand repräsentiert mich!“

„So fühlen wir uns. Das sind eben wir.“

Die Kampagne ist dabei allerdings nicht nur ein mit Granatapfel-Essig gewürzter Angriff auf eine politische Klasse, die von vielen als nepotistisch, tatenlos und korrupt wahrgenommen wird, sondern auch Selbstkritik angesichts der wachsenden politischen Apathie der Bevölkerung. Diese wie auch das Gefühl der Machtlosigkeit sind aber mehr als verständlich, wenn man den juristischen Ausgang der Episode bedenkt: nachdem die Dame zuerst Anzeige gegen den Politiker erstattet hatte, zog sie diese noch am gleichen Tag wieder zurück. Zwar hat die Anwaltskammer von Beirut Nicolas Fattoush als Reaktion auf die Affäre aus ihren Reihen ausgeschlossen – ernsthafte politische oder gar juristische Konsequenzen muss er wohl aber nicht befürchten. Und hat die Kammer darüber hinaus seinerseits wegen Verleumdung und Diffamierung verklagt.

Anders als ihre Küche – auf die sie sehr stolz sind – finden die LibanesInnen ihre Politiker häufig einfach nur geschmacklos, und die Lust auf bürgerlich-politisches Engagement ist ihnen zumindest auf absehbare Zeit vergangen. Aber halt: abwählen könnten sie Nicholas Fattoush ja ohnehin erst wieder in zwei Jahren und sieben Monaten.

Da haben wir den Salat.

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* Carolin Dylla hat im September 2014 ihren Master im Studiengang Internationale und Europäische Governance an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und dem IEP de Lille abgeschlossen. Während ihres fünfmonatigen Praktikums im Büro der hbs in Beirut organisiert sie das Projekt More Than A Talkshop.

Conchita Wursts syrische Schwestern

YouTube Preview Image“Wann immer die Protagonisten des Bollywood-Kinos einen kritischen Punkt in der Handlung erreicht haben, beginnen sie erstmal zu singen und zu tanzen,” versuchte mir eine Freundin einst die von ihr so geliebten indischen Filme nahezubringen. Daran musste ich als allererstes denken, als ich unlängst das Video “To our countries” sah, das zwei syrische Schwestern in Stockholm auf Youtube stellten, denn hier funktioniert es ähnlich.

Während Bollywood-Filme in erster Linie der Unterhaltung dienen, aber viele von ihnen transportieren gesellschaftliche und politische Botschaften, verhält es sich bei der Mini-Schmonzette von Fadia und Rihan Younan genau umgekehrt: sie verbrämen Eigenwerbung mit einer politischen Botschaft. Grammatikalisch ist das Video im Passiv gehalten, was den Zuschauern überlässt, sich ihren Teil über Täter, Opfer und mögliche Lösungsansätze zu denken.

Von den bislang über 1,4 Millionen, die sich das Video angeschaut haben, verbreiteten es viele begeistert. Andere sehen es kritisch. Das beschreibt unter anderem die deutsche Journalistin Martina Sabra in ihrem spitzzüngigen Beitrag “Peinlicher Medienhype” auf Qantara.de.  In westlichen Foren wird eher in sexistischer Manier auf der Selbstinszenierung der schönen Schwestern herumgehackt. Arabische Kommentatoren bemängeln die zynischen politischen Botschaft, die elegant verpackt ist. Als “Shabiha-Schnepfen” werden die beiden tituliert, in Anlehnung an die gängige Bezeichnung der gefürchteten inoffiziellen Regime-Milizen. Das ist einerseits dem Umstand geschuldet, dass eine der Schwestern stolz auf ihrem Facebook-Account vermeldete, bei den syrischen Präsidentschaftswahlen für Bashar al-Assad gestimmt zu haben. Doch auch in dem Video ist der “Friedensappell” keinesfalls ohne ein Geschmäckle. So wird die “Versklavung von Frauen” zu Recht gebrandmarkt, bei der die meisten automatisch an ISIS und nicht an die systematiche sexuelle Gewalt des Regimes denken. Andere Gewaltstrategien wie die fortgesetzten Bombardierungen mit Fassbomben oder das Aushungern zahlreicher Landstriche erwähnen sie nicht.

Die syrische Revolution und die von außen erzwungene Intervention im Irak werden implizit über einen Kamm geschoren. “Seit über 10 Jahren wird der Irak  von Tyrannei und Unterdrückung befreit, um durch noch gröerer Tyrannei und Unterdrückung ersetzt zu werden,” dichten Fadia und Rihan. Also nicht nach Freiheit streben, weil das nur größeres Leid erzeugt? Irak und Syrien, eine von außen erzwungene Intervention und ein Volksaufstand, sind nicht zu vergleichen. Aber genau das ist es, was Assad der Wet seit 2011 zu vermitteln sucht. Der Freiheitsdrang der Syrerinnen und Syrer hat ihn zu Hochform auflaufen lassen. Wer sich gegen die omnipräsente aber nach Möglichkeit verdeckt gehaltene Repression aufgelehnt hat, bekommt jetzt ein Vielfaches von dem völlig ungeniertund öffentlich obendrauf.

Während vor der syrischen Revolution nicht nur die Repression sondern auch der Widerstand weitgehend im Stillen stattfand, zögern syrische AktivistInnen nun nicht mehr, auch selbst an die Öffentlichkeit zu gehen. Es dauerte nur Tage, bis im Internet eine Parodie auftauchte, in der zwei Syrer mit Perücken und großzügig im Bart verteiltem Lippenstift sich geradezu als die syrische Version von Conchita Wurst präsentieren.

Allein schon im vor Betroffenheit nur so triefenden Augenaufschlag des einen spiegelt sich am Beginn des Videos der Zynismus des Originals wider. Nach der kitschigen musikalischen Eröffnung, die sie dem ursprünglichen Video entlehnen, beten sie nach, was auch heute viele Regime-Anhänger als Narrativ der Revolution präsentieren: eine Handvoll ausländischer Terroristen habe Syrien heimgesucht. Obwohl man ihnen großzügig Reformen und gar eine Amnestie in Aussicht gestellt hätte, hätten sie keine Ruhe gegeben. Und eigentlich sei Bashar gut – nur die “Leute um ihn herum” A***löcher.

Gastbeitrag: Über Mauern

Ein Gastbeitrag von Lukas Matzkows

Lukas ist für drei Monate Praktikant im Heinrich-Böll-Büro in Ramallah. Als junger Berliner hat er die Mauer zwar nicht mehr erlebt. Aber hier vor Ort wird er an diese Geschichte erinnert. Ist der Kontext ein anderer? Natürlich ist er das. Aber die gewaltige Betonmauer ist omnipräsent und schränkt die Rechte von Millionen Palästinenserinnen und Palästinensern ein. Lukas hat sich intensiv mit den  Konsequenzen der Mauer auseinandergesetzt und eine spannende Masterarbeit zum Thema „Space Invaders ® – The theoretical notion of Space and Graffiti on the West Bank Wall“ geschrieben.

Gestern, am 9. November, jährte sich zum 25. Mal der Fall der Berliner Mauer und in Berlin wird dem freudigen historischen Ereignis vielfältig gedacht. Während in Berlin gerade der bewegende Moment des Mauerfalls gefeiert wurde, gedachte man in Palästina 2014 dem zehnjährigen „Jubiläum“ des Urteils des internationalen Strafgerichtshof, das den Bau der „Separation Barrier“, die Israel und die Westbank trennen soll, aber weit in palästinensischem Territorium verläuft, als illegal nach internationalem Recht bezeichnete. Aber die Mauer steht noch immer. In Palästina haben Aktivisten das Datum des 9. November daher zum Anlass genommen, sie symbolisch zu durchbrechen. Die Aktivisten, Mitglieder der „local popular resistance committees“ in Palästina, die versuchen einen friedlichen Widerstand gegen die Besatzung organisieren, schlugen ein Loch in die Mauer und veröffentlichten dazu das folgende Statement: “No matter how high walls are built, they will fall. Just as the Berlin Wall fell, the wall in Palestine will fall, along with the occupation.”

ryanrodrickbeiler.com - 2.7.2013

 

 

 

 

 

 

 

Als Berliner, der nach dem Fall der Mauer, die Deutschland so lange teilte, aufwuchs und sie im Prinzip nur als eine Art Museum und ein Objekt der Vergangenheit kennt, wirkt die Mauer hier jedes Mal wieder fast surreal. Palästinensische Aktivistinnen und Aktivisten protestieren wöchentlich gegen die Auswirkungen der Mauer und die teils grotesken Trennungendie sie vornimmt – nicht zwischen Israelis und Palästinensern, um Sicherheit zu gewährleisten, sondern zwischen Palästinensern und Palästinensern. Künstler setzen sich auf kreative Weise mit der absurden Situation auseinander, so wie Khalid Jarrar, der Objekte aus der Mauer formte oder einen Film drehte über ein Tennismath über die Mauer hinweg:

Seit 2002 nun schlängelt sich die von manchen „Security Fence“ und von anderen „Apartheid Wall“ genannte Mauer, die vier Mal so lang ist wie die Berliner Mauer, durch die Leben von tausenden von Palästinensern. In stark besiedelten Gebieten wie Bethlehem ragen die Betonblöcke bis zu acht Meter in die Höhe und werfen lange Schatten auf die Häuser zu beiden Seiten. An vielen Stellen ist die Mauer, wie in Berlin, großflächig mit Graffiti bedeckt und wirkt so fast wie eine Art East Side Gallery im Nahen Osten.

Sollte die Barriere ursprünglich entlang der sogenannten Grünen Linie von 1967 verlaufen, sehen die Fakten deutlich anders aus. 85 Prozent der Mauer verlaufen innerhalb der Westbank und annektieren de facto 9,5 Prozent des Gebietes, das für die Bildung eines Palästinsischen Staates vorgesehen ist. Dies resultiert darin, das sich rund 30.000 Palästinenser auf der ‚falschen‘ Seite der Mauer befinden und nur mit besonderen Genehmigungen in ihren Häusern leben dürfen. Hinzu kommen die rund 200.000 Bewohner Ost-Jerusalems, die zwar ein Aufenthaltsrecht in Israel, jedoch keine Staatsbügerschaft mit einhergehenden Rechten besitzen.

mauerDie Israelische Regierung begründete die Errichtung der Mauer mit der Notwendigkeit für die Sicherheit des Staates Israel; da sie aber einerseits palästinensisches Land enteignet und eingemeindet, und andererseits sich tausende Siedler jenseits der Mauer in den wachsenden Siedlungen befinden, macht dies kaum noch Sinn. Auch ihre temporäre Natur ist angesichts der ungeheuren wirtschaftlichen Kosten zu bezweifeln. Seit Baubeginn hat die Mauer den israelischen Steuerzahler bereits über 2,6 Billionen Dollar gekostet, jedes Jahr kommen weitere 260 Millionen Dollar für Ausbau und Instandhaltung hinzu.

Die Mauer in Berlin teilte eine Stadt für 28 Jahre. Es bleibt zu hoffen, dass die Palästinenser keine weiteren 16 Jahre warten müssen bis ihr „Traum in Erfüllung geht“ (Angela Merkel anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls in Berlin) und Menschen auf beiden Seiten in Frieden und Freiheit leben können.

Kommt ein Saurier in den Libanon …

Sonntagsausflug mit Selfie-Stick (c) Bente Scheller

Sonntagsausflug mit Selfie-Stick (c) Bente Scheller

„Neben mir sitzen Leute, die mit einem rätselhaften teleskopartigen Gegenstand hantieren“, schrieb mir jemand vom Beiruter Flughafen. Wenig später saß ich selbst dort und beobachtete das Phänomen mit großen Augen. Meine syrischen und libanesischen Begleiterinnen waren ebenfalls von Staunen erfüllt, allerdings über mich: „Sag bloß, du kennst keinen Selfie-Stick! Ist doch total praktisch, wenn die eigenen Arme zu kurz für ein gutes Selbstportrait sind.“ Auch sonst habe ich den Eindruck, dass ich den technischen Gepflogenheiten hier hinterherhinke. An der kleinen Schneiderwerkstatt nebenan hängt, wenn sie verwaist ist, nicht etwa ein „Gleich wieder da“-Schild, sondern dort steht „Need me? Whatsapp me!“ und die Telefonnummer. Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich an die Telefonlisten, mittels derer per Schneeballsystem übermittelt werden sollte, wenn es zu Unterrichtsausfällen kam. Der hiesige Kindergarten kommuniziert über seine Facebook-Seite und Rund-SMS an alle Eltern.

Auch die Einkaufsliste an den Tante-Emma-Laden oder Bestellungen biem Lieferservice der Restaurants kann man per App übermitteln. Ob es ein einzelnes Paket Taschentücher, die altbautaugliche Trittleiter oder eine Wasserpfeife ist, bestellbar ist alles frei Haus. Es ist ein typischer Anblick im Straßenbild vieler Viertel, dass Leute die Waren des täglichen Gebrauchs mittels eines vom Balkon herabgelassenen Weidenkörbchens an der Wäscheleine in Empfang nehmen und im Austausch das Geld übermitteln. In meinem Haus gibt es das nicht. Wahrscheinlich haben alle Nachbarn bereits auf 3-D-Drucker umgestellt.

ISIS, IS oder Daesh? Ein Sturm im Buchstabensuppenteller

ISIS-Spott: "Baghdadis Wahl: Omega erhältlich in allen ISIS-Läden in Syrien und Irak" (c) @Al_Khateeb

ISIS-Spott: “Baghdadis Wahl: Omega erhältlich in allen ISIS-Läden in Syrien und Irak” (c) @Al_Khateeb

„Daesh – möge ihrer ‚Herrlichkeit’ ein kurzes Dasein beschieden sein,“ ruft der syrische Intellektuelle Yassin Al Haj Saleh im Dokumentarfilm „Our Terrible Country“ in einer höhnischen Imitation des pompös-bedrohlichen Tons von ISIS’ eigenen Äußerungen. „Daesh,“ sagt er an anderer Stelle und rollt das Wort im Mund, „das klingt, wie eines der Monster aus den Märchen, die man uns als Kinder erzählt hat.“

Die Monstrosität von ISIS übersteigt in vielerlei Hinsicht jedes Fabelwesen. Materiell labt sich ISIS an vielen Quellen – an Financiers gebrach es nicht, auch wenn die Golfstaaten jede Verantwortung von sich weisen; erpresste Schutzgelder von Geschäftsleuten, Lösegeld für Geiseln, die Beute, die sie bei ihren Eroberungen gemacht haben, von Geld und Waffen zu Öl – bevorzugt verkauft an das syrische Regime sichern ihren Fortbestand.

Ideell lebt ISIS von blanker Bestialität. Sie erlaubt ihnen, unter denjenigen zu rekrutieren, die sich entrechtet fühlen und als ISIS-Kämpfer erstmals meinen, über anderen zu stehen und Macht ohne Verantwortung, ohne an Regeln gebunden zu sein, ausüben zu können. Das versetzt ihre Gegner in der Region in Schreckensstarre oder treibt sie in die Flucht: „Ich habe vieles Schlimme erlebt, aber meine Angst war nie größer als in dem Moment, in dem ich gesehen habe, wie ISIS in einen Ort eingefallen ist. Maskierte Bewaffnete, die ohne lange zu fackeln kurz und brutal ihre Macht demonstrieren – das hat ein größeres Grauen ausgelöst, als alles zuvor,“ sagt eine Aktivistin.

Hier versuchen arabische Aktivisten und Medienschaffende, sie zu packen: Trotz oder gerade wegen der ernsthaften Bedrohung durch ISIS laufen die Satiriker zur Hochform auf. So spottet Anthony al Ghosseini, ISIS hätte den Libanon nicht als Eroberungsziel ins Auge gefasst, weil sie schlicht nicht wüssten, wen sie hier stürzen sollten. Auch die Verkehrsprobleme im Land seien einem Vormarsch nach Beirut extrem hinderlich. Dass “der Kalif” mit einer teuren westlichen Uhr gesichtet wurde, veranlasste unter anderem Spott auf Twitter: “Baghdadis Wahl von #Omega nun verfügbar in allen #ISIS Läden in #Syrien und #Irak twitterte @Al_Khateeb. Die Prominenz kam der, des zuvor durch sein pinkfarbenes “Hello Kitty”-Notizbuch berühmt gewordenen Extremistenführers Zahran Alloush, gleich.

ISIS weiß um den Wert der öffentlichen Inszenierung von Brutalität. Anders als viele andere Barbaren, die das Bestreben haben sich als die „eigentlich Guten“ zu vermarkten, die nur, weil sie dazu gezwungen seien, Gewalt ausübten, legt ISIS größten Wert darauf, sich so schrecklich wie möglich in Szene zu setzen.

Das macht sie zum Feind, auf den man sich leicht einigen kann. Gegen ISIS zu sein, ist eine Selbstverständlichkeit, bei der sich keine Regierung leisten kann, zu schweigen. Dass dem nicht unbedingt Taten folgen müssen, zeigt am besten das syrische Regime, das sich von Anfang an und weiterhin in vornehmer Zurückhaltung übt, wenn es darum geht, sie anzugreifen. Die Terrormiliz ist Assads Gelegenheit, sich als das ‚kleinere Übel’ zu inszenieren. Innenpolitisch war es stets ein Herzstück der Assad-Propaganda, sich nicht als normale Herrscherfamilie darzustellen, sondern sich mit gottgleichen Attributen zu versehen: „Assad bis in die Ewigkeit“ und „Assad, der ewige Führer“ waren nur einige der Slogans, die 40 Jahre lang beharrlich auf Stadtmauern und Plakate gepinselt wurden. Die Poster mit den Konferfeis von Hafez al-Assad, Bashar und seinem verstorbenen Bruder Basel zusammen wurden halbernst als Anklang an die Darstellung der Dreifaltigkeit „Vater, Sohn und der heilige Geist“ betrachtet.

Die Dreifaltigkeit: Bassel, Hafez und Bashar al-Assad {c} qifanabki.com

Die “Dreifaltigkeit”: Bassel, Hafez und Bashar al-Assad {c} qifanabki.com

Von einem in die himmlischen Sphären getriebenen Personenkult in Syrien selbst und einer hoffnungsvollen Schönschreibung des Diktators als Beschützer der Minderheiten und säkularem Bollwerk gegen den Extremismus ist es ein weiter Weg, die eigentliche Höllendimension des Regimes zu ermessen. Auf Youtube mangelt es nicht an Videos, in denen Schergen des Regimes sich dabei filmen, Gefangene zu Tode zu quälen. Die 55.000 aus dem Land geschmuggelten Bilder von 11.000 in Assads Gefängnissen totgefolterten, auch noch im Auftrag des Regimes fotografiert, lassen sich augenscheinlich leichter beiseite schieben. Es stand, anders als bei ISIS’ Enthauptungsvideos nicht drauf, dass das eine Botschaft an Amerika oder den Westen sei, warum also sollte man sie verstehen? War was?

Auf internationaler Ebene ruft ISIS blinden Aktionismus hervor, der sich bislang auf unausgegorene Militärstrategien ohne eine entsprechend starke politische Untermauerung erstreckt. Luftschläge gegen ISIS sind zwar ein Anfang, aber dass nicht gleichzeitig ein vehementeres Vorgehen gegen Assad debattiert wird, er in manchen Kreisen sogar als potentieller Partner gesehen wird, führt zu Unmut. Das wiederum stößt im Westen auf Unverständnis. „Jetzt tun wir mal etwas, da ist es auch wieder nicht recht, das ist eine Wasch-mich-aber-mach-mich-nicht-naß-Haltung,“ lautet oftmals die Argumentation. Dabei sehen viele Syrerinnen und Syrer Assad und ISIS als zwei Formen ein und desselben tyrannischen, menschenverachtenden Geistes, ja, dass sie sich in manchen Dingen im wahrsten Sinne bis aufs i-Tüpfelchen gleichen: „Weißt du, als ich nach Raqqa kam und die von ISIS neu angebrachten Ruhmesparolen sah, habe ich mir die Augen gerieben,“ sagt ein Künstler. „Die Schriftzüge zeigten, dass der gleiche Kalligraph am Werk gewesen war.“

Während ISIS’ Attitüde international von Größenwahn zeugt, regiert bei ihrer eigenen Benennung eben die Kleinlichkeit. Sie wollen nicht nur als ‚Islamischer Staat in Irak und Syrien’ (oder der Levante) gesehen werden, da offenbart, dass es keine vorkoloniale einheitlich benannte Entität gibt, auf deren Wiederherstellung sie sich gerne berufen würden. Sie wollen als der islamische Staat schlechthin auftreten. Ihre Grandezza soll nicht durch Abkürzungen geschmälert werden, sie nicht zu einem beliebigen Teil der Buchstabensuppe machen. Deswegen hört bei der Verwendung ihres arabischen Akronyms „Daesh“ („al-Dawla al-Islamiya fi al-Iraq wa al-Sham“) der ohnehin nicht vorhandene Spaß auf. Sie ahnden die weltliche Abkürzungsfreude mit drakonischen Strafen. Dass auch „Dawla“ (Staat) ein moderner Begriff ist, der mit einem historischen Kalifat wenig zu tun hat, ist Nebensache.

In der allgemeinen Ratlosigkeit, wie ISIS beizukommen sei – ganz zu schweigen von einer politischen Lösung, die die Region befrieden könnte-, greift man auch zu rhetorischen Strohhalmen. So gibt es derzeit in Frankreich ein Bestreben, ISIS weder ISIS noch IS zu nennen, sondern stattdessen den unter Extremisten verhassten Begriff „Daesh“ zu verwenden. Wie der französische Außenminister Laurent Fabius sagte: „Es handelt sich hier um eine terroristische Gruppe, nicht um einen Staat. Ich empfehle, nicht den Terminus ‚Islamischer Staat zu verwenden, denn damit verwischt man die Trennlinien zwischen Islam, Muslimen und Islamisten. Die Araber nennen sie ‚Daesh’, und ich nenne sie die ‘kehlenaufschlitzenden Daesh’.”

Ein Eimer voller Schutt – Gaza hat kein (Eis-)wasser

Seit Wochen schütten sich Prominente und Semi-Prominente Eimer mit Eiswasser über den Kopf. Das nervt langsam – zumal von der ursprünglichen Idee, damit Spenden für die Bekämpfung der Nervenkrankheit ALS zu generieren, keine Rede mehr ist.

Eine ganz andere Perspektive haben auf den nassen Unsinn die Menschen in Gaza. Sie mussten einen 50-tägigen Krieg mit weitreichenden Zerstörungen durchleiden. Der halbe Gazastreifen liegt in Schutt und Asche, auch die Infrastruktur für Wasserversorgung und Abwasser ist weitreichend zerstört.

Darauf macht auf zynische Weise in einem Video der Journalist Ayman Al-Alul aus Gaza aufmerksam. “Ich mochte den Eiswasser-Wettbewerb”, sagt er. “Daher habe ich eine palästinensische Version erfunden. Ich habe nach einem Eimer Wasser gesucht, aber Wasser ist in Gaza zu kostbar, als es sich über den Kopf zu schütten. Auch kann man es nicht einfrieren, da es keine Elektrizität gibt.” Die palästinensische Version der Eiswasseraktion geht daher so: Statt Wasser schüttet man sich einen Eimer mit Schutt des Krieges über den Kopf. “Wir haben kein Wasser, aber DAS ist es, was wir haben…”, sagt Ayman al-Alul.

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Heute wurde ein Waffenstillstand erzielt. Es ist zu hoffen, dass er endlich hält. Dann wird auch hoffentlich die grundlegende Wasserversorgung für die Bevölkerung wieder gewährleistet werden können – wenn auch nicht für den Eiswasser-Wettstreit.

 

 

 

 

 

Der Ausverkauf des “blauen Goldes”

 

Mager gefüllter Qaraoun-Stausee, Anfang Juni 2014 (c) Bente Scheller

Mager gefüllter Qaraoun-Stausee, Anfang Juni 2014 (c) Bente Scheller

Beirut ist eine laute Stadt. Alles darf an einem Auto kaputt sein, nur nicht die Hupe und die Alarmanlage, und im Stau dröhnt verlässlich eine Kakophonie der oft vollaufgedrehten Musikanlagen. Die Bars, die Baustellen, und Freudenschüsse und Feuerwerk  zu jedweder Gelegenheit tragen ihr übriges dazu bei. Seit dem Frühling mischt sich noch ein anderes Geräusch in diesen Klangteppich: das Rattern der Pumpen der Wasser-Lkws.

Es war ein trockner Winter im Libanon. Erstmals blieben die Skigebiete aus Schneemangel geschlossen, und ohne Niederschlag sieht es auch für die Wasserversorgung düster aus. Dabei wäre der Bedarf mit so viel mehr Menschen im Lande – weit über eine Million syrischer Flüchtlinge – noch viel größer als in den Vorjahren. Der erste Regen ist erst wieder im Herbst zu erwarten. Bis dahin müssen alle sich mehr recht und schlecht arrangieren.

Manche Leute in Beiruthaben das Glück, auf einer Quelle zu wohnen. Dann hat man immer Wasser. Bei einigen Häusern gibt es hier jedoch den Pferdefuß, dass das Meerwasser so stark ins Grundwasser drückt, dass man nach jeder Dusche mit Salzkristallen überlagert ist. Die anderen Häuser im Stadtzentrum sind an ein marodes Netz der Wasserversorgung angeschlossen, so auch wir. Dass heißt nicht, dass wir rund um die Uhr versorgt sind: der Anschluss wird derzeit zwei Mal die Woche für jeweils vier Stunden geöffnet. So haben alle Wassertanks – einen unten im Hof, einen auf dem Dach. Der Wasserdruck reicht nicht, die oben zu befüllen, sondern von dem unteren pumpt man es jeweils selbst auf sein Dach. Da die Leitungen, porös wie sie sind, unter Friedhöfen und Tankstelen hindurchführen, benutzen wir das Wasser aus dem Hahn weder zum Trinken noch zum Kochen. Wir haben keine Spülmaschine, keine Balkonpflanzen, wir duschen seit Jahresbeginn nur noch mit sorgsam abgemessenem Wasser in Eimern, das wir danach wiederum für die Klospülung und zum Putzen recyclen, und dennoch sitzen wir ständig auf dem Trocknen. Dann bestellt man den Wasser-LKW – eine der vielen privaten Firmen, die mit Tankwagen Wasser liefern.

“Mein Sohn mit seinen zwei Kindern kommt nächste Woche aus den USA zu Besuch – sie können sich das gar nicht vorstellen. Aus Florida kriegen wir jeden Tag besorgte Nachfragen: ‘Habt ihr denn auch genug Wasser, wenn wir kommen?’,” sagt meine Nachbarin. Der Hausverwalter zuckt mit den Schultern: “Was sollen wir tun? Die Wasserwerke begründen das damit, dass unser Haus direkt zwischen zwei Straßen mit vielen Restaurants und Bars liegen – die werden natürlich bevorzugt behandelt.” Auch der benachbarte Bestatter ist verzweifelt: “Kannst du dir das vorstellen? Wir bestellen schon Wasserlieferungen von privaten Firmen. Die kommen nur, wenn man einen Mindestbestellwert hat – aber dann liefern sie davon nur die Hälfte und kassieren doppelt. Den Rest müssen wir ausgleichen, indem wir das Trinkwasser in Kanistern bestellen. Allein heute haben wir so viel sauberzumachen, dass wir mit Tankwagen und abgefülltem Trinkwasser 100 Dollar zahlen,” sagt er und deutet auf die 6-Liter-Flaschen, die sich vor seinem Büro stapeln.

In dieser verzweifelten Lage – normalerweise treten die Engpässe erst im September, Oktober, direkt vor Beginn der Regensaison auf – nimmt es nicht wunder, dass eine Kampagne zur kommerziellen Wasserbewirtschaftung Zulauf hat. “Blaues Gold”, heißt sie. Was wie eine Wertschätzung der Resource Wasser klingen könnte, ist nüchtern betrachtet ein Vorstoß, die Wasserversorgung zu privatisieren. Um in das  Konsortium zu gelangen, das die Kampagne gestartet hat, muss man eine Eintrittsgebühr von 50.000 Dollar entrichten, die jährlichen Beiträge belaufen sich auf 10.000 Dollar. Der Libanon sei ein wasserreiches Land, kann man auf der Webseite nachlesen, aber das Potential der Wasserbewirtschaftung nur zu einem Bruchteil ausgeschöfpft. Doch was so einfach klingt, ist es natürlich nicht: Der karstige Untergrund bietet sich an den meisten Stellen nicht an, um Staudämme zu bauen, da das Wasser schlicht versickern würde. “Sobald klar ist, man möchte das Wasser eigentlich verkaufen, stellt sich natürlich auch die Frage für alle Landwirte: dürfen sie überhaupt noch selbst Wasser in Zisternen sammeln?” fasst es ein Partner der Stiftung zusammen.

Obwohl klar ist, dass es sich hier um eine im Zweifelsfall für BürgerInnen und NutzerInnen ungünstige Kommerzialisierung handelt, sind die Kommentare unter dem Artikel weitgehend positiv: “Gott schütze euch, Jungs, möge dieses Projekt funktionieren.”

Warten auf den Waffenstillstand: Urlaub impossible

Im Gazastreifen fallen die Bomben, über tausend Tote und kein Ende in Sicht. Wie soll man da Urlaub in Deutschland machen? Umso mehr, wenn man dort zahlreiche Freunde und Bekannte hat, und auch Kolleginnen und Kollegen durch die Arbeit der Stiftung. Eigentlich hätte es ein entspannter WM-Sommer werden sollen – für mich und die Fußballverrückten in Palästina und der Region (und dann noch mit so einem grandiosen Ausgang). Und eine Entspannung von den ewigen Frustrationen und Spannungen des Lebens in den besetzten Gebieten. Aber es kam anders, denn nicht nur in den Halbzeitpausen wurde man an die schreckliche Realität erinnert. Omnipräsent waren die Bilder aus dem Gazastreifen, wo die Menschen völlig schutzlos den Angriffen ausgeliefert waren, und omnipräsent war die Sorge um die Freunde dort. Vor allem in den sozialen Medien ein unaufhörlicher Strom von grauenhaften Bildern der Opfern – für mich eben keine anonymen, sondern die engen Freunde und Familien meiner Bekannten. Mittlerweile ist die Schwelle von 1000 Todesopfern überschritten, die meisten Zivilisten, viele Kinder und Frauen. Und warum in aller Welt versagt die Diplomatie auf ganzer Linie bei der Vermittlung eines Waffenstillstandes?

Unterstützen Sie hier bitte unsere Thunderclap-Kampagne für einen sofortigen und nachhaltigen Waffenstillstand!

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Der Versuch abzuschalten scheitert so völlig; auch im Urlaub bediene ich ein paar Presseanfragen, zum Beispiel beim NDR, bei Phönix oder beim Deutschlandradio. Und doch plagt das schlechte Gewissen, nichts tun zu können für die bedrohten Menschen im Gazastreifen.

Auch die schrecklichen Szenen von antisemitischen Ausschreitungen in Paris, aber auch in Deutschland schockieren und belasten mich. Wie kann man so dumm sein, so geschichstvergessen, und bei Demonstrationen für ein Ende des Krieges und gegen die Politik der gegenwärtigen radikalen israelischen Regierung jüdische Enrichtungen anzugreifen, jüdische Bürger oder Synagogen? Und dann wieder erregen mich jene, die jedem notwendigen und legitimen Protest gegen die israelische Politik und die Bombardments Antisemitismus unterstellen oder ihn als “antiisraelisch” diskreditieren wollen.

Ähnliches geschieht, als internationale Fluggesellschaften ihre Flüge nach Tel Aviv absetzen. Und das passiert genau an jenem Tag, als ich mit Lufthansa nach Tel Aviv zurückfliegen möchte. Denn in Yehud, einer kleinen Stadt in der Nähe des Ben Gurion Flughafens, ist eine Rakete eingeschlagen. Auch wenn ich mich selbst nicht unmittelbar gefährdet fühle und am liebsten zurück in die „Heimat“ möchte – schließlich werden 90% aller Raketen vom „Iron Dome“ System abgefangen – man geht doch davon aus und erwartet das auch, dass Fluggesellschaften alle Risiken für ihre Fluggäste ausschließen wollen. Etwas befremdlich waren daher Stimmen in den USA, die politischen Druck zu einer Wiederaufnahme der Flüge machten. Und auch in Deutschland gab es ähnliche Kommentare, sogar aus der Politik – als betroffener Fluggast muss ich doch sagen, dass ich die Risikoanalyse lieber Fachleuten überlasse. Auch manchen Piloten und Crew-Mitgliedern der Lufthansa ging das so. Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, buchen wir schließlich um: Nach Amman. Das ist ein Umweg, und auch die Einreise nach Palästina über Jordanien ist manchmal beschwerlich; so endet ein anstrengender Urlaub. Wenn jetzt endlich ein Waffenstillstand hält und der Gazastreifen eine Zukunft bekommt, wird es bald vergessen sein.

 

Sarg niemals nie

(c) Bente Scheller

(c) Bente Scheller

Sobald die Sonne in Beirut aufgeht, zupft mein kleiner Sohn an mir: “Aufstehen, Mama!” Voller Ungeduld sucht er mir etwas zum Anziehen aus dem Schrank, und dann soll es bitteschön losgehen auf die Straße. Der einzige Laden, der dann schon geöffnet hat, ist das Bestattungsinstitut. Dort kann ich ihm beim Versteckenspielen mit dem Zeitungsverkäufer zuzuschauen. Ich sehe schwarz für alle Vampirfilme, die wir künftig schauen könnten. Wenn sich der Sargdeckel knarrend hebt, wird Laslo durchs ganze Kino brüllen: “Den kenn ich, das ist der Zeitungsverkäufer!” Der neueste Trick ist, sich kreischend in die Vorhänge zu wickeln und vor Vorfreude bebend darauf zu warten, dass der jeweils andere einen entdeckt.

Highlights im Leben sind die Tage, an denen es Blumen von Beerdigungen gibt, und wenn ein Sarg zur Beschriftung mit einem Ende auf einem Stuhl lagert und der daran arbeitende kurz weggeht, fährt mein Sohn mit seinem kleinen Zeigefinger über die goldenen Buchstaben und tut, als könne er lesen – in dem er seinen eigenen Namen buchstabiert. Neulich sahen wir in einem anderen Laden frisch angebrachte, leere Regale, und sofort zirpte er: “Auch so schöne Kisten? Wie beim alten Herrn?”

Wenn der Senior im Beerdigungsinstitut ist, darf Laslo auch ins Büro kommen und sich aus der Süßigkeitendose bedienen. “Was das denn?” fragt er mit Blick auf eine an der Wand befestigte Marienstatue. “Die Jungfrau Maria,” sagt der alte Herr. Laslo nickt wissend: “Und das ein Ventilator!” erwidert er auf deutsch, während er auf das ihm deutlich interessanter erscheinende Objekt neben dem kleinen Schrein deutet.

Dieser Tage laden uns die muslimischen Mitarbeiter des christlichen Ladens aufs Herzlichste zum Fastenbrechen ein, zu dem sie sich stets auf den paar Stühlen im hinteren Ladenteil um das Notfall-Sterbefall-Telefon scharen.Im Ramadan scheinen die sonst gelegentlich spürbaren Spannungen vergessen. Als die christliche Inhaberin des Supermarktes sich vergewissert, dass alle bestellten Waren ordnungsgemäß geliefert worden sind, fragt sie: “Wann ist Fastenbrechen? Erst Viertel vor acht? Ihr Armen, so heiß wie es dieses Jahr ist!” Schulterzuckend einigen sie sich darauf: “Wenn das Allahs Wille ist, muss es wohl so sein.”