Hotel, nicht Heimat: Wie libanesische Jugendliche ihr Land sehen

Ein Gastbeitrag von Raphael Schanz, Büro Beirut

"Dear Lebanon" (c) Raphael Schanz

“Dear Lebanon” (c) Raphael Schanz

Kaum eine Straßenecke in Beirut ist frei von religiösen oder politischen Symbolen und Fahnen. Dabei hat der Wahlkampf für die Parlamentswahlen, die im November 2014 stattfinden sollen, noch gar nicht begonnen. Erst im Februar konnte eine Regierung gebildet werden – nach fast einem Jahr Blockade. Und viele Libanesen meinen jetzt, ohne Regierung wäre es sogar besser gewesen. Die Zerissenheit des Landes wird durch die Auswirkungen des syrischen Bürgerkriegs und die dramatische Flüchtlingssituation mit fast einer Million SyrerInnen im Lande noch verstärkt. Beinahe wöchentlich finden Bombenanschläge statt. Gerade dieses Wochenende gab es in einem zentralen Stadtviertel Auseinandersetzungen, bei denen so schweres Geschütz aufgefahren wurde, dass man es noch am anderen Ende der Stadt hörte. Die Gesellschaft ist tief gespalten entlang konfessioneller Bruchlinien, und es kommt zu immer größeren sozialen Spannungen. Religion und Politik sind eng miteinander verknüpft und bestimmen den Alltag vieler LibanesInnen.

Wie sehen Jugendliche in einer solch instabilen Situation ihrer Zukunft entgegen? Während meines zweimonatigen Aufenthalts in Beirut habe ich viele junge LibanesInnen kennengelernt, die mit den Problemen ihrer Elterngeneration nichts zu tun haben möchten. Ich habe mich mit einer Gruppe von acht Teenagern über ihre ambivalente Liebe zum Heimatland ausgetauscht und mit ihnen gemeinsam den Film „Dear Lebanon“ gedreht.

Eine neue Generation wächst heran, die sich kaum etwas mehr wünscht als in Frieden aufzuwachsen – und oft in erster Linie an eines denkt: ihr Heimatland zu verlassen. Massenhaft wandern sie aus: USA, Kanada, die Golfstaaten, Europa. „Der Libanon ist für mich eher ein Hotel als ein Zuhause. Eine vorübergehende Station, und ich habe meine Koffer schon gepackt“, sagt die 15-jährige Naye. „Es beunruhigt mich, wenn junge Leute das Land verlassen, weil sie sich hier nicht mehr zugehörig fühlen“, sagt Ziyad Baroud, ehemaliger libanesischer Innenminister und einer der wenigen Politiker, von denen sich die Jugendlichen verstanden fühlen, im Interview. Sie finden sich im aktuellen sozialen und politischen System nicht wieder, sehen sich von den politischen Entscheidungsträgern nicht repräsentiert. Die Anschläge sind nicht ihre Anschläge. Die Konflikte nicht ihre Konflikte.

Wenn sie neue Leute kennenlernen, erzählen mir die Jugendlichen, fragen sie nicht nach der Religionszugehörigkeit. Die Freund-Feind-Denkmuster ihrer Eltern-Generation teilen sie nicht. Und über die Politiker im Fernsehen könnten sie höchstens lachen, aber sie nicht erstnehmen. Sie zeigen mir ein Youtube-Video, in dem zwei Politiker in einer Talkshow handgreiflich werden. Ich lache mit, frage aber auch: Wie lange kann es in einem Land gut gehen, wenn die Jugend nicht mehr an ihre Demokratie glaubt?

Rapahel Schanz (Mitte) mit zweien der Teenager

Rapahel Schanz (Mitte) mit zweien der Teenager

„Die Erwachsenen sehen die Zukunft des Libanons nicht in uns, und wir selbst auch nicht“, sagt der 15-Jährige Marwan, „es ist unglaublich schwierig, wirklich etwas zu verändern. Was können ein paar Teenager schon tun?“ Doch sie wollen ihr Land nicht aufgeben und wehren sich dagegen, der schleichenden Zerstörung untätig zuzusehen.  „Als ein Freund von mir bei einem Bombenanschlag starb, habe ich begriffen, dass es nicht normal ist, wenn jeden Tag eine Bombe hochgeht“, sagt die 17-jährige Ghida, „wir werden das nicht länger hinnehmen und was dagegen unternehmen“. Was, bleibt allerdings offen. „Wenn man Wandel will, reicht es nicht, eine Facebook-Seite mit dem Titel ‚Wandel‘ ins Leben zu rufen“ sagt der beliebte Stand-Up Comedian Nemr Abu Nassar in dem Film. Während im Libanon Twitter-Kampagnen und Apps zu allen möglichen Themen außerordentlich erfolgreich sind, ist es gerade hier schwierig, Leute zu mobilisieren, für etwas tatsächlich auf die Straße zu gehen.

Raphael Schanz, Stipendiat der Heinrich Böll Stiftung, hat während seines zweimonatigen Praktikums bei der Heinrich Böll Stiftung in Beirut ein Filmprojekt mit acht libanesischen Jugendlichen durchgeführt. Der komplette Film „Dear Lebanon“ (30 min/englisch) ist online unter https://www.youtube.com/watch?v=FzhpEafcOgY  abrufbar, eine kurze Vorschau hier.

Fußballfieber im Gazastreifen

Am Stadion in Beit Lahia am Rande von Gaza-Stadt herrscht großes Gedränge. Vor dem Anpfiff  sind drinnen die Ränge schon gut gefüllt. Auch auf den Stadionmauern rund um das Stadion sitzen zahllose Fans. In wenigen Minuten beginnt das Erstligaspiel Khadamat Shati gegen Shabab Jabaliyah. Auch der Fußball findet in Palästina unter Ausnahmebedingungen statt. Eigentlich sollte eine palästinensische Liga alle Teams aus dem Gazastreifen, aus Ost-Jerusalem und der Wrestbank umfassen. Aber der Gazastreifen steht unter ägyptischer und israelischer Blockade, die Spieler können nicht ein- und ausreisen. In der FIFA ist Palästina wie ein anerkannter, unabhängiger Staat akzeptiert, aber die Realität sieht anders aus. Der berühmteste Fußballer aus Gaza, Mahmoud Sarsak, wurde 2012 nicht durch spektakuläre Torszenen berühmt, sondern durch einen fast 100 Tage andauernden Hungerstreik. Der ehemalige Nationalspieler war jahrelang ohne rechtliche Grundlage (“Administrativhaft“) in israelischer Haft.

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Stadion in Beit Lahia (image: courtesy of René Wildangel)

Im Gazastreifen, wo viele ums tägliche Überleben kämpfen, die Wirtschaft schwächelt und Arbeitslosigkeit grassiert, wird eine Liga ausgespielt, in der ausschließlich Teams aus Gaza teilnehmen. Mit Jabaliya und Shati stehen sich hier zwei Teams aus Flüchtlingslagern gegenüber, zwei Drittel der 1, 7 Millionen Bewohner des Gazastreifen sind Flüchtlinge aus den Kriegen von 1948 und 1967. Die Mehrheit ist jung und fußballverrückt, aber selbst die umgerechnet 50 Cent Eintrittspreis kann sich hier nicht jeder leisten. Dagegen erstaunt der gute Zustand des Spielfeldes im Stadtteil Beit Lahia. Ein reicher Palästinenser hat hier, so wird mir erklärt, 100.000 Dollar für den Rasenplatz gespendet. Der Platz ist klein, aber gehört zu den besten hier, seit das Nationalstadion von Gaza im letzten Krieg von der israelischen Armee bombardiert wurde und tiefe Krater die Nutzung unmöglich machen. Anzeigetafeln oder Flutlicht gibt es nicht, dazu fehlt derzeit das Geld. Außerdem gibt es derzeit im gesamten Gazastreifen nur wenige Stunden am Tag Elektrizität.

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Tor für Khadamat Shati (image: courtesy of René Wildangel)

Als das Spiel beginnt, gehen die Zuschauer begeistert mit. Der Fußball ist eine willkommene Abwechslung, Trommeln, La Ola und Fanplakate vermitteln Normalität. Das Niveau des Spiels kann sich sehen lassen, die Kicker von Khadamat Shati machen Tempo und gehen schon nach kurzer Zeit in Führung. Mit einem spektakulären Treffer in der ersten Hälfte gleicht Jabaliya aus, dabei bleibt es bis zum Schluss. In der Halbzeitpause wird auf dem Spielfeld gebetet, auch einige Spieler nehmen teil. Die Ligaspiele in Gaza werden immer so getimt, dass die Pausen mit den islamischen Gebetszeiten übereinstimmen. Noch wichtiger als Fragen der politischen Zugehörigkeit ist für viele Palästinenser die Identifikation mit den spanischen Top-Mannschaften: Barca oder Real? Viele Besucher haben entsprechende Trikots an. Und als der deutsche Gast im Stadion erkannt wird, werden spontan Schlachtgesänge für die deutsche Nationalmannschaft angestimmt. Dann heißt die Frage: Bayern oder Dortmund? Ein Fan in der Menge beantwortet die Frage eindeutiger als ich, er hat ein Reus-Trikot an.

(Eine Kurzversion dieses Textes erscheint in der kommenden Ausgabe des Magazins “11 Freunde” in der Rubrik “Auswärtsspiel”).

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Dortmundfan in Gaza (image: courtesy of René Wildangel)

 

Der gute Ruf des Libanon

 

Graffiti in Gemmayzeh, Beirut (c) Bente Scheller

Graffiti in Gemmayzeh, Beirut (c) Bente Scheller

Seit Jahresbeginn sind im Libanon jede Woche Menschen bei Autobomben- oder Selbstmordattentaten gestorben. Die politische Führung setzt sich zu weiten Teilen dynastisch zusammen, und die Miliz-Strukturen des Bürgerkriegs spiegeln sich getreulich in den heutigen politischen Strukturen wieder – inklusive Personal. Selbst Optimisten sprechen über eine baldige Regierungsbildung und die für November geplanten Parlamentswahlen nur im Konjunktiv. Die Grenzen scheinen poröser denn je. Der Strom der Flüchtlinge aus dem Nachbarland reißt nicht ab. Die Wasserknappheit sorgt selbst in unserem privilegierten Stadteil dafür, dass wir alle paar Tage ohne dastehen, und die Stromausfälle (im besten Fall drei Stunden, doch gerade außerhalb Beiruts gerne auch weite Teile des Tages) sind ein Dauerzustand.

Obwohl der Libanon eines der arabischen Länder ist, in denen Frauen mit den wenigsten öffentlich-moralischen Restriktionen zu kämpfen haben, ist es um ihre politische Repräsentation schlecht bestellt. In der Geschichte des Libanons seit der Unabhängigkeit gab es gerade mal zwei Ministerinnen, und lediglich 17 Parlamentarierinnen. Die Frauenquote im Parlament ist eine der niedrigsten weltweit – Libanon rangiert hier gerade so eben for Saudi Arabien und Kuwait.

Aber nun geht es um den guten Rufe des Libanon, sagt Faisal Karami, Minister für Jugend und Sport. Nicht etwa durch die oben beschriebenen Zustände sei dieser gefährdet, sondern ausgerechnet durch eine der Personen, auf die der Libanon stolz sein sollte: Jackie Chamoun, Apin-Skifahrerin, derzeit eine der beiden Vertreterinnen des Landes bei den olympischen Spielen. Nur zwei arabische Staaten haben übehaupt TeilnehmerInnen zu den Winterspielen geschickt: Marokko und Libanon. Natürlich hat die Untersuchung, die Karami zum Fall Jackie Chamoun fordert, nichts mit ihren sportlichen Leistungen zu tun. Es geht allein um eine Serie mutmaßlicher Oben-ohne-Fotos der Athletin.

Viel sichtbare Haut ist im Libanon nichts besonderes. Bikinis sind im Libanon nur deswegen geringfügig breiter als Zwirnsfäden, damit das Push-Up-Konzept noch funktioniert. Weiterhin gibt es die jährliche Modenschau im libanesischen Skigebiet Faraya – für Damenunterwäsche. Einige Initiativen wie Kherr Berr engagieren sich seit Jahren dafür, Anzeigen, die Frauen zu Sexobjekten herunterstufen, zu brandmarken und auf eine Veränderung in der hiesigen Werbeindustrie hinzuwirken. An den Stränden sieht man, anders als in den meisten anderen arabischen Ländern, vollverschleierte Frauen und Männer in Jallabiya neben äußerst freizügig gekleideten. Nur knappe Badehosen für Männer sind verpönt: im Libanon trägt man eindeutig Shorts.

Am Strand (c) Bente Scheller

Am Strand (c) Bente Scheller

Es wäre aber nicht der Libanon, wenn nicht sofort Twitter heißlaufen würde. Sofort hat sich die Solidaritätskampagne “#Strip For Jackie” gegründet. Unter “#NotAScandal” formiert sich gegenwehr, und “#BoobsNotBombs”  hinterfragt die libanesischen Prioritäten.

Die künstliche Aufregung über Jackie Chamouns Fotos steht in besonders starkem Kontrast zu der hohen politischen Toleranz für Gewalt gegen Frauen. Das Familienrecht, im libanesischen Kontext konfessionellen Gerichten unterstellt, passt in seiner konservativen Auslegung und Praxis nicht zu dem modernen Bild, dass der Libanon ansonsten zu vermitteln versucht. Organisationen wie Kafa setzen sich dafür ein, insbesondere der häuslichen Gewalt etwas entgegenzusetzen, haben dafür politisch jedoch bislang wenig Unterstützung gefunden. Insofern wirkt die derzeitige Empörung besonders grotesk. Wie es die Menschenrechtsorganisation Avaaz in einer Petition formuliert: “Unsere Regierung hält Frauenkörper für öffentliches Eigentum – obwohl es nichts dafür tut, sie zu schützen. … Es ist unglaublich, dass ein Minister, der in der Lage war, Resourcen zu mobilisieren und noch am gleichen Tag auf diese Nichtigkeit zu antworten, während tausende libanesischer Frauen in Gefahr sind, weil das Gesetz zur Gewalt gegen Frauen nicht vorankommt.”

 

Nachtrag zum Klavier

Mein Eintrag zu Yarmouk, “Ein Klavier zwischen Ruinen”, hat einen Leser inspiriert, unter dem Titel “Händel weg von Syrien” eine Persiflage auf die westliche Paranoia, mit Hilfslieferungen nach Syrien könnten Extremisten unterstützt werden, zu schreiben. Unter dem Titel “Händel weg von Syrien” schreibt Jens-Martin Rode über Absurditäten, die unserer Arbeit und insbesonderen den syrischen Partnerorganisationen leider nicht fremd sind.
Unter den westlichen Befürchtungen haben insbesondere all die Projekte zu leiden, die alternative Medien und die Berichterstattung über ziviles Engagement in Syrien fördern: Viele europäische Geber wollen weder Kameras noch Telefone oder andres Kommunikationszubehör in Syrien finanzieren, weil dieses auch durch Terroristen genutzt werden könnte. Ich warte auf den Tag, dass sie aus diesem Grunde auch keine Kosten für Papier und andere Workshop-Materialien mehr fördern.

Ein Klavier zwischen Ruinen

Yarmouk-Camp, Damaskus (c) Yarmouk Activists

Yarmouk-Camp, Damaskus (c) Amer Alhindi

Unter den zwölf Palästinenserlagern in Syrien hob sich Yarmouk in vielerlei Hinsicht ab. Es gehörte zu den drei Camps, die nicht von der UNRWA sondern von der syrischen Regierung etabliert worden waren, und entwickelte sich weitgehend wie viele der anderen Vorstädte von Damaskus auch. Es wuchs, und bei weiten nicht nur durch palästinensische Zuzüge. Von den rund 800.000 Einwohnern waren letztlich lediglich rund ein Fünftel Palästinenser. Ich erinnere mich an viele Besuche der belebte Einkaufs- und Restaurantstraße in Yarmouk.

Für viele war es eine zweite Heimat geworden, die ihnen erlaubte, sich gleichzeitig als Palästinenser und Syrer zu fühlen. Davon zeugen auch die melancholisch anmutenden Videos einer Gruppe junger Männer, die zwischen den Ruinen des in weiten Teilen zerstörten Camps an einem verstimmten Klavier singen: “Kommt zurück, ihr Vertriebenen, eure Reise dauert schon zu lang” – eine Hommage an das Zugehörigkeitsgefühl zu Yarmouk. 

Palästinenser waren in Syrien besser integriert als in anderen Länder. Anders als im Libanon zum Beispiel gab es nur wenige Positionen, in  der Politik oder höheren Ränge in Militär und Sicherheit, die ihnen verwehrt waren. Ansonsten aber genossen sie weitreichende Freiheiten – soweit dies unter der stets engen Kontrolle der syrischen Sicherheitsbehörden möglich war. Wie auch bei den stets betonten pan-arabischen Interessen galt für den Einsatz des Regimes für palästinensische Angelegenheiten immer, dass diese aus seiner Sicht nur unter syrischer Führung vertreten werden sollten. Über Hafez al-Assad heißt es, er habe sich als weitaus bessere Vertreter ihrer gesehen als die Palästinenser selbst. Sowohl in den Jahren der syrischen Intervention im Libanon als auch danach hat das Regime stets durch ihm verbundene Palästinensergruppen versucht, Macht auszuüben.

Der Beginn der syrischen Revolution stürzte daher viele Palästinenser in Yarmouk in ein Dilemma. Die Polarisierung in der syrischen Gesellschaft verschonte auch sie nicht. Einerseits waren die Lebensbedingungen von staatlicher Seite für viele besser als an anderen Orten, andererseits fühlten sich viele durch die gelebte Integration auch dem Aufbegehren verbunden. Gleichzeitig waren sie sich ihrer eigenen Verwundbarkeit bewusst. Wie der syrisch-palästinensische Journalist Nidal Bitari im Journal for Palestine Studies schreibt: “Jeder wusste um die Massaker in Sabra und Shatila in Beirut im September 1982, die massenhaften Ausweisungen staatenloser Palästinenser aus Kuwait während des ersten Golf Krieges, gar nicht zu reden davon, was ihnen nach der US-Invasion in Irak geschehen war.”

Als das syrische Regime 2011 erstmals erlaubte, dass Palästinenser erst anlässlich des Nakba-Tages im Mai 2011, dann ein weiteres Mal im Juni direkt an die israelische Grenze durften, galt vielen das als ein Zeichen, dass das Regime von seinen eigenen Problemen abzulenken versucht. Bei beiden Anlässen wurden Palästinenser durch israelische Soldaten erschossen oder verwundet – während das syrische Regime nicht eingriff, um sie zu schützen oder auch nur humanitär zu versorgen.

Die Eskalation in Yarmouk erfolgte jedoch erst gegen Ende 2012, eine Zeit, in der die Freie Syrische Armee, lange schon erpicht darauf, sich wegen der strategischen geografischen Lage Yarmouks, sich immer aggressiver versuchte, Eintritt zu verschaffen und durch das Luftbombardement des Regimes im Dezember die Gelegenheit dazu sah. Das bedeutete die weitgehende Abriegelung Yarmouks durch regimenahe Palästinensergruppen, die bereits die Versorgung mit Nahrung und medizinischen Gütern massiv beeinträchtigte. Seit Sommer 2013 ist das Camp vollständig abgeriegelt.

Das ist für die Zivilbevölkerung verheerend: über 70 sind mittlerweile verhungert. Umso bewundernswerter ist die Haltung derer, die verbleiben. Medico International hat dies letzte Woche in einem Bericht aus Yarmouk eindringlich dargestellt. Auch wenn es in den letzten Tagen sporadische Hilfslieferungen nach Yarmouk gegeben hat: Sie sind im Wesentlichen ein Zeichen, dass das Regime sich vorbehält, über Leben und Tod zu bestimmen. Es ist kein verhandelter, unbeschränkter Zugang, sondern hängt weiterhin vom Gutdünken des Regimes ab, was und wie viel den Einwohnern zuteil wird.

Brot und Spiele

(c) Tammam Azzam: Starvation. Dawlaty Arts

(c) Tammam Azzam: Starvation. Dawlaty Arts

Viele Bilder und Videos aus Syrien bieten sich nicht an, um sie öffentlich zu teilen.Vieles von dem was ich mir anschaue, möchte ich noch nicht einmal beschreiben. Aber nicht immer sind die blutrünstigsten Bilder auch die schrecklichsten. Ich weiß nicht, welches der Bilder der vergangenen Woche ich am fürchterlichsten finde: Das von der Mutter, die das Glück hatte, noch zwei Katzen aufzutreiben, die sie ihren Kindern kochen konnte. Oder das, auf dem man ein Brot sieht, das die syrische Armee an einem Stock angeblich ins Palästinensercamp Yarmouk hält, bei dem es heißt, dass im Hintergrund die Heckenschützen auf der Lauer liegen. Das Camp wird seit über einem Jahr belagert und systematisch ausgehungert. Hier und in anderen Orten im Umland von Damaskus zogen sich mehrere Menschen Lebensmittelvergiftungen zu, weil sie in ihrer Verzweiflung Viehfutter aßen. Bei Verhandlungen mit belagerten Gebieten war die Maßgabe, im Gegenzug für humanitäre Versorgung sollten die Bewohner nicht nur den Kampf einstellen, sondern Regimeflaggen an die Häuser hängen. Das ist das Regime-Verständnis von “Brot und Spiele”.

Jeder hat seine eigene Art der Vorbereitung auf Genf II. Die Vereinten Nationen erklärten vergangene Woche, sie würden die Opferzahlen des Konfliktes nicht mehr aktualisieren, weil es zu schwierig geworden sei, diese zu verifizieren. Das wird es noch bequemer für die Weltöffentlichkeit machen, auszublenden, dass der eigene Unwillen zu handeln nicht  eine Stagnation des Konfliktes bedeutet, sondern dass mit jedem Tag, den man untätig verstreichen lässt, mehr Männer, Frauen und Kinder ihr Leben lassen.

Syrische moderate Gruppen setzen sich gegen Extremisten zur Wehr und haben es in vielen Orten geschafft, aus eigener Kraft und ohne Unterstützung von außen salafistische Gruppen zurückzudrängen.

Die russische Regierung intensiviert ihre Waffenexporte an das Regime.

Yarmouk (c) Syrian Acitvists, captured from Ali Abu Awad

Yarmouk (c) Syrian Acitvists, captured from Ali Abu Awad

Und das syrische Regime selbst nutzt die Zeit, um unbeirrt mit Luftschlägen gegen Wohngebiete fortzufahren. Seit den Verhandlungen über Chemiewaffen hat es massiv die Zahl der über insbesondere Aleppo abgeworfenen Sprengstofffässer erhöht. Es ist nicht so, dass es keine anderen Waffen mehr hätte. Dies ist nur die preiswerteste Möglichkeit, so viel Verwüstung wie möglich in kürzester Zeit anzurichten. Gleichzeitig setzte es unbarmherzig die Belagerung vieler Orte und Landstriche fort. Der Effekt: die Machtübergabe – das eigentliche Thema von Genf II, ausweislich des ursprünglichen Plans vom Juni 2012 – tritt völlig in den Hintergrund. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, humanitäre Versorgung der Bevölkerung, ist damit zum   Fokus vieler derer geworden, die über Genf II sprechen, mich eingeschlossen. Die Hoffnung, dass politisch irgendetwas konstruktives erreicht werden kann, tritt über diesen elementaren Bedürfnissen in den Hintergrund. Dabei wäre eine Machtübergabe wichtiger denn je. Kaum etwas zeigt deutlicher, dass Assad die syrische Bevölkerung allenfalls als Faustpfand für das Überleben der eigenen Machtclique betrachtet. Doch Assad wird sich zurücklehnen, vielleicht einige kleinere Zugeständnisse machen und sich darauf verlassen, dass die Opposition zerstritten ist, zerstritten bleibt, und er von der internationalen Gemeinschaft als einziger Partner erachtet wird.

Als es hieß, in Genf seien für das fragliche Konferenzdatum die Hotelzimmer bereits ausgebucht, spottete die Twitter-Community, vielleicht könnte man die Delegierten in UNHCR-Zelten unterbringen. Vielleicht könnte man fürs Abendessen auch Köche aus Moadhamiya gewinnen. Nur würde das Menü wahrscheinlich die Tierschützer auf den Plan rufen.

Frieren statt Frieden – Der Nahe Osten versinkt im Schneechaos

Stiftungsleiter im Nahen Osten – bei dem Beruf denkt man gemeinhin zwar an allerlei Krisen, ansonsten aber wohl eher an viel Sonne, fernab vom grauen Berlin. Aber zumindest wer nach Ramallah oder Jerusalem geht, sollte daran denken zukünftig eine Kältezulage zu beantragen: Ab Dezember kann es äußerst ungemütlich werden, insbesondere da die meisten Häuser unzureichend isoliert und nur selten mit funktionierenden Heizungen ausgestattet sind.

Zwar ist Schnee ist im Winter keineswegs selten, die Bilder der Jerusalemer Altstadt und vom Felsendom im Schnee sind berühmt (Zum Beispiel hier mit weiteren sehenswerten Bildern u.a. aus dem verschneiten Kairo und mit einem Bild von mir aus Ramallah) . Ramallah liegt immerhin auf 900 Meter Höhe, Jerusalem auf 750. Aber die 50cm Schnee, die in den letzten Tagen gefallen sind, und gerade vor meinem Fenster noch weiter anwachsen, sind schon grotesk.

Zwar ist es für viele Menschen in der Region großartig, mal im Schnee zu tollen und Schneemänner zu bauen; allerdings droht der Spaß schnell zum Ernstfall zu werden, denn auf solche Schneemassen ist man hier nicht vorbereitet. Nur wenige Straßen werden geräumt und Stromausfälle sind eher die Regel als die Ausnahme. So blieb Ramallah zuletzt weitgehend dunkel und still, selbst der fünf mal am Tag erschallende (und elektronisch verstärkte) Gebetsruf blieb größtenteils aus. Dazu kommen, wie eigentlich immer, politische Probleme: Palästina ist von israelischer Stromversorgung abhängig, die Versorgung der Westbank hat aber keine Priorität, bzw. palästinensische Einsatzteams werden am Zungang für Reparaturen gehindert.

Während also US Secretary of State John Kerry zum x-ten Male in die Region reiste um ein eventuelles US-Friedensproposal mit beiden Seiten zu eruieren, hat die Region aktuell ganz andere Probleme. In Tel Aviv wütet ein Sturm, Ramallah versinkt im Schnee. Frieren statt Frieden. Noch viel schlimmer aber ist die Lage besonders dort, wo Menschen unter sowieso schon katastrophalen Bedingungen leben: Im belagerten Gazastreifen oder in den Lagern für syrische Flüchtlinge  in Jordanien und im Libanon. Die Kälte für die Menschen dort, die durch den Krieg alles verloren haben und zum großen Teil in Zelten oder Containern leben, so wie im Flüchtlingslager Al-Zaatari, ist unvorstellbar und lebensgefährlich.

Im Gazastreifen war die Lage auch vor der Kältewelle bereits menschenunwürdig. Aufgrund der von Israel, und jüngst auch von Ägypten verhängten fast vollständigen Blockade des Gazastreifen fehlt es an vielen Gütern und insbesondere an Treibstoff, mit dem Elektrizität produziert wird. Viele Menschen im Gazastreifen haben seit Tagen fast gar keinen Strom mehr, so wie mein Freund Majid, der in den letzten 36 Stunden gerade mal 3 Stunden Strom hatte.  Durch das Unwetter sind viele Straßen überflutet, die Menschen frieren, ihre Häuser sind beschädigt, Tausende mussten evakuiert werden. Israel hat nun zumindest am Übergang Kerem Shalom den Zugang für die wichtigsten Versorgungsgüter gelockert.

Derzeit zeigt die Natur ihre volle Machtfülle. Politische Themen sind zweitrangig. Zumindest solange, bis der Schnee geschmolzen ist – was vor allem all jenen zu wünschen ist, die viel mehr leiden unter der Kälte als der eingeschneite Leiter der HBS in Ramallah.

Arik Einstein – die Stimme Israels – ist tot

Arik Einstein, 1939 in Tel Aviv geboren, ist gestern Abend hier verstorben. Er gilt als Gründer der israelischen Rock- und Pop-Musik. Manche nennen ihn Israels Frank Sinatra, andere Israels Bob Dylan. Seit den 60ern dominierte er die israelische Musik-Szene. Er war Vorbild für viele Musiker; seine Lieder wurden zu nationalen Hymnen.

Sein unerwarteter Tod stürzt das ganze Land in tiefe Trauer. Radio- und Fernsehsender haben ihr Programm unterbrochen und spielen ausschließlich Einsteins Lieder. Seit dem späten Abend ergießen sich Trauermeldungen und Tribute auf Facebook und Twitter.

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Sein Song “Ani veAta” (Du und ich) ist wohl der meist gespielte und zitierte seit dem späten Abend:

“Du und ich, wir werden die Welt verändern
und der Rest wird folgen.
Andere haben das früher schon gesagt,
aber das spielt keine Rolle.
Du und ich werden die Welt verändern.”

Arik Einstein, die Stimme Israels, ist tot. “Es gibt niemanden mehr, der für uns singt”, sagte Gabriel Barabash, der Leiter des Ichilov-Krankenhauses in Tel Aviv, in dem Einsteins Leben nicht mehr gerettet werden konnte.

Der Veggie Day – Israelis stehen drauf.

Das vegane Restaurant Zaka'im. Foto: Sebastian Brux

Das vegane Restaurant Zaka’im. Foto: Sebastian Brux

Die Kritik am Veggie Day im Bundestagswahlkampf hatte ja schon bizarre Züge. Aber mich hat sie zumindest zum Nachdenken angeregt. Gepaart mit dem Fleischatlas der Berliner Kolleg/innen, die bislang erfolgreichste Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung, und einer Exkursion mit Freunden in Berlins vegane Restaurants habe ich im September mein eigenes kleines Experiment gestartet: Mal schauen, wie lange ich es ohne Fleisch aushalte. Ich hatte keine Lust auf eine Entscheidung für’s Leben, oder mich plötzlich als Vegetarier oder Veganer neu zu erfinden. Ich war erstmal einfach neugierig, was die vegane Küche so zu bieten hat. Heute ist der 15. November. Und Fleisch vermisse bislang nicht.

Was ich allerdings in Israel entdeckt habe, ist, dass ich hier wohl voll im Trend schwimme. Während die Supermärkte es Veganer/innen (noch) nicht leicht machen, ist es für mich absolut kein Problem, meine fleischlose Exkursion in Tel Aviv fortzusetzen. Abgesehen von dem Pionier Buddha Burgers, ein Schlaraffenland für alle Zeitan-Fans, haben in den letzten Jahren eine ganze Reihe von veganen Restaurants aufgemacht. Das neueste, Zaka’im, ist direkt um die Ecke unseres Büros und bietet vegane Speisen mit einem persischen Touch an.

Tierschutz-Aktivist/innen haben ein “Vegan Friendly“-Label erfunden, welches sie Restaurants verleihen, die mindestens ein veganes Gericht anbieten. Dazu zählen Ikonen, wie Orna & Ella auf der Sheinkin, oder eines der wenigen chinesischen Restaurants in Tel Aviv. Auch einige Autos mit dem Aufkleber “Auch ich bin ‘Vegan Friendly’” habe ich in der Stadt schon gesehen.

Auch jenseits von Tel Aviv tut sich was. Buddha Burgers hat es mittlerweile bis nach Haifa und Eilat verschlagen. Der israelische Fernsehsender “Channel 2″ hat eine ganze Serie über Massentierhaltung ausgestrahlt, und kürzlich hat sich selbst Benjamin Netanjahu am Kabinettstisch geoutet, den eigenen Fleischkonsum zu überdenken. Sehr zur Freude der Justizministerin Tzipi Livni, selbst seit dem 13. Lebensjahr Vegetarierin, und des Umweltministers Amir Peretz, der gerne die Aufgabe des Tierschutz vom Landwirtschaftsministerium in sein Ressort holen würde. Oliver Welke fragt sich sicherlich, ob dass mit Peretz’ Treffen mit Renate Künast und Winfried Kretschmann im letzten Frühjahr zu tun hat? Netanjahu scheint jedenfalls so langsam bereit zu sein, ihm diesen Gefallen zu tun.

Natürlich gibt es auch in Israel Widerstand gegen diesen Trend, besonders wenn der Premierminister ihn sich zu eigen machen will. Aber die Angst des Hermann Gröhe, man wolle ihm das verdiente Fleisch vom Teller nehmen, ist es jedenfalls nicht. In Israel kommt natürlich die Besatzung ins Spiel. Der skurrile US-Aktivist Gary Yourofsky, dessen YouTube-Rede zu Tierschutz weltweit bereits millionenfach und alleine in Israel mehr als 300.000 Mal angeschaut wurde, ist seit seiner ersten Vortragsreihe in Israel ein Superstar. Selbst Tzipi Livni hat ihn sich angehört. Im Dezember will er das heilige Land wieder beglücken, unter anderem mit einer Rede in der Siedlung Ariel.

Auf die Kritik von Friedensaktivist/innen daran, entgegnete er: “Humans are the SCUM of the earth. I don’t care about Jews or Palestinians, or their stupid, childish battle over a piece of God-forsaken land in the desert. I care about animals, who are the only oppressed, enslaved and tormented beings on this planet. Human suffering is a joke. Therefore, I will speak anywhere, in any city, in any country, in any location that will have me. I would lecture IN a Palestinian school if they would bring me in.”

Das schockierte dann doch sogar einige israelische Veganer/innen, die sich zwar dezidiert für Tierrechte einsetzen, aber Menschenrechte dafür dann doch nicht vom Tellerrand in den Mülleimer kippen wollen.

Tatort Ramallah: Arafat-Krimi fällt aus

Nachdem gestern der Bericht zur Untersuchung der Todesursache Yassir Arafats veröffentlicht wurde, ist nach Ansicht der Gutachter zumindest wahrscheinlicher, dass Arafat 2004 tatsächlich mit Polonium umgebracht wurde. Wer hinter der Tat stand und wie sie ausgeführt wurde, bleibt dagegen unklar. Während das Thema heute weltweit in den Nachrichten war, spielte es hier vor Ort nicht so eine zentrale Rolle. Denn für die Palästinenser ist sowieso klar, wer dahinter steht – der damalige Regierungschef Ariel Sharon, Erzfeind Yassir Arafats.

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Großes Arafat-Portarit an einer Hauswand in Ramallah 2012. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Das ist zumindest mehr als eine abstruse anti-israelische Verschwörungstheorie, denn viele erinnern sich hier natürlich daran, dass der israelische Geheimdienst mehr als einmal palästinensische Führer ins Fadenkreuz genommen hat, zum Beispiel 1987 bei der Ermordung des PLO-Führers “Abu Jihad” oder dem 1997 gescheiterten Attentat auf Hamas-Führer Khalid Masch’al. Und schließlich hatte Sharon sogar 2004 offiziell im Gespräch mit US-Präsident Bush die Garantie, dass er Arafat nicht antasten werde, aufgekündigt.

Bemerkenswert ist jetzt vielmehr, dass sich die PLO offiziell mit Schuldzuweisungen zurückhält – klug, denn Beweise gibt es nun mal keine. Eine internationale Untersuchung wird in Erwägung gezogen, aber auf eine Propagandaschlacht mit Israel will man sich nicht einlassen. Dass würde nur von Themen ablenken, die sowohl die Palästinenser bewegen als auch die derzeitigen Gespräche mit der israelischen Regierung schwer belasten: Zum Beispiel der ständige Ausbau von israelischen Siedlungen und die angekündigte Zerstörung von 15.000 Häusern in Ost-Jerusalem,

Während in den Medien zu den letztgenannten Themen wenig Informationsbedarf zu bestehen scheint – nichts scheint gestriger als die Meldungen aus dem nur noch in Anführungszeichen so zu nennenden “Friedensprozess” und seinen wiederkehrenden Misserfolgen – stand heute mein Telefon nicht mehr still. Sechs Interviews, u.a. Deutschlandfunk, info Radio Berlin und Schweizer Rundfunk zum leidigen Thema: Wurde Arafat ermordet und wenn ja, von wem? Aber was international Schlagzeilen macht, ist noch lange nicht ausschlaggebend vor Ort. Quintessenz: Die Palästinenser haben wirklich andere Probleme als sich mit dem Schweizer Untersuchungbericht und den damit zsammenhängenden Spekulationen zu beschäftigen. Die Auflösung des Arafat-Krimis fällt aus.

(Nachtrag: Was die im Deutschlandfunk geäußerte Frage zu den Texten palästinensischer Geschichtsbücher über Yassir Arafat betrifft, werde ich die Antwort hier nachholen).