Der Ausverkauf des “blauen Goldes”

 

Mager gefüllter Qaraoun-Stausee, Anfang Juni 2014 (c) Bente Scheller

Mager gefüllter Qaraoun-Stausee, Anfang Juni 2014 (c) Bente Scheller

Beirut ist eine laute Stadt. Alles darf an einem Auto kaputt sein, nur nicht die Hupe und die Alarmanlage, und im Stau dröhnt verlässlich eine Kakophonie der oft vollaufgedrehten Musikanlagen. Die Bars, die Baustellen, und Freudenschüsse und Feuerwerk  zu jedweder Gelegenheit tragen ihr übriges dazu bei. Seit dem Frühling mischt sich noch ein anderes Geräusch in diesen Klangteppich: das Rattern der Pumpen der Wasser-Lkws.

Es war ein trockner Winter im Libanon. Erstmals blieben die Skigebiete aus Schneemangel geschlossen, und ohne Niederschlag sieht es auch für die Wasserversorgung düster aus. Dabei wäre der Bedarf mit so viel mehr Menschen im Lande – weit über eine Million syrischer Flüchtlinge – noch viel größer als in den Vorjahren. Der erste Regen ist erst wieder im Herbst zu erwarten. Bis dahin müssen alle sich mehr recht und schlecht arrangieren.

Manche Leute in Beiruthaben das Glück, auf einer Quelle zu wohnen. Dann hat man immer Wasser. Bei einigen Häusern gibt es hier jedoch den Pferdefuß, dass das Meerwasser so stark ins Grundwasser drückt, dass man nach jeder Dusche mit Salzkristallen überlagert ist. Die anderen Häuser im Stadtzentrum sind an ein marodes Netz der Wasserversorgung angeschlossen, so auch wir. Dass heißt nicht, dass wir rund um die Uhr versorgt sind: der Anschluss wird derzeit zwei Mal die Woche für jeweils vier Stunden geöffnet. So haben alle Wassertanks – einen unten im Hof, einen auf dem Dach. Der Wasserdruck reicht nicht, die oben zu befüllen, sondern von dem unteren pumpt man es jeweils selbst auf sein Dach. Da die Leitungen, porös wie sie sind, unter Friedhöfen und Tankstelen hindurchführen, benutzen wir das Wasser aus dem Hahn weder zum Trinken noch zum Kochen. Wir haben keine Spülmaschine, keine Balkonpflanzen, wir duschen seit Jahresbeginn nur noch mit sorgsam abgemessenem Wasser in Eimern, das wir danach wiederum für die Klospülung und zum Putzen recyclen, und dennoch sitzen wir ständig auf dem Trocknen. Dann bestellt man den Wasser-LKW – eine der vielen privaten Firmen, die mit Tankwagen Wasser liefern.

“Mein Sohn mit seinen zwei Kindern kommt nächste Woche aus den USA zu Besuch – sie können sich das gar nicht vorstellen. Aus Florida kriegen wir jeden Tag besorgte Nachfragen: ‘Habt ihr denn auch genug Wasser, wenn wir kommen?’,” sagt meine Nachbarin. Der Hausverwalter zuckt mit den Schultern: “Was sollen wir tun? Die Wasserwerke begründen das damit, dass unser Haus direkt zwischen zwei Straßen mit vielen Restaurants und Bars liegen – die werden natürlich bevorzugt behandelt.” Auch der benachbarte Bestatter ist verzweifelt: “Kannst du dir das vorstellen? Wir bestellen schon Wasserlieferungen von privaten Firmen. Die kommen nur, wenn man einen Mindestbestellwert hat – aber dann liefern sie davon nur die Hälfte und kassieren doppelt. Den Rest müssen wir ausgleichen, indem wir das Trinkwasser in Kanistern bestellen. Allein heute haben wir so viel sauberzumachen, dass wir mit Tankwagen und abgefülltem Trinkwasser 100 Dollar zahlen,” sagt er und deutet auf die 6-Liter-Flaschen, die sich vor seinem Büro stapeln.

In dieser verzweifelten Lage – normalerweise treten die Engpässe erst im September, Oktober, direkt vor Beginn der Regensaison auf – nimmt es nicht wunder, dass eine Kampagne zur kommerziellen Wasserbewirtschaftung Zulauf hat. “Blaues Gold”, heißt sie. Was wie eine Wertschätzung der Resource Wasser klingen könnte, ist nüchtern betrachtet ein Vorstoß, die Wasserversorgung zu privatisieren. Um in das  Konsortium zu gelangen, das die Kampagne gestartet hat, muss man eine Eintrittsgebühr von 50.000 Dollar entrichten, die jährlichen Beiträge belaufen sich auf 10.000 Dollar. Der Libanon sei ein wasserreiches Land, kann man auf der Webseite nachlesen, aber das Potential der Wasserbewirtschaftung nur zu einem Bruchteil ausgeschöfpft. Doch was so einfach klingt, ist es natürlich nicht: Der karstige Untergrund bietet sich an den meisten Stellen nicht an, um Staudämme zu bauen, da das Wasser schlicht versickern würde. “Sobald klar ist, man möchte das Wasser eigentlich verkaufen, stellt sich natürlich auch die Frage für alle Landwirte: dürfen sie überhaupt noch selbst Wasser in Zisternen sammeln?” fasst es ein Partner der Stiftung zusammen.

Obwohl klar ist, dass es sich hier um eine im Zweifelsfall für BürgerInnen und NutzerInnen ungünstige Kommerzialisierung handelt, sind die Kommentare unter dem Artikel weitgehend positiv: “Gott schütze euch, Jungs, möge dieses Projekt funktionieren.”

Warten auf den Waffenstillstand: Urlaub impossible

Im Gazastreifen fallen die Bomben, über tausend Tote und kein Ende in Sicht. Wie soll man da Urlaub in Deutschland machen? Umso mehr, wenn man dort zahlreiche Freunde und Bekannte hat, und auch Kolleginnen und Kollegen durch die Arbeit der Stiftung. Eigentlich hätte es ein entspannter WM-Sommer werden sollen – für mich und die Fußballverrückten in Palästina und der Region (und dann noch mit so einem grandiosen Ausgang). Und eine Entspannung von den ewigen Frustrationen und Spannungen des Lebens in den besetzten Gebieten. Aber es kam anders, denn nicht nur in den Halbzeitpausen wurde man an die schreckliche Realität erinnert. Omnipräsent waren die Bilder aus dem Gazastreifen, wo die Menschen völlig schutzlos den Angriffen ausgeliefert waren, und omnipräsent war die Sorge um die Freunde dort. Vor allem in den sozialen Medien ein unaufhörlicher Strom von grauenhaften Bildern der Opfern – für mich eben keine anonymen, sondern die engen Freunde und Familien meiner Bekannten. Mittlerweile ist die Schwelle von 1000 Todesopfern überschritten, die meisten Zivilisten, viele Kinder und Frauen. Und warum in aller Welt versagt die Diplomatie auf ganzer Linie bei der Vermittlung eines Waffenstillstandes?

Unterstützen Sie hier bitte unsere Thunderclap-Kampagne für einen sofortigen und nachhaltigen Waffenstillstand!

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Der Versuch abzuschalten scheitert so völlig; auch im Urlaub bediene ich ein paar Presseanfragen, zum Beispiel beim NDR, bei Phönix oder beim Deutschlandradio. Und doch plagt das schlechte Gewissen, nichts tun zu können für die bedrohten Menschen im Gazastreifen.

Auch die schrecklichen Szenen von antisemitischen Ausschreitungen in Paris, aber auch in Deutschland schockieren und belasten mich. Wie kann man so dumm sein, so geschichstvergessen, und bei Demonstrationen für ein Ende des Krieges und gegen die Politik der gegenwärtigen radikalen israelischen Regierung jüdische Enrichtungen anzugreifen, jüdische Bürger oder Synagogen? Und dann wieder erregen mich jene, die jedem notwendigen und legitimen Protest gegen die israelische Politik und die Bombardments Antisemitismus unterstellen oder ihn als “antiisraelisch” diskreditieren wollen.

Ähnliches geschieht, als internationale Fluggesellschaften ihre Flüge nach Tel Aviv absetzen. Und das passiert genau an jenem Tag, als ich mit Lufthansa nach Tel Aviv zurückfliegen möchte. Denn in Yehud, einer kleinen Stadt in der Nähe des Ben Gurion Flughafens, ist eine Rakete eingeschlagen. Auch wenn ich mich selbst nicht unmittelbar gefährdet fühle und am liebsten zurück in die „Heimat“ möchte – schließlich werden 90% aller Raketen vom „Iron Dome“ System abgefangen – man geht doch davon aus und erwartet das auch, dass Fluggesellschaften alle Risiken für ihre Fluggäste ausschließen wollen. Etwas befremdlich waren daher Stimmen in den USA, die politischen Druck zu einer Wiederaufnahme der Flüge machten. Und auch in Deutschland gab es ähnliche Kommentare, sogar aus der Politik – als betroffener Fluggast muss ich doch sagen, dass ich die Risikoanalyse lieber Fachleuten überlasse. Auch manchen Piloten und Crew-Mitgliedern der Lufthansa ging das so. Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, buchen wir schließlich um: Nach Amman. Das ist ein Umweg, und auch die Einreise nach Palästina über Jordanien ist manchmal beschwerlich; so endet ein anstrengender Urlaub. Wenn jetzt endlich ein Waffenstillstand hält und der Gazastreifen eine Zukunft bekommt, wird es bald vergessen sein.

 

Sarg niemals nie

(c) Bente Scheller

(c) Bente Scheller

Sobald die Sonne in Beirut aufgeht, zupft mein kleiner Sohn an mir: “Aufstehen, Mama!” Voller Ungeduld sucht er mir etwas zum Anziehen aus dem Schrank, und dann soll es bitteschön losgehen auf die Straße. Der einzige Laden, der dann schon geöffnet hat, ist das Bestattungsinstitut. Dort kann ich ihm beim Versteckenspielen mit dem Zeitungsverkäufer zuzuschauen. Ich sehe schwarz für alle Vampirfilme, die wir künftig schauen könnten. Wenn sich der Sargdeckel knarrend hebt, wird Laslo durchs ganze Kino brüllen: “Den kenn ich, das ist der Zeitungsverkäufer!” Der neueste Trick ist, sich kreischend in die Vorhänge zu wickeln und vor Vorfreude bebend darauf zu warten, dass der jeweils andere einen entdeckt.

Highlights im Leben sind die Tage, an denen es Blumen von Beerdigungen gibt, und wenn ein Sarg zur Beschriftung mit einem Ende auf einem Stuhl lagert und der daran arbeitende kurz weggeht, fährt mein Sohn mit seinem kleinen Zeigefinger über die goldenen Buchstaben und tut, als könne er lesen – in dem er seinen eigenen Namen buchstabiert. Neulich sahen wir in einem anderen Laden frisch angebrachte, leere Regale, und sofort zirpte er: “Auch so schöne Kisten? Wie beim alten Herrn?”

Wenn der Senior im Beerdigungsinstitut ist, darf Laslo auch ins Büro kommen und sich aus der Süßigkeitendose bedienen. “Was das denn?” fragt er mit Blick auf eine an der Wand befestigte Marienstatue. “Die Jungfrau Maria,” sagt der alte Herr. Laslo nickt wissend: “Und das ein Ventilator!” erwidert er auf deutsch, während er auf das ihm deutlich interessanter erscheinende Objekt neben dem kleinen Schrein deutet.

Dieser Tage laden uns die muslimischen Mitarbeiter des christlichen Ladens aufs Herzlichste zum Fastenbrechen ein, zu dem sie sich stets auf den paar Stühlen im hinteren Ladenteil um das Notfall-Sterbefall-Telefon scharen.Im Ramadan scheinen die sonst gelegentlich spürbaren Spannungen vergessen. Als die christliche Inhaberin des Supermarktes sich vergewissert, dass alle bestellten Waren ordnungsgemäß geliefert worden sind, fragt sie: “Wann ist Fastenbrechen? Erst Viertel vor acht? Ihr Armen, so heiß wie es dieses Jahr ist!” Schulterzuckend einigen sie sich darauf: “Wenn das Allahs Wille ist, muss es wohl so sein.”

Dabei sein ist nicht immer alles: WM-Fieber im Libanon

(c) Sarah Schwahn

(c) Sarah Schwahn

Ein Gastbeitrag von Sarah Schwahn, Büro Beirut

Als ich  den Salon betrete, fragt mich der Frisör, woher ich komme. Deutschland? Er  zieht  die Augenbrauen kritisch nach oben und zeigt auf die Flagge an der Wand. „Wir unterstützen hier Brasilien.“ Aus Sicherheitsgründen entscheide ich mich für die Pediküre bei seiner Kollegin, deren Blick sich wiederum schlagartig aufhellt. „Deutschland!“ ruft sie und deutet auf das schwarzrotgoldene Armband an ihrem Handgelenk.

Szenen wie diese sind seit Beginn der Weltmeisterschaft allgegenwärtig im Libanon. Befestigt an Autos oder komplette Hauswände verdeckend prägen seit einigen Wochen bunte Fahnen der verschiedensten Staaten die Stadtbilder mit. Zwar hat sich die libanesische Nationalmannschaft nie für die WM qualifiziert und die nationale Liga ruft eher mäßige Begeisterung bei den Libanesen hervor, aber Fußball ist und bleibt der populärste Sport im Libanon, und auch die wenig sportbegeisterten Libanesen können sich dem Fußballfieber nicht entziehen. Fast jede Bar und jedes Café überträgt das Turnier in Brasilien, und das nicht nur in den Straßen der belebten Viertel Beiruts, sondern auch in den kleinen Gassen fernab von den Partymeilen.

Einige suchen die Erklärung für diese Fußballbegeisterung in ihrer Kindheit. Deutschland wird im Jahr 1990 Weltmeister, Brasilien holt den Titel vier Jahre darauf. Die Generation fühlt sich erinnert an diese Zeit und fiebert heute, zwanzig Jahre später, mit ihrem Team mit. Es mag hinzukommen, dass in Brasilien fast doppelt so viele Libanesen leben wie im Libanon selbst. Aber nicht nur brasilianische und deutsche Flaggen sind zu sehen. Die Bandbreite ist groß, vielleicht auch deshalb, weil die Fußballfans es genießen sich bei der Fußballweltmeisterschaft ganz unabhängig vom politischen oder religiösen Hintergrund entscheiden zu können, welches Team sie unterstützen.

Das ist zu anderen Gelegenheiten aufgeladener: Ein Fußballspiel Libanon – Iran musste im letzten Herbst vor leeren Rängen ausgetragen werden, aus Sicherheitsbedenken vor Anschlägen aber auch Ausschreitungen, weil es gerade zuvor einen Anschlag a auf die iranische Botschaft Sicherheitsbedenken gegeben hatte.

Und so erklären viele die Fußballbegeisterung mit der angespannten politischen Situation im Libanon. „Die Menschen sind es leid, die Nachrichten einzuschalten und Berichte über terroristische Anschläge oder die gescheiterten Suche nach einem Präsidenten zu sehen. Da ist die Weltmeisterschaft eine willkommene Abwechslung“, erzählt mir ein Fußballfan während einer Übertragung. Eine Barkeeperin aus Hamra findet eine ganz ähnliche Erklärung. „Für viele Libanesen bedeutet die Weltmeisterschaft einen ganzen Monat der Ablenkung von Politik. Es ist wie Doping für die Leute“, sagt sie. So ist der Sport für die Libanesen, die sonst gerne Witze über die Politik im eigenen Land machen, eine andere Gelegenheit, sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen: Haid, ein Mitarbeiter unseres Büros, wurde von unserer Kollegin Noor nach dem Ausscheiden seiner Mannschaft, Spanien, auf eine Werbeanzeige für einen nur zweimal verwendeten TV Receiver hingewiesen – günstig abzugeben von einem Spanien-Fan. Nicht nur in den Cafés, sondern auch in den Büros geht es also schnell ähnlich zu, wie bei Diskussionen über Politik. Jeder hat seine ganz eigene Meinung zur richtigen Strategie, und nicht ganz ernst gemeinte Gräben tun sich auf zwischen den Anhängern verschiedener Mannschaften. Trotzdem, was immer die Gründe für die libanesische Fußballbegeisterung sind, ich muss zugeben: Das Fußballfieber im Libanon ist eindeutig ansteckend.

Ich bin kein Kronleuchter? Ein Logo und seine Geschichte

anamachitria

Bei marokkanischen Usern der sozialen Medien kursiert aktuell ein Logo, auf dem ein durchgestrichener Kronleuchter zu sehen ist und unter dem steht „anamachitria“ (auf deutsch: „Ich bin kein Kronleuchter“). Was hat es damit auf sich?

Die marokkanische Vereinigung „Papier pour tous“ (Papiere für alle) hatte im März eine drei monatige Sensibilisierungskampagne  gegen Rassismus und Diskriminierung lanciert, die den Titel trägt:  „Anamasmitichazzi“ (auf deutsch  übersetzt etwa: „ich heiße nicht Nigger“).

Marokko erlebt seit letztem Sommer einen radikalen Politikwechsel was seine Einwanderungspolitik betrifft. Erklärte sich das Land bisher als Transitland, und ignorierte weitgehend die Anliegen der bis zu 40 000 nicht formal registrierten Flüchtlinge und Migranten, so erkennt Marokko seit einer königlichen Rede im September 2013 die Realität an und bemüht sich, dieser gerecht zu werden: angekündigt wurde eine rasche Registrierung der bisher informell im Land sich aufhaltenden Menschen. Ebenso wurden 3 Gesetzesinitiativen angekündigt: ein Gesetz gegen Menschenhandel, ein Gesetz für legale Registrierung bisher nicht registrierter sich in Marokko aufhaltender Menschen und ein Asylgesetz. Seit Januar 2014 können unregistriert in Marokko lebende Personen nun einen Antrag auf Registrierung abgeben.

Bis Anfang Juni hatten 15500 Menschen dies getan, allerdings wurden nur 1150 davon mit einer einjährigen Aufenthaltsgenehmigung beantwortet. Das heißt, 92, 6% der Anträge wurden abgelehnt. Was mit diesen Menschen jetzt passiert, ebenso wie mit denjenigen, deren Aufenthaltsgenehmigung nach 1 Jahr abläuft, ist nicht bekannt. Der marokkanische Staat unternimmt parallel Anstrengungen zur Inklusion der registrierten Flüchtlinge: sie sollen Zugang zum Arbeitsmarkt und zu sozialer Sicherung erhalten sowie ihre Kinder Zugang zu Schulbildung.

Die Kampagne gegen Rassismus und Diskriminierung möchte – parallel zu diesem offiziellen Politikwechsel – für die Inklusion subsaharischer Flüchtlinge in der marokkanischen Gesellschaft sensibilisieren. Bisher sind die in Marokko auf ihrem Weg ins Eldorado Europa gestrandeten Flüchtlinge weder in den Arbeitsmarkt integriert noch haben sie Zugang zum Gesundheits- und Bildungswesen. Es gibt viele Familien, in denen schon in 2. Generation Menschen offiziell nicht existierend in Marokko in ärmlichsten Behausungen oder in Wäldern leben. Die Haltung in der marokkanischen Gesellschaft ist wenig integrierend und wertschätzend.

In Anlehnung an den Titel dieser Kampagne und ihr Logo haben nun user der sozialen Medien ein neues Logo kreiert, um auf die jüngsten Äußerungen des Premierminister Benkirane zu reagieren:  am 17. Juni rief dieser im Parlament Marokkos Frauen dazu auf, zu ihrer natürlichen Rolle zurückzufinden. „Frauen seien wie Kronleuchter“ so der Regierungschef. Seit sie zur Arbeit gingen sei das marokkanische Haus dunkel! Arbeitende Frauen hätten nicht die Zeit für die Erziehung ihrer Kinder und Familie. Benkirane hat damit offen die Entwicklung der marokkanischen Gesellschaft bedauert und das „europäische Modell“ verurteilt.

Ungefähr 200 Menschen, vor allem Frauen, protestierten daraufhin am 24. Juni in Rabat gegen diese Äußerungen. Kräfte der Zivilgesellschaft – unter anderen die Coalition civile pour l’application de l’article 19 de la Constitution – hatten zu einem Protestmarsch vor dem Parlament in Rabat aufgerufen und verurteilten die Äußerungen des Regierungschefs. Diese stünden im Gegensatz zu Artikel 19 der Verfassung, welcher zu Gleichheit der Geschlechter verpflichtet und für Männer und Frauen die gleichen Rechte und Freiheiten einfordert – politisch, ökonomisch, sozial, kulturell. Wie viele Artikel der reformierten Verfassung von 2011 ist jedoch auch der Artikel 19 bis heute nicht praktisch umgesetzt.

Die sozialen Medien bleiben aktiv – heute erschien die frankophone Version der marrokkanischen Kronleuchter:

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anamachitria

Ich bin kein Kronleuchter? Ein Logo und seine Geschichte

Bei marokkanischen Usern der sozialen Medien kursiert aktuell ein Logo, auf dem ein durchgestrichener Kronleuchter zu sehen ist und unter dem steht „anamachitria“ (auf deutsch: „Ich bin kein Kronleuchter“). Was hat es damit auf sich?

Die marokkanische Vereinigung „Papier pour tous“ (Papiere für alle) hatte im März eine drei monatige Sensibilisierungskampagne  gegen Rassismus und Diskriminierung lanciert, die den Titel trägt:  „Anamasmitichazzi“ (auf deutsch  übersetzt etwa: „ich heiße nicht Nigger“).

Marokko erlebt seit letztem Sommer einen radikalen Politikwechsel was seine Einwanderungspolitik betrifft. Erklärte sich das Land bisher als Transitland, und ignorierte weitgehend die Anliegen der bis zu 40 000 nicht formal registrierten Flüchtlinge und Migranten, so erkennt Marokko seit einer königlichen Rede im September 2013 die Realität an und bemüht sich, dieser gerecht zu werden: angekündigt wurde eine rasche Registrierung der bisher informell im Land sich aufhaltenden Menschen. Ebenso wurden 3 Gesetzesinitiativen angekündigt: ein Gesetz gegen Menschenhandel, ein Gesetz für legale Registrierung bisher nicht registrierter sich in Marokko aufhaltender Menschen und ein Asylgesetz. Seit Januar 2014 können unregistriert in Marokko lebende Personen nun einen Antrag auf Registrierung abgeben.

Bis Anfang Juni hatten 15500 Menschen dies getan, allerdings wurden nur 1150 davon mit einer einjährigen Aufenthaltsgenehmigung beantwortet. Das heißt, 92, 6% der Anträge wurden abgelehnt. Was mit diesen Menschen jetzt passiert, ebenso wie mit denjenigen, deren Aufenthaltsgenehmigung nach 1 Jahr abläuft, ist nicht bekannt. Der marokkanische Staat unternimmt parallel Anstrengungen zur Inklusion der registrierten Flüchtlinge: sie sollen Zugang zum Arbeitsmarkt und zu sozialer Sicherung erhalten sowie ihre Kinder Zugang zu Schulbildung.

Die Kampagne gegen Rassismus und Diskriminierung möchte – parallel zu diesem offiziellen Politikwechsel – für die Inklusion subsaharischer Flüchtlinge in der marokkanischen Gesellschaft sensibilisieren. Bisher sind die in Marokko auf ihrem Weg ins Eldorado Europa gestrandeten Flüchtlinge weder in den Arbeitsmarkt integriert noch haben sie Zugang zum Gesundheits- und Bildungswesen. Es gibt viele Familien, in denen schon in 2. Generation Menschen offiziell nicht existierend in Marokko in ärmlichsten Behausungen oder in Wäldern leben. Die Haltung in der marokkanischen Gesellschaft ist wenig integrierend und wertschätzend.

In Anlehnung an den Titel dieser Kampagne und ihr Logo haben nun user der sozialen Medien ein neues Logo kreiert, um auf die jüngsten Äußerungen des Premierminister Benkirane zu reagieren:  am 17. Juni rief dieser im Parlament Marokkos Frauen dazu auf, zu ihrer natürlichen Rolle zurückzufinden. „Frauen seien wie Kronleuchter“ so der Regierungschef. Seit sie zur Arbeit gingen sei das marokkanische Haus dunkel! Arbeitende Frauen hätten nicht die Zeit für die Erziehung ihrer Kinder und Familie. Benkirane hat damit offen die Entwicklung der marokkanischen Gesellschaft bedauert und das „europäische Modell“ verurteilt.

Ungefähr 200 Menschen, vor allem Frauen, protestierten daraufhin am 24. Juni in Rabat gegen diese Äußerungen. Kräfte der Zivilgesellschaft – unter anderen die Coalition civile pour l’application de l’article 19 de la Constitution – hatten zu einem Protestmarsch vor dem Parlament in Rabat aufgerufen und verurteilten die Äußerungen des Regierungschefs. Diese stünden im Gegensatz zu Artikel 19 der Verfassung, welcher zu Gleichheit der Geschlechter verpflichtet und für Männer und Frauen die gleichen Rechte und Freiheiten einfordert – politisch, ökonomisch, sozial, kulturell. Wie viele Artikel der reformierten Verfassung von 2011 ist jedoch auch der Artikel 19 bis heute nicht praktisch umgesetzt.

Die sozialen Medien bleiben aktiv – heute erschien die frankophone Version der marrokkanischen Kronleuchter:

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Der Klang der Revolution – Samir-Kassir-Preis für “Street Music”

Orwa al-Meqdad in the Award Ceremony (c) Bente Scheller

Orwa al-Meqdad in the Award Ceremony (c) Bente Scheller

Jedes Jahr am 2. Juni wird in Beirut der Samir-Kassir-Preis für Medienfreieheit verliehen. Unterstützt von der Europäischen Union sichtet die Samir-Kassir-Stiftung hunderte von Beiträgen aus der gesamten arabischen Welt und lässt eine wechselnde Jury in drei Kategorien den besten Beitrag.

In der Rubrik “investigativer Journalismus” gewann dies Jahr Hanene Zbiss aus Tunesien mit einem Beitrag über Koran-Kindergärten in Tunesien. Der ägyptische Journalist Mohammad Aboul Ghit wurde für seinen Kommentar: “Saison der lebenden Toten” ausgezeichnet, in dem er die Wandlung der Mubarak-Gegner in Sisi-Befürworter beschreibt.

In der audiovisuellen Komponente setzte sich der syrische Regisseur Orwa al-Meqdad durch. Während die Region von Krieg und Anspannung geprägt ist, wird hier ein Beitrag über syrische Straßenmusik im Libanon ausgezeichnet: „Street Music”.

Aus "Steet Music". (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audiovisual Arts

Aus “Steet Music”. (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audiovisual Arts

Mit diesem Kurzfilm wirft der syrische Regisseur Orwa
al-Meqdad einen eindrucksvollen Blick auf das Medium Musik als Waffe
des friedlichen Widerstands und als gleichzeitige Ausdrucksform von
Heimat und Geborgenheit. Diese scheinbar widersprüchliche Perspektive
spiegelt wider, wie syrische Exilanten trotz ihres nicht selten
„schizophrenen“ Alltags den Herzschlag Beiruts mitgestalten.
Die Dokumentation stellt drei Musiker und eine Sängerin vor, die sich
in Beirut kennengelernt haben und in der Wohnung eines gemeinsamen
Freundes proben. Sie zeigt, wie ihre unterschiedlichen Charaktere den
Sound der Stadt um eine weitere Facette bereichern. Passend dazu ist es
die pulsierende und lebhafte Hamra Street, die sich in eine
vorübergehende Bühne für die vier Musiker verwandelt. Mit ihrer Musik
drücken sie ihre ganz eigene Erinnerung an Syrien aus, und finden
mitunter zu einem vollkommen neuen Verständnis ihrer Heimat.

Szene aus "Street Music" (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audivisual Arts

Szene aus “Street Music” (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audivisual Arts

Wenn auch Musik nicht den Lärm von Gewehrfeuer übertönen mag, wie sich einer der portraitierten Künstler ausdrückt, wird sie zur Ausdrucksform der kleinen Gruppe, und damit sowohl zum Produkt verschiedener
Lebensgeschichten wie auch selbst zum identitätsbestimmenden Medium.
Letztlich beleuchtet Orwa al-Meqdad mit seiner Hommage an das
Potential der syrischen Revolution den Versuch vier junger Menschen,
einen vorübergehenden Platz in einer ihnen fremden Gesellschaft zu
finden. Er zeigt, wie Musik zugleich symbolische Waffe sein und zu
einem Ort der Geborgenheit werden kann, und mit den Instrumenten in
den Händen scheint es, als würden Musiker die
Kontrolle nicht nur über ihr eigenes Schicksal, sondern über die
gesamte syrische Revolution zurückzuerringen versuchen. “Street Music” ist eine Produktion der syrischen Organisation Bidayyat for Audivisual Arts, deren Kurzfilme auf einem eigenen Youtube-Kanal abrufbar sind.

Der Preis, der nach dem im Jahr 2005 ermordeten
libanesischen Journalisten Samir Kassir benannt ist, ist offen für
Einsendungen aus der gesamten arabischen Welt und wird von der
Europäischen Union gefördert.

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Dieser Beitrag stammt von Sarah Schwahn, derzeit Praktikantin im Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung, und Bente Scheller.

Die Show hat begonnen!

Seit dem 22. Mai hat die libanesische Regierung Syrern im Libanon „alle politischen Aktivitäten“ untersagt. Das scheint sich nicht auf Assads Wahlkampf zu erstrecken. Umzüge und Lautsprecherwagen von Assadgetreuen sind unbeirrt weiter durch Beiruter Stadtviertel gefahren. Auch auf der Straße vom Flughafen in die Stadt lacht einem Bashar al-Assad von Plakaten seiner „Sawa“ – „Gemeinsam“ – übertitelten Wahlkampagne entgegen.

Am 29. Mai sind die Straßen um die syrische Botschaft im Beiruter Vorort Yarzeh herum verstopft, weil Exilsyrer hier schon jetzt ihre Stimme für die Präsidentschaftswahlen am 3. Juni abgeben können. Die Bilder, die einen immensen Andrang zu zeigen scheinen, gehen um die Welt. Das ist einer der Gründe, warum man die vorherigen Diskussionen um das Aufstellen von Wahlurnen in der Bekaa-Ebene stillschweigend hat fallenlassen: In den engen Straßen des Wohnviertels wirken schon ein paar Hundert, als handele es sich um einen Sommerschlussverkauf.

Mein Kollege Haid erzählt von einer Konversation zwischen zwei Syrern, von denen einer sich im kleinen Tante-Emma-Laden um die Ecke verdingt: „Der eine hat den anderen gefragt, ob er schon wählen war, und als der verneinte, hat er weitergefragt: ‘Warum nicht? Alle Syrer gehen heute wählen.’ Der andere hat nur gesagt: ‘Nein. Nicht alle.’” Viele müssten arbeiten und können da nicht einfach weg. Ein libanesischer Angestellter habe gespottet, man solle sich nur mal anschauen, wie dieser ganze Wahlzirkus abgehalten werde. “Das ist, als wäre es die Hochzeit des Staates – all die jubelnden Leute mit ihren Fähnchen … ” Die ebenfalls libanesische Ladenbesitzerin habe daraufhin nur den Kopf geschüttelt – was Syrien doch für ein verrücktes Land sei, dass eine Million Bürger in den Libanon geflüchtet sei, aber sich jetzt darum drängelte, hier für Assad zu stimmen. “Warum sind sie alle hier? Verstehe ich wirklich nicht.”

Gewiss gibt es auch im Libanon Assad-Anhänger. Inwieweit sich die hier befindlichen Flüchtlinge allerdings fühlen, als hätten sie die tatsächlich eine Wahl ist fraglich. Das liegt nicht daran, dass die nahezu unbekannten Gegenkandidaten Assads aus seinen eigenen Reihen kommen und nur antreten dürfen, weil sie chancenlos sind. Es ist vielmehr die prekäre Situation der Syrer im Libanon, die für einen Großteil des Andrangs an den Wahlurnen bei der syrischen Botschaft verantwortlich sein dürfte. Seit der Wahltermin feststeht, geht das Gerücht um, dass die syrische Botschaft eine Liste führt, wer seine Stimme abgibt. Nichtwählern, so heißt es, werde die syrische Staatsbürgerschaft entzogen oder sie dürften nicht mehr nach Syrien einreisen. Besuche von “einer libanesischen Partei” und Mitarbeitern der syrischen Botschaft in Flüchtlingssiedlungen in der Bekaa-Ebene sollen ihr übriges dazu beigetragen haben, die Furcht vor dem Nichtwählen zu schüren.”

Gerüchte über Sanktionen für Nichtwähler gab es auch bei vorigen Wahlen. Doch egal wie wenig glaubhaft ein Gerücht sein mag, in einer Situation der Unsicherheit entwickelt es eine eigene Dynamik. Allen ist klar, wie angreifbar sie hier im Libanon sind. Die Flüchtlinge haben gesicherten rechtlichen Status, und der Arm des syrischen Regimes ist lang.

Am 11. Mai bekundete eine “arabisch-syrischen Arbeitervereinigung” im Fernsehen, sie werde sich jetzt um die Rechte der syrischen Arbeiter im Libanon kümmern. Deswegen sollten diese sich umgehend dort registrieren. “Ich habe noch nie vorher von dieser Vereinigung gehört, dabei behaupten sie, dass sie seit 1977 besteht,” sagt meine Kollegin Hiba, “und ausgerechnet jetzt treten sie in Erscheinung?”

Angesichts der chaotischen Szenen um die syrische Botschaft herum und des ostentativen Jubels für Bashar al-Assad fordern Mitglieder der libanesichen Bewegung 14. März, Assad-Anhänger des Landes zu verweisen. Ihr Verhalten sei eine Provokation der Libanesen, und wenn sie Assad unterstützten, sollten sie das lieber in ihrem eigenen Land tun, als ihren Nachbarn das Leben schwerzumachen. In der Tat steht das selbstbewusste Feiern der Assadtreuen an diesem Tag in einem für viele Libanesen bitteren Kontrast zu dem hohen Preis, den der Libanon in dieser Krise zahlt.

Trotz aller Bemühungen, die Wahlen als Machtdemonstration zu inszenieren, scheint es am ersten Tag noch nicht gereicht zu haben. Spontan wird der Schluss des improvisierten Wahllokals um einen Tag verlängert.

Respekt! Marteria im Flüchtlingslager

Ehrlich gesagt hatte ich von dem Mann noch nichts gehört; aber das Musikfest im Flüchtlingslager klang interessant, also sind wir hingefahren. Neben vielen palästinensischen Künstlern hatte das lokale Goethe-Institut auch einen deutschen Hip-Hopper eingeladen: Marteria. Wer das ist wusste ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Aber es wurden auch gute palästinensische Acts erwartet, zum Beispiel die Jerusalemer Rap-Combo “Alif”. Dass es in der Westbank, in Jerusalem, in Gaza großartige Bands und Künstler gibt ist kein Geheimnis und auch in den palästinensischen Flüchtlingslagern gibt es oft eine reichhaltige Kulturszene. Deutsche Chartsstürmer treten allerdings weniger oft auf. Mit Marteria kam aber ein echter Star nach Shuafat, der in Deutschland dieses Jahr bereits die Charts anführte.  Außerdem hat der Mann als ehemaliger Fußball-Jugendnationalspieler, Model und Schauspieler eine illustre Vergangenheit. Dass so jemand überhaupt zu einem Auftritt nach Palästina kommt, und dann noch ins Flüchtlingslager Shuafat, ist wirklich bemerkenswert. Dass er dabei eine Menge Spaß hatte umso mehr:

materia

(c) Paul Ripke. Hier finden sich eine Menge weitere tolle Fotos von dem Auftritt.

Shuafat ist einer jener Stadteile Ost-Jerusalems, die teilweise durch den Bau der Mauer abgeschnitten wurden. Das Flüchtlingslager hat es besonders schlimm getroffen, es ist von der Mauer isoliert und bekommt, obwohl Teil Jerusalems, kaum Dienstleistungen von der Jerusalemer Stadtverwaltung, jüngst wurde sogar die Trinkwasserversorgung zum Problem. Über kaputte, staubige Straßen fahren wir von Ramallah über Umwege (denn die direkten Wege sind von der Mauer und durch Checkpoints versperrt) nach Shuafat, irgendwann ist eine Straße von brennenden Reifen versperrt und wir verirren uns in den engen Gassen, bis wir die laute Musik in der Nachbarschaft hören. Zunächst singt auf der Bühne ein traditioneller Sänger, gefolgt von Tanzgruppen und palästinensischen Rappern. Dann wird Materia auf die Bühne gerufen, und er tritt im Flüchtlingslager völlig natürlich auf, klatscht junge Fans vor der Bühne ab, animiert gut gelaunt das Publikum  und bittet irgendwann ironisch seine „Homies“ auf die Bühne, ein paar schüchterne Teenager in palästinensischer Tracht, die vorher Volkstänze aufgeführt hatten und jetzt sichtlich begeistert sind von Marteria. Der singt ein paar Songs, auf Deutsch, die hier keiner versteht. Aber der Text passt ganz gut:

“Die ganze Erdkugel bebt
Wir haben überlebt
Und du glaubst nicht an Wunder?
Und du glaubst nicht an Wunder?”

Ein großartiges Lied, auch Shuafat wartet auf Wunder.

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Happy in Gaza

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“Gaza” und “glücklich” sind nicht oft Worte, die man in einem Satz liest. Dass die Menschen aber trotz israelischer und ägyptischer Blockade, wirtschaftlicher Ausweglosigkeit und rigider Herrschaft der Hamas auch glücklich sein können, ist natürlich eine Banalität. Aber bei jedem Besuch im Gazastreifen bin ich aufrichtig von der Mentalität der Menschen dort begeistert, die irgendwie ein warmherzigeres, humorvolleres Naturell haben als ihre Landsleute in der Westbank – nichts weniger beweist auch das “Happy” Video im Stil von Pharrell Williams. Das ändert nichts an der katastrophalen Lage im Gazastreifen und der Tatsache, dass insbesondere die vielen jungen Menschen unter den Bedingungen völliger Isolation derzeit wenig positive Zukunftsaussichten haben.

In der Kommentarleiste unter dem Video auf Youtube tobt – wie immer beim Thema – eine Propagandaschlacht. Grotesk sind jene Kommentare, die meinen, das Video “beweise”, dass es in Gaza keine humanitäre Krise gibt und in Gaza ein völlig normales Leben mit gutem Lebensstandards vorherrsche. Das ist Unsinn, denn die humanitäre Lage ist bedrückend, woran ein gut sortierter Supermarkt und schick gemachtes Musikvideo noch lange nichts ändern. Gleichzeitig gibt es nur wenige Stunden am Tag Strom und eine massive Trinkwasserkrise. Wer sich einen Eindruck davon verschaffen wil, sollte den Bericht “Gaza 2020″ der Vereinten Nationen lesen. Andere meinen es sei ein positives Zeichen, dass die Menschen in Gaza keine israelischen Waren boykottieren, da im Video zahlreiche israelische Produkte zu sehen sind. Auch das ist Unsinn – denn seit die Tunnel auf der ägyptischen Seite zerstört wurden, gibt es fast nur noch ausschließlich israelische Produkte in Gaza zu kaufen, die zu hohen Preisen importiert werden müssen und sich viele Menschen nicht leisten können.