Above Zero – Spiel um die Macht

Above Zero (c) Mouhamad Khayata, Koon Theatre Group, mit freundlicher Genehmigung

Above Zero (c) Mouhamad Khayata, Koon Theatre Group, mit freundlicher Genehmigung

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

„Der Bär frisst den Wolf, der Wolf frisst die Hyäne, die Hyäne frisst den Hund, der Hund frisst die Katze, die Katze frisst die Maus“.

Erschrockene Menschen kauern unter einem Bettgestell aus Metall. Sie pfeifen, schauen zum Himmel, verfolgen einen Punkt mit ihren Augen und zittern dann. Ein Luftangriff womöglich. Ihre Körper rollen über den Boden, übereinander, gegeneinander. Ein Mann scheint die Kontrolle über sich verloren zu haben. Seine Beine bewegen sich wild in alle Richtungen, und jede Anstrengung sie zu lenken, scheitert. Dann beginnt er, sich am ganzen Körper zu kratzen, lacht plötzlich laut auf und bricht in Tränen aus.

Die Bühne, sie ist ein Gefängnis, eine Folterkammer, deren Opfer langsam durchdrehen.

Ein Mann in Basketballklamotten betritt die Bühne. Er dribbelt seinen Ball auf den Verrückten zu. Bei jedem Aufprall geht ein Zucken durch den leblosen Körper am Boden. Als der Ball dem Spieler entgleitet, nimmt er kurzerhand den Kopf des Gefangenen als Ball. Den Körper zwischen die Beine geklemmt, dribbelt er den Kopf von rechts nach links, von links nach rechts. Der Ball wird zum Machtobjekt und wer ihn hat, hat das Kommando. „Wenn er geschlagen wurde, fiel er, und stand wieder auf“, wiederholt die Gruppe unter dem Bett immer wieder. Gewalt produziert Angst, und Angst produziert Gewalt. Und die Insassen, voller Angst, hängen den Körper ihres Kammeradens auf und lassen ihn schwingen. Nun sind sie es, die die Macht haben. Rhythmisch prallen ihre Basketbälle auf den Boden der Bühne.“Er starb, er starb, er starb“, rufen sie im Takt.

Der Theaterregisseur Ossama Halal ist ein Talent. Er hat Dramaturgie in Damaskus studiert und die Koon Theatre Group ins Leben gerufen, ein Kollektiv an Tänzern und Musikern, die gemeinsam Tanztheater auf hohem Niveau machen. Nach seiner Erfolgsperformance Cellophane von 2012, war sie im vergangenen Jahr mit Above Zero bei dem Festival für Performancekunst aus der MENA Region Dancing on the edge in den Niederlanden zu Gast. Im Rahmen des Festivals Focus Syria, das von der Kultureinrichtung Ettijahat organisiert wird, hat sie nun erneut ihre Performance im Shams-Theater in Beirut gezeigt.

„Wer ist im Exil und wer wurde exiliert? Wer vergisst und wer wurde vergessen?“ Eines der Bettgestelle wird aufrecht aufgestellt. Es wird kurzerhand zu der Gefängnistür, vor der eine Frau wimmert. Leise erklingen Klaviermelodien, mit dumpfem Bass. Eine Stimme fragt: “Habt ihr heute Strom? Wartest du noch immer? Oder siehst du jemand anderen …?“ Die Fragen erinnern an Briefe der Insassen, an ihre Gedanken an Zuhause. Von der anderen Seite kleben zwei Tänzer Papierzettel mit Namen an die Stangen der Tür. Auf einem steht „Syrisches Pfund“- die Währung Syriens. Es erinnert an die Todesanzeigen, die in der Region üblicherweise an Wände und Häuser geklebt werden.

Außerhalb der Halle, vor der Aufführung von Above Zero, treffen ganz unterschiedliche Besucher aufeinander. „Siehst du den Mann da vorne? In dem gelben T-Shirt? Und die Frau daneben?“ fragt mich mein Freund. – „Ja, was ist mit denen?“

„Die sind Schauspieler und man sieht sie in allen syrischen Serien“. Er beugt sich zu mir runter und flüstert verschwörerisch: “Die sind super pro-Regime. Und der Typ, der da sitzt ist Regisseur – auch pro- Assad.“

Es mag paradox erscheinen, Regimegegner und Regimebefürworter bei einem Stück wie Above Zero anzutreffen – doch letztendlich vereint sie etwas so Groteskes, wie es auch das Ende des Stückes selbst auf den Punkt bringt: „Dieser Krieg ist unser Blut, in Angebot und Nachfrage.“

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Kino im Krieg

Syrisches Handy-Film-Festival in Bosra

Syrisches Handy-Film-Festival in Bosra

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Die Nacht bricht ein in Bosra al-Sham, einer Handelsmetropole der Antike im Süden Syriens. Ein großes weißes Stofftuch hängt etwas schief vor den Säulen in der Mitte des römischen Theaters. Langsam füllen sich einige der Ränge des Open-air-Theaters, das mit seinen 15.000 Plätzen zu einem der größten der Welt zählt. Seit knapp zweitausend Jahren finden in dem UNESCO Weltkulturerbe Veranstaltungen statt, und doch ist das diesjährige Syria Mobile Filmfestival in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Denn hier in Bosra mischen sich Fiktion und Dokumentation, Geschichte und Gegenwart auf drastische Weise. Um dieses flattrige Leinwand herum, irgendwo hinter den Mauern der Stadt, die 2015 von der Freien Syrischen Armee eingenommen wurde und in der oppositionellen Region Dara’a im Süden des Landes liegt, tobt weiterhin der syrische Bürgerkrieg.

Die elf Kurzfilme auf der Leinwand in Bosra, die im Rahmen des Syria Mobile Phone Festivals auch vom 8. bis 9. April im Box Freiraum auch in Berlin vorgestellt wurden, zeigen Kämpfer und einfache Leute, sie erzählen Geschichten aus den vergangenen fünf Jahren, sind poetisch und real, fiktiv oder dokumentarisch. Die Bilder verbindet, dass sie alle ausschließlich mit Handys gefilmt wurden – dem Medium schlechthin des arabischen Frühlings.

Das Festival, das erstmals 2014 in über 20 syrischen Städten stattgefunden hat, will in Berlin auch als Plattform für Filmschaffende und Amateure dienen und sie dazu anregen, kreative Low-Budget-Filme mit dem Handy zu drehen. Das Logo zeigt den für Filmfestivals üblichen Lorbeerkranz, darin: ein Handy. In dem Theater in Bosra fanden noch vor wenigen Tagen große Demonstrationen gegen Machthaber Bashar Assad statt. Jetzt haben die Bewohner das römisch-byzantinische Theater in ein Kino verwandelt. Wie auch in Kafranbel in Idlib bietet das Festival den Bewohnern darüber hinaus Gelegenheit zu einer Verschnaufpause und erlaubt ihnen zusammen zu kommen. Doch es ist auch riskant: jede Menschenansammlung ist ein mögliches Angriffsziel der syrischen Luftwaffe, insbesondere, seit die Waffenruhe immer weniger respektiert wird.

In der deutschen Hauptstadt ist das Festival für diese Saison bereits vorbei. Doch in den Städten Gaziantep und Şanlıurfa, in der südlichen Türkei sowie in Idlib, Aleppo und Ghouta in Syrien laufen die Filmvorführungen weiter – und in letzteren der Krieg leider auch.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Schwer rumzukriegen

(c) Bente Scheller 2015

(c) Bente Scheller 2015

„Bei meiner Hochzeit hat mich der Sheikh beiseite genommen: ‚Hat dich irgendjemand unter Druck gesetzt, dass du diesen Mann heiratest?‘ hat er gefragt. Ich habe ’nein‘ gesagt. ‚Wirklich nicht?‘ – ‚Nein‘ – ich habe meine Freundin hilfesuchend angeschaut: ‚Was soll ich denn sagen? Wir haben doch zu dieser Hochzeit eingeladen.‘ Sie hat gesagt: ‚Du darfst nicht so direkt ’nein‘ sagen … Du must dich zieren, du must so tun, als seist du schwer rumzukriegen.‘ – Ich habe ihr einen Vogel gezeigt: ‚Ich spiel doch nicht bei meiner eigenen Hochzeit ’schwer rumzukriegen‘ mit dem Sheikh!'“ – „Das kommt aus den ländlichen Gegenden“, sagt eine Kollegin, „es geht darum, den Brautpreis hochzutreiben.“

„Wieviel ist denn zum Beispiel für einen Sheikh dabei drin?“ frage ich. „Kommt ganz drauf an, wie bekannt er ist, viertausend, fünftausend Dollar sind nicht unüblich.“ – „Für eine einzige Hochzeit?“ fragt eine aus der Runde, „da werde ich Sheikh!“ – „Sheikha“, korrigiert die erste.

Alle Familienfeiern haben ökonomisches Potential. „Als mein Onkel gestorben ist, hatten wir einen Sheikh. Damals haben wir ihm ein paar hundert Dollar gegeben. Als ein paar Jahre später ein anderer Onkel gestorben ist, wollten wir ihn wieder dafür gewinnen. Wir wollten ihn gerne, weil er eine so angenehme Stimme hat. Wisst ihr, was er für die drei Tage haben wollte? 10.000 Dollar! Mittlerweile war er berühmt geworden.“

„Bei Taufen ist es genau das gleiche, man muss den Priester bezahlen, die Kirche mieten …“ In einem sind sich alle einig: dass es im Libanon keine Zivilehe gibt, ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass religiöse Autoritäten dann nicht mehr daran verdienen könnten. Angesichts der Summen, um die es geht, ist nachvollziehbar, dass auch der Vorschlag vor ein paar Jahren, 300 Dollar an die Vertreter der Konfession des Bräutigams zu zahlen, nicht auf offene Ohren stieß.

Geschichten aus 1800 und einem Tag

1800 Colorful Centimenters

1800 Colorful Centimenters

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Im Krieg verändert sich alles. Fünf Jahre, 1800 Tage lang, herrscht in Syrien nun der Bürgerkrieg. In diesen 1800 Tagen hat Syrien viel Farbe verloren, es ist verbleicht, ausgeblasst. Die syrischen Künstler Johnny Semaan und Kaed Haidar verleihen diesen Tagen nun wieder Farbe. Denn in dieser Zeit wurde in Syrien auch weitergelebt. Mit Acrylfarbe, Öl, Tusche und Pastell rekolorieren sie die schönen, kleinen Dinge im Leben der Menschen in Syrien und erzählen Geschichten von zwischenmenschlichen Beziehungen, tanzenden Derwishen, Fischermännern und Träumern.

1800 hochkantDiese Idee gefiel auch der Galeristin Nelsy Massoud, die sofort Feuer und Flamme für das Projekt der beiden Künstler war und kurzerhand ihre Galerie in Beirut zur Verfügung stellte. Bei einem Besuch der Ausstellung „Colorful centimeters- 1800 days“, die am fünften Jahrestag der syrischen Aufstände eröffnet wurde, trifft man mit etwas Glück den jungen Künstler Johnny Semaan an, der an der Kunsthochschule in Damaskus  sein künstlerisches Talent entwickeln konnte. Bei einem Kaffee im wunderschönen Garten der Galerie erzählt er dann von seiner Arbeit und seiner Freundschaft zu Kaed, mit dem er in seiner Geburtsstadt Latakia zusammen Kunst unterrichtet hat. Während Kaed weiterhin in Latakia lebt und arbeitet, wohnt der 30-Jährige Johnny mittlerweile in Beirut und träumt von weiteren Ausstellungen, auch in Deutschland.

Die 1800 intensiven, nachdenklichen, verwirrenden, mal witzigen und mal traurigen Skizzen und Zeichnungen sind noch bis zum 10. April in der Galerie 392Rmeil393 in Gemayzeh in Beirut zu bewundern.

1800 Colorful Centimenters

1800 Colorful Centimenters

Doch man sollte sich ranhalten, denn es gehört zur Ästhetik der Ausstellung, dass die kleinen, rund 10 x 15cm großen Bilder ihren Platz oder gar ihren Besitzer wechseln, von den Wänden verschwinden, um in privaten Zimmern wieder aufzutauchen. Um diese Form der Lebendigkeit der Ausstellung zu garantieren, sind die Bilder erschwinglich und man findet somit das ein oder andere Kunstwerk zum Mitnehmen.

Doch auch die, die es lieber groß mögen, kommen bei Johnny Semaan nicht zu kurz. Die Galeristin Nelsy Massoud ist so begeistert, dass sie gleich eine weitere Ausstellung mit dem Künstler im August geplant hat. Dann zeigt Johnny einige seiner großformatigen, Drei-Meter-Kunstwerke. Und wer weiß, vielleicht geht Johnnys Traum schon bald in Erfüllung, und wir werden sein Talent irgendwo in einer Galerie in Berlin bestaunen können.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Staatsapparat an Rasierapparat, jemand zu Hause?

Mit freundlicher Genehmigung von Hassan Hassan

Mit freundlicher Genehmigung von Hassan Hassan

Vor den Hipstern war der Bart in Deutschland bekannt als Merkmal zu oft gerissener Witze.

Nun hat der syrische UN-Vertreter in Genf, Bashar al-Jaafari, einen neuen Bart-Witz in die Welt gesetzt. Mit einem Seitenhieb auf die kontroverse Oppositionsgruppe Jaish al-Islam sagt er: „Wir werden uns nicht in direkte Gespräche mit diesen Terroristen begeben, also wird es keine direkten Gespräche geben, bevor diese Terroristen sich entschuldigen und auch ihre Bärte abrasieren.“

Schaut man sich die Bilder der verschiedenen bewaffneten Akteure in Syrien an, ist das verwirrend, denn Gesichtsbehaarung ist beileibe kein Alleinstellungsmerkmal echter und Möchtegern-Islamisten auf Oppositionsseite. Die Shabiha, Assads irreguläre Milizen, zeichnen sich nicht nur durch von Anabolika ins Lächerliche torpedierte Muskeln aus, sondern plustern gerne ihre Bärte, und bei einem der Hauptverbündeten des syrischen Regimes, Iran, besteht die gesamte Führungsrige aus außerordentlich bärtigen Männern.

Seit es den sogenannten „Islamischen Staat“ gibt, nennt die libanesische Tageszeitung Daily Star Iran nicht mehr nur „Iran“ sondern spricht stets  analog von der „Islamischen Republik.“ Im Internet wird gerne eine Auflistung geteilt, inwieweit Saudi Arabien und ISIS sich ähnlich seien, aber man könnte dem genauso gut Iran hinzufügen. Man müsste sehr genau hingucken, um zwischen den durch den regionalen Konflikt eng miteinander verzahnten Dreien positive Unterschiede zu erkennen. Gerade, was die Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten im Nahen Osten und die Missachtung der Menscnenrechte betrifft, nehmen sie sich nicht viel – und darin, dass nicht wenige ihrer Vertreter mehr Wert auf Symbole wie eben den Bart denn auf moralisch einwandfreies Verhalten legen.

Dass Bashar Jaafari also ausgerechnet den Bart als zentrales Hindernis der Verhandlungen ausmachen will, ist, im wahrsten Sinne des Wortes, eine haarige Angelegenheit. „Auf den Punkt gebracht: So ist das syrische Regime,“ schreibt der syrische ISIS-Experte Hassan Hassan auf Facebook.

„Tu es nicht“ – Kinderehen im Libanon

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Ein Mann gesetzten Alters steht an der belebten Uferpromenade in Beirut, neben ihm ganz in weiß und mit Brautstrauß seine Angetraute. Die beiden sind beim Fotoshooting ihrer Hochzeit. Eine ganz normale Szene, die sich hier im Sonnenschein und unter Palmen abspielt – wäre da nicht das Alter der Braut, die noch ein Kind ist. Die libanesischen Gesetze erlauben es. 12 ist das Mindesalter für eine Eheschließung.

Kinder, die verheiratet werden sind ein trauriges Thema, das mit der Flüchtlingskrise erst Aufmerksamkeit erhalten hat. Über eine Million syrischer Flüchtlinge befinden sich im Libanon, darunter viele Familien, in der die Mütter alleine für die Kinder sorgen müssen. Die Ehemänner und Väter: im Krieg, in Gefangenschaft, auf dem Weg nach Europa, um eine bessere Zukunft zu suchen; im Libanon und zu beschämt darüber, dass sie nicht mehr der Ernährer der Familie sein können – oder überzeugt, dass sie sich alleine besser durchschlagen können.

Das hat verheerende Auswirkungen für die Frauen, die auf sich selbst gestellt sind. Sie haben wenig Wahl, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten und die Kinder durchbringen sollen. Ausbeutung und Prostitution („Survival Sex“) sind die Folge – und dass Mädchen bereits als Kinder und Teenager verheiratet werden, damit die Mütter die Verantwortung für sie abgeben können, wie bei einer der Protagonistinnen von Carol Mansours Dokumentarfilm „Not Who We Are.“

Doch Kinderehen sind beileibe nicht nur ein Phänomen unter Flüchtlingen. Es gibt sie auch im Libanon, in dem ein Viertel der Bevölkerung bereits vor 2011 unter der Armutsgrenze gelebt hat. Genau dieser Bevölkerungsanteil ist durch die ökonomischen Auswirkungen der zahlreichen Flüchtlinge noch tiefer in die Armut gedrängt worden.

Die oben beschriebene Szene stammt aus einer Performance, mit der die libanesische Frauenrechtsorganisation KAFA Kinderehen bekämpfen will: der ältere Herr, das Mädchen, der Fotograf: alles Schauspieler, die die Reaktion der Passantinnen und Passanten auf die Probe stellen. Obschon legal, sind sie gesellschaftlich, wie hier zu sehen ist, höchst umstritten. Viele schauen sich das an, gehen vorüber, aber einige mischen sich ein. „Und, gefällt es dir, das zu filmen?“ fragt einer den Fotografen, „Und dir, bist du zufrieden?“ richtet er sich an den Bräutigam. „Misch dich nicht in meine Angelegenheiten, ich habe die Erlaubnis ihrer Eltern“, erwidert diser. „Ein Wort noch, und ich werfe dich ins Meer,“ herrscht ihn ein anderer an.

Ein Mann tritt von hinten an die „Braut“ heran, es ist nicht zu hören, was er sagt, aber er gestikuliert eindeutig: ‚Tu es nicht, tu es nicht!‘

„Wo ist Deine Mutter?“ fragt eine Passantin. Die Schauspieler wiegeln ab: „Ich habe das Einverständnis ihrer Eltern. Das geht dich nichts an.“ – „Das ist sehr wohl meine Angelegenheit“, insistiert die Passantin, „ich war hier joggen, aber als ich das gesehen habe, sind meine Füße zu Eis geworden! Ich nehme sie jetzt mit! Das könnte meine Tochter sein.“

„Revolution ist eine Idee, und Ideen kann man nicht töten“

Von Alisha Molter und Bente Scheller

"Im Käfig geborene Vögel halten die, die fliegen, für Kriminelle"

„Im Käfig geborene Vögel halten die, die fliegen, für Kriminelle“

“Vor einigen Tagen hat sich etwas Unglaubliches ereignet. Es war so unglaublich, so verrückt, ich wusste nicht, was ich darüber schreiben sollte. Also, ich versuchs mal.“ Behutsam tastet sich der Syrien-Aktivist Kenan Rahmani auf seiner Facebookseite an die schier unglaublichen Bilder heran, die seit Beginn der Waffenruhe am 26. Februar aus Syrien zu sehen sind. Die Revolution ist tot, lang lebe die Revolution. #‎TheRevolutionContinues oder Hallo Bashar, das Volk spricht- noch immer!

Doch gehen wir erst noch einmal zurück.

Syrien, März 2011.
Menschenmassen drängen in verschiedenen Orten Syriens auf die Straßen. “Wir haben nicht länger Angst,“ – „Gott, Syrien und Freiheit“, skandieren sie, ein „Tag der Würde“ wird ausgerufen.

Es folgten fünf Jahre Blutvergießen. Fünf lange Jahre, in denen Machthaber Bashar al-Assad versucht, sein Volk zum Schweigen zu bringen. Fünf Jahre, in denen die Forderungen, dass die Korruption beendet und der Ausnahmezustand aufgehoben werden sollen, sich angesichts der gewaltsamen Antwort rasch zu Forderungen nach dem Sturz Bashar al-Assads und des Regimes mausern. Fünf Jahre, in denen Regimekritiker in den Gefängnissen der Staatssicherheit verschwinden und nicht selten nur ihre Leichen zu den Familien zurückkehren, fünf Jahre, in denen Oppositionelle und Zivilisten in Aleppo, Daraya, Homs oder in den Vororten von Damaskus systematisch ausgehungert und bombardiert werden.

Und doch: Kaum gibt es weniger Luftangriffe sieht man sie wieder ganz deutlich, die friedlichen Demonstranten, die unbeirrt an ihren Forderungen festhalten. Über wenig dürfte sich Assad mehr geärgert haben, entblößen sie doch seine Behauptung, dass es in Syrien außer seinen Kräften lediglich Terroristen gäbe, als Lüge. Je größer international die Furcht vor ISIS wurde, desto weniger hatte auch der Westen daran glauben wollen, dass es zivile Kräfte in Syrien gibt. Und punktuell brachten auch die Extremisten ihren Unmut über die Proteste zum Ausdruck, in Idlib nämlich, als Jabhat al-Nusra letzte Woche eine Anti-Regime-Demo, bei der auch anti-jihadistische Lieder gesungen worden waren, auflöste.

Syrien, März 2016.

“Brüder, die Revolution geht weiter, bis wir die Forderungen unserer Bevölkerung nach Freiheit und Frieden erfüllt sehen. Der Weg ist steinig aber zu bewältigen, und wir rufen alle bewaffneten Gruppen dazu auf, sich unter einem Banner zu vereinigen und begrüßen den Geist der Revolution. Damascus, Arbeen, 2016.

Das ist nur eine von über 100 der bunten Demonstrationen, die aufgeblüht sind, kaum dass der Staub der letzten massiven Luftangriffe sich gelegt hatte. Von Aleppo bis Daraa, im besonders hart getroffenen Darayya, im ausgehungerten Modahamiye: überall gehen die Menschen auf die Straße – unbewaffnet. Sie tanzen, stehen Schulter an Schulter und hüpfen ausgelassen. Grün, weiß, schwarz, drei rote Sterne- sie schwenken die Flagge der Revolution. „Nieder mit dem Regime, nieder mit Bashar!“ rufen sie.

Die Bilder erinnern in der Tat an 2011. Doch zwischen ihnen liegen fünf Jahre Gewalt, Zerstörung und Verwüstung, Leichenberge mit über 350.000 Opfern von Aushungern, Massakern und Bombenhagel. Städte wie Homs oder Aleppo wurden dem Erdboden gleich gemacht. Rund 12 Millionen Syrer sind auf der Flucht, 4,6 Millionen davon halten sich mittlerweile außerhalb Syriens auf.

Umso beeindruckender ist, dass die Menschen in Syrien nun, kaum dass die Waffenruhevereinbarungen zwischen den USA und Russland, zu denen sich knapp 100 Rebellengruppen und das Regime bekannt haben, halbwegs tragen, wieder auf die Straßen gehen und nicht etwa Essen, oder ein Ende der Kriegshandlung fordern, sondern nur das Eine wollen: Das Regime stürzen. So steht es auf den Bannern vom 2. März 2016 in dem Damaszener Vorort Jobar, einer der Orte, die 2013 und 2014 mit Giftgas angegriffen wurden, und im südlichen Dara’a. In der Stadt Daraya, die über vier Jahre von dem syrischen Regime aufs Härteste belagert wurde und auf die das Regime allein am Tag vor der Waffenruhe 60 Fassbomben abwarf, sendeten zivilgesellschaftliche Gruppen eine Botschaft: „Assad kann die Waffenruhe brechen, aber nicht den unbezwingbaren Geist des syrischen Volkes.“

„Die Türen der Revolution haben sich erneut geöffnet“, ist zu lesen, oder „Revolution ist eine Idee, und Ideen kann man nicht töten.“ „Im Käfig geborene Vögel halten die, die fliegen, für Kriminelle“ lautet ein anderes Poster.

Die Menschen protestieren gegen das Regime und den ISIS, aber auch gegen die Einmischung ausländischer Kriegsparteien. Andrea Böhm zitiert in ihrem Artikel auf Zeit Online ein Plakat aus Aleppo, das einen Seitenhieb auf die ausländischen Kämpfer ist, die teils als Jihadisten, aber in mindestens ebenso großer Zahl auch auf Regimeseite kämpfen: Syrien sei zur Bananenstaude geworden, alle Affen wollten darauf herumturnen.

Selbst unter widrigsten Bedingungen gibt es noch immer eine lebendige Zivilgesellschaft, die sich politisch, sozial und kulturell an ihren jeweiligen Orten engagiert und die dezentrale Informationskanäle geschaffen hat, um Informationen weitergeben. Ana Press, eine open source Nachrichten-Organisation, sprach im Januar 2016 mit Bewohnern der einstigen Wirtschaftsmetropole Aleppo, die trotz der Luftangriffe in der geteilten Stadt geblieben sind. „Wir werden bleiben, ob es ihnen gefällt oder nicht”, kommentiert eine junge Frau die Frage, warum sie Aleppo nicht verlassen habe. „Ich hätte längst weggehen können, wenn ich weggehen wollen würde“. Ein anderer Anwohner fragt weiter: „Wenn wir gehen, wem werden wir Syrien überlassen? Bashar al Assad etwa?“ er lacht auf. Aber auch ohne diese Bilder war der zivile Widerstand immer da und ist nur weniger sichtbar gewesen und damit von unseren Bildschirmen verschwunden. Von internationalen Medien kaum beachtet, fanden in den fünf Jahren in Syrien regelmäßig Freitagsdemonstrationen statt, die an die Montagsdemos in der ehemaligen DDR erinnern. Unter Motti wie „Wir haben keine Wahl, als Assad und seine Bande zu stürzen“ oder „Revolutionäre von Zabadani – ihr seid die Größten!“ richten sich die Proteste gegen das Regime und gegen das Wegschauen der internationalen Gemeinschaft: „Das Aushungern von Madaya: Eine Schande für die Menschheit!“ oder „Durch Schweigen macht die Welt sich mitschuldig“. Und auch in zahlreichen Videos finden wir ihn, den ausschlaggebenden Satz, der den Willen vieler Syrer zum Ausdruck bringt und den auch fünf Jahre Krieg nicht ausradieren können: “Die Revolution geht weiter, bis das Regime stürzt.“

„Wenn das nächste Mal jemand fragt, wo denn in Syrien die zivile Opposition sei, zeigt ihnen diese Bilder“, heißt es auf dem Facebook-Profil eines Aktivisten. James Sadri von der Syria Campaign schreibt: „An all die selbstgefälligen Abteilungen für Entwicklungshilfe in fernen Ländern, die darüber nachdenken, wie man die Zivilgesellschaft päppeln und fördern könnte: Beendet die Gewalt und dann kümmern die Syrer sich schon um den Rest.“

Bunte Kunst in einer Grauzone

Ein Gastbeitrag von Lena Herzog

(c) Lena Herzog 2015

(c) Lena Herzog 2015

 „Graffiti befindet sich im Libanon in einer rechtlichen Grauzone“, sagt Pierre. Er ist Franzose und bereits seit einiger Zeit als Graffitikünstler in Beirut aktiv. Heute gibt er einer bunt gemischten Gruppe von Libanesen und Ausländern aller Altersstufen eine Führung durch die Viertel Mar Mikhael und Gemmayze. Er will uns zeigen, welch tolle Kunstwerke in der Stadt in letzter Zeit entstanden sind.  Werke, denen man im Alltag meist gar keine Beachtung schenkt oder die sich in Seitenstraßen verstecken. Die Sprayer arbeiten oft tagsüber, denn im Gesetz sind nur ausdrücklich religiöse oder politische Botschaften an den Wänden verboten. Von Kunst ist keine Rede. Daher würde die Polizei die Künstler auch in Ruhe lassen, meint Pierre.

(c) Lena Herzog 2015

(c) Lena Herzog 2015

Anders als in Europa findet er die Graffiti-Szene in Beirut sehr respektvoll – in vielerlei Hinsicht. Zum einen würde man sich nicht in Gangs zusammen rotten und sich gegenseitig bekämpfen, zum Beispiel durch Übersprühen anderer Graffitis. In Beirut bestehe in der Regel ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den Künstlern und Sprayer, die  aus aller Welt kommen, um sich an den Wänden der Stadt zu verewigen. Zum anderen würden die Sprayer renovierte, historische oder religiöse Gebäude respektieren. Es gebe ja auch reichlich Platz an grauen

Betonwänden oder Häuserruinen aus Kriegszeiten, daher seien weder Wettbewerb noch Platzmangel ein Problem. Aber ist Graffiti in Beirut denn überhaupt von den Bewohnern der Stadt akzeptiert? Natürlich würde es Leute geben, die sich beschweren, meint Pierre.

(c) Lena Herzog 2015

(c) Lena Herzog 2015

(c) Lena Herzog 2015

(c) Lena Herzog 2015

Aber der Großteil der Bewohner freue sich, dass etwas Farbe in ihr Viertel kommt und immer wieder komme es auch vor, dass die Künstler während ihrer Arbeit an einem Werk angesprochen und gelobt werden. Manchmal würden sie auch direkt gebeten, die eine oder andere Wand zu verschönern. Wenn man die Augen aufhält, kann man überall in Beirut Graffiti entdecken: Schriftzüge, Comicfiguren, lebensechte Gesichter und natürlich dürfen auch Porträts der beliebten Sängerin Fairuz nicht fehlen.

„Das einzige was schade ist“, sagt Pierre, „ist, dass es im Libanon keinen Zugverkehr mehr gibt. Es ist schon cool, wenn man zum Beispiel von Frankreich aus Botschaften auf Zügen an Sprayer in andere europäische Städte schicken kann.“

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Lena Herzog

Lena Herzog

Lena Herzog studiert an der Universität Osnabrück „Demokratisches Regieren und Zivilgesellschaft“. Von November 2015 bis Januar 2016 überwinterte sie in Beirut als Praktikantin der Heinrich Böll Stiftung. Für ihr Forschungsprojekt traf sie viele Aktivisten, die gegen den Müll auf Beiruts Straßen und gegen die libanesische Regierung protestieren.

Syriens Zukunft träumt von einer besseren Gegenwart

YouTube Preview ImageÖffentlicher Raum und Spielplätze sind in Beirut rar. Deswegen gehe ich jeden Nachmittag auf den Hof der Kirche nebenan – einer der wenigen Orte, an denen man mit Kindern Ballspielen oder Rollerfahren kann. Dort treffen wir regelmäßig vier syrische Geschwister, die aus dem südsyrischen Daraa nach Beirut gekommen sind. Sie haben hier keine Freunde.

Die älteste Schwester, Lama, selbst gerade 12, muss auf die jüngeren Geschwister, 1, 3 und 7 Jahre alt, aufpassen. Seit zwei Jahren sind sie hier, seit zwei Jahren gehen sie nicht mehr zur Schule, weil ihre Eltern sich die hohen Schulgebühren nicht leisten können. „Was war dein Lieblingsfach in der Schule?“ frage ich Lama. Sie bekommt feuchte Augen und haucht: „Ich habe ALLES geliebt. ALLES in der Schule.“

Wie ihnen geht es vielen. Einige Organisationen betreiben syrische Schulen im Libanon, mit einem syrischen Lehrplan, bei dem der Unterschied im wesentlichen darin liegt, dass alle Fächer außer Sprachunterricht auf Arabisch gelehrt werden – anders als im Libanon, in dem unter anderem Naturwissenschaften immer entweder französisch oder englisch sind.

Manche libanesische Schulen haben eine „zweite Schicht“ am Nachmittag für syrische Kinder eingerichtet. Aber die allermeisten syrischen Kinder fallen wegen der Gebühren aus dem Bildungssystem heraus. Viele müssen sich in der Landwirtschaft verdingen. „Wir haben den Platz für ein Zelt gemietet“, sagt eine syrische Mutter in der Bekaa-Ebene. „Aber wie sollen wir das bezahlen?  Es kostet 100 Dollar im Monat – nur dafür, dass wir uns hier eine Notunterkunft bauen können. ‚Wenn ihr es euch nicht leisten könnt, könnt ihr mit euren Kindern auf den umliegenden Feldern arbeiten‘, haben sie uns gesagt. Was sollen wir anderes machen?“

In der Stadt sieht man viele Kinder, die Schuhe putzen, Kaugummis, Blumen oder Taschentücher verkaufen. Die Organisation Bidayyat for Audiovisual Arts hat nun einen künstlerischen Film veröffentlicht, der auf ihre Situation aufmerksam macht. Yaman, ein junger Erfinder, träumt darin von einer besseren Gegenwart.

Spiel und tödlicher Ernst: Schach oder Poker in Syrien?

Die syrische Schachmeisterin Dr. Rania Abbasi, ihr Ehemann und beider Kinder: Dima, Intisar, Alaa, Najah, Ahmed, auch verhaftet: Layan (nicht im Bild)

Die syrische Schachmeisterin Dr. Rania Abbassi, ihr Ehemann und beider Kinder: Dima, Intisar, Alaa, Najah, Ahmed, auch verhaftet: Layan (nicht im Bild)

Schach gilt gemeinhin als „Spiel der Könige.“ Bashar al-Assad, der das Präsidentenamt von seinem Vater ererbt hat, mag sich wohl als ein solcher wahrnehmen: als ein Herrscher, der das Volk nicht als Souverän sondern als eine Ansammlng unliebsamer Untertanen erachtet, die seiner Willkür ausgeliefert ist – und deren Aufbegeheren er als sträflichen Undank betrachtet.

Auch wäre es dem syrischen Regime hochwillkommen, wenn es gelänge, das komplexe syrische Konfliktgeschehen in ein Schachbrett zu verwandeln und auf Parteien zu reduzieren: schwarz – weiß, Assad oder ISIS. Genau daran arbeiten Assad und Putin im Moment, in dem sie ihre Angriffe auf die nicht-extremistischen Rebellen konzentrieren.

Im Jahr 2012, während Assad politisch nicht etwa damit befasst war, seiner Verpflichtung zum Schutz syrischer Zivilisten nachzukommen, sondern diese zu töten, zu knechten und zu vertreiben, fand er privat die Muße, eine Partie mit dem Vorsitzenden des Weltschachverbandes, dem Russen Kirsan Ilyumzhinov, zu spielen, der ihn in Damaskus besuchte. Zwei Menschen begegneten sich in einem Paralleluniversum, in dem es keine Verhandlungen sondern nur Sieg und Niederlage gibt.

Ilyumzhinov, der Schach als ein „kosmisches“ Spiel sieht und mehrfach beschrieb, wie er von Außerirdischen in gelben Raumanzügen von seinem Balkon in Moskau entführt worden sei, hat jetzt vorübergehend sein Amt als Vorsitzender des Weltschachverbandes FIDE (Leitspruch: We are one people!) ruhen lassen. Der Grund: Die nächste Weltmeisterschaft soll in den USA ausgetragen werden, die ihn soeben wegen enger Verbindungen zum Assad-Regime auf die Sanktionsliste gesetzt haben. Ilyumzhinov fühlt sich zu Unrecht beschuldigt. Obwohl sich die Sanktionen auf sein Engagement im Bankensektor Syriens bezogen, verteidigte er sichin einem russischen Fernsehinterview damit, er „verkaufe kein Öl von ISIS an das Regime.“ Er habe lediglich ein paar Tausend Schachspiele und dreitausend Schachbücher für Kinder geliefert. Der russischen Nachrichtenagentur LifeNews erklärte er überdies, dass er die US-Justiz „auf mindestens 50 Milliarden Dollar“ verklagen werde.

Schachlegende Garry Kasparov weist die gängigen Beschreibungen von Assad und Putin als meisterhafte Schachspieler auf der Weltbühne von sich. Poker treffe es eher: „Beim Poker, anders als im Schach, ist die Stärke der jeweiligen Position wichtig, aber nicht alles. Man kann eine schwache Hand dadurch wettmachen, dass man blufft. Putin ist überaus gerissen darin, die seit 25 Jahren herrschende Schwäche des Westens auszunutzen: Der Westen, seine politische Führung und deren Wähler, sind nicht zu einer ernsthaften Konfrontation bereit. Folglich blufft Putin nur auf haarsträubende Weise,“ sagte er.

Der Ausgang der Partie Assad-Ilyumzhinov ist nicht überliefert. Wahrscheinlich hat Ilyumzhinov Bashar gewinnen lassen, denn dass mit Tyrannen nicht zu spaßen ist, dürfte er auch in seinen Partien mit Saddam Hussein und Muammar Gaddhafi gelernt haben.

Was es speziell in Syrien heißt, sich mit mäßig begabten Vertretern des Hauses Assad anzulegen, erfuhr 1993 der syrische Reiter Adnan Qassar. Weil sich Hafez al-Assads Lieblingssohn Basel nicht mit ihm messen konnte, wurde Qassar vom Pferd weg verhaftet. Als ein Jahr später Basel al-Assad bei einem Autounfall starb, wurde Qassar aus seiner Zelle auf einen öffentlichen Platz gebracht und dort zusammengeschlagen. Das syrische Regime, lange vor 2011 bekannt dafür, sich weder an eigene Gesetze noch an internationale Normen zu halten, hätte nicht deutlicher zeigen können, dass es selbst auf dem Spielfeld danach trachtet, sportlichen Wettbewerb mit tödlichem Ernst auszulöschen. Erst 20 Jahre später wurde Adnan Qassar im Rahmen einer fadenscheinigen Amnestie aus der Haft entlassen.

Die syrische Opposition überlässt das Feld dennoch nicht dem Regime. Im Dezember 2014 veranstaltete die „Public Authority for Youth and Sports“ in Aleppo ein dreitägiges Schachturnier zum Gedenken an die syrische Schachmeisterin Dr. Rania Abbasi, damals seit anderthalb Jahren verschwunden.

Sie wurde im März 2013 zusammen mit ihrem Ehemann und den sechs Kindernverhaftet. Die letzte Nachricht von ihnen erreichte die übrigen Familienmitglieder im Dezember 2013, als es hieß, sie seien an die berüchtigte Abteilung 215 des Militärgeheimdienstes überstellt worden. Trotz eines damaligen Ersuchens an die UN-Arbeitsgruppe zu den vom Regime Verschleppten, sich um Dr. Abbassis Fall zu kümmern, fehlt von der Familie jegliches Lebenszeichen. Das jüngste Kind war bei seiner Verhaftung gerademal zwei Jahre alt.