Zu Besuch in Hebron

Ein Beitrag von S., Praktikantin der hbs Ramallah

Heimatland, watan (وطن) und Siedlung, mustawtana (مستوطنة) haben im Arabischen denselben Wortstamm. Beiden Begriffen wohnt eine Konnotation der “Verwurzelung” inne: Heimat ist der Ort unserer Herkunft, dort wo wir herkommen und wo unsere Wurzeln stecken; Siedlung hingegen ist eine „Niederlassung“, ein Ort an den man nicht gebunden ist, den man erobert und sich zu eigen macht.

In der palästinensischen Stadt Hebron, südlich von Jerusalem, stoßen diese beiden Konzepte konfliktträchtig aufeinander. Vier illegale israelische Siedlungen haben sich hier im Herzen der Stadt verwurzelt und weiten sich kontinuierlich aus.

Die ersten Siedler kamen im Frühjahr 1968 in die Stadt, ein Jahr nach der israelischen Eroberung des Westjordanlandes. Sie richteten sich im Park Hotel ein, um dort das Pessach Fest zu feiern und weigerten sich später, das Hotel wieder zu verlassen. Nach einer anfänglichen Evakuierung durch die israelische Armee wurden die Siedler 1970 in eine vom israelischen Parlament genehmigte, neugegründete Siedlung außerhalb der Stadt versetzt: Qiryat Arba. Während die Siedlung immer mehr Zuwachs bekam begannen einige ihrer Einwohner, Häuser im Stadtzentrum von Hebron zu besetzen. Sie wollten die jüdische Gemeinde wieder aufbauen, die dort nach einem Massaker im Jahr 1929, im Zuge des arabischen Aufstands gegen die jüdische Zuwanderung, aufgelöst worden war.

Heute beherbergt die Stadt geschätzte 500 Siedler, aufgeteilt in die Siedlungen Tel Rumeida, Beit Hadassa, Avraham Avinu und Beit Romano, beschützt von 4000 Soldaten. Allein in der Altstadt befinden sich 12 durchgehend betriebene Checkpoints und der Zugang zur Shuhada Street, der Hauptader des alten Stadtzentrums, ist für Palästinenser gesperrt. Früher war diese Zone voller Leben und der Handel florierte, jetzt sind alle Geschäfte verriegelt und die Atmosphäre in den Gassen gleicht der einer Geisterstadt. Die wenigen palästinensischen Einwohner dieses Stadtteils besitzen eine Identifizierungsnummer, die sogar auf ihren Hauswänden aufgesprüht wurde und die ihnen erlaubt, die Zone zu betreten. Besuche von Verwandten oder Freunden von außerhalb sind allerdings nicht gestattet.

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Auch wir, eine kleine internationale Gruppe unter der Führung des jungen Palästinensers Abdallah, müssen einen schwer bewachten Checkpoint passieren, um die Altstadt zu betreten. Sofort haben wir das Gefühl, dass sich die Luft mit Messern schneiden lässt. Von unserem Begleiter werden wir auf einem unebenen und improvisierten Weg durch einen versteckten Hintereingang in den Hof des Hauses der Familie Azzeh geführt. Nisreen, Witwe und Mutter von drei Kindern, gibt jedem von uns die Hand und lädt uns ein, näherzutreten, während sie ihre Erzählung beginnt.

Ihr Garten ist von einer Häuserfront israelischer Siedler umgeben, deren Angriffen die Familie täglich ausgesetzt ist: Steine und Müll werden von den oberen Stockwerken herab geworfen, rassistische Sätze auf die Mauer gesprüht, die Bäume vergiftet, die Familie wird davon abgehalten, ihre eigenen Oliven zu pflücken, und manchmal dringen sogar Soldaten in ihr Haus ein. Drei Jahre lang war die Wasserversorgung zum Haus unterbrochen und die Familie war auf gekaufte Flaschen angewiesen. Der eigentliche Hauseingang wurde blockiert, so dass die Familienmitglieder eine Zeit lang gezwungen waren, über eine sechs-Meter hohe Mauer in ihren Hinterhof zu klettern.  Zweimal schon, als Nisreen schwanger war, wurde sie von Siedlern angegriffen und sogar geschlagen. Sie ist fest davon überzeugt dass es diese gewalttätigen Vorfälle waren, die ihre beiden Fehlgeburten verursacht haben.

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Ihr unmittelbarer Nachbar ist Baruch Marzel, ein bekannter extremistischer Siedlerführer und Provokateur. In seiner Jugend war er Anhänger und Sprecher der rechtsextremistischen Organisation „Kach“, die von Israel als illegal erklärt und von den USA als Terrororganisation eingestuft wurde. In Israel ist er wegen seiner radikalen homophoben Ansichten und seines vehementen Aktivismus gegen Mischehen bekannt, in Hebron sorgen seine Gedenkfeiern für Baruch Goldstein, einen jüdisch-amerikanischer Siedler der 1994 in der Ibrahimi Moschee 29 Palästinenser beim Freitagsgebet ermordete, für großes Aufsehen. Zum ersten Mal wurde Marzel im Alter von 14 Jahren, dann mit 15 und mit 17 verhaftet. Seitdem häufen sich die Polizeiklagen aufgrund seiner gewalttätigen Angriffe auf palästinensische Einwohner, bisher wurde er aber nur einmal zur Rechenschaft gezogen und zu einer 12 monatigen Bewährungsstrafe  verurteilt. „Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, Hashem anzugreifen“, kommentiert Nisreen verbittert.

Tränen steigen ihr in die Augen, als sie von ihrem verstorbenen Mann spricht: „Hashem war immer sehr aktiv im Widerstand gegen die Siedler. Eigentlich war er Arzt, aber in seiner Freizeit begleitete er Touristengruppen durch die Stadt und erzählte ihnen von der BesatzungJede Tour endete in unserem Wohnzimmer, wo er den Besuchern Videos der letzten Geschehnisse zeigte.“

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Durch seine Aktivität als Fremdenführer hatte er immer wieder die Aufmerksamkeit und den Ärger der Siedler auf sich gelenkt. Einmal, als in der Stadt eine größere Auseinandersetzung tobte, wurde der Garten der Familie massiv mit Tränengas beschossen. Hashem, der bereits anfällig für Herzleiden war, erlitt einen Herzinfarkt und starb. Nach Einschätzung der Ärzte wurde sein Tod durch das Tränengas hervorgerufen.

„Dem Krankenwagen wurde der Zugang zum Haus verwehrt, also blieb uns nichts anderes übrig, als Hashem eigenständig zum Checkpoint zu tragen. Die jüdischen Nachbarn sind uns sofort gefolgt und haben die Soldaten aufgefordert, das Tor zu schließen, aus Sicherheitsgründen. Fünfzehn Minuten haben wir gewartet… doch es war schon zu spät.“

Nisreen unterbricht sich, und wir bleiben stumm, denn unsere Reaktionen lassen sich nicht in Worte fassen. Doch sie will nicht, dass wir schweigen. Sie will, dass wir ihre Geschichte weitererzählen. Sie ist entschlossen, Hashems Arbeit fortzuführen und weiterhin Gruppen zu sich nach Hause einzuladen, um ihnen, durch ihre Geschichten und durch das Video-Material ihres Mannes, die Realität in Hebron zu zeigen.

 

Zustände und Zuständigkeiten

Ausflug zum libanesischen Premierminister

Die Müllkrise, die Beirut im letzten Jahr einen übelriechenden Sommer bescherte, ist weiterhin ungelöst. Noch ist das Wetter halbwegs kühl, ein laues Lüftchen weht, so dass man es nicht so merkt – doch Müll sieht man im ganzen Land, illegal entsorgt, wo imer Platz ist. Zum Teil sind die monumentalen Müllsackberge notdürftig mit Erde bedeckt worden. Man versucht – im wahrsten Sinne des Wortes – Gras über die Sache wachsen zu lassen.

Für meinen fünfjährigen Sohn ist das ein großes Thema. Wenn wir in Deutschland unterwegs sind, kommentiert er unablässig: „Eine Papiertonne, eine gelbe Tonne ohne Deckel, drei Altglascontainer, weiß, braun, grün, eine Biotonne …“ Wenn es nach ihm ginge, würden wir nicht Ferien auf dem Bauernhof sondern auf dem Recyclinghof machen und uns den ganzen Tag anschauen, wie Müll getrennt wird.

Die letzte Unterrichtseinheit seiner Klasse in Beirut drehte sich um Pflanzen und wie sie nicht nur für saubere Luft sorgen sondern auch unter Umweltverschmutzung leiden. Im Rahmen dessen ermöglichte ein gutvernetzter Vater den Besuch der Schüler beim libanesischen Premierminister Saad Hariri, damit die Kinder an höchster Stelle über das Thema sprechen könnten.

Nach dem Empfang im Serail fragte ich meinen Sohn, ob er sich nach Mülltrennung und Recycling im Palast erkundigt habe. Er schüttelte den Kopf: „Weißt du, in dem ganzen großen Haus, in dem er sein Büro hat, habe ich nicht eine einzige Mülltonne gesehen! Nicht mal einen Mülleimer! Ich bin mir nicht sicher, dass er der Richtige ist, um mit ihm über Recycling zu sprechen.“

Regenbogenflaggen über Beirut – Beirut Pride Week

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Ein Beitrag von Bastian Neuhauser

„So… Happy Beirut Pride, I guess!“, schreit die Moderatorin ins Publikum. Menschen johlen, klatschen, schnippen mit den Fingern, und man hat das Gefühl, sie wissen selbst nicht ganz, was gerade passiert. Unter bunten Glühbirnen drängen sich mittlerweile mehr Menschen als Stühle, man sitzt auf dem Boden, auf Paletten und Schößen. Es ist eine Nacht des Geschichtenerzählens, und obwohl sich hunderte von Menschen um die winzige Bühne mit dem verloren wirkenden Mikrofon drängen, hat man sofort das Gefühl, dass es ein besonderer Augenblick ist. Lesbische, schwule, bi, trans, inter und queere Menschen nehmen Raum ein – Raum, der ihnen sonst nicht zugestanden wird. In keinem Moment vergisst man, wie wenig selbstverständlich das ist, in einem Umfeld, das sonst fast immer nur prekär ist für Personen deren Identität jederzeit als unnatürlich, gefährlich, strafbar gelten kann. Was entsteht, ist fast so etwas wie Intimität. Die Moderatorin wirft einen langen Blick in die Runde und fasst dieses Gefühl in Worte, erklärt dass dies ein Ort ist, an dem man offen sein darf, seltsam sein darf, verwundbar sein darf, und bittet alle dies zu respektieren. Menschen kommen auf die Bühne und erzählen ihre Geschichten. Eine Lesbe erzählt von ihrem Coming Out und ihrer ersten Liebe, ein schwuler Aktivist von den Tagen, als Sicherheitskräfte seine Wohnung durchsuchten und er für drei Tage verhaftet wurde, ein Sänger von den Traumata seiner Jugend und seiner Gegenwart. Jeder Pointe, jeder Pause folgt frenetischer Jubel, der gebrochen von den Brandwänden der umliegenden Hochhäuser zurückschallt. Man feiert das eigene Dasein, das eigene Überleben und die Tatsache, der Gesellschaft diesen Ort und diese Momente abgerungen zu haben, nur eine Handvoll Stunden, nachdem die libanesische Politik den Auftakt der Pride bereits in die Knie zwang. Man schätzt diese Tatsache, niemand unterbricht sich, niemand steht auf, als hätte man Angst, diese Seifenblase zum Platzen zu bringen. Die Bühne öffnet sich für alle, manche erzählen ernst ihre Lebensgeschichten, andere alberne Witze. Langsam löst sich der Abend auf. Als ich aufstehe, schreit grell eine Polizeisirene durch die Nacht. Mein Nachbar dreht sich um: „Ach, jetzt kommen sie also doch noch um die Veranstaltung zu räumen. Ein bisschen spät, jetzt hatten wir schon unseren Spaß.“ Noch mit einem Grinsen im Gesicht tritt er auf die Straße.

II.

Das Epizentrum der elektronischen Tanzszene Beiruts liegt auf dem 4. Stock eines alten Hafengebäudes, am Ende eines langen, stets mit Rauch gefüllten und von vier Scheinwerfern zerschnittenen Ganges. An diesem Abend wird die schlicht monochrome Dramatik dieser Installation von den Farben des Regenbogens abgelöst. Werden sonst hier nur die kulturell und finanziell privilegierten eingelassen, verteilt nun ein Türsteher mechanisch Stempel an das hereinströmende – und trotzdem gewohnt homogene – Publikum. Es soll ein feministischer Vortrag stattfinden, dazu Musik. Ersteres ist schnell erledigt. Eine Gruppe von Frauen liest einen überraschend knappen Text, gerichtet an den spärlich gefüllten Saal. Niemand scheint zuzuhören, man weiß an den richtigen Stellen zu klatschen, ansonsten warten Menschen ungeduldig auf die Rückkehr der Musik. Zum Ende des Vortrags beginnt sich der Saal zu füllen, Bewegung kommt in die nun beachtliche Menge als verkündet wird, es gäbe eine halbe glückliche Stunde lang kostenlose Getränke an der mit etwas verängstigt dreinblickendem Personal besetzten Bar. „Finally, we can have some fun“, stöhnt eine Freundin in mein Ohr und ist im nächsten Moment mit drei Gläsern bewaffnet zurück. Die Bässe trommeln nun gnadenlos los. Es beginnt – in bester libanesischer Manier – ein Abend mit Alkohol, Tanzen, Küsschen links, Küsschen rechts, kenn´ ich dich nicht von irgendwoher? In einem ersten Impuls bin ich überrascht von der Abwesenheit von inhaltsschweren Vorträgen, emotionalen Reden, großen Gesten. Und dann vom Überdruss meiner Bekannten. „Warum muss alles immer politisch sein?“, wird mir von einer angetrunkenen Freundin mit zusammengerafften Augenbrauen entgegengeworfen, „Haben wir kein Recht, einfach zu existieren, über normale Dinge zu reden, die nichts mit Religion oder Krieg zu tun haben? Dürfen das nur Leute aus dem Westen?“ Ich nippe an meinem Gin Tonic. Die zerknittert am DJ-Pult hängende Regenbogenflagge bewegt sich sanft über der zunehmend ekstatisch bunten Menge. Und mir wird klar, was es auch heißen kann, politisch zu sein:  Spaß zu haben, zu tanzen, einfach zu existieren.

III.

In einem weiten Bogen fliegen die langen plastikroten Locken von links nach rechts und klatschen nahezu hörbar gegen den Vollbart der Drag Queen. Zwischen den Tischen der Glücklichen deren Reservierung sie zu einem Abend überteuerter panasiatischer Küche und bester Sicht auf das Geschehen ermöglicht, schreit sich Evita stumm die Seele zu Missy Elliots Reverse It aus dem Leib. Im Hintergrund diejenigen, die auf Bänken stehend Blicke erhaschen, noch dahinter auf der anderen Seite der Fenster, die lange Schlange derjenigen, die gar keinen Platz gefunden haben. Das Lied endet, ein langer Schluck aus einem Glas das sowohl mit Gin als auch mit Wasser gefüllt sein könnte, ein tiefer Atemzug. Evita füllt die Stille mit ihren Geschichten, immer laut, derb, aber nie will sie ihre Intelligenz ganz verbergen. Es sind Geschichten aus queeren Alltagen: über die Grenzen allgemein akzeptabler Körperbehaarung, über hetero Männer, die Sex mit anderen Männern auf schwulen Dating Apps suchen, über die mannigfaltigen Wege, enkellose Großeltern auf Familienfeiern ein weiteres Jahr zu vertrösten. Die Themen kommen mir vertraut vor, es sind dieselben in Barcelona und Berlin. Ich pfeife, wenn Evita alle maskulinen Männer bittet den Saal zu verlassen, um Platz für die „good gays“ zu machen und wenn sie immer wieder betont, dass lesbische Frauen doch eigentlich die besseren Menschen auf dieser Welt sind, ohne sie wohl niemand hier wäre, am wenigsten sie selbst. Mittlerweile rollen die Schweißperlen dick von der gepuderten Stirn. Doch noch mit verschmiertem Lippenstift kämpft sie unerbittlich plaudernd gegen die Dinge, die die Community, hier und überall, bewegen. Nebensätze über Hass, Gewalt, Scham, über die Frage, wie man sich in Polizeikontrollen verhält, und was es bedeutet, nicht mehr seiner Familie zu sprechen, weil sie nicht erträgt, wer man ist. Am Ende versteht sie, diesen letzten Abend der Pride nicht in dunklen Tönen zu beenden. Die Regenbogenflaggen, die am Tag davor in den Straßen Mar Mikhaels hingen, die Euphorie, die sich während dieser Woche in der Beiruter Szene breit machte, und der vage aber elektrisierende Vorgeschmack auf einen anderen Libanon sind noch zu präsent. In den letzten Atemzügen ihres zweistündigen Monologs stellt sie selbst etwas überwältigt fest: „Oh my god, look around! I feel like I am in Paris!“. Die Bar bricht in Jubel aus.


Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser ist seit April 2017 Projektassistent im Büro der Heinrich Böll Stiftung in Beirut. Davor studierte er Politikwissenschaften und Soziologie unter anderem in Berlin.

Beirut: wo die wilden Motten hotten

Delineating nature - Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 - Borders

Delineating nature – Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 – Borders

2006, infolge der Entführung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah, bombardierte Israel den Libanon. Innerhalb eines Monats wurde die zivile Infrastruktur des Landes schwer beschädigt. Neben 165 Israelis starben in diesem Krieg 1300 Libanesinnen und Libanesen – überwiegend Zivilisten. Als Nothilfe sagte Ägypten dem Libanon damals den Bau eines Feldlazaretts zu.

Der Krieg war nach 34 Tagen beendet. Das Feldlazarett ließ über 10 Jahre auf sich warten. Erst jetzt, im Frühjahr 2017 wurde es errichtet. Das sind die Momente, in denen man eine Städtepartnerschaft zwischen Beirut und Schilda vermuten könnte.

Dass der Bau des Krankenhauses 10 Jahre lang vertagt wurde, liegt daran, dass die Stadt Beirut zuvor keinen Ort identifiziert hatte, der in Frage käme. Öffentlich sollte er sein, damit keine zusätzlichen Kosten entstünden. Im Zuge der ausufernden Privatisierungen ist öffentlicher Raum jedoch knapp geworden. Nach langem Hin und Her wollte man zunächst eine der raren öffentlichen Bibliotheken, unterhalten durch den privaten Verein „Assabil“, dafür nutzen. Nach Protesten wich man aus – auf den Parkplatz des Stadtparks von Beirut, dem erst 2016 der Öfffentlichkeit zugänglich gemachten Horsh.

Illustrationen wie die obige der libanesischen Künstlerin Nadine Bekdache zeigen, wie dieser Park über die Jahre schrumpfte, wie öffentlicher Grünraum dem Wohnungsbau weichen musste. Insofern liegt der Verdacht nahe, dass die jetzige angeblich temporäre Nutzung des Parkplatzes – nach zwei Jahren soll das Krankenhaus wieder abgerissen werden – der erste Schritt zu einer weiteren Verkleinerung der Grünfläche ist. Gleichzeitig mit dem ersten Spatenstich auf dem Parkplatz wurden die Tore des  Horsh nämlich wieder geschlossen, wenn auch aus einem ganz anderen Grund: ein Schädling verwüste den Pinienbestand des Parkes, heißt es. Experten der Beiruter Universitäten sind dabei, das Insekt zu bestimmen und geeignete Gegenmaßnahmen zu treffen.

Folgt man der spärlichen Berichterstattung in den Medien, ist man allerdings geneigt, eine kafkaeske Verschwörung zu wittern. Vier Zeitungen benennen jeweils eine andere Art Käfer oder Motte, alle  gleichzeitig auf dem Weg, die letzten Pininen dieser Stadt zu vernichten. Dabei steht nicht jeder Baum gleichermaßen im Visier. Der überwiegende Baumbestand sieht (noch) überraschend grün aus. Das liege daran, heißt es, dass die verdorrten Bäume sofort abgeholzt würden. So genau lässt sich das nicht überprüfen, da man nicht mehr an die Bäume drankommt. Schuld an der Plage seien nämlich die Besucher, die sie unter ihren Schuhsohlen eingeschleppt hätten – augenscheinlich sind die Schädlinge also nicht nur gefräßig sondern auch faul, denn all die Arten, über die spekuliert wird, könenn auch fliegen. Wahrscheinlich haben sie vor der Öffnung des Parkes brav an desen Zaun gewartet.

Nicht 20 Jahre Vernachlässigung und Missmanagement der Grünfläche sind es also, die den Stadtpark ruinieren, sondern dass er endlich genutzt wird.

Hungerstreik

Ein Gastbeitrag von S., Praktikantin im hbs-Büro Ramallah

Während der Mittagspause spaziere ich heute zur Abwechslung einmal in Richtung Arafat-Platz. Aus den Lautsprechern dröhnen dort seit Tagen arabische Lieder und eifriges Männergeschrei. Auch ein Zelt wurde aufgestellt, das mit Postern und Fahnen behängt ist und unter dem sich zu jeder Uhrzeit Menschen mit resignierten Gesichtern zu schweigendem Beisammensein versammeln.

Dass vor fast zwei Wochen ein Hungerstreik von palästinensischen Gefangenen in israelischer Haft ausgerufen wurde ist mir bekannt, dass dieses Zelt etwas damit zu tun hat wusste ich allerdings nicht. Jeden Tag werden hier Solidaritäts-Versammlungen und Demonstrationen abgehalten, um jenen Palästinensern, die unerreichbar weit weg, hinter den Gittern israelischer Gefängnisse einen stillen Kampf um ihre Rechte führen, eine Stimme zu verleihen.

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Zum Anlass des “Gedenktages für Palästinensische Gefangene” am 17. April haben geschätzte 1500 Palästinenser in israelischer Gefangenschaft einen kollektiven Hungerstreik mit offenem Ende ausgerufen. Anführer dieser Initiative ist der prominente Gefangene Marwan Barghouti, 57. Der Fatah-Politiker wurde im Jahr 2004, während der Zweiten Intifada von einem israelischen Militärgericht wegen Mordes und Terrorismus zu fünf lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Er selbst hat sich gegen diese Vorwürfe nicht verteidigt, weil er die Rechtmäßigkeit des Gerichts und des Prozesses nicht anerkannt hat. In der palästinensischen Gesellschaft genießt Barghouthi hohes Ansehen und wir von vielen als möglicher Nachfolger von Mahmoud Abbas gesehen.

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Unter dem Slogan „Freiheit und Würde“ prangern die Hungerstreikenden unter seiner Führung die israelischen Verstöße gegen die Menschenrechte der palästinensischen Häftlinge an. Sie beklagen Folter, Isolations- und Adminstrationshaft, sowie mangelnde medizinische Versorgung, die Inhaftierung von Kindern und das Verbot von Familienbesuchen und sie verlangen substanzielle Verbesserungen der Haftbedingungen.

Zu den Forderungen der Gefangenen gehören öffentliche Telefone im Gefängnis, um die Kommunikation mit den Familien zu ermöglichen, regelmäßige Besuche (alle zwei Wochen) und eine Verlängerung der Besuchsdauer (auf 45 Minuten), angemessene medizinische Versorgung, ein menschlicherer Umgang mit den Gefangenen, die Erlaubnis, persönliche Gegenstände besitzen zu dürfen (etwa Bücher, Zeitungen oder Kleidung) und das Recht auf Bildung.

Aber wieso greifen die Häftlinge zu solch lebensbedrohlichen Mitteln, um ihre Ansprüche durchzusetzen? Die Antwort auf meine Frage bekomme ich eine Woche später bei einer großen Demonstration zur Unterstützung der Hungerstreikenden in Ramallah. Der Treffpunkt könnte nicht geeigneter sein: unter der Statue von Nelson Mandela, dem südafrikanischen Anti-Apartheidskämpfer und ersten Präsidenten des demokratischen Südafrika, sammeln sich Männer, Frauen und Jugendliche und verlangen nach seinem Beispiel Gerechtigkeit und Freiheit.

Die Demonstranten, denen ich meine Fragen stelle, erklären mir, dass dieser „rechtmäßige Ungehorsam“ ein Mittel sei, um sich gegen ein strukturiertes System der Einschränkung und Repression zu wehren und die Autorität über den eigenen Körper wiederzugewinnen. All ihrer Freiheiten beraubt bleibe ihnen nichts anderes übrig, als dazu den eigenen Körper und die eigene Gesundheit einzusetzen. Hungerstreik sei ein legitimes Widerstandsmittel, das von der World Medical Association (WMA) in ihrer Deklaration von Malta anerkannt worden sei als „Form des Protestes jener, ,, die keine andere Möglichkeit haben, ihre Forderungen bekannt zu machen“.

Der Hilferuf der Hungerstreikenden ertönt heute auf dem Nelson Mandela Platz aus den Mündern ihrer Mütter und Väter, Frauen, Männer und Kinder. Die ganze Welt soll ihn hören. Man singt, schwenkt Fahnen, eine Musikkapelle trommelt, von der Bühne aus ertönen Parolen; selbst der aus dem Gazastreifen stammende „Arab-Idol“ Star Mohammad Assaf ist hier, um Solidarität mit den Gefangenen zu demonstrieren und der Kampagne mehr mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen.

 

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Auf vielen T-Shirts prangt zudem der Hashtag #SaltWaterChallenge, eine Initiative von Aarab Marwan Barghouti, dem Sohn des Streik-Anführers. Er ruft damit dazu auf, es den Hungerstreikenden gleich zu tun und ein Glas Wasser mit Salz zu trinken. Diese Geste der Solidarität sollte, nach dem Vorbild der soegannten „Ice Bucket Challenge“, gefilmt und auf YouTube gepostet werden. Viele Prominente und weniger Bekannte sind dem Aufruf bereits gefolgt, darunter auch Mitglieder der Jewish Voice for Peace in den USA. Darüber hinaus gibt es in vielen Städten Europas und der USA Solidaritätsbekundungen, Sit-Ins und Demonstrationen. Die israelische Gefängnisverwaltung dagegen hat bislang keine Anzeichen gegeben, dass sie den Forderungen der Gefangenen nachgeben will.

 

Beautiful Trouble – Theaterworkshop im Flüchtlingslager Al Jalasoun

Herunterhängende Kabel, schmale verwinkelte Gassen, verfallendes Mauerwerk. In Al Jalasoun bei Ramallah, einem der zahlreichen Flüchtlingslager im besetzten Westjordanland, wo sich ein Haus an das andere drängt, dominieren Männer das Straßenbild. Auch ich habe während meiner Besuche im Lager nur wenige Mädchen und Frauen auf der Straße gesehen und mich – und letztendlich einige Bekannte – gefragt, wo sie wohl ihre Zeit verbringen. „Meistens sind sie zuhause“ war die häufigste Antwort, die ich bekam.

Doch heißt dies automatisch, dass Frauen hier weniger zu sagen haben? Und wer fragt sie? Wer fragt die Einwohnerinnen des Camps, ob es den Raum gibt, ihre persönliche Situation in Ruhe anzusprechen? Damit meine ich auch einen physischen Raum, der für alle Frauen zugänglich und öffentlich ist, um Gespräche zu führen, die nur mit bestimmten Menschen geführt werden wollen. Ich stelle mir das schwierig vor, auf den wenigen Quadratkilometern des Lagers, wo nahezu 10.000 Menschen leben.

Um dieser Frage nach Raum auf den Grund zu gehen, haben meine Freunde Alaa Zubaide und Jawdat Sayyeh und ich, Praktikantin der Heinrich-Böll-Stiftung Ramallah, Einwohnerinnen des Camps im Alter von 13 bis 30 Jahren zu einem eintägigen Theaterworkshop eingeladen, den wir gemeinsam und mit Unterstützung der HBS zum Thema „Theater der Unterdrückten“, organisiert haben.

Dabei haben wir die Feststellung von Hannah Arendt zum Ausgangspunkt genommen, dass Privates politisch ist und demnach Diskussionsgegenstand der Öffentlichkeit. Diese These wird praktisch angewandt im „Theater der Unterdrückten“, wie es etwa am Freedom Theater in Jenin praktiziert wird. Es speist sich aus der Logik, eigene Erfahrungen zur Grundlage von Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu machen. Zuschauende werden zu Darstellenden, indem sie in das Geschehen auf der Bühne eingreifen und ihren Lösungsvorschlag für das dargestellte Problem testen können.

Einen geeigneten Ort für unseren Workshop fanden wir im Women’s Programs Center, einige hundert Meter hinter dem Eingang zum Camp. Es ist ein langgestreckter zweistöckiger Bau. In der Eingangshalle würdigt ein überdimensioniertes Metallschild die ausländischen Spender der Einrichtung.

 

Jede der zwölf Mädchen und Frauen, die nun mit uns im Stuhlkreis sitzen, lebt in Al-Jalasoun. Ihre Namen will ich aus Rücksicht auf ihre Privatsphäre nicht nennen.

Während der Planung des Workshops hatten wir viel darüber gesprochen, dass wir auf jeden Fall verhindern wollen, koloniale Strukturen zu reproduzieren und versuchen wollen, dem hier allgegenwärtigen Paternalismus zu entgehen. Ich möchte nicht als weiße Europäerin Frauen aus einem palästinensischen Flüchtlingslager beibringen, wie sie mit Konflikten, und dann noch privaten, umzugehen haben. Daher betonen wir zu Beginn des Workshops, dass es keine starren Strukturen gibt, sondern Ablauf und Methoden flexibel sind.

Nach einer ausführlichen Vorstellungsrunde und dem einstimmigen Beschluss, dass mein Bekannter Alaa gerne als Übersetzer im Raum bleiben könne, sehen wir uns gemeinsam den Kurzfilm „Shadi in the Beautiful Well“ an. Ein palästinensischer Junge tauscht hier seine neuen Turnschuhe gegen seine geliebte Taube, die ihm von anderen Jungen im Lager gestohlen wurde, anstatt sie sich gewaltvoll zurück zu erkämpfen.

Zugegebenermaßen, ich hätte nicht erwartet, dass die Teilnehmerinnen die kurz zuvor angekündigte Flexibilität bereits so kurz nach Beginn des Workshops einfordern würden. Nach meiner anfänglichen Überforderung, spüre ich jedoch, dass dies das Richtige ist. Alaa und ich sind nun diejenigen, die zuhören.

Als nach dem Film die erste praktische Einheit beginnen soll, finden wir uns nicht wie geplant in der pantomimischen Darstellung der Konflikte wider, die vom Film auf die Realität übertragbar sind. Vielmehr wird von den Teilnehmerinnen meine Rolle hinterfragt und mit ihr eine eurozentrische Sichtweise. Diese Diskussion wird von meiner Eingangsfrage nach der Filmvorführung ausgelöst:

„Vor dem Hintergrund des Films, was bedeutet Freiheit in einem weiterem Sinne für jede Einzelne von euch?“

Die kritische Antwort einer älteren Teilnehmerin folgt blitzschnell:

“Frieden einzig und allein in mir selbst zu finden, ist für mich nicht akzeptabel. Hör zu: es gibt keinen Frieden, nur Mauern. Wie kann es Frieden geben, wenn ich in diesem Land nicht frei bin??”

Im Raum, hinter den zugezogenen, mit Blüten bestickten Vorhängen herrscht nun betretenes Schweigen. Von draußen ist der vorher nur im Hintergrund wahrnehmbare Alltagslärm deutlich zu hören. Das Herz pocht mir bis zum Hals. Jetzt habe ich es doch getan und mich in einen bis zum Rand mit Eurozentrismus gefüllten Fettnapf gesetzt. Ich habe mit meiner Frage nämlich die Besatzung beiseitegelassen, wollte mich auf vermeintlich Essentielles beschränken, auf die Freiheit jenseits der Besatzung. Im europäischen Kontext gelingt das ganz großartig. Aber hier? Nicht einmal einen Kilometer Luftlinie entfernt von der israelischen Siedlung Beit El, hier sicher nicht. Ich komme mir wahnsinnig anmaßend vor. Dabei wollte ich eigentlich „nur“ auf tieferliegende Probleme blicken, die die Teilnehmerinnen und ich, als Frauen, vielleicht etwas einfacher bearbeiten, aber seltener thematisieren können. Mir fällt es, mit meinem deutschen Pass und den dazugehörigen Privilegien, leicht die Besatzungsrealität auszublenden und über persönliche Themen wie Sexismuserfahrungen zu sprechen. Für die Frauen, deren Leben geprägt ist von Soldaten, die sie und ihre Familien aus dem Schlaf reißen, von Konfrontationen mit der israelischen Armee und ewigen Checkpoint-Kontrollen, lässt sich nicht so einfach eine Grenze zwischen innerer und äußerer Freiheit ziehen.

 

Eine junge Frau, die merkt, wie unwohl ich mich fühle, eilt mir zur Hilfe. Sie greift meine Frage auf und stellt sie selbst.

„Aber stell dir vor, Palästina würde befreit. Was müsste sich ändern, damit wir uns wirklich frei fühlten?“

Die Theatermethoden, mit denen wir eigentlich den Workshop durchführen wollten, sind in den Hintergrund gerückt. Stattdessen tauchen wir in eine spannende Diskussion um die Themen ein, die von den eingeladenen Frauen bestimmt werden. Eine dritte Teilnehmerin führt das Argument weiter:

„Ich glaube nicht an Freiheit in einem weiteren Sinne, weil es Traditionen und Gewohnheiten gibt, die die Leute einschränken. Und Frauen und Mädchen sind besonders eingeschränkt.“

„Die Enge des Camps führt zu Enge in den Köpfen!“

wirft eine Schülerin dazwischen. Rundherum zustimmendes Lachen. Für Frauen gibt es in  der palästinensischen Gesellschaft, wie in anderen Gesellschaften auch, aber erst recht in der drangvollen Enge der Flüchtlingslager, weit mehr Verhaltensregeln als für Männer. So können sich Frauen nicht einfach in Coffeeshops auf ein Pläuschchen bei Tee und Wasserpfeife treffen. Und nach sechs Uhr abends alleine auf der Straße zu sein, wird auch nicht gerne gesehen. Es ist nicht einfach, als Frau in der palästinensischen Gesellschaft Raum nur für sich selbst zu reklamieren. Die junge Schülerin fügt erklärend hinzu:

 „Es hängt von dem Mann ab, mit dem du zusammen bist. Wenn ich einen liberalen Typen hätte, würde ich mit ihm von hier wegziehen.“

Als ich die Teilnehmerinnen weniger später frage, wie sie ihre Privatsphäre beurteilen, antwortet mir eine vierfache Mutter aufgebracht: „Mauer an Mauer, Tür an Tür, Fenster an Fenster“. Das Leben auf beengtem Raum, verhindert nicht nur die physische Ausdehnung öffentlicher Begegnungsräume, sondern schafft ein Netz der sozialen Kontrolle, das abweichendes Verhalten schnell entlarvt und gegebenenfalls sanktioniert.

Moralische Bedenken gibt es in der palästinensischen Gesellschaft auch in Bezug auf Erwerbstätigkeit von Frauen. Eine Teilnehmerin berichtet, ihr Vater würde ihr nicht erlauben, außerhalb des Camps zu arbeiten, aus Sorge, sie könnte an den Checkpoints sexueller Belästigung ausgesetzt sein. Eine junge Frau, die erst vor kurzem in Finanz- und Steuerrecht  graduierte, ergänzt resigniert, dass auch sie aufgrund der Vorbehalte ihres Vaters nicht in eine andere Stadt ziehen könne. Starke Rückbesinnung auf Traditionen gibt einigen Menschen Sicherheit, wenn die Umwelt als bedrohlich wahrgenommen wird – aber sie schränkt eben auch ein.

Die Unterdrückungsmechanismen von Patriarchat und Besatzung greifen in Al Jalasoun eng ineinander. Sie zu thematisieren war ein wichtiger Schritt für uns. Noch bedeutender allerdings war die autonome Dynamik, die unser Workshop entfaltete und die zu einer solidarischen Atmosphäre führte. Die Begegnung mit den Mädchen und Frauen aus dem Flüchtlingslager Al Jalasoun war ein einzigartiges Erlebnis für mich. Für die Zukunft würde ich mir aber wünschen, dass solche Workshops nicht von einer Frau aus Europa, sondern von einer Palästinenserin selbst gegeben werden.

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Nina Siebert hat bei der hbs Ramallah ein Praktikum absolviert und studiert in Marburg Friedens-und Konfliktforschung. Sie hat während längerer Aufenthalte im Libanon und Palästina u.a. in palästinensischen Flüchtlingscamps gearbeitet und beschäftigt sich derzeit mit politischer Bildungsarbeit und kritischer Geschlechterforschung.

Der Vogel stinkt immer vom Kopf

"Bald am Beiruter Flughafen" - AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

„Bald am Beiruter Flughafen“ – AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

Massentötungen von Seevögeln, die Müllkrise, und wie all das mit der bewegten Geschichte Libanons zu tun hat

Ein Gastbeitrag von Mohamad Hassan Mansouri

Der Himmel über den Stränden Beiruts ist seit Mitte Januar überraschend leer. Wo sich sonst besonders Seevögel tummelten, herrscht Mitte Januar gähnende Leere. Besonders fällt das den Fischern auf. : „Natürlich vermisse ich sie. Sie waren unterhaltsam,“ zitiert die New York Times Mohammad Jradi, der seit 20 Jahren fischt Wie für ihn waren die Seevögel für viele andere Fischer stete Begleiter. Heute ist es einsam um sie geworden, nachdem innerhalb von drei Tagen im Januar angeblich 10.000 Vögel abgeschossen wurden.

Angelockt hatte die Vögel die „Costa Brava“, ein Küstenabschnitt wenige Kilometer südlich des einzigen internationalen Flughafens des Libanons. Hier lieh sich in hoffnungsvolleren Zeiten ein Strandressort den Namen des populären europäischen Touristenstrandes. Wo sich einst ausländische Tourist/innen und Libanes/innen am Strand erholten, türmt sich heute  provisorisch in Säcke gepresster Müll. Weil hier im letzten Jahr viel mehr abgeladen wurde, als die Deponie eigentlich verkraften kann, ist Costa Brava, wie der libanesische Blogger Claude el Khal schrieb, zu einem „riesigen kostenlosen libanesischen Restaurant“ für Vögel geworden.

In ihrer Masse begannen sie schließlich Starts und Landungen auf Beiruts Flughafen zu gefährden. Internationale Fluggesellschaften drohten, ihre Flüge in den Libanon einzustellen, weil Vogelschwärme in die Triebwerke geraten und die Maschinen zum Absturz bringen könnten. Umweltorganisationen hatten schon lange davor gewarnt und eine dauerhafte Lösung des Müllproblems gefordert.

Zunächst signalisierte das Umweltministerium, über eine Lösung nachzudenken – allerdings nicht die Schließung der Deponie, sondern lediglich Abschreckungsmaßnahmen für die Vögel. Am 14. Januar dieses Jahres nahm sich eine Gruppe von Jägern des Problems an – angeblich bezahlt durch die Regierung in einem  von Middle East Airlines gesponserten Bus kamen sie zur Küste und schossen Tausende Vögel vom Himmel.

Dieser Zwischenfall erzürnte libanesische Umweltaktivisten und lenkte den Fokus zurück auf die weiterhin ungelöste Müllkrise von 2015. Um die Proteste einzudämmen, hatte die Regierung gegen den Widerstand der Anwohner die Wiedereröffnung einiger längst überfüllter Mülldeponien beschlossen. Das ermöglichte den Abtransport des Abfalls aus Beirut und Mount Lebanon, und nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ legten sich die Proteste, an denen Tausende teilgenommen hatten.

Umweltaktivist/innen warfen der Regierung u.a. einen Bruch der Konvention von Barcelona vor, welche das Errichten von Mülldeponien an der Mittelmeerküste untersagt.

Jedoch war es vorauszusehen, dass die neuen Deponien und der neue Plan vom damaligen Agrarminister Chehayeb die Abfallproblematik nicht auf Dauer lösen können. Um zu verstehen, warum sich die Lösungsansätze ständig zwischen der Schließung alter und der Eröffnung neuer Deponien bewegen, lohnt sich ein Blick in die Nachkriegsgeschichte des Libanon.

Am 13. Oktober 1990 marschierten libanesische und syrische Streitkräfte im Präsidientenpalast ein und General Michel Aoun gab seine Kapitulation bekannt. Damit endete nach 15 Jahren ein Krieg, der das Land beinahe vollständig zerstört hatte. Dabei wurde auch vieles der Vorkriegsordnung zerstört und neue Machtverhältnisse ersetzten alte. Das 1977 gegründete Council for Development and Reconstruction (CDR) wurde 1992 wiederbelebt und wurde zum wichtigsten Instrument für den Wiederaufbau der Infrastruktur des Landes.

Gleichzeitig waren die Arbeiten und Vorgehensweisen des CDR immer begleitet von Korruptions- und Parteilichkeitsvorwürfen. Hauptakteur in der Abfallwirtschaft des Landes ist die private Firma Sukleen, welche auf die Abfallentsorgung spezialisiert ist, allerdings wenig im Bereich Mülltrennung und –beseitigung unternimmt. Ihr wird aufgrund ihrer Näher zur Familie Hariri vorgeworfen, Ausschreibungen trotz wettbewerbsunfähiger Preise für sich zu entscheiden. So kam es, dass Sukleen 1994 in einer Ausschreibung für 3,6 Millionen US Dollar zum beinahe alleinigen Abfalldienst  im gesamten Land wurde. Schon damals stand die skandalöse Schätzung im Raum, dass eine dezentralisierte Abfallbeseitigung in den Kommunen nur die Hälfte dieser Summe gekostet hätte und Korruptionsvorwürfe wurden laut. Dennoch ist Sukleen bis heute stets alleinige Bewerberin um die Vergabe der Beiruter Müllentsorgung. Pro Tonne erhält Sukleen den Spitzenpreis von USD 150, ist jedoch gleichzeitig nur für den Abtransport, nicht für die Bereitstellung von Deponiefläche zuständig.

Schon 1997 hatte die Vetternwirtschaft im Müllsektor zu einer Krise geführt. Damals war die Mülldeponie in Bourj Hammoud nach massiver Übernutzung geschlossen worden, ohne dass die Regierung eine Alternativlösung parat hatte. Das Resultat war eine Müllkrise in den südlichen Vororten Beiruts und in der Matn-Region, bei der die Regierung mehr oder weniger offen zugab, dass sie nicht in der Lage ist, etwas anderes als neue Mülldeponien anzubieten, geschweige denn eine längerfristige Vision für das Abfallmanagement hätte.

Heute, 20 Jahre später, scheint sich ihre Geschichte des Versagens zu wiederholen. Die Costa Brava ist lediglich ein weiteres Symptom einer verfehlten Politik, welche an der Grundsituation nichts ändert: der Libanon produziert zu viel Müll, ist nicht in der Lage ihn alleine zu bearbeiten und Recycling wird so gut wie nicht betrieben. Ohne, dass die Regierung bereit ist, das Problem nachhaltig anzugehen und solange die Gesellschaft nicht sensibler mit dem Thema Abfall umgeht, wird das Land auch in Zukunft dazu verdammt sein, seine Geschichte zu wiederholen – auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung.

Mohamad Hassan Mansouri

Mohamad Hassan Mansouri studierte Betriebswirtschaft und Interkulturelle Studien in Heilbronn und Kairo, sowie Volkswirtschaft und Politikwissenschaften in Marburg und Beirut.
Derzeit unterstützte er das hbs-Büro in Beirut in Wirtschaftsfragen und beschäftigte sich vorwiegend mit den wirtschaftlichen Folgen des seit 2011 anhaltenden Syrienkrieges.

Körperlichkeit in Ägypten – zwischen Tabu und Romantisierung

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[Ritesh Batra: Café Regular, Cairo on Youtube and Vimeo]

Ein Gastbeitrag von Lena El-Laymony

Ein ägyptisches unverheiratetes Paar trifft sich im „Café Regular“ in Kairo. Sie sind schon seit Längerem zusammen und etwa Mitte/Ende 20. Nach einigem Hin und Her erzählt sie ihm, sie habe im Zug Ausländer ganz offen über „Sex und Körper“ reden hören und natürlich habe sie sich nicht wohl gefühlt. Sie habe sich weggesetzt, ergänzt sie, als ihr Freund wütend wird. Sie sehe nicht aus, als würde sie sich in einer solchen Situation wegsetzen, erwidert er. Die Ausländer hätten seine Freundin beeinflusst. Sie entgegnet, wie er denn reagieren würde, wenn sie ihn fragen würde, ob sie Sex haben könnten. Er wird ungehalten und erklärt, dass das kein Thema ist, das im Café besprochen werden sollte. Obwohl beide noch zuhause wohnen – wenn er das Geld für eine eigene Wohnung hätte, wären sie längst verheiratet, betont er – überzeugt sie ihn davon, am nächsten Tag, wenn ihre Eltern unterwegs sind, bei ihr zuhause Sex zu haben. Das Problem, dass sie danach keine Jungfrau mehr ist, sei darüber hinaus nur ihr überlassen. Die Bedingungen seien: Erstens, er solle 50 rote Rosen mitbringen und diese auf dem Bett verteilen und zweitens, sie werde ihr Kopftuch anbehalten. Er findet das zwar albern, willigt schließlich jedoch ein. Sie ist gerührt, dass er das alles für sie machen würde, grinst, und verwirft schließlich die gesamte Idee.

Statistisch gesehen gehören die beiden einer Altersgruppe an, die 2016 etwa 20% der Gesamtbevölkerung entspricht (20–30 Jahre) und bereits der Titel des Kurzfilms „Café Regular“ von Ritesh Batra deutet an, dass das Paar, dass sich der Problematik der angesprochenen Themen konfrontiert sieht, kein Einzelfall ist. Auch als ich den Clip das erste Mal sah, erkannte ich einiges wieder, das ich im Laufe meiner Zeit in Ägypten wahrgenommen und erlebt habe: Ich bekam von meinem Umfeld dort zum Beispiel überraschte und enttäuschte Reaktionen, als ich den sympathischen jungen Mann auf meinem romantischen Facebookprofilbild nicht heiratete. Mir wurde klar, wie meine gleichaltrigen Verwandten und ich zwar gleichzeitig die ersten Beziehungen hatten, jedoch „Beziehung“ sehr unterschiedlich definierten – während z. B. in meinem „deutschen“ Umfeld kaum eine erste Beziehung länger als ein Jahr dauerte, stand bei den ersten Beziehungen in meinem „ägyptischen“ Umfeld immer schon die Hochzeit im Raum. Und ich lernte, dankbar zu sein dafür, dass meine Familie in Ägypten mich nicht genau fragte, welche Erfahrungen eigentlich in Deutschland mit einer (ersten) Beziehung verbunden sind, und, obwohl sie es sich vermutlich vorstellen konnten, weder werteten, noch sich jemals einmischten. Trennungen wurden – alhamdulillah – nicht in der ganzen Familie diskutiert, anders als bei manch anderen.

Erst in persönlichen Gesprächen mit ägyptischen FreundInnen merkte ich, wie stark sich eigentlich die Vorstellungen von Beziehung, Ehe, Sexualität und auch Liebe im Allgemeinen in diesen beiden Gesellschaften, die mich von klein auf prägen, unterscheiden. Ich erinnere mich an Gespräche mit einer Freundin und einem Freund zurück: Sie waren beide jeweils in einer Beziehung und damals vielleicht etwas jünger als das Paar im „Café Regular“. Wir besuchten die Zitadelle in Alexandria: Imposant thront sie über dem Mittelmeer und ihre zahlreichen kleinen Türmchen sind bekannte, wundervoll romantische Rückzugsorte für Paare, die ein bisschen Zeit füreinander haben wollen. Nachdem wir aus Versehen ein knutschendes Pärchen aufgescheucht hatten, drehte sich das Gespräch unwillkürlich um „das Thema“: Unverheiratete lebten meist noch bei ihren Eltern, weshalb die Möglichkeit der Zweisamkeit für diese jungen Paare sehr begrenzt ist. Deshalb nutzen sie Orte wie die verwinkelte Zitadelle, an denen man weitgehend ungestört bleibt. Doch an diesen Orten der Öffentlichkeit hat die Zweisamkeit ein recht schnelles Ende. Auch hier muss Verlangen gezügelt und es kann sich nur begrenzt ausprobiert werden. Ein wenig später fragte ich neugierig und ein wenig mutig nach ihren sexuellen Erfahrungen. Die Antworten waren – verglichen mit dem Durchschnitt meines deutschen Umfelds – ernüchternd: Die Erfahrungen beschränkten sich auf Küsse. Sie erklärten, dass ihre Familien zwar offen genug seien, um eine voreheliche Beziehung zu akzeptieren, doch dass alles, was über Küssen und Händchenhalten hinausgeht, sie gesellschaftlich ins Abseits befördern würde. Außerdem würde das ein schlechtes Licht auf die Familien werfen.

Aus diesem Grund gibt es, so weit ich weiß, viele junge Frauen und Männer, die ihre Beziehungen vor den Familien verheimlichen und/oder heimlich vorehelichen Sex haben. Ich selbst kenne eine Ägypterin persönlich, die sich vor ihrer Hochzeit heimlich das Jungfernhäutchen reparieren ließ. Neu ist für mich jedoch, dass sich in den letzten Jahren unverheiratete ägyptische Freundinnen mit immer persönlicheren intimen Fragen an mich wenden. Eine ganz Besondere sticht dabei immer wieder heraus: „Wie ist Sex überhaupt?“ und „Ist es so wunderschön/[beliebiges positives Attribut], wie ich es mir vorstelle?“ Aus dem fehlenden Wissen und der wohl auch fehlenden Aufklärung lässt sich schließen, dass Themen wie Sex und Sexualität in der ägyptischen Gesellschaft, einschließlich derer mit gebildeten Hintergrund, tabuisiert sind. Zu Gunsten des gesellschaftlichen Ansehens, wahrscheinlich aus Unwissen und vielleicht auch aus Angst verzichten viele Ägypter und besonders Ägypterinnen auf vorehelichen Sex.

Meist bietet nur das Internet die nötigen Informationen. Dabei sind die Suchergebnisse bezüglich Sex und Sexualität sicherlich häufig kostenlose und leicht zugängliche Pornos oder andere contents, die hinsichtlich der enthaltenen Rollenbilder zu hinterfragen wären. So schreibt z.B. der Jungdichter Muhammad el-Messiry aus Alexandria in seiner Ballade „die Schule“ über das Heranwachsen:

و ‫تزيد ‫‫التساؤلت

هو يعني ‫ايه ‫مراهقة

و ‫ليه ‫أنا ‫كبرت

‫و ‫يعني ‫ايه ‫بنت

‫و ‫يعني ‫ايه حب

‫بابا … يعني ‫ايه حب

ولد ‫حب ‫يعني

حب ‫بابا ‫حب ماما

حب ‫تيتا ‫حب ‫جدو

غير كدة ‫متحبش ‫يا ‫حبيبي […]

و ‫أدور ‫على ‫إجابات لأسألتي

عن البنت

و ملقتش ‫قدامي ‫غير النت

‫تعلمت ‫عنها ‫أسوأ ‫النظرات

و الان فهمت

لم ‫قالت ‫لها  ‫أمها ‫هذا

‫لأننا ‫بفضل ‫تربيتنا

لا نرى العالم إلا … سرير

Fragen tauchten auf:

Was bedeutet Jugend

Und warum wuchs ich

Und was bedeutet Mädchen

Und was bedeutet Liebe?

„Papa … was bedeutet Liebe?“

„Sohn, Liebe bedeutet:

Liebe zum Papa und Liebe zur Mama,

Liebe zur Oma und Liebe zum Opa.

Nur so liebt man, mein Liebling. […]

Ich suchte Antworten auf meine Fragen

Über die Mädchen

Und vor mir lag nur das Internet:

Ich fand die schlechtesten Urteile über sie

Und verstand jetzt,

Warum ihre Mutter ihr das gesagt hat.

Dank unserer Erziehung

Sehen wir in der Welt nur … ein Bett.[1]

Dieses sehr menschliche Bedürfnis so stark zu tabuisieren bedeutet jedoch selbstverständlich nicht, dass das Verlangen selbst nicht existiert, wobei die Tabuisierung zugleich zu einer romantischen Mystifizierung desselben führt. Der altbekannte Reiz des Verbotenen verbunden mit der (übertrieben) romantischen Darstellung der Hochzeit und des idealen Ehelebens als Inbegriff der Liebe lässt einen Erwartungsdruck entstehen, der wohl nicht selten in traditionellen Rollenbildern, aber auch Versagensängsten gipfelt. Dennoch fiebern die inzwischen meist zu Endzwanzigern Gewordenen der Hochzeit in ihrem romantischsten Ideal nicht zuletzt deshalb wie verrückt entgegen, weil sie ein bisher tabuisiertes oder gar verbotenes Verlangen endlich legalisiert. Enttäuschung ist vorprogrammiert, wenn das bis dato meist enthaltsame Paar eine romantische Hochzeitsnacht erwartet, doch beide nach einer ganz- (oder gar mehr-)tägigen Feier vor Nervosität und Müdigkeit kläglich daran scheitern, den Ansprüchen, den Bildern und dem Druck gerecht zu werden.

Aus diesem Zusammenspiel von Tabu, Romantisierung, Erwartung und Enttäuschung resultiert ein Kreislauf, der nicht nur privat, sondern auch gesellschaftlich, weitreichende Folgen hat und nicht nur in Ägypten, sondern auch in allen anderen Gemeinschaften: Wird den Menschen die Chance verwehrt, sich auszutauschen und Erfahrungen zu sammeln, folgt daraus Unsicherheit. In diesem Fall ist der einzige Orientierungspunkt das bereits Bekannte – das sind im spezifischen Fall der Themen Liebe, Sex, Sexualität und Ehe einerseits die Tabuisierung und andererseits die meist aus Internet, Werbung und Filmen etc. transportierten Rollenbilder. Dadurch wird bei Problemen und Unwissen das Gespräch umgangen und Enttäuschung und Unzufriedenheit machen sich breit. Das gipfelt wiederum in der Romantisierung dieser Thematik, sowie in der Suche nach weiteren Informationen und Wegen zur (sexuellen) Zufriedenheit – häufig im Internet, anstatt den Kreislauf zu durchbrechen und das Gespräch zu suchen. Somit wird die – meines Erachtens gefährliche – Dichotomie aus Tabuisierung und Romantisierung von (sexuellen) Beziehungen weitergelebt und weitergegeben.

Doch es wäre zu einfach und zu plakativ zu sagen, dies geschähe nur in Ägypten, jedoch in Deutschland (oder anderen Ländern) nicht mehr. Die Deutlichkeit, mit der mir dieses Phänomen durch die Möglichkeit des Vergleichs der beiden Länder vor Augen geführt wurde, zeigt mir erst, dass auch in Deutschland eine – vielleicht subtilere – Tabuisierung und Romantisierung bestimmter Beziehungsformen alltäglich ist: Bei genauerem Hinsehen fällt auch in Deutschland auf, dass das Bild einer romantischen, monogamen, heterosexuellen Beziehung mit Liebe und Verliebtheit bis ans Lebensende einerseits und Unwissen über alle anderen möglichen Formen von Beziehung und Liebe andererseits weiterhin verbreitet sind.

Die Tabuisierung und gleichzeitige Romantisierung des Themenfelds Beziehung, Liebe und Sexualität scheint ein gesamtgesellschaftliches und weltweites Problem zu sein; und es dürfte nicht nur deshalb eines sein, weil „sexuelles Unwissen […] häufig in hypersexuelles Verhalten und Aggressivität übersetzt [wird],“ wie die Sozialwissenschaftlerin Sophie Roznblatt in einem anderen Zusammenhang treffend erklärt. Die Freiheit Erfahrungen zu sammeln, um selbstbestimmt zu entscheiden, welche Arten von Beziehung wir leben wollen, und somit auch zu artikulieren, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen, ist ein Grundrecht, das wir uns durch die gesellschaftliche Tabuisierung einerseits und die idealisierte Romantisierung unterschiedlicher Formen von Beziehungen andererseits verwehren.

Ritesh Batra und weitere AktivistInnen, wie z.B. die Schweizägypterin Alyaa Gad mit ihrem hocharabischen Aufklärungs-Channel afham.tv (dt. „Ich verstehe“), geben jedenfalls Hoffnung auf eine Veränderung in der ägyptischen Gesellschaft, indem sie dazu aufrufen über das Thema Sex(-ualität) zumindest zu sprechen.

[1]             Als Mitglied der Dichtergruppe al-Lāmawhūb trägt der Dichter seine Gedichte mündlich vor. Eigene Übersetzung aus der Bachelorarbeit zu literarischem Engagement im postrevolutionären Ägypten.

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Lena El-Laymony

Lena El-Laymony

Lena El-Laymony ist Studentin des MA Interkulturelle Germanistik in Göttingen und studierte den BA Islamischer Orient in Bamberg. In Deutschland als Tochter einer Deutschen und eines Ägypters geboren und aufgewachsen, besucht sie jährlich ihre Familie in Ägypten. Sie ist außerdem Gründerin und Vorsitzende des Betna e.V., der sich für Frauen in Ägypten, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, einsetzt. Bei der Heinrich Böll Stiftung in Beirut forscht sie im Rahmen ihrer Masterarbeit zum Thema „Identität und Migrationserfahrung bei libanesischen RückkehrerInnen“.

Es werde Licht

(c) Bente Scheller

Besucher in manchen Beiruter Stadtteilen mögen sich über die zahlreichen kleinen Schreine auf der Straße wundern. Mal freisetehend, mal an Häusern, mal mit Glas und mal als kleine kün

Der Schrein gegenüber (c) Bente Scheller

stliche Grotten sind sie ein nicht wegzudenkender Teil des Straßenbildes.

In unserem Büro gibt es gleich im Erdgeschoß ein kleines Türchen mit Glasscheibe, hinter der man den heiligen Georg beim Sieg über den Drachen sieht, beleuchtet gelegentlich von einem elektrischen „ewigen Licht“. Die Bewohner legen hier Blumen nieder oder halten Zwiesprachen mit den beiden Madonnenstatuen.

Vielleicht haben sie, wie ich, mal  die Tür daneben geöffnet, hinter der sich die Elektroinstallationen des Hauses verbergen. Angesichts des Kabelsalats kann man nur andächtig staunen und es für ein Wunder halten, das alles funktioniert.

 

 

 

 

 

 

Farkha – das erste Öko-Dorf Palästinas

Ein Beitrag von Yara Almunaizel und Bettina Marx

Die Einwohner des Dorfes Farkha im nördlichen Westjordanland sind sich nicht einig, was der Name ihres Dorfes bedeutet. Denn das Wort „Farkha“ kann man sowohl mit Henne als auch mit Speerspitze übersetzen. Beide Bedeutungen sagen etwas über die rund 1600 Einwohner des kleinen Ortes aus. Einerseits versuchen sie – wie eine Henne – im Einklang mit der Natur zu leben und scharren im kargen Boden nach Essbarem. Andererseits wollen sie eine Speerspitze der ökologischen Bewegung in Palästina sein. Nach und nach wandeln sie ihr Dorf darum in ein Ökodorf um. Eine umweltgerechte Landwirtschaft ohne künstlichen Dünger, sparsame Nutzung der ohnehin mageren Ressourcen, Recyceln und Kompostieren von Abfällen, Aufbereitung von Nutzwasser – das sind die Pläne, mit denen sie ihr Dorf umbauen, ihre Ausgaben reduzieren und ihre Erträge steigern wollen.

Farkha liegt in der Nähe der Kleinstadt Salfit, etwa 30km nördlich von Ramallah, auf einem Hügel voller Olivenbäume. Die Mauern des Dorfes sind mit Graffiti geschmückt, darunter das berühmte Konterfei des argentinischen Revolutionärs Che Guevara. Es zeugt von der in der Region verbreiteten linken politischen Haltung.

Im Dorf gibt es zwei Schulen, zwei Kindergärten, eine Frauengemeinschaft und eine große Moschee mit einer zitronengelben Kuppel die von fast überall im Dorf zu sehen ist. Die Ruinen der alten bescheidenen Bauernhäuser am Rande des Dorfes geben einen Einblick in das Leben vor einhundert Jahren. Damals lebten die Familien zusammen mit den Nutztieren in einem Haus. Der Stall befand sich unter dem Schlafzimmer von Eltern und Kindern. Siekonnten so von der Wärme profitieren, die Schafe und Ziegen ausstrahlten. Die spärlichen Besitztümer wurden auf gemauerten Regalen gestapelt. Wer Geld hatte, ließ sich aus dem wohlhabenden Küstenort Jaffa ein Holzfenster oder einen hölzernen Kleiderschrank kommen. Heute sind die alten Häuser fast verfallen, aber die Dorfgemeinschaft plant, sie wiederherzustellen und Besuchern als eine Art Freiluftmuseum zugänglich zu machen.

Unterstützung erhalten die Dorfbewohner von zahlreichen Freiwilligen, die einmal im Jahr kommen, um bei der Aufbau- und Restaurierungsarbeit zu helfen. Seit 23 Jahren veranstaltet Farkha ein Freiwilligenfestival, zu dem jährlich rund 500 Besucher aus dem Westjordanland, aus Israel und dem Ausland kommen. Die engagierten Helfer – viele von ihnen kommen jedes Jahr wieder – legen überall mit Hand an, wo es nötig ist. Sie streichen die Klassenzimmer der Schule, sie bessern die Straßen aus und pflanzen Bäume. Und sie kochen und feiern mit den Dorfbewohnern.

40% der Bewohner von Farkha arbeiten und leben von der Landwirtschaft. Sie stellen vor allem organisches Olivenöl her, das im Dorf gepresst wird.
Saad Dagher ist Agrarwissenschaftler, der das Dorf seit Jahren auf seinem Weg zum Ökodorf unterstützt. Zusammen mit der Arabischen Gemeinschaft für Agrarwissenschaften und unterstützt durch die Heinrich-Böll-Stiftung hat er eine Studie über die soziale und ökonomische Situation von Farkha erstellt, auf deren Grundlage der Wandel vorangetrieben werden soll. Dabei hat er drei Hauptprobleme identifiziert, mit denen die Dorfbewohner konfrontiert sind: Wassermangel, die veralteten Sickergruben und die Wildschweine, die in dieser Gegend frei umherlaufen und  die Ernte zerstören. Im Islam gelten die Tiere als unrein und dürfen nicht gejagt und verzehrt werden. Da sie unter Naturschutz stehen, dürfen sie auch nicht durch Gift oder Fallen getötet werden.

Hamad Bakr, der Bürgermeister von Farkha, hat freundlich funkelnde grüne Augen und ist optimistisch, dass das Dorf eine Lösung für das Wildschweinproblem finden wird. Er selbst ist überzeugter Vegetarier, eine Seltenheit in Palästina, und setzt daher auch im Umgang mit den Wildschweinen auf Gewaltlosigkeit. Seine Mitbürger unterstützt Bakr mit Elan und Tatkraft. Farkha soll ein ökologisches Schatzkästchen im Westjordanland werden, ein Vorbild für andere Dörfer, die auf umweltfreundliche Landwirtschaft setzen wollen. Schon haben sich Interessenten aus dem Gazastreifen gemeldet, die Ideen und Innovationen für ihre eigenen Projekte übernehmen wollen. In der unter Wasserarmut und beschränktem Zugang zu Ressourcen leidenden Gegend könnte der Umstieg auf ökologische Landwirtschaft den Menschen helfen, zu überleben.