Zu Hause auf einem Parkplatz

Barking for rent (c) Bente Scheller

Schwierig ist es mit dem Parken in Beirut. Angesichts dessen, dass es keinen wirklichen öffentlichen Nahverkehr gibt, ist man darauf angewisen, aber der Parkraum ist knapp. Auf einem öffentlichen Parkplatz in der Nähe des Büros schütteln die beiden alten Herrn, die ihn managen, bedauernd den Kopf: „Nein, meine Liebe, Du kannst hier nicht für einen Tag parken. Wir haben Abonnenten.“ Ich nicke: „Ja, ich erinnere mich. Meine Kollegin Hiba hat euch immer ihr Auto anvertraut.“ Der eine Parkplatzwächter zum anderen: „Hiba! Ja, ich erinnere mich. Vor einem Jahr hat sie den Parkplatz leider gekündigt. Und du arbeitest mit ihr zusammen? Na gut, stell Dein Auto hier an die Seite.“ Nachdem ich das Auto geparkt habe, will ich ihm wie es hier üblich ist den Schlüssel geben, damit er es im Zweifelsfall umparken kann. „Nein, Herzchen, behalt ihn. Fühl dich ganz wie zu Hause.“

Libanon in einem Wasserglas

Hussein Nassereddine – Salzsäulen von Jezzine (c) Hussein Nassreddine

Hussein Nassereddine – Detailaufnahme Salzsäulen von Jezzine (c) Hussein Nassereddine

 

 

 

 

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Das Gebäude, in dem die Künstlerin Marwa Arsanios aufgewachsen ist, wird zerstört. Lastwägen transportieren den Bauschutt ab und fahren an die Küste. Man sieht keine Menschen, nur Transporter voll beladen mit Steingeröll, nebeneinander aufgereiht. Langsam kippt die Ladefläche eines Wagens. Mit tosendem Lärm fallen Trümmer kaskadenartig ins flache, türkise Wasser und wirbeln wüstensandartigen Staub über der Meeresoberfläche auf.

Arsanios greift in ihrer topographischen Installation „Falling is not collapsing, falling is extending“ (Fallen ist nicht der Zusammenbruch, Fallen ist Ausdehnen) die umweltpolitische Katastrophe der Meerwasserverschmutzung an der Küste Beiruts auf. Ihre Installation ist derzeit im Beirut Art Center zu sehen. Dabei zeigt sie in einem Film, wie die Überreste alter Gebäude, die dem nachkriegszeitlichen Wiederaufbau zum Opfer fielen, ins Meer geschüttet werden um den Grund für neue glänzende Hochhäuser zu schaffen. Durch diesen Prozess gelangen unfassbare Mengen Schutt und Müll ins Meer.

Die Auseinandersetzung mit Wasser als Materie wird häufig in kontemporären Kunstpraktiken und Diskursen thematisiert. Die verschiedenen künstlerischen Herangehensweisen greifen hierbei die breitgefächerte Symbolkraft der Ressource auf: Wasser kann je nach Kontext ein stark politisiertes und umkämpftes Gut sein. In der Ausstellung „Let’s Talk About the Weather“ (Lasst uns über das Wetter reden) im Beiruter Sursock Museum stellte 2016 der Fotograf Emeric Lhuisset seine Fotoserie „Der letzte Wasserkrieg: Ruinen einer Zukunft“ aus. Dabei handelt es sich um Eindrücke aus kartografischer Perspektive eines Gebiets im Irak, in dem nachweislich vor mehr als 4000 Jahren der erste, und dem Künstler zufolge auch letzte, Krieg um Wasserressourcen zwischen zwei Zivilisationen ausgetragen wurde.

Im Libanon herrscht momentan zwar kein Krieg um Wasser, aber das ideologische Ringen um die Ressource des ehemaligen Wasserschatzes konnte man bereits während des Bürgerkrieges (1975-1990) beobachten. Aufgrund ihrer geografischen Lage ist die Zedernrepublik gesegnet mit 17 mehr oder weniger fortwährenden Flüssen und mehr als 2000 Quellen. Diese machten sich die Anführer der zahlreichen Milizen zunutze als der Staat bereits in Ende der 70er nicht mehr in der Lage war, die Bevölkerung mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen. Die Trinkwasserversorgung wurde instrumentalisiert, um das auf Patronage-und Klientelverhältnissen basierende Machtsystem aufrechtzuerhalten.

Die libanesische Wasserversorgungsinfrastruktur sowie der Betrieb hydrologischer Messstationen wurden im Laufe des Bürgerkriegs (1975-1990) weitgehend zerstört. Die darauffolgenden Konflikte mit Israel hatten ebenfalls verheerende Auswirkungen auf die Versorgungsnetze. Als Folge dessen ist seit Anfang der 90er Jahre  Kapital in Form von Darlehen und Zuschüssen seitens der internationalen Geldgebergemeinde in den Wiederaufbau des libanesischen Wassersektors geflossen. Der libanesische Staat selbst arbeitete allein zwischen 1996 und 2012 an acht verschiedenen Reformvorhaben, die dem Wassersektor hinsichtlich Angebot, Nachfrage und Qualität der Ressource zugutekommen sollten.

Das Resultat nach mehr als zwei Jahrzehnten Geldgeberkonferenzen, Investitionen und Reformvorhaben, ist dennoch dürftig: Landesweit haben Haushalte mit  Wasserversorgungsausfällen zu kämpfen, was zu exorbitant hohen Rechnungen für die private Versorgung über Wassertanklaster führt. Der Grundwasserspieler ist in vielen Regionen des Libanons bis zu 400m abgesunken, weil die öffentliche Hand nicht im Stande ist, den landwirtschaftlichen Sektor mit Wasser für die Bewässerung der Felder und für die Tierhaltung zu versorgen. Unter anderem aus diesem Grund sind im Laufe der Zeit mehr als 80.000 nicht registrierte Brunnen entstanden. Die Trinkwasserversorgungslücke wurde von Nestlè & Co. gefüllt. Die Grundwasserspeichersysteme werden verschmutzt durch den Einfluss von ungeklärtem Abwasser und die steigende Infiltrierungsrate von salzigem Meerwasser beeinträchtigt fast alle Quellen entlang der Küste.

Das öffentliche Wassermanagement umfasst neun verschiedene Regierungseinheiten, deren Verantwortungsbereiche sich oftmals überschneiden, ohne dass es eine interne Kommunikation zu den überlappenden Aufträgen gäbe. Offenkundige Verwaltungsmängel jeglicher Art auf Regierungsebene bestehen fort, obwohl laut offiziellen Statistiken des libanesischen Ministeriums für Wasser und Energie der Libanon zu den Regionen der Welt, die von Wassermangel betroffen sind, gehört. Pro Person stehen etwas weniger als 1000m³ pro Jahr zur Verfügung, was ein internationaler Schwellenwert für die Messung von sogenannter Wassersicherheit ist. Folglich wird die Wasserressourcensituationen im Libanon von der FAO (Food and Agriculture Organisation) zwischen „chronischer Wassermangel“ und „regulärer Wasserstress“ eingestuft.

Die libanesische Regierung bezeichnet die Wassersituation als nationale Krise, die zusätzlich durch den Wasserverbrauch syrischer Geflüchteter verschärft wird. Der Generaldirektor für hydraulische und elektrische Ressourcen im Ministerium für Energie und Wasser, Fadi Comair, erklärte in einem Guardian-Interview „Wegen den Syrern ist die Wasserbilanz, die erst 2030 negativ sein sollte, schon jetzt negativ.“

Umweltaktivisten und Akademiker von der American University Beirut (AUB) arbeiten momentan an einer Studie, die nachweist, dass die zwei Millionen Touristen aus den Golfstaaten, die bis 2011 noch jährlich in den Libanon kamen, im Vergleich zu den syrischen Geflüchteten eine vielfache Menge Wasser nicht nur konsumierten, sondern gar verschwendeten, vornehmlich durch das Füllen privater Pools und Autowaschanlagen. Die Unverhältnismäßigkeit zwischen den beiden Verbrauchergruppen und ihrem Verhalten gegenüber Wasser ist dermaßen groß, dass der Vergleich berechtigt ist. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Golftouristen lediglich für maximal zwei Monate im Land blieben und nicht auf unbestimmte Zeit.

Was die Beziehung zwischen Mensch und Natur angeht, hat Mahmoud Safadi aus Beirut in Jezzine mittels Film-und Videomaterial das Konzept der Wassermasse spielerisch thematisiert. Seine Installationen kontrastierten Wassermassen als geographische Elemente (Seen, Flüsse, Meere) und Wassermassen als menschliche Körper, die in ihrer Rolle als Touristen wiederum in künstliche Wassermassen in Form von Pools eintauchen.

Safadis Installation entstand im Rahmen eines Künstlerresidenzprogramms rund um das Thema Wasser, initiiert durch die Assoziation für die Förderung und Ausstellung von Kunst im Libanon (APEAL). In Zusammenarbeit mit dem Beirut Museum for Art (BeMA) und der Temporary Art Platform (T . A . P .) wurden die Rahmenbedingungen bereitgestellt, um fünf libanesischen Künstlern und einem Künstler aus dem Irak das Ausstellen ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema zu ermöglichen. Das Residenzprogramm fand in Jezzine statt, einer Kleinstadt südöstlich von Beirut entfernt. In unmittelbarer Nähe von Jezzine wird seit 2013 der Bau des umstrittenen Bisri Damms betrieben, der seitens lokaler Umweltaktivisten und Bauern aus der betroffenen Region als politisch korruptes, sinnfreies Entwicklungsprojekt beschimpft wird.

Der libanesische Künstler Ashraf Mtaweh griff in seiner Videoinstallation audiovisuelle Eindrücke und Erinnerungen seitens der betroffenen Gemeindemitglieder hinsichtlich des pre-Dammbau Bisri-Tals auf und projizierte diese in einen leeren Raum im Residenzhaus.

Das Hauptziel jedes Residenzprogramms von T . A . P . ist die Einbindung der lokalen Bevölkerung in die Umsetzung der Kunstprojekte. Die Gründerin dieser Plattform, Amanda Abi Khalil, zielt auf einen Bruch mit konventionellen Ausstellungsformaten und fördert ausschließlich temporäre Kunst im öffentlichen Raum.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf den menschlichen Umgang mit Wasser wurden durch den Fotografen Hassan Shaaban in der Serie „Die Macht des Wassers“ festgehalten. Im Rahmen eines Fotografenaustauschs zwischen der Schweiz und dem Libanon, reiste Shaaban zu Hydroelektrischen Triebwerken unter anderem in Lavey and Saint-Leónard und fotografierte Turbinen, Dämme und künstliche Seen. Sein schweizerischer Counterpart, die Fotografin Nicole Herzog-Verrey, reiste monatelang durch die Landschaft des Berg Libanon und fotografierte landwirtschaftliche Praxen. Die resultierende Fotoausstellung wurde organisiert durch das Dar al-Musawwir (Haus der Fotografie) in West Beirut. Das Fazit des Projekts lautete: Was der Libanon zu wenig hat, wird der Schweiz zu viel: Aufgrund der allgemeinen Klimaerwärmung schmelzen die schweizerischen Gletscher und drohen Täler und Ortschaften zu überfluten.

Charbel Hage Boutros wiederum stellte ein Wasserglas auf ein kleines Holzregal und füllte es mit 27 verschiedenen Trinkwassern aus 27 europäischen Ländern, je zum gleichen Anteil, und nannte es „Trink Europa“.

Die Künstlerresidenz in Jezzine ist inzwischen vorbei, was bleibt sind die Salzsäulen, die der Künstler Hussein Nassereddine in den Fluss von Jezzine legte. Das Salz sollte durch den Wasserstrom im Laufe der Zeit hinweg gespült werden, jedoch ist der Fluss seit einigen Wochen ausgetrocknet. Durch die steigenden Sommertemperaturen steigt auch die Evapotranspirationrate von Flüssigkeiten, was den Bau des Bisri Staudammes hinsichtlich der Oberflächenwasserspeicherung fragwürdig erscheinen lässt.

Die Salzsäulen von Nassereddine werden noch eine Weile zu begutachten sein.


Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

 

 

 

 

Tod eines Aktivisten: Bassel Khartabil

Bassel Khartabil 2009 (c) Heinrich-Böll-Stiftung Beirut

Bassel Khartabil 2009 (c) Heinrich-Böll-Stiftung Beirut

Nicht immer ist das, was gesagt wird, auch das, was beim anderen ankommt. So ist es auf dem Flipchart, das der Blogger Bassel Khartabil hier in die Kamera hält, dargestellt. Entstanden ist die Aufnahme bei einem Blogger-Workshop von Global Voices und dem Beirut-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung 2009.

Das Piktogramm ist geradezu emblematisch für  Situationen geworden, in denen sich zivile Aktivisten und humanitäre Helfer Syriens in westlichen Ländern oft wiederfinden dürften: Gerade diejenigen, die sich dem gewaltfreien Widerstand in Syrien verschrieben haben, werden in Syrien am erbittertsten verfolgt – durch Daesh, durch andere Extremisten, durch die PYD aber insbesondere von Anfang an durch das Regime. Doch während sie dort ihr Leben riskieren, bekommen sie in Deutschland und an anderen Orten oft genug zu hören, es gäbe sie gar nicht mehr.

Genau das ist der Eindruck, den das syrische Regime vermitteln möchte: Nur, wenn der Westen die „Guten“ nicht als relevant wahrnimmt, kann Assad darauf bauen, als „einzige Option“ und mutmaßlich „kleineres Übel“ vis-a-vis Daesh akzeptiert zu werden. Deswegen sind dem Regime kluge, bekannte Köpfe ein Dorn im Auge.

Der syrisch-palästinensische Aktivist Bassel Khartabil gilt einigen als derjenige, der das Internet für Syrien geöffnet hat. Als Blogger und Techie hat er lange vor 2011 Innovation in Syrien inspiriert und unter anderem an einem 3-D-Modell von Palmyra gearbeitet. Er begann 2011 als Bürgerjournalist zu arbeiten. Am ersten Jahrestag der syrischen Revolution, am 15. März 2012, wurde Bassel Khartabil an einem Checkpoint in Damaskus verhaftet. Die niederländische Journalistin Monique Doppert hat ihm ein Buch gewidmet. Unzählige Organisationen, darunter Amnesty International, Human Rights Watch, Global Voices, Creative Commons, haben sich für seine Freilassung eingesetzt, vergebens.

Trotz finsterer Haftbedingungen und Folter verlor Bassel Khartabil nicht seine Zuversicht, wie aus der Haft geschmuggelte Briefe zeigen. Im Oktober 2015 wurde er aus dem Gefängnis an einen unbekannten Ort verbracht. Heute schreibt Bassels Frau, Noura Ghazi Khartabil:

„Es ist schwierig, Worte zu finden, um im Namen von Bassels und meiner Familie mitzuteilen, dass mein Mann Bassel Khartabil Safadi hingerichtet wurde. Er wrude wenige Tage nachdem er im Oktober 2015 aus dem Adra-Gefängnis abgeholt wurde, hingerichtet. Das ist für einen Helden wie ihn ein würdiges Ende. Ich war die „Braut der Revolution“ und Deinetwegen bin ich zur Witwe geworden. Das ist ein großer Verlust für Syrien. Das ist ein großer Verlust für Palästina. Das ist ein großer Verlust für mich.“

Das Hotel zur schlechten Aussicht

Ein Gastbeitrag von Sylvia Mayr, Praktikantin im hbs-Büro Ramallah

Plötzlich leuchtet das weiße Telefon an der Wand auf und klingelt: “Hallo, hier spricht Dani. Ich rufe Sie im Namen der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte an. Ihr Haus wird in Kürze bombardiert. Evakuieren Sie das Gebäude! Sie haben fünf Minuten!“

Mit solchen Installationen wird man beim Besuch im Museum des Walled Off Hotel in Bethlehem zum Denken angeregt. Das Hotel wurde vom bekannten britischen Graffiti-Künstler Banksy konzipiert und zum Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Balfour-Deklaration eröffnet. Er wolle sich damit “als Brite von den Entscheidungen eines Landmanns distanzieren“ und bewussten Tourismus im Heiligen Land fördern, so der Künstler.

Gleich am Eingang des Museums wird man von einer Figur eben dieses britischen Außenminister Arthur Balfour begrüßt, der an seinem Schreibtisch sitzend im Jahr 1917 das historische Dokument unterschreibt, das die Einrichtung einer „nationalen Heimstätte“ des jüdischen Volkes in Palästina befürwortete. Damit wurde die Basis für einen Konflikt gelegt, der bis heute noch keiner Lösung nahe ist. Ein Hindernis für den Friedensprozess ist die israelische Sperranlage, die sich teils als Zaun, teils als Betonmauer über 708 km erstreckt. Sie trennt jedoch nicht nur Palästinenser von Israelis, sondern durchschneidet auch an vielen Stellen palästinensisches Gebiet, trennt palästinensische Bauern von ihren Feldern und Wasserquellen und umschließt die Siedlungen, die wie israelische Enklaven Palästina durchlöchern. Von Israel als „unabdingbare Sicherheitsmaßnahme zum Schutz vor dem Terrorismus“ angesehen, von Palästinensern dagegen als  „Werkzeug zur Förderung der Apartheid zwischen Israelis und Palästinensern“ beschrieben, bringt die Mauer viele Einschränkungen mit sich und nährt das Misstrauen zwischen den beiden Völkern.

Foto (c) hbs Ramallah

Genau diese acht Meter hohe Beton-Barriere stellt für Hotelgäste die Hauptattraktion dar: beinahe jedes Zimmer ist auf die Mauer ausgerichtet, wodurch sich das Hotel bereits den Ruf erworben hat, über die  „schlechteste Aussicht der Welt“ zu verfügen. Das Ganze soll natürlich nicht ästhetisch sein, sondern auf kreative Weise die Methoden der Besatzungsmacht in Frage stellen. Vom Concierge-Affen am Eingang, ein immer wiederkehrendes Motiv im Werk des Künstlers, über die Engel mit Sauerstoffmasken die von der Decke baumeln bis hin zum Jesus-Porträt, dessen Stirn vom Laserpunkt eines Scharfschützengewehrs geschmückt ist, hat jedes Kunstwerk in der Lobby eine Bedeutung. An den Wänden hängen als Dekor Überwachungskameras und Steinschleudern  und sorgen für eine etwas zwielichtige Atmosphäre.

Was dem Hotel  trotz allem Flair verleiht ist Banksys unverkennbarer Touch und die Liebe zum Detail. Nichts ist dem Zufall überlassen:  Zu den Zimmern gelangt man durch eine versteckte Tür, die sich nur öffnet, wenn man seine Magnetkarte vor den Busen einer Statuette der Venus von Milo hält, der Aufzug ist „außer Betrieb“, weil selbst er zugemauert wurde und das „Spuk-Klavier“ gibt ganz von selbst Stücke von bekannten Komponisten wieder. Auch die Zimmer wurden  von Bansky und den Künstlern Sami Musa and Dominique Petrin gestaltet. So schmückt beispielsweise das Graffiti einer Kissenschlacht zwischen einem Palästinenser und einem israelischen Soldaten die Wand über dem Doppelbett einer Suite, während der einzige Schlafsaal des Hotels (der sich auch für weniger betuchte Gästeeignet) mit originellen Möbeln und Stockbetten aus einer Militärbarracke ausgestattet ist.

Zusätzlich zur Mauer, zur exzentrischen und kolonialen Einrichtung, zum Museum und zu einer Galerie für palästinensische Kunst gibt es gleich nebenan den „Wall Mart“ Shop, wo man Spraydosen und Schablonenmotive erwerben kann, um sich selbst als Mauerkünstler zu versuchen.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass  die Meinungen über diese besondere Herberge vollkommen widersprüchlich sind. Während manche die Idee als innovativ ansehen und die simple aber doch eindrucksvolle Portraitierung des Konfliktes als erfrischend und wirksam für durchschnittliche Touristen beschreiben, klagen andere über die vereinfachte und nicht seriöse Darstellung der dramatischen regionalen Situation. Dass es auf der Webseite des Hotels heißt, Israelis seien auch herzlich willkommen, wird von den meisten Palästinensern nicht gutgeheißen und trägt zur Kritik bei.

Immer noch verwirrt oder nicht ganz überzeugt? Seht es euch am besten selbst an! (Aber Beeilung, das Hotel ist voraussichtlich nur bis zum Ende des Balfour-Jubiläumsjahres 2017 geöffnet!)

Millionen Liter Abwässer pro Tag

Alarm im Gazastreifen! Die meisten Strände sind nicht mehr nutzbar, das Wasser durch Abwässer belastet und verseucht. Das Baden darin ein Gesundheitsrisiko. Grund dafür ist die anhaltende Stromkrise. Im letzten April musste das einzige Kraftwerk des isolierten Küstengebiets, das noch 12 Prozent des Strombedarfs decken konnte, wegen Treibstoffmangels schließen. Kurz zuvor hatte der Präsident der Autonomiebehörde in Ramallah, Mahmoud Abbas, seine Zahlungen an Israel für die Lieferung von Strom an den Gazastreifen eingestellt. Er wollte damit die in Gaza regierende Hamas dazu zwingen, sich seiner Autorität zu unterstellen.

Eine der Folgen der Energiekrise: die vier Klärwerke des Gazastreifens haben ihre Arbeit eingestellt. Nun fließen jeden Tag mehr als 110 Millionen Liter ungeklärte Abwässer ins Mittelmeer. Nach Angaben der Palestinian Environment Quality Authority (PEQA) sind inzwischen mindestens 70 Prozent der Strände des Gazastreifens verunreinigt.

Stillstand im Klärwerk am Wadi Gaza. (c) Bettina Marx

Ohne Diesel geht nichts mehr (c) Bettina Marx

Für die zwei Millionen Einwohner des Gazastreifens ist das eine Katastrophe. Denn das Meer ist für die meisten von ihnen der einzige Trost in ihrem eingeschränkten und düsteren Leben. Seit Jahrzehnten sind sie eingesperrt in dem winzigen Küstenstreifen ohne Aussicht auf Freiheit und Entfaltung. Seit 2005 leben sie unter einer umfassenden und strengen Blockade, die von Israel verhängt und von der internationalen Staatengemeinschaft unterstützt wird. Auch Ägypten öffnet seine Grenze nur selten und auch dann nur für wenige Tage. Die lang anhaltenden Stromausfälle – in 24 Stunden gibt es kaum mehr als zwei Stunden lang Strom – zermürben die Palästinenser in Gaza zusätzlich. Sie können keine Lebensmittel mehr kühlen, keine Waschmaschinen betreiben, die Wasserpumpen in den Häusern funktionieren nicht mehr und von Klimaanlagen oder Ventilatoren können sie nur träumen.

Die langen Traumstrände des Gazastreifens sind daher ein beliebtes Ausflugsziel, um dem schwierigen Alltag wenigstens für einige Stunden zu entkommen: die leichte Brise verschafft den Menschen Kühlung, das Meer ist vor allem für die Kinder eine willkommene Abwechslung. Darum kümmern sich viele Strandbesucher nicht um das Badeverbot. Sie stürzen sich in die schmutzigen Fluten – und nehmen mögliche schwere Erkrankungen in Kauf.

Auch Israel ist betroffen, denn die Meeresströmung trägt die Abwässer nach Norden. In der dem Gazastreifen benachbarten Stadt Ashkelon wurde im Juli ebenfalls ein Strand wegen der hohen bakteriellen Belastung des Wassers geschlossen.

Am ersten Sonntag im Juli: Vertikale Perspektiven

Himmelsbank © Francois Chahine

Himmelsbank © Francois Chahine

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Der klassische Katersonntag in Beirut bedeutet in der Regel: verschwitzt und dehydriert aufwachen, mit Glitzer im Haar, optional auch im Bart. Wenn die körperliche Verfassung es zulässt, Frühstück, daraufhin geschwind Handtuch und Badeanzug einpacken und dann bloß raus aus der stickigen Hauptstadt, direkt und ohne Umwege ans Meer.

Alternativ kann man sich den Wecker auf 6.30h stellen, um für den anstehenden Kletterausflug zahlreiche Brote zu schmieren, während die Mitbewohnerin glitzernd durch die Haustür Richtung Schlafzimmer stolpert. Relativ frisch und definitiv munter findet man Sonntag morgens auf einem Sammelparklatz diverse Grüppchen wanderlustiger Individuen auf dem Weg ins Zedernreservat Tannourine. Hier, etwa 80km nördlich von Beirut befindet sich einer der sechs bisher entdeckten Kletterhotspots, die das Land zu bieten hat. Wer über die erforderliche Ausstattung verfügt oder einfach die richtigen Leute kennt, kann eintauchen in das libanesische Kletterparadies, das nur wenigen bekannt ist. Wir sind heute wieder mit Lama und Edwin unterwegs, den Gründern der Kletter- und Wandergruppe Moon Monkey.

Unterwegs erklärt uns Edwin, dass die Klettergemeinde Libanons  gerademal 150 Sportlerinnen und Sportler umfasst, einschließlich Amateuren und Hobby-Kraxlern. Doch es ist ein wachsender Trend, und das ist gut so. Denn wer klettern geht, verinnerlicht ein gewisses Umweltbewusstsein und verhält sich entsprechend ökologisch nachhaltiger. Die Lebanese Climbing Association arbeitet seit einigen Jahren daran, neue Routen im gesamten libanesischen Hinterland zu entdecken und zu präparieren, sodass Klettermöglichkeiten für jeden zugänglich werden, im Norden wie im Süden.

Wer als lokaler Kletterer durchgehen will, muss auf jeden Fall mindestens zwei Thunfischdosen als Snack einpacken, auf allzu funktionale Sportkleidung sowie Sonnencreme verzichten und bloß keinen Helm mitnehmen. Das ist wie im Straßenverkehr: Nur nicht-libanesische Radfahrer*innen tragen einen Fahrradhelm. Die Logik dahinter erläuterte mir letztens ein Freund, der als Fahrrad-Bote in Beirut seit zwei Jahren tätig ist: „Wenn du einen Helm trägst, fühlst du dich sicher, aber das ist trügerisch. Dann fährst du wie ein Idiot.“ Dasselbe gilt hier also auch für den Kletterspaß. Ich verdränge also schnell das unnütz gewordene Wissen, das ich mir aus einer Studie zu dem Thema „Helme: Schwächen, Stärken, Unterschiede“ vom Deutschen Alpinverein angeeignet hatte.

Kollege Bastian und ich tun unser Bestes, um den Sonnenschutz unbemerkt auf die roten Nasen zu schmieren. Da wir die einzigen nicht-Libanesen in der Gruppe sind, erweitern wir eben unser Arabisch-Vokabular um zahlreiche neue Worte rund ums Klettern. Hängengeblieben ist das unabdingbare Wort für „Seil“: Habbl. Wenn ein Stein fällt, ruft man „CAJUUUUU“ (oder so ähnlich). Zur Steinlawine kommt es zum Glück nicht, wir überwinden und bezwingen jede Kletterroute und stauben dabei sogar ein paar Kratzer und Schrammen ab, sexy.

Kletterrouten entstehen, wenn leidenschaftliche Amateure wie Edwin und Lama, die Kalksteinfelsen begutachten und mit dem einzig wahren Bohrer auf das Gestein losgehen. Dabei seilt sich Lama von oben ab, gesichert durch einen doppelten Achterknoten, und klopft die Felswand auf dichte Stellen ab. Klingen die Klopfzeichen zufriedenstellend, wird drauflos gebohrt. Je nach Felswandhöhe dauert der Prozess fünf bis sechs Stunden, während derer Edwin in regelmäßigen Abständen von oben Wasser, Nüsse und Zigaretten abseilt. In den Löcher werden Haken verankert und mit Epoxidharz festgeklebt.

Die Genehmigungen für Kletterrouten stellen die entsprechenden Kommunen aus. Laut Edwin sind diese leicht zu erhalten, da es den Behörden relativ schleierhaft ist, wer wann wo Löcher in welche Felswand haut. Somit sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Wer zuerst kommt, darf sogar den Namen der Felswand festlegen.

Was die Schwierigkeitsgrade der Routen angeht, so wird im Libanon das französische Bewertungssystem angewendet. Alles zwischen 1a und 4c fällt in die Kategorie „Wandern“ bis „Bergsteigen“. Ab 5a ist es offiziell „Klettern“, bis 5b+ kann jeder relativ sportliche Anfänger bis nach oben kraxeln. Das erklärt dann wohl auch unseren unerwarteten Klettererfolg, aber auf den Fotos sieht man hinterher zum Glück sehr todesmutig aus.

Was das Abseilen angeht, so lautet die internationale Kletterweisheit: runter kommt man immer. So oder so. Die Kletterrouten im Zedernreservat reichen bis maximal 6a. Dort befindet sich ein Felsvorsprung namens König der Löwen. Diese Route bietet den Adrenalinkick für Anfänger, weil sie ein Rückwärts-in-den-Abgrund-Abseilen voraussetzt. Wer sich an den Film erinnert, hat eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Ausmaß an Entschlossenheit, welches es für solch eine Aktion bedarf.

Die Felswand Gottlieb schräg gegenüber von König der Löwen wurde hingegen von Edwin und Lama so mit Haken versehen, dass sie dort ihre „Himmelsbank“ anbringen können. Dabei handelt es sich um eine mobile Aussichtsplattform, auf der zwei Menschen, eine Flasche Wein und eine Ukulele Platz haben. Wem das hawaiianische Zupfinstrument zu heikel ist, darf alternativ auf die gute alte Blockflöte zurückgreifen. Die Bank hängt an der glatten Felswand, gerne auch mal mehrere hundert Meter über dem Abgrund. Ein Ort für romantische Extremisten und extreme Romantiker ohne Höhenangst, garantiert die einzige Himmelsbank im gesamten Nahen Osten die Möglichkeit für außerordentliche Selfies, die man so auf keiner herkömmlichen Glitzer-Party in Beirut bekommt. Vorausgesetzt, man lässt das Handy nicht fallen.


Alice Brandt

Alice Brandt

Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

An einem Sonntag im Juni: Libanesische Wanderlust

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Es ist der letzte Sonntag des islamischen Fastenmonats Ramadan, und Hisham befindet sich in einem Dilemma: Der junge libanesische Filmemacher wird von seiner Familie zum Mittagessen zuhause erwartet. Sonntag ist für Hisham jedoch der Heilige Tag des ‚Hike and Seek‘: erstrebenswertes umweltbewusstes action-Wandern durch die herrlich mediterrane Flora des Libanon, organisiert von der Gruppe „Moon Monkey Libanon“. Eine Runde Brainstorming um Hisham von seinen familiären Feiertags-Pflichten zu befreien und das Resultat lautet: „Vogelbeobachtung! Jeder braucht ein Hobby, nicht wahr? Ich sag meiner Familie, dass ich ornithologisches Bildmaterial für das nächste Filmfestival benötige.“ Damit ist das Thema erledigt, und Hisham ist mit an Bord.

Wir treffen die Gruppe um 8:30 in außerhalb der stickigen Hauptstadt auf einem Parkplatz. ‚Guten Morgen‘ hier, ‚Hi, kifak (wie geht’s)?‘ dort, und anschließend düsen vier Fahrgemeinschaften Richtung Nordost, wo sich das Jabal Moussa Reservoir an den westlichen Hängen der Berg Libanon Gebirgskette befindet. Heute sind wir 15 Teilnehmer: 13 wanderbegeisterte Libanesen, eine Amerikanerin und eine Italienerin. Die Ausrüstungssituation der Teilnehmer ist höchst heterogen: von Straßenschuhen, Jeans und Plastiktüten bis zu Multifunktionshemden, raffinierte Hybridhosen mit drei verschiedenen Längen und Rucksäcken mit Solarplatten, damit das Handy stets geladen und Snapchat-parat ist. Laut Lama, Gründerin der Moon Monkey Initiative, kommen manchmal bis zu 90 Teilnehmer. Besonders beliebt sind die sogenannten ‚Moon Hikes‘, die einmal im Monat stattfinden, wenn Vollmond ist, Camping, Nachtwanderung und Klettern inklusive.

Lama, Architekturstudentin, und ihr Freund Edwin, Fotograf, haben Moon Monkey vor einem Jahr gegründet und warten nun darauf, beim Ministerium für Jugend und Sport als Unternehmen registriert zu werden. Die Chancen stehen jedoch nicht gut, da Wandern und Klettern laut Edwin nicht zu der traditionellen Ausrichtung des Ministeriums passen. Falls die Registrierung bei dem Ministerium tatsächlich verweigert wird, werden Lama und Edwin versuchen, ihre Gruppe als NGO anzumelden.

Die Wanderlust ist ein wachsender Trend unter den 20- bis 30-Jährigen Libanesen, Klettern und Bouldern etablieren sich unter naturliebenden Sportsfreunden ebenfalls als erstrebenswerte Hobbies. Wichtig ist den beiden Gründern der Gruppe, dass wir – wir alle –  uns auf unsere Wurzeln als Affen rückbesinnen und gleichzeitig vorwärtsgehen, bis zum Mond. Dazu gehört eine Sensibilisierung für die Umwelt und deren Verschmutzung. Jede Coladose und jede Verpackung, die ihnen in die Quere kommen, werden ausnahmslos aufgesammelt. Größere Müllhaufen werden fotografisch dokumentiert und den verantwortlichen Behörden gemeldet. Schritt für Schritt fangen auch andere Teilnehmer an, den umherliegenden Müll in Tüten zu sammeln. In Jabal Moussa, einer der drei Naturschutzgebiete Libanons, handelt es sich lediglich um sporadische Thunfischdosen und Flaschendeckel.

Die Instandhaltung dieses Naturschutzgebietes wird hauptsächlich durch die Nicht-Regierungsorganisation „Association for the Protection of Jabal Moussa“ (APJM) gewährleistet, mitfinanziert durch zahlreiche lokale und multinationale Partner und Spender sowie seit 2009 durch das UNESCO „Man and Biosphere“ (MAB) Programm.

Der APJM sind die Erhaltung der 727 Flora Spezies, 137 Vogelarten, 20 Säugetiere sowie die Unterstützung der lokalen Gemeinden bei der Verwirklichung nachhaltiger sozioökonomischer Entwicklungsprojekte ein Anliegen. Die Initiative fördert darüber hinaus auch den geschichtsträchtigen Aspekt der Gegend: Immerhin hat Kaiser Hadrian sich hier im 2. Jh. n.Chr. auf verschiedenen Felsblöcken durch Eingravierungen verewigt, um die Abholzung von Zedern, Eichen, Zypressen und Wachholder-Bäumen zu unterbinden.

Die ersten zwei Stunden der Wanderung sind eine angenehme Abwechslung zwischen gemütlichem Spazieren und knackigem Bergsteigen. Es ist heiß, doch die Luft ist im Vergleich zum Smog von Beirut so überragend frisch, dass ich einatme, bis mir schwindelig davon wird. Ab und zu brummelt jemand aus unserer Gruppe „Und wo ist jetzt Starbucks?“ oder „Kann mal jemand die Klimaanlage anschmeißen?“, doch die Stimmung ist grundsätzlich heiter bis fröhlich. Karamell-Frappuccinos finden wir zwar nicht in Jabal Moussa, aber was die von Schwitzeritis geplagten Wanderer angeht, so hat das Reservoir ein natürliches Heilmittel in petto: schluchtenartige Felsspalten, in welche die klimaanlagenbedürftigen Menschen dieser Erde den Kopf hineinstecken können wie in einen Kühlschrank.

Wir halten in regelmäßigen Abständen an, und Lama erweitert unsere Horizonte mit ihren bemerkenswerten Kenntnissen der umgebenden Natur, stets in einem Sprach-Cocktail aus Englisch, Französisch und Libanesisch. In Jabal Moussa leben Hyänen sowie die letzten zwanzig Wölfe des Zedernstaates, hier wachsen Syrische Wacholdersträucher (juniperus drupacea), aus deren Früchten Gin gemacht wird und die sich nur mithilfe des Blauhähers (und dessen Verdauungssystem) fortpflanzen können.

Der gemeine Klippdachs, der ausschließlich in der MENA Region beheimatet ist, bevölkert in Jabal Moussa die karstigen Kalkgesteine, die 70% der libanesischen Geologie ausmachen. Dieses poröse Gestein, durch das Wasser im Nu versickert, ist einer der vielen Gründe, derentwegen lokale Umweltaktivisten gegen die Idiotie des allgegenwärtigen Staudamm-Bau-Wahns vorgehen. Staudämme sind hierzulande ein hochprofitables Geschäft und so gut wie jede politische Partei im Libanon hat mindestens einen Damm auf ihrer Agenda. Die Biosphäre von Jabal Moussa jedoch sind bislang von neoliberalistischen Bauvorhaben verschont geblieben, unter anderem, weil die Association of the Protection of Jabal Moussa weite Flächen des Naturschutzgebietes gepachtet hat. So wird zum Beispiel sichergestellt, dass die seltene Kesrouan-Pfingstrose (peonia kesrouanensis) entlang des Pfingstrosen-Pfades ungehindert wächst und gedeiht. Diese bemerkenswerte Pflanze nimmt je nach Jahreszeit eine unterschiedliche Gestalt an: zurzeit sieht die Pfingstrose eher aus wie eine grüne Sternfrucht, im Herbst verwandeln sich die Knospen in blaue und knallpinke Kugeln, die eher wie getrocknete Johannisbeeren aussehen. Im Winter sieht die peonia kesrouanensis plattgedrückten getrockneten Feigen zum Verwechseln ähnlich. Nur im Frühling erkennt der aufmerksame Wanderer, dass es sich tatsächlich um eine Blume handelt.

Wir begegnen anderen Wandergruppen, tauschen verschwitzte Grußworte und energiereiche Sesamriegel aus und fotobomben Gruppenselfies bei jeder pittoresken Aussichtsplattform.

Am Ende des sechsstündigen Ausflugs im Namen des Wanderns und Strebens trennen sich die Moon Monkeys mit „min shufak el weekend el jeye“, wir sehen uns nächstes Wochenende! …und Hisham hat keinen einzigen Vogel gefilmt.


Alice Brandt Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

Zu Besuch in Hebron

Ein Beitrag von S., Praktikantin der hbs Ramallah

Heimatland, watan (وطن) und Siedlung, mustawtana (مستوطنة) haben im Arabischen denselben Wortstamm. Beiden Begriffen wohnt eine Konnotation der “Verwurzelung” inne: Heimat ist der Ort unserer Herkunft, dort wo wir herkommen und wo unsere Wurzeln stecken; Siedlung hingegen ist eine „Niederlassung“, ein Ort an den man nicht gebunden ist, den man erobert und sich zu eigen macht.

In der palästinensischen Stadt Hebron, südlich von Jerusalem, stoßen diese beiden Konzepte konfliktträchtig aufeinander. Vier illegale israelische Siedlungen haben sich hier im Herzen der Stadt verwurzelt und weiten sich kontinuierlich aus.

Die ersten Siedler kamen im Frühjahr 1968 in die Stadt, ein Jahr nach der israelischen Eroberung des Westjordanlandes. Sie richteten sich im Park Hotel ein, um dort das Pessach Fest zu feiern und weigerten sich später, das Hotel wieder zu verlassen. Nach einer anfänglichen Evakuierung durch die israelische Armee wurden die Siedler 1970 in eine vom israelischen Parlament genehmigte, neugegründete Siedlung außerhalb der Stadt versetzt: Qiryat Arba. Während die Siedlung immer mehr Zuwachs bekam begannen einige ihrer Einwohner, Häuser im Stadtzentrum von Hebron zu besetzen. Sie wollten die jüdische Gemeinde wieder aufbauen, die dort nach einem Massaker im Jahr 1929, im Zuge des arabischen Aufstands gegen die jüdische Zuwanderung, aufgelöst worden war.

Heute beherbergt die Stadt geschätzte 500 Siedler, aufgeteilt in die Siedlungen Tel Rumeida, Beit Hadassa, Avraham Avinu und Beit Romano, beschützt von 4000 Soldaten. Allein in der Altstadt befinden sich 12 durchgehend betriebene Checkpoints und der Zugang zur Shuhada Street, der Hauptader des alten Stadtzentrums, ist für Palästinenser gesperrt. Früher war diese Zone voller Leben und der Handel florierte, jetzt sind alle Geschäfte verriegelt und die Atmosphäre in den Gassen gleicht der einer Geisterstadt. Die wenigen palästinensischen Einwohner dieses Stadtteils besitzen eine Identifizierungsnummer, die sogar auf ihren Hauswänden aufgesprüht wurde und die ihnen erlaubt, die Zone zu betreten. Besuche von Verwandten oder Freunden von außerhalb sind allerdings nicht gestattet.

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Auch wir, eine kleine internationale Gruppe unter der Führung des jungen Palästinensers Abdallah, müssen einen schwer bewachten Checkpoint passieren, um die Altstadt zu betreten. Sofort haben wir das Gefühl, dass sich die Luft mit Messern schneiden lässt. Von unserem Begleiter werden wir auf einem unebenen und improvisierten Weg durch einen versteckten Hintereingang in den Hof des Hauses der Familie Azzeh geführt. Nisreen, Witwe und Mutter von drei Kindern, gibt jedem von uns die Hand und lädt uns ein, näherzutreten, während sie ihre Erzählung beginnt.

Ihr Garten ist von einer Häuserfront israelischer Siedler umgeben, deren Angriffen die Familie täglich ausgesetzt ist: Steine und Müll werden von den oberen Stockwerken herab geworfen, rassistische Sätze auf die Mauer gesprüht, die Bäume vergiftet, die Familie wird davon abgehalten, ihre eigenen Oliven zu pflücken, und manchmal dringen sogar Soldaten in ihr Haus ein. Drei Jahre lang war die Wasserversorgung zum Haus unterbrochen und die Familie war auf gekaufte Flaschen angewiesen. Der eigentliche Hauseingang wurde blockiert, so dass die Familienmitglieder eine Zeit lang gezwungen waren, über eine sechs-Meter hohe Mauer in ihren Hinterhof zu klettern.  Zweimal schon, als Nisreen schwanger war, wurde sie von Siedlern angegriffen und sogar geschlagen. Sie ist fest davon überzeugt dass es diese gewalttätigen Vorfälle waren, die ihre beiden Fehlgeburten verursacht haben.

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Ihr unmittelbarer Nachbar ist Baruch Marzel, ein bekannter extremistischer Siedlerführer und Provokateur. In seiner Jugend war er Anhänger und Sprecher der rechtsextremistischen Organisation „Kach“, die von Israel als illegal erklärt und von den USA als Terrororganisation eingestuft wurde. In Israel ist er wegen seiner radikalen homophoben Ansichten und seines vehementen Aktivismus gegen Mischehen bekannt, in Hebron sorgen seine Gedenkfeiern für Baruch Goldstein, einen jüdisch-amerikanischer Siedler der 1994 in der Ibrahimi Moschee 29 Palästinenser beim Freitagsgebet ermordete, für großes Aufsehen. Zum ersten Mal wurde Marzel im Alter von 14 Jahren, dann mit 15 und mit 17 verhaftet. Seitdem häufen sich die Polizeiklagen aufgrund seiner gewalttätigen Angriffe auf palästinensische Einwohner, bisher wurde er aber nur einmal zur Rechenschaft gezogen und zu einer 12 monatigen Bewährungsstrafe  verurteilt. „Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, Hashem anzugreifen“, kommentiert Nisreen verbittert.

Tränen steigen ihr in die Augen, als sie von ihrem verstorbenen Mann spricht: „Hashem war immer sehr aktiv im Widerstand gegen die Siedler. Eigentlich war er Arzt, aber in seiner Freizeit begleitete er Touristengruppen durch die Stadt und erzählte ihnen von der BesatzungJede Tour endete in unserem Wohnzimmer, wo er den Besuchern Videos der letzten Geschehnisse zeigte.“

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Durch seine Aktivität als Fremdenführer hatte er immer wieder die Aufmerksamkeit und den Ärger der Siedler auf sich gelenkt. Einmal, als in der Stadt eine größere Auseinandersetzung tobte, wurde der Garten der Familie massiv mit Tränengas beschossen. Hashem, der bereits anfällig für Herzleiden war, erlitt einen Herzinfarkt und starb. Nach Einschätzung der Ärzte wurde sein Tod durch das Tränengas hervorgerufen.

„Dem Krankenwagen wurde der Zugang zum Haus verwehrt, also blieb uns nichts anderes übrig, als Hashem eigenständig zum Checkpoint zu tragen. Die jüdischen Nachbarn sind uns sofort gefolgt und haben die Soldaten aufgefordert, das Tor zu schließen, aus Sicherheitsgründen. Fünfzehn Minuten haben wir gewartet… doch es war schon zu spät.“

Nisreen unterbricht sich, und wir bleiben stumm, denn unsere Reaktionen lassen sich nicht in Worte fassen. Doch sie will nicht, dass wir schweigen. Sie will, dass wir ihre Geschichte weitererzählen. Sie ist entschlossen, Hashems Arbeit fortzuführen und weiterhin Gruppen zu sich nach Hause einzuladen, um ihnen, durch ihre Geschichten und durch das Video-Material ihres Mannes, die Realität in Hebron zu zeigen.

 

Zustände und Zuständigkeiten

Ausflug zum libanesischen Premierminister

Die Müllkrise, die Beirut im letzten Jahr einen übelriechenden Sommer bescherte, ist weiterhin ungelöst. Noch ist das Wetter halbwegs kühl, ein laues Lüftchen weht, so dass man es nicht so merkt – doch Müll sieht man im ganzen Land, illegal entsorgt, wo imer Platz ist. Zum Teil sind die monumentalen Müllsackberge notdürftig mit Erde bedeckt worden. Man versucht – im wahrsten Sinne des Wortes – Gras über die Sache wachsen zu lassen.

Für meinen fünfjährigen Sohn ist das ein großes Thema. Wenn wir in Deutschland unterwegs sind, kommentiert er unablässig: „Eine Papiertonne, eine gelbe Tonne ohne Deckel, drei Altglascontainer, weiß, braun, grün, eine Biotonne …“ Wenn es nach ihm ginge, würden wir nicht Ferien auf dem Bauernhof sondern auf dem Recyclinghof machen und uns den ganzen Tag anschauen, wie Müll getrennt wird.

Die letzte Unterrichtseinheit seiner Klasse in Beirut drehte sich um Pflanzen und wie sie nicht nur für saubere Luft sorgen sondern auch unter Umweltverschmutzung leiden. Im Rahmen dessen ermöglichte ein gutvernetzter Vater den Besuch der Schüler beim libanesischen Premierminister Saad Hariri, damit die Kinder an höchster Stelle über das Thema sprechen könnten.

Nach dem Empfang im Serail fragte ich meinen Sohn, ob er sich nach Mülltrennung und Recycling im Palast erkundigt habe. Er schüttelte den Kopf: „Weißt du, in dem ganzen großen Haus, in dem er sein Büro hat, habe ich nicht eine einzige Mülltonne gesehen! Nicht mal einen Mülleimer! Ich bin mir nicht sicher, dass er der Richtige ist, um mit ihm über Recycling zu sprechen.“

Regenbogenflaggen über Beirut – Beirut Pride Week

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Ein Beitrag von Bastian Neuhauser

„So… Happy Beirut Pride, I guess!“, schreit die Moderatorin ins Publikum. Menschen johlen, klatschen, schnippen mit den Fingern, und man hat das Gefühl, sie wissen selbst nicht ganz, was gerade passiert. Unter bunten Glühbirnen drängen sich mittlerweile mehr Menschen als Stühle, man sitzt auf dem Boden, auf Paletten und Schößen. Es ist eine Nacht des Geschichtenerzählens, und obwohl sich hunderte von Menschen um die winzige Bühne mit dem verloren wirkenden Mikrofon drängen, hat man sofort das Gefühl, dass es ein besonderer Augenblick ist. Lesbische, schwule, bi, trans, inter und queere Menschen nehmen Raum ein – Raum, der ihnen sonst nicht zugestanden wird. In keinem Moment vergisst man, wie wenig selbstverständlich das ist, in einem Umfeld, das sonst fast immer nur prekär ist für Personen deren Identität jederzeit als unnatürlich, gefährlich, strafbar gelten kann. Was entsteht, ist fast so etwas wie Intimität. Die Moderatorin wirft einen langen Blick in die Runde und fasst dieses Gefühl in Worte, erklärt dass dies ein Ort ist, an dem man offen sein darf, seltsam sein darf, verwundbar sein darf, und bittet alle dies zu respektieren. Menschen kommen auf die Bühne und erzählen ihre Geschichten. Eine Lesbe erzählt von ihrem Coming Out und ihrer ersten Liebe, ein schwuler Aktivist von den Tagen, als Sicherheitskräfte seine Wohnung durchsuchten und er für drei Tage verhaftet wurde, ein Sänger von den Traumata seiner Jugend und seiner Gegenwart. Jeder Pointe, jeder Pause folgt frenetischer Jubel, der gebrochen von den Brandwänden der umliegenden Hochhäuser zurückschallt. Man feiert das eigene Dasein, das eigene Überleben und die Tatsache, der Gesellschaft diesen Ort und diese Momente abgerungen zu haben, nur eine Handvoll Stunden, nachdem die libanesische Politik den Auftakt der Pride bereits in die Knie zwang. Man schätzt diese Tatsache, niemand unterbricht sich, niemand steht auf, als hätte man Angst, diese Seifenblase zum Platzen zu bringen. Die Bühne öffnet sich für alle, manche erzählen ernst ihre Lebensgeschichten, andere alberne Witze. Langsam löst sich der Abend auf. Als ich aufstehe, schreit grell eine Polizeisirene durch die Nacht. Mein Nachbar dreht sich um: „Ach, jetzt kommen sie also doch noch um die Veranstaltung zu räumen. Ein bisschen spät, jetzt hatten wir schon unseren Spaß.“ Noch mit einem Grinsen im Gesicht tritt er auf die Straße.

II.

Das Epizentrum der elektronischen Tanzszene Beiruts liegt auf dem 4. Stock eines alten Hafengebäudes, am Ende eines langen, stets mit Rauch gefüllten und von vier Scheinwerfern zerschnittenen Ganges. An diesem Abend wird die schlicht monochrome Dramatik dieser Installation von den Farben des Regenbogens abgelöst. Werden sonst hier nur die kulturell und finanziell privilegierten eingelassen, verteilt nun ein Türsteher mechanisch Stempel an das hereinströmende – und trotzdem gewohnt homogene – Publikum. Es soll ein feministischer Vortrag stattfinden, dazu Musik. Ersteres ist schnell erledigt. Eine Gruppe von Frauen liest einen überraschend knappen Text, gerichtet an den spärlich gefüllten Saal. Niemand scheint zuzuhören, man weiß an den richtigen Stellen zu klatschen, ansonsten warten Menschen ungeduldig auf die Rückkehr der Musik. Zum Ende des Vortrags beginnt sich der Saal zu füllen, Bewegung kommt in die nun beachtliche Menge als verkündet wird, es gäbe eine halbe glückliche Stunde lang kostenlose Getränke an der mit etwas verängstigt dreinblickendem Personal besetzten Bar. „Finally, we can have some fun“, stöhnt eine Freundin in mein Ohr und ist im nächsten Moment mit drei Gläsern bewaffnet zurück. Die Bässe trommeln nun gnadenlos los. Es beginnt – in bester libanesischer Manier – ein Abend mit Alkohol, Tanzen, Küsschen links, Küsschen rechts, kenn´ ich dich nicht von irgendwoher? In einem ersten Impuls bin ich überrascht von der Abwesenheit von inhaltsschweren Vorträgen, emotionalen Reden, großen Gesten. Und dann vom Überdruss meiner Bekannten. „Warum muss alles immer politisch sein?“, wird mir von einer angetrunkenen Freundin mit zusammengerafften Augenbrauen entgegengeworfen, „Haben wir kein Recht, einfach zu existieren, über normale Dinge zu reden, die nichts mit Religion oder Krieg zu tun haben? Dürfen das nur Leute aus dem Westen?“ Ich nippe an meinem Gin Tonic. Die zerknittert am DJ-Pult hängende Regenbogenflagge bewegt sich sanft über der zunehmend ekstatisch bunten Menge. Und mir wird klar, was es auch heißen kann, politisch zu sein:  Spaß zu haben, zu tanzen, einfach zu existieren.

III.

In einem weiten Bogen fliegen die langen plastikroten Locken von links nach rechts und klatschen nahezu hörbar gegen den Vollbart der Drag Queen. Zwischen den Tischen der Glücklichen deren Reservierung sie zu einem Abend überteuerter panasiatischer Küche und bester Sicht auf das Geschehen ermöglicht, schreit sich Evita stumm die Seele zu Missy Elliots Reverse It aus dem Leib. Im Hintergrund diejenigen, die auf Bänken stehend Blicke erhaschen, noch dahinter auf der anderen Seite der Fenster, die lange Schlange derjenigen, die gar keinen Platz gefunden haben. Das Lied endet, ein langer Schluck aus einem Glas das sowohl mit Gin als auch mit Wasser gefüllt sein könnte, ein tiefer Atemzug. Evita füllt die Stille mit ihren Geschichten, immer laut, derb, aber nie will sie ihre Intelligenz ganz verbergen. Es sind Geschichten aus queeren Alltagen: über die Grenzen allgemein akzeptabler Körperbehaarung, über hetero Männer, die Sex mit anderen Männern auf schwulen Dating Apps suchen, über die mannigfaltigen Wege, enkellose Großeltern auf Familienfeiern ein weiteres Jahr zu vertrösten. Die Themen kommen mir vertraut vor, es sind dieselben in Barcelona und Berlin. Ich pfeife, wenn Evita alle maskulinen Männer bittet den Saal zu verlassen, um Platz für die „good gays“ zu machen und wenn sie immer wieder betont, dass lesbische Frauen doch eigentlich die besseren Menschen auf dieser Welt sind, ohne sie wohl niemand hier wäre, am wenigsten sie selbst. Mittlerweile rollen die Schweißperlen dick von der gepuderten Stirn. Doch noch mit verschmiertem Lippenstift kämpft sie unerbittlich plaudernd gegen die Dinge, die die Community, hier und überall, bewegen. Nebensätze über Hass, Gewalt, Scham, über die Frage, wie man sich in Polizeikontrollen verhält, und was es bedeutet, nicht mehr seiner Familie zu sprechen, weil sie nicht erträgt, wer man ist. Am Ende versteht sie, diesen letzten Abend der Pride nicht in dunklen Tönen zu beenden. Die Regenbogenflaggen, die am Tag davor in den Straßen Mar Mikhaels hingen, die Euphorie, die sich während dieser Woche in der Beiruter Szene breit machte, und der vage aber elektrisierende Vorgeschmack auf einen anderen Libanon sind noch zu präsent. In den letzten Atemzügen ihres zweistündigen Monologs stellt sie selbst etwas überwältigt fest: „Oh my god, look around! I feel like I am in Paris!“. Die Bar bricht in Jubel aus.


Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser ist seit April 2017 Projektassistent im Büro der Heinrich Böll Stiftung in Beirut. Davor studierte er Politikwissenschaften und Soziologie unter anderem in Berlin.