Millionen Liter Abwässer pro Tag

Alarm im Gazastreifen! Die meisten Strände sind nicht mehr nutzbar, das Wasser durch Abwässer belastet und verseucht. Das Baden darin ein Gesundheitsrisiko. Grund dafür ist die anhaltende Stromkrise. Im letzten April musste das einzige Kraftwerk des isolierten Küstengebiets, das noch 12 Prozent des Strombedarfs decken konnte, wegen Treibstoffmangels schließen. Kurz zuvor hatte der Präsident der Autonomiebehörde in Ramallah, Mahmoud Abbas, seine Zahlungen an Israel für die Lieferung von Strom an den Gazastreifen eingestellt. Er wollte damit die in Gaza regierende Hamas dazu zwingen, sich seiner Autorität zu unterstellen.

Eine der Folgen der Energiekrise: die vier Klärwerke des Gazastreifens haben ihre Arbeit eingestellt. Nun fließen jeden Tag mehr als 110 Millionen Liter ungeklärte Abwässer ins Mittelmeer. Nach Angaben der Palestinian Environment Quality Authority (PEQA) sind inzwischen mindestens 70 Prozent der Strände des Gazastreifens verunreinigt.

Stillstand im Klärwerk am Wadi Gaza. (c) Bettina Marx

Ohne Diesel geht nichts mehr (c) Bettina Marx

Für die zwei Millionen Einwohner des Gazastreifens ist das eine Katastrophe. Denn das Meer ist für die meisten von ihnen der einzige Trost in ihrem eingeschränkten und düsteren Leben. Seit Jahrzehnten sind sie eingesperrt in dem winzigen Küstenstreifen ohne Aussicht auf Freiheit und Entfaltung. Seit 2005 leben sie unter einer umfassenden und strengen Blockade, die von Israel verhängt und von der internationalen Staatengemeinschaft unterstützt wird. Auch Ägypten öffnet seine Grenze nur selten und auch dann nur für wenige Tage. Die lang anhaltenden Stromausfälle – in 24 Stunden gibt es kaum mehr als zwei Stunden lang Strom – zermürben die Palästinenser in Gaza zusätzlich. Sie können keine Lebensmittel mehr kühlen, keine Waschmaschinen betreiben, die Wasserpumpen in den Häusern funktionieren nicht mehr und von Klimaanlagen oder Ventilatoren können sie nur träumen.

Die langen Traumstrände des Gazastreifens sind daher ein beliebtes Ausflugsziel, um dem schwierigen Alltag wenigstens für einige Stunden zu entkommen: die leichte Brise verschafft den Menschen Kühlung, das Meer ist vor allem für die Kinder eine willkommene Abwechslung. Darum kümmern sich viele Strandbesucher nicht um das Badeverbot. Sie stürzen sich in die schmutzigen Fluten – und nehmen mögliche schwere Erkrankungen in Kauf.

Auch Israel ist betroffen, denn die Meeresströmung trägt die Abwässer nach Norden. In der dem Gazastreifen benachbarten Stadt Ashkelon wurde im Juli ebenfalls ein Strand wegen der hohen bakteriellen Belastung des Wassers geschlossen.

Am ersten Sonntag im Juli: Vertikale Perspektiven

Himmelsbank © Francois Chahine

Himmelsbank © Francois Chahine

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Der klassische Katersonntag in Beirut bedeutet in der Regel: verschwitzt und dehydriert aufwachen, mit Glitzer im Haar, optional auch im Bart. Wenn die körperliche Verfassung es zulässt, Frühstück, daraufhin geschwind Handtuch und Badeanzug einpacken und dann bloß raus aus der stickigen Hauptstadt, direkt und ohne Umwege ans Meer.

Alternativ kann man sich den Wecker auf 6.30h stellen, um für den anstehenden Kletterausflug zahlreiche Brote zu schmieren, während die Mitbewohnerin glitzernd durch die Haustür Richtung Schlafzimmer stolpert. Relativ frisch und definitiv munter findet man Sonntag morgens auf einem Sammelparklatz diverse Grüppchen wanderlustiger Individuen auf dem Weg ins Zedernreservat Tannourine. Hier, etwa 80km nördlich von Beirut befindet sich einer der sechs bisher entdeckten Kletterhotspots, die das Land zu bieten hat. Wer über die erforderliche Ausstattung verfügt oder einfach die richtigen Leute kennt, kann eintauchen in das libanesische Kletterparadies, das nur wenigen bekannt ist. Wir sind heute wieder mit Lama und Edwin unterwegs, den Gründern der Kletter- und Wandergruppe Moon Monkey.

Unterwegs erklärt uns Edwin, dass die Klettergemeinde Libanons  gerademal 150 Sportlerinnen und Sportler umfasst, einschließlich Amateuren und Hobby-Kraxlern. Doch es ist ein wachsender Trend, und das ist gut so. Denn wer klettern geht, verinnerlicht ein gewisses Umweltbewusstsein und verhält sich entsprechend ökologisch nachhaltiger. Die Lebanese Climbing Association arbeitet seit einigen Jahren daran, neue Routen im gesamten libanesischen Hinterland zu entdecken und zu präparieren, sodass Klettermöglichkeiten für jeden zugänglich werden, im Norden wie im Süden.

Wer als lokaler Kletterer durchgehen will, muss auf jeden Fall mindestens zwei Thunfischdosen als Snack einpacken, auf allzu funktionale Sportkleidung sowie Sonnencreme verzichten und bloß keinen Helm mitnehmen. Das ist wie im Straßenverkehr: Nur nicht-libanesische Radfahrer*innen tragen einen Fahrradhelm. Die Logik dahinter erläuterte mir letztens ein Freund, der als Fahrrad-Bote in Beirut seit zwei Jahren tätig ist: „Wenn du einen Helm trägst, fühlst du dich sicher, aber das ist trügerisch. Dann fährst du wie ein Idiot.“ Dasselbe gilt hier also auch für den Kletterspaß. Ich verdränge also schnell das unnütz gewordene Wissen, das ich mir aus einer Studie zu dem Thema „Helme: Schwächen, Stärken, Unterschiede“ vom Deutschen Alpinverein angeeignet hatte.

Kollege Bastian und ich tun unser Bestes, um den Sonnenschutz unbemerkt auf die roten Nasen zu schmieren. Da wir die einzigen nicht-Libanesen in der Gruppe sind, erweitern wir eben unser Arabisch-Vokabular um zahlreiche neue Worte rund ums Klettern. Hängengeblieben ist das unabdingbare Wort für „Seil“: Habbl. Wenn ein Stein fällt, ruft man „CAJUUUUU“ (oder so ähnlich). Zur Steinlawine kommt es zum Glück nicht, wir überwinden und bezwingen jede Kletterroute und stauben dabei sogar ein paar Kratzer und Schrammen ab, sexy.

Kletterrouten entstehen, wenn leidenschaftliche Amateure wie Edwin und Lama, die Kalksteinfelsen begutachten und mit dem einzig wahren Bohrer auf das Gestein losgehen. Dabei seilt sich Lama von oben ab, gesichert durch einen doppelten Achterknoten, und klopft die Felswand auf dichte Stellen ab. Klingen die Klopfzeichen zufriedenstellend, wird drauflos gebohrt. Je nach Felswandhöhe dauert der Prozess fünf bis sechs Stunden, während derer Edwin in regelmäßigen Abständen von oben Wasser, Nüsse und Zigaretten abseilt. In den Löcher werden Haken verankert und mit Epoxidharz festgeklebt.

Die Genehmigungen für Kletterrouten stellen die entsprechenden Kommunen aus. Laut Edwin sind diese leicht zu erhalten, da es den Behörden relativ schleierhaft ist, wer wann wo Löcher in welche Felswand haut. Somit sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Wer zuerst kommt, darf sogar den Namen der Felswand festlegen.

Was die Schwierigkeitsgrade der Routen angeht, so wird im Libanon das französische Bewertungssystem angewendet. Alles zwischen 1a und 4c fällt in die Kategorie „Wandern“ bis „Bergsteigen“. Ab 5a ist es offiziell „Klettern“, bis 5b+ kann jeder relativ sportliche Anfänger bis nach oben kraxeln. Das erklärt dann wohl auch unseren unerwarteten Klettererfolg, aber auf den Fotos sieht man hinterher zum Glück sehr todesmutig aus.

Was das Abseilen angeht, so lautet die internationale Kletterweisheit: runter kommt man immer. So oder so. Die Kletterrouten im Zedernreservat reichen bis maximal 6a. Dort befindet sich ein Felsvorsprung namens König der Löwen. Diese Route bietet den Adrenalinkick für Anfänger, weil sie ein Rückwärts-in-den-Abgrund-Abseilen voraussetzt. Wer sich an den Film erinnert, hat eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Ausmaß an Entschlossenheit, welches es für solch eine Aktion bedarf.

Die Felswand Gottlieb schräg gegenüber von König der Löwen wurde hingegen von Edwin und Lama so mit Haken versehen, dass sie dort ihre „Himmelsbank“ anbringen können. Dabei handelt es sich um eine mobile Aussichtsplattform, auf der zwei Menschen, eine Flasche Wein und eine Ukulele Platz haben. Wem das hawaiianische Zupfinstrument zu heikel ist, darf alternativ auf die gute alte Blockflöte zurückgreifen. Die Bank hängt an der glatten Felswand, gerne auch mal mehrere hundert Meter über dem Abgrund. Ein Ort für romantische Extremisten und extreme Romantiker ohne Höhenangst, garantiert die einzige Himmelsbank im gesamten Nahen Osten die Möglichkeit für außerordentliche Selfies, die man so auf keiner herkömmlichen Glitzer-Party in Beirut bekommt. Vorausgesetzt, man lässt das Handy nicht fallen.


Alice Brandt

Alice Brandt

Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

An einem Sonntag im Juni: Libanesische Wanderlust

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Es ist der letzte Sonntag des islamischen Fastenmonats Ramadan, und Hisham befindet sich in einem Dilemma: Der junge libanesische Filmemacher wird von seiner Familie zum Mittagessen zuhause erwartet. Sonntag ist für Hisham jedoch der Heilige Tag des ‚Hike and Seek‘: erstrebenswertes umweltbewusstes action-Wandern durch die herrlich mediterrane Flora des Libanon, organisiert von der Gruppe „Moon Monkey Libanon“. Eine Runde Brainstorming um Hisham von seinen familiären Feiertags-Pflichten zu befreien und das Resultat lautet: „Vogelbeobachtung! Jeder braucht ein Hobby, nicht wahr? Ich sag meiner Familie, dass ich ornithologisches Bildmaterial für das nächste Filmfestival benötige.“ Damit ist das Thema erledigt, und Hisham ist mit an Bord.

Wir treffen die Gruppe um 8:30 in außerhalb der stickigen Hauptstadt auf einem Parkplatz. ‚Guten Morgen‘ hier, ‚Hi, kifak (wie geht’s)?‘ dort, und anschließend düsen vier Fahrgemeinschaften Richtung Nordost, wo sich das Jabal Moussa Reservoir an den westlichen Hängen der Berg Libanon Gebirgskette befindet. Heute sind wir 15 Teilnehmer: 13 wanderbegeisterte Libanesen, eine Amerikanerin und eine Italienerin. Die Ausrüstungssituation der Teilnehmer ist höchst heterogen: von Straßenschuhen, Jeans und Plastiktüten bis zu Multifunktionshemden, raffinierte Hybridhosen mit drei verschiedenen Längen und Rucksäcken mit Solarplatten, damit das Handy stets geladen und Snapchat-parat ist. Laut Lama, Gründerin der Moon Monkey Initiative, kommen manchmal bis zu 90 Teilnehmer. Besonders beliebt sind die sogenannten ‚Moon Hikes‘, die einmal im Monat stattfinden, wenn Vollmond ist, Camping, Nachtwanderung und Klettern inklusive.

Lama, Architekturstudentin, und ihr Freund Edwin, Fotograf, haben Moon Monkey vor einem Jahr gegründet und warten nun darauf, beim Ministerium für Jugend und Sport als Unternehmen registriert zu werden. Die Chancen stehen jedoch nicht gut, da Wandern und Klettern laut Edwin nicht zu der traditionellen Ausrichtung des Ministeriums passen. Falls die Registrierung bei dem Ministerium tatsächlich verweigert wird, werden Lama und Edwin versuchen, ihre Gruppe als NGO anzumelden.

Die Wanderlust ist ein wachsender Trend unter den 20- bis 30-Jährigen Libanesen, Klettern und Bouldern etablieren sich unter naturliebenden Sportsfreunden ebenfalls als erstrebenswerte Hobbies. Wichtig ist den beiden Gründern der Gruppe, dass wir – wir alle –  uns auf unsere Wurzeln als Affen rückbesinnen und gleichzeitig vorwärtsgehen, bis zum Mond. Dazu gehört eine Sensibilisierung für die Umwelt und deren Verschmutzung. Jede Coladose und jede Verpackung, die ihnen in die Quere kommen, werden ausnahmslos aufgesammelt. Größere Müllhaufen werden fotografisch dokumentiert und den verantwortlichen Behörden gemeldet. Schritt für Schritt fangen auch andere Teilnehmer an, den umherliegenden Müll in Tüten zu sammeln. In Jabal Moussa, einer der drei Naturschutzgebiete Libanons, handelt es sich lediglich um sporadische Thunfischdosen und Flaschendeckel.

Die Instandhaltung dieses Naturschutzgebietes wird hauptsächlich durch die Nicht-Regierungsorganisation „Association for the Protection of Jabal Moussa“ (APJM) gewährleistet, mitfinanziert durch zahlreiche lokale und multinationale Partner und Spender sowie seit 2009 durch das UNESCO „Man and Biosphere“ (MAB) Programm.

Der APJM sind die Erhaltung der 727 Flora Spezies, 137 Vogelarten, 20 Säugetiere sowie die Unterstützung der lokalen Gemeinden bei der Verwirklichung nachhaltiger sozioökonomischer Entwicklungsprojekte ein Anliegen. Die Initiative fördert darüber hinaus auch den geschichtsträchtigen Aspekt der Gegend: Immerhin hat Kaiser Hadrian sich hier im 2. Jh. n.Chr. auf verschiedenen Felsblöcken durch Eingravierungen verewigt, um die Abholzung von Zedern, Eichen, Zypressen und Wachholder-Bäumen zu unterbinden.

Die ersten zwei Stunden der Wanderung sind eine angenehme Abwechslung zwischen gemütlichem Spazieren und knackigem Bergsteigen. Es ist heiß, doch die Luft ist im Vergleich zum Smog von Beirut so überragend frisch, dass ich einatme, bis mir schwindelig davon wird. Ab und zu brummelt jemand aus unserer Gruppe „Und wo ist jetzt Starbucks?“ oder „Kann mal jemand die Klimaanlage anschmeißen?“, doch die Stimmung ist grundsätzlich heiter bis fröhlich. Karamell-Frappuccinos finden wir zwar nicht in Jabal Moussa, aber was die von Schwitzeritis geplagten Wanderer angeht, so hat das Reservoir ein natürliches Heilmittel in petto: schluchtenartige Felsspalten, in welche die klimaanlagenbedürftigen Menschen dieser Erde den Kopf hineinstecken können wie in einen Kühlschrank.

Wir halten in regelmäßigen Abständen an, und Lama erweitert unsere Horizonte mit ihren bemerkenswerten Kenntnissen der umgebenden Natur, stets in einem Sprach-Cocktail aus Englisch, Französisch und Libanesisch. In Jabal Moussa leben Hyänen sowie die letzten zwanzig Wölfe des Zedernstaates, hier wachsen Syrische Wacholdersträucher (juniperus drupacea), aus deren Früchten Gin gemacht wird und die sich nur mithilfe des Blauhähers (und dessen Verdauungssystem) fortpflanzen können.

Der gemeine Klippdachs, der ausschließlich in der MENA Region beheimatet ist, bevölkert in Jabal Moussa die karstigen Kalkgesteine, die 70% der libanesischen Geologie ausmachen. Dieses poröse Gestein, durch das Wasser im Nu versickert, ist einer der vielen Gründe, derentwegen lokale Umweltaktivisten gegen die Idiotie des allgegenwärtigen Staudamm-Bau-Wahns vorgehen. Staudämme sind hierzulande ein hochprofitables Geschäft und so gut wie jede politische Partei im Libanon hat mindestens einen Damm auf ihrer Agenda. Die Biosphäre von Jabal Moussa jedoch sind bislang von neoliberalistischen Bauvorhaben verschont geblieben, unter anderem, weil die Association of the Protection of Jabal Moussa weite Flächen des Naturschutzgebietes gepachtet hat. So wird zum Beispiel sichergestellt, dass die seltene Kesrouan-Pfingstrose (peonia kesrouanensis) entlang des Pfingstrosen-Pfades ungehindert wächst und gedeiht. Diese bemerkenswerte Pflanze nimmt je nach Jahreszeit eine unterschiedliche Gestalt an: zurzeit sieht die Pfingstrose eher aus wie eine grüne Sternfrucht, im Herbst verwandeln sich die Knospen in blaue und knallpinke Kugeln, die eher wie getrocknete Johannisbeeren aussehen. Im Winter sieht die peonia kesrouanensis plattgedrückten getrockneten Feigen zum Verwechseln ähnlich. Nur im Frühling erkennt der aufmerksame Wanderer, dass es sich tatsächlich um eine Blume handelt.

Wir begegnen anderen Wandergruppen, tauschen verschwitzte Grußworte und energiereiche Sesamriegel aus und fotobomben Gruppenselfies bei jeder pittoresken Aussichtsplattform.

Am Ende des sechsstündigen Ausflugs im Namen des Wanderns und Strebens trennen sich die Moon Monkeys mit „min shufak el weekend el jeye“, wir sehen uns nächstes Wochenende! …und Hisham hat keinen einzigen Vogel gefilmt.


Alice Brandt Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

Zu Besuch in Hebron

Ein Beitrag von S., Praktikantin der hbs Ramallah

Heimatland, watan (وطن) und Siedlung, mustawtana (مستوطنة) haben im Arabischen denselben Wortstamm. Beiden Begriffen wohnt eine Konnotation der “Verwurzelung” inne: Heimat ist der Ort unserer Herkunft, dort wo wir herkommen und wo unsere Wurzeln stecken; Siedlung hingegen ist eine „Niederlassung“, ein Ort an den man nicht gebunden ist, den man erobert und sich zu eigen macht.

In der palästinensischen Stadt Hebron, südlich von Jerusalem, stoßen diese beiden Konzepte konfliktträchtig aufeinander. Vier illegale israelische Siedlungen haben sich hier im Herzen der Stadt verwurzelt und weiten sich kontinuierlich aus.

Die ersten Siedler kamen im Frühjahr 1968 in die Stadt, ein Jahr nach der israelischen Eroberung des Westjordanlandes. Sie richteten sich im Park Hotel ein, um dort das Pessach Fest zu feiern und weigerten sich später, das Hotel wieder zu verlassen. Nach einer anfänglichen Evakuierung durch die israelische Armee wurden die Siedler 1970 in eine vom israelischen Parlament genehmigte, neugegründete Siedlung außerhalb der Stadt versetzt: Qiryat Arba. Während die Siedlung immer mehr Zuwachs bekam begannen einige ihrer Einwohner, Häuser im Stadtzentrum von Hebron zu besetzen. Sie wollten die jüdische Gemeinde wieder aufbauen, die dort nach einem Massaker im Jahr 1929, im Zuge des arabischen Aufstands gegen die jüdische Zuwanderung, aufgelöst worden war.

Heute beherbergt die Stadt geschätzte 500 Siedler, aufgeteilt in die Siedlungen Tel Rumeida, Beit Hadassa, Avraham Avinu und Beit Romano, beschützt von 4000 Soldaten. Allein in der Altstadt befinden sich 12 durchgehend betriebene Checkpoints und der Zugang zur Shuhada Street, der Hauptader des alten Stadtzentrums, ist für Palästinenser gesperrt. Früher war diese Zone voller Leben und der Handel florierte, jetzt sind alle Geschäfte verriegelt und die Atmosphäre in den Gassen gleicht der einer Geisterstadt. Die wenigen palästinensischen Einwohner dieses Stadtteils besitzen eine Identifizierungsnummer, die sogar auf ihren Hauswänden aufgesprüht wurde und die ihnen erlaubt, die Zone zu betreten. Besuche von Verwandten oder Freunden von außerhalb sind allerdings nicht gestattet.

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Auch wir, eine kleine internationale Gruppe unter der Führung des jungen Palästinensers Abdallah, müssen einen schwer bewachten Checkpoint passieren, um die Altstadt zu betreten. Sofort haben wir das Gefühl, dass sich die Luft mit Messern schneiden lässt. Von unserem Begleiter werden wir auf einem unebenen und improvisierten Weg durch einen versteckten Hintereingang in den Hof des Hauses der Familie Azzeh geführt. Nisreen, Witwe und Mutter von drei Kindern, gibt jedem von uns die Hand und lädt uns ein, näherzutreten, während sie ihre Erzählung beginnt.

Ihr Garten ist von einer Häuserfront israelischer Siedler umgeben, deren Angriffen die Familie täglich ausgesetzt ist: Steine und Müll werden von den oberen Stockwerken herab geworfen, rassistische Sätze auf die Mauer gesprüht, die Bäume vergiftet, die Familie wird davon abgehalten, ihre eigenen Oliven zu pflücken, und manchmal dringen sogar Soldaten in ihr Haus ein. Drei Jahre lang war die Wasserversorgung zum Haus unterbrochen und die Familie war auf gekaufte Flaschen angewiesen. Der eigentliche Hauseingang wurde blockiert, so dass die Familienmitglieder eine Zeit lang gezwungen waren, über eine sechs-Meter hohe Mauer in ihren Hinterhof zu klettern.  Zweimal schon, als Nisreen schwanger war, wurde sie von Siedlern angegriffen und sogar geschlagen. Sie ist fest davon überzeugt dass es diese gewalttätigen Vorfälle waren, die ihre beiden Fehlgeburten verursacht haben.

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Ihr unmittelbarer Nachbar ist Baruch Marzel, ein bekannter extremistischer Siedlerführer und Provokateur. In seiner Jugend war er Anhänger und Sprecher der rechtsextremistischen Organisation „Kach“, die von Israel als illegal erklärt und von den USA als Terrororganisation eingestuft wurde. In Israel ist er wegen seiner radikalen homophoben Ansichten und seines vehementen Aktivismus gegen Mischehen bekannt, in Hebron sorgen seine Gedenkfeiern für Baruch Goldstein, einen jüdisch-amerikanischer Siedler der 1994 in der Ibrahimi Moschee 29 Palästinenser beim Freitagsgebet ermordete, für großes Aufsehen. Zum ersten Mal wurde Marzel im Alter von 14 Jahren, dann mit 15 und mit 17 verhaftet. Seitdem häufen sich die Polizeiklagen aufgrund seiner gewalttätigen Angriffe auf palästinensische Einwohner, bisher wurde er aber nur einmal zur Rechenschaft gezogen und zu einer 12 monatigen Bewährungsstrafe  verurteilt. „Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, Hashem anzugreifen“, kommentiert Nisreen verbittert.

Tränen steigen ihr in die Augen, als sie von ihrem verstorbenen Mann spricht: „Hashem war immer sehr aktiv im Widerstand gegen die Siedler. Eigentlich war er Arzt, aber in seiner Freizeit begleitete er Touristengruppen durch die Stadt und erzählte ihnen von der BesatzungJede Tour endete in unserem Wohnzimmer, wo er den Besuchern Videos der letzten Geschehnisse zeigte.“

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Durch seine Aktivität als Fremdenführer hatte er immer wieder die Aufmerksamkeit und den Ärger der Siedler auf sich gelenkt. Einmal, als in der Stadt eine größere Auseinandersetzung tobte, wurde der Garten der Familie massiv mit Tränengas beschossen. Hashem, der bereits anfällig für Herzleiden war, erlitt einen Herzinfarkt und starb. Nach Einschätzung der Ärzte wurde sein Tod durch das Tränengas hervorgerufen.

„Dem Krankenwagen wurde der Zugang zum Haus verwehrt, also blieb uns nichts anderes übrig, als Hashem eigenständig zum Checkpoint zu tragen. Die jüdischen Nachbarn sind uns sofort gefolgt und haben die Soldaten aufgefordert, das Tor zu schließen, aus Sicherheitsgründen. Fünfzehn Minuten haben wir gewartet… doch es war schon zu spät.“

Nisreen unterbricht sich, und wir bleiben stumm, denn unsere Reaktionen lassen sich nicht in Worte fassen. Doch sie will nicht, dass wir schweigen. Sie will, dass wir ihre Geschichte weitererzählen. Sie ist entschlossen, Hashems Arbeit fortzuführen und weiterhin Gruppen zu sich nach Hause einzuladen, um ihnen, durch ihre Geschichten und durch das Video-Material ihres Mannes, die Realität in Hebron zu zeigen.

 

Zustände und Zuständigkeiten

Ausflug zum libanesischen Premierminister

Die Müllkrise, die Beirut im letzten Jahr einen übelriechenden Sommer bescherte, ist weiterhin ungelöst. Noch ist das Wetter halbwegs kühl, ein laues Lüftchen weht, so dass man es nicht so merkt – doch Müll sieht man im ganzen Land, illegal entsorgt, wo imer Platz ist. Zum Teil sind die monumentalen Müllsackberge notdürftig mit Erde bedeckt worden. Man versucht – im wahrsten Sinne des Wortes – Gras über die Sache wachsen zu lassen.

Für meinen fünfjährigen Sohn ist das ein großes Thema. Wenn wir in Deutschland unterwegs sind, kommentiert er unablässig: „Eine Papiertonne, eine gelbe Tonne ohne Deckel, drei Altglascontainer, weiß, braun, grün, eine Biotonne …“ Wenn es nach ihm ginge, würden wir nicht Ferien auf dem Bauernhof sondern auf dem Recyclinghof machen und uns den ganzen Tag anschauen, wie Müll getrennt wird.

Die letzte Unterrichtseinheit seiner Klasse in Beirut drehte sich um Pflanzen und wie sie nicht nur für saubere Luft sorgen sondern auch unter Umweltverschmutzung leiden. Im Rahmen dessen ermöglichte ein gutvernetzter Vater den Besuch der Schüler beim libanesischen Premierminister Saad Hariri, damit die Kinder an höchster Stelle über das Thema sprechen könnten.

Nach dem Empfang im Serail fragte ich meinen Sohn, ob er sich nach Mülltrennung und Recycling im Palast erkundigt habe. Er schüttelte den Kopf: „Weißt du, in dem ganzen großen Haus, in dem er sein Büro hat, habe ich nicht eine einzige Mülltonne gesehen! Nicht mal einen Mülleimer! Ich bin mir nicht sicher, dass er der Richtige ist, um mit ihm über Recycling zu sprechen.“

Regenbogenflaggen über Beirut – Beirut Pride Week

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Ein Beitrag von Bastian Neuhauser

„So… Happy Beirut Pride, I guess!“, schreit die Moderatorin ins Publikum. Menschen johlen, klatschen, schnippen mit den Fingern, und man hat das Gefühl, sie wissen selbst nicht ganz, was gerade passiert. Unter bunten Glühbirnen drängen sich mittlerweile mehr Menschen als Stühle, man sitzt auf dem Boden, auf Paletten und Schößen. Es ist eine Nacht des Geschichtenerzählens, und obwohl sich hunderte von Menschen um die winzige Bühne mit dem verloren wirkenden Mikrofon drängen, hat man sofort das Gefühl, dass es ein besonderer Augenblick ist. Lesbische, schwule, bi, trans, inter und queere Menschen nehmen Raum ein – Raum, der ihnen sonst nicht zugestanden wird. In keinem Moment vergisst man, wie wenig selbstverständlich das ist, in einem Umfeld, das sonst fast immer nur prekär ist für Personen deren Identität jederzeit als unnatürlich, gefährlich, strafbar gelten kann. Was entsteht, ist fast so etwas wie Intimität. Die Moderatorin wirft einen langen Blick in die Runde und fasst dieses Gefühl in Worte, erklärt dass dies ein Ort ist, an dem man offen sein darf, seltsam sein darf, verwundbar sein darf, und bittet alle dies zu respektieren. Menschen kommen auf die Bühne und erzählen ihre Geschichten. Eine Lesbe erzählt von ihrem Coming Out und ihrer ersten Liebe, ein schwuler Aktivist von den Tagen, als Sicherheitskräfte seine Wohnung durchsuchten und er für drei Tage verhaftet wurde, ein Sänger von den Traumata seiner Jugend und seiner Gegenwart. Jeder Pointe, jeder Pause folgt frenetischer Jubel, der gebrochen von den Brandwänden der umliegenden Hochhäuser zurückschallt. Man feiert das eigene Dasein, das eigene Überleben und die Tatsache, der Gesellschaft diesen Ort und diese Momente abgerungen zu haben, nur eine Handvoll Stunden, nachdem die libanesische Politik den Auftakt der Pride bereits in die Knie zwang. Man schätzt diese Tatsache, niemand unterbricht sich, niemand steht auf, als hätte man Angst, diese Seifenblase zum Platzen zu bringen. Die Bühne öffnet sich für alle, manche erzählen ernst ihre Lebensgeschichten, andere alberne Witze. Langsam löst sich der Abend auf. Als ich aufstehe, schreit grell eine Polizeisirene durch die Nacht. Mein Nachbar dreht sich um: „Ach, jetzt kommen sie also doch noch um die Veranstaltung zu räumen. Ein bisschen spät, jetzt hatten wir schon unseren Spaß.“ Noch mit einem Grinsen im Gesicht tritt er auf die Straße.

II.

Das Epizentrum der elektronischen Tanzszene Beiruts liegt auf dem 4. Stock eines alten Hafengebäudes, am Ende eines langen, stets mit Rauch gefüllten und von vier Scheinwerfern zerschnittenen Ganges. An diesem Abend wird die schlicht monochrome Dramatik dieser Installation von den Farben des Regenbogens abgelöst. Werden sonst hier nur die kulturell und finanziell privilegierten eingelassen, verteilt nun ein Türsteher mechanisch Stempel an das hereinströmende – und trotzdem gewohnt homogene – Publikum. Es soll ein feministischer Vortrag stattfinden, dazu Musik. Ersteres ist schnell erledigt. Eine Gruppe von Frauen liest einen überraschend knappen Text, gerichtet an den spärlich gefüllten Saal. Niemand scheint zuzuhören, man weiß an den richtigen Stellen zu klatschen, ansonsten warten Menschen ungeduldig auf die Rückkehr der Musik. Zum Ende des Vortrags beginnt sich der Saal zu füllen, Bewegung kommt in die nun beachtliche Menge als verkündet wird, es gäbe eine halbe glückliche Stunde lang kostenlose Getränke an der mit etwas verängstigt dreinblickendem Personal besetzten Bar. „Finally, we can have some fun“, stöhnt eine Freundin in mein Ohr und ist im nächsten Moment mit drei Gläsern bewaffnet zurück. Die Bässe trommeln nun gnadenlos los. Es beginnt – in bester libanesischer Manier – ein Abend mit Alkohol, Tanzen, Küsschen links, Küsschen rechts, kenn´ ich dich nicht von irgendwoher? In einem ersten Impuls bin ich überrascht von der Abwesenheit von inhaltsschweren Vorträgen, emotionalen Reden, großen Gesten. Und dann vom Überdruss meiner Bekannten. „Warum muss alles immer politisch sein?“, wird mir von einer angetrunkenen Freundin mit zusammengerafften Augenbrauen entgegengeworfen, „Haben wir kein Recht, einfach zu existieren, über normale Dinge zu reden, die nichts mit Religion oder Krieg zu tun haben? Dürfen das nur Leute aus dem Westen?“ Ich nippe an meinem Gin Tonic. Die zerknittert am DJ-Pult hängende Regenbogenflagge bewegt sich sanft über der zunehmend ekstatisch bunten Menge. Und mir wird klar, was es auch heißen kann, politisch zu sein:  Spaß zu haben, zu tanzen, einfach zu existieren.

III.

In einem weiten Bogen fliegen die langen plastikroten Locken von links nach rechts und klatschen nahezu hörbar gegen den Vollbart der Drag Queen. Zwischen den Tischen der Glücklichen deren Reservierung sie zu einem Abend überteuerter panasiatischer Küche und bester Sicht auf das Geschehen ermöglicht, schreit sich Evita stumm die Seele zu Missy Elliots Reverse It aus dem Leib. Im Hintergrund diejenigen, die auf Bänken stehend Blicke erhaschen, noch dahinter auf der anderen Seite der Fenster, die lange Schlange derjenigen, die gar keinen Platz gefunden haben. Das Lied endet, ein langer Schluck aus einem Glas das sowohl mit Gin als auch mit Wasser gefüllt sein könnte, ein tiefer Atemzug. Evita füllt die Stille mit ihren Geschichten, immer laut, derb, aber nie will sie ihre Intelligenz ganz verbergen. Es sind Geschichten aus queeren Alltagen: über die Grenzen allgemein akzeptabler Körperbehaarung, über hetero Männer, die Sex mit anderen Männern auf schwulen Dating Apps suchen, über die mannigfaltigen Wege, enkellose Großeltern auf Familienfeiern ein weiteres Jahr zu vertrösten. Die Themen kommen mir vertraut vor, es sind dieselben in Barcelona und Berlin. Ich pfeife, wenn Evita alle maskulinen Männer bittet den Saal zu verlassen, um Platz für die „good gays“ zu machen und wenn sie immer wieder betont, dass lesbische Frauen doch eigentlich die besseren Menschen auf dieser Welt sind, ohne sie wohl niemand hier wäre, am wenigsten sie selbst. Mittlerweile rollen die Schweißperlen dick von der gepuderten Stirn. Doch noch mit verschmiertem Lippenstift kämpft sie unerbittlich plaudernd gegen die Dinge, die die Community, hier und überall, bewegen. Nebensätze über Hass, Gewalt, Scham, über die Frage, wie man sich in Polizeikontrollen verhält, und was es bedeutet, nicht mehr seiner Familie zu sprechen, weil sie nicht erträgt, wer man ist. Am Ende versteht sie, diesen letzten Abend der Pride nicht in dunklen Tönen zu beenden. Die Regenbogenflaggen, die am Tag davor in den Straßen Mar Mikhaels hingen, die Euphorie, die sich während dieser Woche in der Beiruter Szene breit machte, und der vage aber elektrisierende Vorgeschmack auf einen anderen Libanon sind noch zu präsent. In den letzten Atemzügen ihres zweistündigen Monologs stellt sie selbst etwas überwältigt fest: „Oh my god, look around! I feel like I am in Paris!“. Die Bar bricht in Jubel aus.


Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser ist seit April 2017 Projektassistent im Büro der Heinrich Böll Stiftung in Beirut. Davor studierte er Politikwissenschaften und Soziologie unter anderem in Berlin.

Beirut: wo die wilden Motten hotten

Delineating nature - Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 - Borders

Delineating nature – Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 – Borders

2006, infolge der Entführung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah, bombardierte Israel den Libanon. Innerhalb eines Monats wurde die zivile Infrastruktur des Landes schwer beschädigt. Neben 165 Israelis starben in diesem Krieg 1300 Libanesinnen und Libanesen – überwiegend Zivilisten. Als Nothilfe sagte Ägypten dem Libanon damals den Bau eines Feldlazaretts zu.

Der Krieg war nach 34 Tagen beendet. Das Feldlazarett ließ über 10 Jahre auf sich warten. Erst jetzt, im Frühjahr 2017 wurde es errichtet. Das sind die Momente, in denen man eine Städtepartnerschaft zwischen Beirut und Schilda vermuten könnte.

Dass der Bau des Krankenhauses 10 Jahre lang vertagt wurde, liegt daran, dass die Stadt Beirut zuvor keinen Ort identifiziert hatte, der in Frage käme. Öffentlich sollte er sein, damit keine zusätzlichen Kosten entstünden. Im Zuge der ausufernden Privatisierungen ist öffentlicher Raum jedoch knapp geworden. Nach langem Hin und Her wollte man zunächst eine der raren öffentlichen Bibliotheken, unterhalten durch den privaten Verein „Assabil“, dafür nutzen. Nach Protesten wich man aus – auf den Parkplatz des Stadtparks von Beirut, dem erst 2016 der Öfffentlichkeit zugänglich gemachten Horsh.

Illustrationen wie die obige der libanesischen Künstlerin Nadine Bekdache zeigen, wie dieser Park über die Jahre schrumpfte, wie öffentlicher Grünraum dem Wohnungsbau weichen musste. Insofern liegt der Verdacht nahe, dass die jetzige angeblich temporäre Nutzung des Parkplatzes – nach zwei Jahren soll das Krankenhaus wieder abgerissen werden – der erste Schritt zu einer weiteren Verkleinerung der Grünfläche ist. Gleichzeitig mit dem ersten Spatenstich auf dem Parkplatz wurden die Tore des  Horsh nämlich wieder geschlossen, wenn auch aus einem ganz anderen Grund: ein Schädling verwüste den Pinienbestand des Parkes, heißt es. Experten der Beiruter Universitäten sind dabei, das Insekt zu bestimmen und geeignete Gegenmaßnahmen zu treffen.

Folgt man der spärlichen Berichterstattung in den Medien, ist man allerdings geneigt, eine kafkaeske Verschwörung zu wittern. Vier Zeitungen benennen jeweils eine andere Art Käfer oder Motte, alle  gleichzeitig auf dem Weg, die letzten Pininen dieser Stadt zu vernichten. Dabei steht nicht jeder Baum gleichermaßen im Visier. Der überwiegende Baumbestand sieht (noch) überraschend grün aus. Das liege daran, heißt es, dass die verdorrten Bäume sofort abgeholzt würden. So genau lässt sich das nicht überprüfen, da man nicht mehr an die Bäume drankommt. Schuld an der Plage seien nämlich die Besucher, die sie unter ihren Schuhsohlen eingeschleppt hätten – augenscheinlich sind die Schädlinge also nicht nur gefräßig sondern auch faul, denn all die Arten, über die spekuliert wird, könenn auch fliegen. Wahrscheinlich haben sie vor der Öffnung des Parkes brav an desen Zaun gewartet.

Nicht 20 Jahre Vernachlässigung und Missmanagement der Grünfläche sind es also, die den Stadtpark ruinieren, sondern dass er endlich genutzt wird.

Hungerstreik

Ein Gastbeitrag von S., Praktikantin im hbs-Büro Ramallah

Während der Mittagspause spaziere ich heute zur Abwechslung einmal in Richtung Arafat-Platz. Aus den Lautsprechern dröhnen dort seit Tagen arabische Lieder und eifriges Männergeschrei. Auch ein Zelt wurde aufgestellt, das mit Postern und Fahnen behängt ist und unter dem sich zu jeder Uhrzeit Menschen mit resignierten Gesichtern zu schweigendem Beisammensein versammeln.

Dass vor fast zwei Wochen ein Hungerstreik von palästinensischen Gefangenen in israelischer Haft ausgerufen wurde ist mir bekannt, dass dieses Zelt etwas damit zu tun hat wusste ich allerdings nicht. Jeden Tag werden hier Solidaritäts-Versammlungen und Demonstrationen abgehalten, um jenen Palästinensern, die unerreichbar weit weg, hinter den Gittern israelischer Gefängnisse einen stillen Kampf um ihre Rechte führen, eine Stimme zu verleihen.

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Zum Anlass des “Gedenktages für Palästinensische Gefangene” am 17. April haben geschätzte 1500 Palästinenser in israelischer Gefangenschaft einen kollektiven Hungerstreik mit offenem Ende ausgerufen. Anführer dieser Initiative ist der prominente Gefangene Marwan Barghouti, 57. Der Fatah-Politiker wurde im Jahr 2004, während der Zweiten Intifada von einem israelischen Militärgericht wegen Mordes und Terrorismus zu fünf lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Er selbst hat sich gegen diese Vorwürfe nicht verteidigt, weil er die Rechtmäßigkeit des Gerichts und des Prozesses nicht anerkannt hat. In der palästinensischen Gesellschaft genießt Barghouthi hohes Ansehen und wir von vielen als möglicher Nachfolger von Mahmoud Abbas gesehen.

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Unter dem Slogan „Freiheit und Würde“ prangern die Hungerstreikenden unter seiner Führung die israelischen Verstöße gegen die Menschenrechte der palästinensischen Häftlinge an. Sie beklagen Folter, Isolations- und Adminstrationshaft, sowie mangelnde medizinische Versorgung, die Inhaftierung von Kindern und das Verbot von Familienbesuchen und sie verlangen substanzielle Verbesserungen der Haftbedingungen.

Zu den Forderungen der Gefangenen gehören öffentliche Telefone im Gefängnis, um die Kommunikation mit den Familien zu ermöglichen, regelmäßige Besuche (alle zwei Wochen) und eine Verlängerung der Besuchsdauer (auf 45 Minuten), angemessene medizinische Versorgung, ein menschlicherer Umgang mit den Gefangenen, die Erlaubnis, persönliche Gegenstände besitzen zu dürfen (etwa Bücher, Zeitungen oder Kleidung) und das Recht auf Bildung.

Aber wieso greifen die Häftlinge zu solch lebensbedrohlichen Mitteln, um ihre Ansprüche durchzusetzen? Die Antwort auf meine Frage bekomme ich eine Woche später bei einer großen Demonstration zur Unterstützung der Hungerstreikenden in Ramallah. Der Treffpunkt könnte nicht geeigneter sein: unter der Statue von Nelson Mandela, dem südafrikanischen Anti-Apartheidskämpfer und ersten Präsidenten des demokratischen Südafrika, sammeln sich Männer, Frauen und Jugendliche und verlangen nach seinem Beispiel Gerechtigkeit und Freiheit.

Die Demonstranten, denen ich meine Fragen stelle, erklären mir, dass dieser „rechtmäßige Ungehorsam“ ein Mittel sei, um sich gegen ein strukturiertes System der Einschränkung und Repression zu wehren und die Autorität über den eigenen Körper wiederzugewinnen. All ihrer Freiheiten beraubt bleibe ihnen nichts anderes übrig, als dazu den eigenen Körper und die eigene Gesundheit einzusetzen. Hungerstreik sei ein legitimes Widerstandsmittel, das von der World Medical Association (WMA) in ihrer Deklaration von Malta anerkannt worden sei als „Form des Protestes jener, ,, die keine andere Möglichkeit haben, ihre Forderungen bekannt zu machen“.

Der Hilferuf der Hungerstreikenden ertönt heute auf dem Nelson Mandela Platz aus den Mündern ihrer Mütter und Väter, Frauen, Männer und Kinder. Die ganze Welt soll ihn hören. Man singt, schwenkt Fahnen, eine Musikkapelle trommelt, von der Bühne aus ertönen Parolen; selbst der aus dem Gazastreifen stammende „Arab-Idol“ Star Mohammad Assaf ist hier, um Solidarität mit den Gefangenen zu demonstrieren und der Kampagne mehr mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen.

 

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Auf vielen T-Shirts prangt zudem der Hashtag #SaltWaterChallenge, eine Initiative von Aarab Marwan Barghouti, dem Sohn des Streik-Anführers. Er ruft damit dazu auf, es den Hungerstreikenden gleich zu tun und ein Glas Wasser mit Salz zu trinken. Diese Geste der Solidarität sollte, nach dem Vorbild der soegannten „Ice Bucket Challenge“, gefilmt und auf YouTube gepostet werden. Viele Prominente und weniger Bekannte sind dem Aufruf bereits gefolgt, darunter auch Mitglieder der Jewish Voice for Peace in den USA. Darüber hinaus gibt es in vielen Städten Europas und der USA Solidaritätsbekundungen, Sit-Ins und Demonstrationen. Die israelische Gefängnisverwaltung dagegen hat bislang keine Anzeichen gegeben, dass sie den Forderungen der Gefangenen nachgeben will.

 

Beautiful Trouble – Theaterworkshop im Flüchtlingslager Al Jalasoun

Herunterhängende Kabel, schmale verwinkelte Gassen, verfallendes Mauerwerk. In Al Jalasoun bei Ramallah, einem der zahlreichen Flüchtlingslager im besetzten Westjordanland, wo sich ein Haus an das andere drängt, dominieren Männer das Straßenbild. Auch ich habe während meiner Besuche im Lager nur wenige Mädchen und Frauen auf der Straße gesehen und mich – und letztendlich einige Bekannte – gefragt, wo sie wohl ihre Zeit verbringen. „Meistens sind sie zuhause“ war die häufigste Antwort, die ich bekam.

Doch heißt dies automatisch, dass Frauen hier weniger zu sagen haben? Und wer fragt sie? Wer fragt die Einwohnerinnen des Camps, ob es den Raum gibt, ihre persönliche Situation in Ruhe anzusprechen? Damit meine ich auch einen physischen Raum, der für alle Frauen zugänglich und öffentlich ist, um Gespräche zu führen, die nur mit bestimmten Menschen geführt werden wollen. Ich stelle mir das schwierig vor, auf den wenigen Quadratkilometern des Lagers, wo nahezu 10.000 Menschen leben.

Um dieser Frage nach Raum auf den Grund zu gehen, haben meine Freunde Alaa Zubaide und Jawdat Sayyeh und ich, Praktikantin der Heinrich-Böll-Stiftung Ramallah, Einwohnerinnen des Camps im Alter von 13 bis 30 Jahren zu einem eintägigen Theaterworkshop eingeladen, den wir gemeinsam und mit Unterstützung der HBS zum Thema „Theater der Unterdrückten“, organisiert haben.

Dabei haben wir die Feststellung von Hannah Arendt zum Ausgangspunkt genommen, dass Privates politisch ist und demnach Diskussionsgegenstand der Öffentlichkeit. Diese These wird praktisch angewandt im „Theater der Unterdrückten“, wie es etwa am Freedom Theater in Jenin praktiziert wird. Es speist sich aus der Logik, eigene Erfahrungen zur Grundlage von Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu machen. Zuschauende werden zu Darstellenden, indem sie in das Geschehen auf der Bühne eingreifen und ihren Lösungsvorschlag für das dargestellte Problem testen können.

Einen geeigneten Ort für unseren Workshop fanden wir im Women’s Programs Center, einige hundert Meter hinter dem Eingang zum Camp. Es ist ein langgestreckter zweistöckiger Bau. In der Eingangshalle würdigt ein überdimensioniertes Metallschild die ausländischen Spender der Einrichtung.

 

Jede der zwölf Mädchen und Frauen, die nun mit uns im Stuhlkreis sitzen, lebt in Al-Jalasoun. Ihre Namen will ich aus Rücksicht auf ihre Privatsphäre nicht nennen.

Während der Planung des Workshops hatten wir viel darüber gesprochen, dass wir auf jeden Fall verhindern wollen, koloniale Strukturen zu reproduzieren und versuchen wollen, dem hier allgegenwärtigen Paternalismus zu entgehen. Ich möchte nicht als weiße Europäerin Frauen aus einem palästinensischen Flüchtlingslager beibringen, wie sie mit Konflikten, und dann noch privaten, umzugehen haben. Daher betonen wir zu Beginn des Workshops, dass es keine starren Strukturen gibt, sondern Ablauf und Methoden flexibel sind.

Nach einer ausführlichen Vorstellungsrunde und dem einstimmigen Beschluss, dass mein Bekannter Alaa gerne als Übersetzer im Raum bleiben könne, sehen wir uns gemeinsam den Kurzfilm „Shadi in the Beautiful Well“ an. Ein palästinensischer Junge tauscht hier seine neuen Turnschuhe gegen seine geliebte Taube, die ihm von anderen Jungen im Lager gestohlen wurde, anstatt sie sich gewaltvoll zurück zu erkämpfen.

Zugegebenermaßen, ich hätte nicht erwartet, dass die Teilnehmerinnen die kurz zuvor angekündigte Flexibilität bereits so kurz nach Beginn des Workshops einfordern würden. Nach meiner anfänglichen Überforderung, spüre ich jedoch, dass dies das Richtige ist. Alaa und ich sind nun diejenigen, die zuhören.

Als nach dem Film die erste praktische Einheit beginnen soll, finden wir uns nicht wie geplant in der pantomimischen Darstellung der Konflikte wider, die vom Film auf die Realität übertragbar sind. Vielmehr wird von den Teilnehmerinnen meine Rolle hinterfragt und mit ihr eine eurozentrische Sichtweise. Diese Diskussion wird von meiner Eingangsfrage nach der Filmvorführung ausgelöst:

„Vor dem Hintergrund des Films, was bedeutet Freiheit in einem weiterem Sinne für jede Einzelne von euch?“

Die kritische Antwort einer älteren Teilnehmerin folgt blitzschnell:

“Frieden einzig und allein in mir selbst zu finden, ist für mich nicht akzeptabel. Hör zu: es gibt keinen Frieden, nur Mauern. Wie kann es Frieden geben, wenn ich in diesem Land nicht frei bin??”

Im Raum, hinter den zugezogenen, mit Blüten bestickten Vorhängen herrscht nun betretenes Schweigen. Von draußen ist der vorher nur im Hintergrund wahrnehmbare Alltagslärm deutlich zu hören. Das Herz pocht mir bis zum Hals. Jetzt habe ich es doch getan und mich in einen bis zum Rand mit Eurozentrismus gefüllten Fettnapf gesetzt. Ich habe mit meiner Frage nämlich die Besatzung beiseitegelassen, wollte mich auf vermeintlich Essentielles beschränken, auf die Freiheit jenseits der Besatzung. Im europäischen Kontext gelingt das ganz großartig. Aber hier? Nicht einmal einen Kilometer Luftlinie entfernt von der israelischen Siedlung Beit El, hier sicher nicht. Ich komme mir wahnsinnig anmaßend vor. Dabei wollte ich eigentlich „nur“ auf tieferliegende Probleme blicken, die die Teilnehmerinnen und ich, als Frauen, vielleicht etwas einfacher bearbeiten, aber seltener thematisieren können. Mir fällt es, mit meinem deutschen Pass und den dazugehörigen Privilegien, leicht die Besatzungsrealität auszublenden und über persönliche Themen wie Sexismuserfahrungen zu sprechen. Für die Frauen, deren Leben geprägt ist von Soldaten, die sie und ihre Familien aus dem Schlaf reißen, von Konfrontationen mit der israelischen Armee und ewigen Checkpoint-Kontrollen, lässt sich nicht so einfach eine Grenze zwischen innerer und äußerer Freiheit ziehen.

 

Eine junge Frau, die merkt, wie unwohl ich mich fühle, eilt mir zur Hilfe. Sie greift meine Frage auf und stellt sie selbst.

„Aber stell dir vor, Palästina würde befreit. Was müsste sich ändern, damit wir uns wirklich frei fühlten?“

Die Theatermethoden, mit denen wir eigentlich den Workshop durchführen wollten, sind in den Hintergrund gerückt. Stattdessen tauchen wir in eine spannende Diskussion um die Themen ein, die von den eingeladenen Frauen bestimmt werden. Eine dritte Teilnehmerin führt das Argument weiter:

„Ich glaube nicht an Freiheit in einem weiteren Sinne, weil es Traditionen und Gewohnheiten gibt, die die Leute einschränken. Und Frauen und Mädchen sind besonders eingeschränkt.“

„Die Enge des Camps führt zu Enge in den Köpfen!“

wirft eine Schülerin dazwischen. Rundherum zustimmendes Lachen. Für Frauen gibt es in  der palästinensischen Gesellschaft, wie in anderen Gesellschaften auch, aber erst recht in der drangvollen Enge der Flüchtlingslager, weit mehr Verhaltensregeln als für Männer. So können sich Frauen nicht einfach in Coffeeshops auf ein Pläuschchen bei Tee und Wasserpfeife treffen. Und nach sechs Uhr abends alleine auf der Straße zu sein, wird auch nicht gerne gesehen. Es ist nicht einfach, als Frau in der palästinensischen Gesellschaft Raum nur für sich selbst zu reklamieren. Die junge Schülerin fügt erklärend hinzu:

 „Es hängt von dem Mann ab, mit dem du zusammen bist. Wenn ich einen liberalen Typen hätte, würde ich mit ihm von hier wegziehen.“

Als ich die Teilnehmerinnen weniger später frage, wie sie ihre Privatsphäre beurteilen, antwortet mir eine vierfache Mutter aufgebracht: „Mauer an Mauer, Tür an Tür, Fenster an Fenster“. Das Leben auf beengtem Raum, verhindert nicht nur die physische Ausdehnung öffentlicher Begegnungsräume, sondern schafft ein Netz der sozialen Kontrolle, das abweichendes Verhalten schnell entlarvt und gegebenenfalls sanktioniert.

Moralische Bedenken gibt es in der palästinensischen Gesellschaft auch in Bezug auf Erwerbstätigkeit von Frauen. Eine Teilnehmerin berichtet, ihr Vater würde ihr nicht erlauben, außerhalb des Camps zu arbeiten, aus Sorge, sie könnte an den Checkpoints sexueller Belästigung ausgesetzt sein. Eine junge Frau, die erst vor kurzem in Finanz- und Steuerrecht  graduierte, ergänzt resigniert, dass auch sie aufgrund der Vorbehalte ihres Vaters nicht in eine andere Stadt ziehen könne. Starke Rückbesinnung auf Traditionen gibt einigen Menschen Sicherheit, wenn die Umwelt als bedrohlich wahrgenommen wird – aber sie schränkt eben auch ein.

Die Unterdrückungsmechanismen von Patriarchat und Besatzung greifen in Al Jalasoun eng ineinander. Sie zu thematisieren war ein wichtiger Schritt für uns. Noch bedeutender allerdings war die autonome Dynamik, die unser Workshop entfaltete und die zu einer solidarischen Atmosphäre führte. Die Begegnung mit den Mädchen und Frauen aus dem Flüchtlingslager Al Jalasoun war ein einzigartiges Erlebnis für mich. Für die Zukunft würde ich mir aber wünschen, dass solche Workshops nicht von einer Frau aus Europa, sondern von einer Palästinenserin selbst gegeben werden.

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Nina Siebert hat bei der hbs Ramallah ein Praktikum absolviert und studiert in Marburg Friedens-und Konfliktforschung. Sie hat während längerer Aufenthalte im Libanon und Palästina u.a. in palästinensischen Flüchtlingscamps gearbeitet und beschäftigt sich derzeit mit politischer Bildungsarbeit und kritischer Geschlechterforschung.

Der Vogel stinkt immer vom Kopf

"Bald am Beiruter Flughafen" - AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

„Bald am Beiruter Flughafen“ – AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

Massentötungen von Seevögeln, die Müllkrise, und wie all das mit der bewegten Geschichte Libanons zu tun hat

Ein Gastbeitrag von Mohamad Hassan Mansouri

Der Himmel über den Stränden Beiruts ist seit Mitte Januar überraschend leer. Wo sich sonst besonders Seevögel tummelten, herrscht Mitte Januar gähnende Leere. Besonders fällt das den Fischern auf. : „Natürlich vermisse ich sie. Sie waren unterhaltsam,“ zitiert die New York Times Mohammad Jradi, der seit 20 Jahren fischt Wie für ihn waren die Seevögel für viele andere Fischer stete Begleiter. Heute ist es einsam um sie geworden, nachdem innerhalb von drei Tagen im Januar angeblich 10.000 Vögel abgeschossen wurden.

Angelockt hatte die Vögel die „Costa Brava“, ein Küstenabschnitt wenige Kilometer südlich des einzigen internationalen Flughafens des Libanons. Hier lieh sich in hoffnungsvolleren Zeiten ein Strandressort den Namen des populären europäischen Touristenstrandes. Wo sich einst ausländische Tourist/innen und Libanes/innen am Strand erholten, türmt sich heute  provisorisch in Säcke gepresster Müll. Weil hier im letzten Jahr viel mehr abgeladen wurde, als die Deponie eigentlich verkraften kann, ist Costa Brava, wie der libanesische Blogger Claude el Khal schrieb, zu einem „riesigen kostenlosen libanesischen Restaurant“ für Vögel geworden.

In ihrer Masse begannen sie schließlich Starts und Landungen auf Beiruts Flughafen zu gefährden. Internationale Fluggesellschaften drohten, ihre Flüge in den Libanon einzustellen, weil Vogelschwärme in die Triebwerke geraten und die Maschinen zum Absturz bringen könnten. Umweltorganisationen hatten schon lange davor gewarnt und eine dauerhafte Lösung des Müllproblems gefordert.

Zunächst signalisierte das Umweltministerium, über eine Lösung nachzudenken – allerdings nicht die Schließung der Deponie, sondern lediglich Abschreckungsmaßnahmen für die Vögel. Am 14. Januar dieses Jahres nahm sich eine Gruppe von Jägern des Problems an – angeblich bezahlt durch die Regierung in einem  von Middle East Airlines gesponserten Bus kamen sie zur Küste und schossen Tausende Vögel vom Himmel.

Dieser Zwischenfall erzürnte libanesische Umweltaktivisten und lenkte den Fokus zurück auf die weiterhin ungelöste Müllkrise von 2015. Um die Proteste einzudämmen, hatte die Regierung gegen den Widerstand der Anwohner die Wiedereröffnung einiger längst überfüllter Mülldeponien beschlossen. Das ermöglichte den Abtransport des Abfalls aus Beirut und Mount Lebanon, und nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ legten sich die Proteste, an denen Tausende teilgenommen hatten.

Umweltaktivist/innen warfen der Regierung u.a. einen Bruch der Konvention von Barcelona vor, welche das Errichten von Mülldeponien an der Mittelmeerküste untersagt.

Jedoch war es vorauszusehen, dass die neuen Deponien und der neue Plan vom damaligen Agrarminister Chehayeb die Abfallproblematik nicht auf Dauer lösen können. Um zu verstehen, warum sich die Lösungsansätze ständig zwischen der Schließung alter und der Eröffnung neuer Deponien bewegen, lohnt sich ein Blick in die Nachkriegsgeschichte des Libanon.

Am 13. Oktober 1990 marschierten libanesische und syrische Streitkräfte im Präsidientenpalast ein und General Michel Aoun gab seine Kapitulation bekannt. Damit endete nach 15 Jahren ein Krieg, der das Land beinahe vollständig zerstört hatte. Dabei wurde auch vieles der Vorkriegsordnung zerstört und neue Machtverhältnisse ersetzten alte. Das 1977 gegründete Council for Development and Reconstruction (CDR) wurde 1992 wiederbelebt und wurde zum wichtigsten Instrument für den Wiederaufbau der Infrastruktur des Landes.

Gleichzeitig waren die Arbeiten und Vorgehensweisen des CDR immer begleitet von Korruptions- und Parteilichkeitsvorwürfen. Hauptakteur in der Abfallwirtschaft des Landes ist die private Firma Sukleen, welche auf die Abfallentsorgung spezialisiert ist, allerdings wenig im Bereich Mülltrennung und –beseitigung unternimmt. Ihr wird aufgrund ihrer Näher zur Familie Hariri vorgeworfen, Ausschreibungen trotz wettbewerbsunfähiger Preise für sich zu entscheiden. So kam es, dass Sukleen 1994 in einer Ausschreibung für 3,6 Millionen US Dollar zum beinahe alleinigen Abfalldienst  im gesamten Land wurde. Schon damals stand die skandalöse Schätzung im Raum, dass eine dezentralisierte Abfallbeseitigung in den Kommunen nur die Hälfte dieser Summe gekostet hätte und Korruptionsvorwürfe wurden laut. Dennoch ist Sukleen bis heute stets alleinige Bewerberin um die Vergabe der Beiruter Müllentsorgung. Pro Tonne erhält Sukleen den Spitzenpreis von USD 150, ist jedoch gleichzeitig nur für den Abtransport, nicht für die Bereitstellung von Deponiefläche zuständig.

Schon 1997 hatte die Vetternwirtschaft im Müllsektor zu einer Krise geführt. Damals war die Mülldeponie in Bourj Hammoud nach massiver Übernutzung geschlossen worden, ohne dass die Regierung eine Alternativlösung parat hatte. Das Resultat war eine Müllkrise in den südlichen Vororten Beiruts und in der Matn-Region, bei der die Regierung mehr oder weniger offen zugab, dass sie nicht in der Lage ist, etwas anderes als neue Mülldeponien anzubieten, geschweige denn eine längerfristige Vision für das Abfallmanagement hätte.

Heute, 20 Jahre später, scheint sich ihre Geschichte des Versagens zu wiederholen. Die Costa Brava ist lediglich ein weiteres Symptom einer verfehlten Politik, welche an der Grundsituation nichts ändert: der Libanon produziert zu viel Müll, ist nicht in der Lage ihn alleine zu bearbeiten und Recycling wird so gut wie nicht betrieben. Ohne, dass die Regierung bereit ist, das Problem nachhaltig anzugehen und solange die Gesellschaft nicht sensibler mit dem Thema Abfall umgeht, wird das Land auch in Zukunft dazu verdammt sein, seine Geschichte zu wiederholen – auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung.

Mohamad Hassan Mansouri

Mohamad Hassan Mansouri studierte Betriebswirtschaft und Interkulturelle Studien in Heilbronn und Kairo, sowie Volkswirtschaft und Politikwissenschaften in Marburg und Beirut.
Derzeit unterstützte er das hbs-Büro in Beirut in Wirtschaftsfragen und beschäftigte sich vorwiegend mit den wirtschaftlichen Folgen des seit 2011 anhaltenden Syrienkrieges.