Ramadan für nicht-Faster in Marokko

Ein Gastbeitrag von Lena Richter

„Bald ist Ramadan- Füllt die Vorräte auf!“ (c) im Netz gefunden von Lena Richter Public Domain

Für die meisten Marokkaner/innen ist der Ramadan eine sehr schöne Zeit: Das gemeinsame Fastenbrechen mit der Familie, Almosen geben, die besondere Atmosphäre während der langen Ramadan-Nächte, das Gefühl von Gemeinschaft, sowie mehr Zeit zum Nachdenken, für Spiritualität und Bescheidenheit. Besonders in Marokko ist das Fasten unglaublich wichtig. Für viele sogar wichtiger als andere Säulen des Islams, wie das Beten. So wichtig, dass der Alltag während des Ramadans auf dem Kopf steht: der Arbeitstag wird von 8h auf 6h verkürzt und selbst die Zeit wird um eine Stunde zurückgestellt. Und so wichtig, dass es oft Unverständnis aufruft wenn jemand nicht fastet. Dass jedoch nicht ganz Marokko fastet, wird zum Beispiel kurz vor Beginn der Fastenzeit klar, wenn (Alkohol)vorräte noch schnell aufgefüllt werden bevor die Spirituosengeschäfte während des Fastenmonats schließen.

Die Motive fürs nicht-fasten können sehr unterschiedlich sein. Manche Marokkaner/innen können krankheitsbedingt nicht fasten, andere gehören einer anderen Religion an und wiederum andere sind nicht-praktizierend oder nicht-gläubig. Für sie bedeutet der Ramadan nicht in der Öffentlichkeit essen zu können und sich oft rechtfertigen zu müssen warum man nicht fastet. Die Devise „iss doch einfach zu Hause“ ist oft einfacher gesagt als getan, besonders wenn man bei seiner Familie lebt, die fastet. Einige gehen darum während der Fastenzeit ins Ausland oder in Städte, wo es etwas weniger streng zugeht, wie etwa in Essaouira. Andere entwickeln kreative Strategien, um doch zu essen. Zum Beispiel, einen der legitimen Gründe um nicht zu fasten (krank sein, seine Tage haben, auf Reisen sein, etc.) als „Ausrede“ zu benutzen. Auch Wechselkleidung dabeihaben, die nicht verrät, dass man geraucht hat oder in einem Cafe war, ist eine Möglichkeit. Auf dem Arbeitsplatz bleibt jedoch manchmal nur das heimliche Essen im WC. Das Verstecken und Notlügen ist auf die Dauer sehr belastend, aber für viele der Preis den sie zu zahlen bereit sind, um den Haussegen nicht zu gefährden oder Probleme zu vermeiden.

Die neue Kampagne von MALI : Sticker-Aktion auf Stoppschildern (c) Lena RichterCreative Commons License logo

Andere möchten nicht still bleiben und fordern durch Aktivismus mehr Rechte für nicht-Faster. Es ist zum Beispiel 10 Jahre her, dass die Marokkanische MALI Bewegung zu einem öffentlichen Picknick während des Ramadans aufgerufen hat. Hiermit wurde eine jährlich wiederkehrende Debatte ausgelöst. Laut MALI sollte das Thema nicht nur während der Fastenzeit eine Rolle spielen. Deswegen haben sie sich dieses Jahr dazu entschlossen nicht während, sondern nach dem Ramadan ihre neuen Kampagne „StopArticle222“ zu starten. Mit einer Sticker-Aktion kritisieren sie die Gesetzeslage, die Essen in der Öffentlichkeit während des Fastenmonats für Marokkaner/innen untersagt. Ironischerweise ist besagter Artikel ein Abschiedsgeschenk aus der französischen Kolonialzeit, doch gerade Ausländer/innen sind von dem Gesetz nicht betroffen. Viele nicht-praktizierende Muslime kritisieren diese Doppelmoral.  Für Ausländer/innen ist es während des Ramadan zum Beispiel möglich im Diplomatenshop Alkohol zu kaufen oder auf der Terrasse eines italienischen Restaurants Wein zu trinken, während Marokkaner/innen im besten Fall ein „to go“ Paket von McDonalds bekommen.

Beispiel eines memes, welches auf Facebook viel geteilt wurde (c) im Netz gefunden von Lena Richter Public Domain

Wegen des Tabus rund um das Thema findet der Großteil des Aktivismus und der Debatte online statt. Zum Beispiel in Facebook-Gruppen wie „A cool Ramadan“, ein Wortspiel, das sich auf das arabische Wort „akul“ für „essen“ bezieht. Hier werden memes und Essens-Selfies gepostet, aber auch Ratschläge und Erfahrungen ausgetauscht. Im kleinen Umfang findet hier auch ein Austausch mit religiösen Führern statt. Während die meisten muslimischen Gelehrten die geltenden Gesetze, die das Essen im öffentlichen Raum verbieten, verteidigen, gibt es auch einige Islamgelehrte, die darauf aufmerksam machen, dass im Koran deutlich steht „es gibt keinen Zwang in Religion“.

 

 

In der tunesischen Facebook-Gruppe „Fater“ ist diese interaktive Karte von geöffneten Cafes entstanden Public Domain

Ein Blick nach Tunesien verrät, die muslimische Identität eines Landes und die Toleranz gegenüber religiösen und nicht religiösen Minderheiten müssen nicht gegenstreitig sein. Doch auch in Tunesien, wo fasten nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, bleibt Essen während des Ramadans, besonders im Inneren des Landes (siehe Karte), ein gesellschaftliches Tabu. Deswegen werden zum Beispiel Zeitungen vor Cafés gehangen, um die nicht-Faster vor Blicken zu schützen. Aus diesem Grund sind letztes Jahr viele Tunesier/innen unter dem Motto „#mouchbessif“ (kein Zwang) auf die Straße gegangen. Unter Ihnen auch praktizierende Muslime, die das Recht ihrer Mitbürger/innen auf Religionsfreiheit, verankert in der neuen Verfassung, unterstützen (siehe Fotos).

 

 

 

Die Demonstration #mouchbessif / Dieser Herr, ausgestattet mit der tunesischen Flagge und der Verfassung, fastet, aber findet es wichtig, dass jede/r dies frei entscheiden kann (c) Lena Richter

 

Dass es wichtig ist, dass Gläubige und nicht-Gläubige sich gegenseitig in ihrem Recht auf Religionsfreiheit, einschließlich der Freiheit nicht zu glauben, unterstützen, zeigt auch die andere Seite der Medaille: In vielen europäischen Ländern werden Menschen die fasten manchmal schief angeschaut. In China ist der Ramadan in der Provinz Xinjiang für die muslimische uigurische Minderheit sogar verboten, da der Ramadan dort als eine „extremistische Praxis“ angesehen wird, die gegen die kommunistische Ideologie verstößt. Demjenigen, der fastet, droht deshalb eine Geldstrafe. Deswegen fordern viele beides: Mehr Verständnis für diejenigen die fasten und diejenigen die nicht fasten.


 

  Lena Richter ist Doktorandin an der Radboud Universität in Nimwegen und war sechs Monate als Praktikantin bei der Heinrich-Böll Stiftung in Rabat tätig. Seit drei Jahren forscht sie über Atheismus in Marokko, Tunesien und der marokkanischen Diaspora.

Babylon – Beirut

Schild im Qaddesha-Valley (c) Anna Fleischer, mit freundlicher Genehmigung by Anna Fleischer All rights reserved

Eine der ebenso charmanten wie irritierenden Alltagsangelegenheiten im Libanon ist die Sprachgewandtheit der Libanesen. Nicht genug damit, dass die meisten Beiruter neben Arabisch ebenso selbstverständlich Englisch oder Französisch oder alle drei beherrschen, sie mischen sie auch freudig innerhalb eines Satzes.

In Deutschland schaudert es Sprachpuristen, wenn Anglizismen eingeflochten werden; „Kauderwelsch“ genießt kein gutes Ansehen. In der Bibel bringt Gott die Sprachverwirrung über die Babylonier, um sie für ihren Übermut zu strafen. In Beirut erscheint ganz im Gegenteil nicht die Viel-, sondern die Einsprachigkeit als Strafe. Sich fließend zwischen verschiedenen Idiomen zu beweegen gilt als Ausdruck von Weltoffenheit und wirkt identitätsstiftend als liebgewonnene Eigenheit, die auch Sprecher mit perfektem Englisch dazu bewegt, das „but“ beharrlich durch „bas“ zu ersetzen, oder Ich-Aussagen mit dem Arabischen „Ana“ einzuleiten – „Ana, I’d say“ – „Ich, ich würde sagen …“ Eine syrische und somit aus einem viel homogener arabisch geprägten Sprachumfeld kommende Freundin meinte, ihr Lieblingssatz sei die Modeberatung, die sie in einem Geschäft erhalten habe: „C’est k’tir k’tir chic bas k’tir k’tir simple.“ – „Das ist sehr schic aber gleichzeitig sehr schlicht.“

Das ist verlockend für jemanden, der sprachlich nicht so versiert ist: Fällt einem das Wort in der einen Sprache nicht ein, setzt man einen affektierten Gesichtsausdruck auf und flicht es beiläufig in einer anderen ein.

Mein kleiner Sohn, im Kindergarten beständig mit der Dreisprachigkeit konfrontiert, setzte das auch zu Hause fort. Englisch für Vereinbarungen, Arabisch für Beschleunigen und Bremsen, Französisch mit einem entsprechenden Gesichtsausdruck für die kleinen Mitteilungen zwischendrin. „Au toilet“, näselte er stets, wenn er aufs Klo wollte. Der Größere regte sich auf: „Du kannst das auch auf deutsch nett sagen. Ich sage immer „ich muss mal für kleine Königstiger.“ Der Kleine: „Mama, sind in unserem Bad TIGER?“

Auch ich amüsierte mich immer wieder über mich selbst, zum Beispiel, als eine Kollegin erzählte, sie hätten für einen Passanten Hilfe gerufen: „We called the Croissant Rouge!“ – Nach all den Jahren dachte ich immer noch spontan ans Frühstücksgedeck und nicht an die Krankenwagen des Roten Halbmonds. Oder bei Benennungen, die aus deutscher Sprachsicht vielleicht etwas unglücklich wirken wie „Rod’s Burger“, der mich unweigerlich an Schnupfen denken ließ. „Erinnerst du dich, wie wir in Damaskus immer über das große Schild des Arztes auf der anderen Straßenseite gelacht haben, „Dr. Chit“?“ warf meine Freundin aus Damaskus ein, „nicht zu reden von dem Wegweiser zum  „Grave of the unknown S.“, bei dem der Platz nicht ausgereicht hatte, und der „unbekannte Soldat“ gleich noch ein bisschen anonymer wurde!“

Gerne werden auch Wörter aus anderen Sprachen „arabisiert“ – nicht als Regierungsprogramm, sondern für den Alltagsgebrauch. „Gib mir einen ‚missed call’? Vokale raus, Konsonanten rein: „Tmskillni“. Wer sich nicht schon am frühen Morgen als Ausländer zu erkennen geben möchte, erwiedert „Bonjour“ mit „Bonjoureen“ – wünscht Du mir einen guten Morgen, wünsch ich Dir gleich zwei! Wie einmal ein Gesprächspartner heiter feststellte: „Die Kolonialmächte haben für einige Jahrzehnte unser Land nach ihren Vorstellungen geformt, wir rächen uns für immer an ihrer Sprache!“

Eine Untersuchung der Amerikanischen Universität in Beirut befasste sich damit, ob es bei diesem Sprachengewirr Unterschiede zwischen einzelnen Stadtteilen gäbe, ob der eine eher zum Englischen, der andere eher zum Französischen tendiere und man so die Geschichte der Stadt und ihre Brüche auch linguistisch abbilden könne. Die Forscher stellten fest, dass sich im öffentlichen Raum keinesfalls nur diese beiden prominent wahrgenommenen Sprachen oder durch die Aurnahme geflüchteter Armenier vor 100 Jahren in den durch sie geprägten Gegenden Armenisch niederschlugen, sondern Beiruts Beschilderung und insbesondere die Namensgebung von Restaurants und Geschäften noch vielfältiger ist. Sie trägt nicht nur der Geschichte des Landes Rechnung, sondern auch dem Umstand, dass Libanon ein traditionelles Auswandererland ist, von denen wiederum viele Einflüsse zurück in den Libanon getragen werden.

So, wie es in Berlin Imbisse gibt, die mit geschwungenen Linien und vielen eckigen Punkten darüber und darunter vortäuschen, arabisch beschriftet zu sein, hält es allerdings manch ein Hot-Dog-Laden auch in Beirut, wenn er „Frankwürst“ anbietet.

Pride Monat in Beirut

Drag Queens (und Cythia Khalfeh) (c) Lewis Semrani, mit freundlicher Genehmigung All rights reserved

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

Die Stadt Boston genehmigte Ende Juni einer sogenannte „Straight Pride Parade“- ein Event, das den Organisatoren zufolge die „unterdrückte Mehrheit heterosexueller Menschen“ zelebrieren solle. Ausgerechnet Milo Yiannopoulos, ehemaliger Redakteur der rechtslastigen Webseite Breitbart News, werde hierbei die Leitung der Veranstaltung übernehmen. Yiannopoulus ist seit langem aufgrund zutiefst rassistischer, frauenfeindlicher und rechtsextremer Äußerungen aus sämtlichen sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verbannt. So beschimpfte er Transmenschen mehrfach als „kranke homosexuelle Menschen, die nach Aufmerksamkeit suchen.“ Erschreckend also, dass ihm offenbar erneut eine öffentliche Plattform für die Verbreitung seiner widerlichen Ansichten geboten wird.

Eigentlich sollte es ja nicht nötig sein, schon wieder auszuführen zu müssen, weshalb absolut keine Notwendigkeit für eine Straight Parade besteht. Doch anscheinend gibt es immer noch genug Menschen, die der Überzeugung sind, sie profitieren noch nicht genug von ihrem gesellschaftlichen Status und ihren Privilegien. Anstatt sich die eigenen Vorrechte mal vor Augen zu führen oder gar ein bisschen Sensibilität gegenüber weniger privilegierten Bevölkerungsgruppen zu entwickeln, schlagen diese Männer um sich und krakeelen als versuchte man ihnen, etwas wegzunehmen. Tun wir ja auch: Nämlich ihre Privilegien, die bisher unangetastet geblieben sind. Und diesen Verlustängste muss natürlich lautstark auf den Straßen Bostons Ausdruck verliehen werden.

Werden diese Menschen wohl je verstehen, dass Heterosexualität nicht zelebriert werden muss? Nö, werden sie nicht, denn dann müsste man sich ja eingestehen, dass man etwas feiert, wofür man selbst überhaupt nichts getan hat. Mit der Pride Parade hat dies nichts gemein. Denn wenn man sich die Mühe macht und die Ursprünge der Pride Parade hinterfragt, dann kommt man zu dem Schluss, dass in unserer Gesellschaft praktisch jeden Tag Straight Parade ist. Menschen und insbesondere Männer, die in das heteronormative Mainstreamraster der Gesellschaft passen, müssen keine Angst vor Diskriminierung haben. Sie müssen ebenso wenig Angst vor polizeilicher Gewalt oder Verhaftungen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität haben. Im Pride Monat dagegen geht es deshalb darum, Vielfalt zu proklarieren, weil LGBTIQ* Menschen immer noch massive Diskriminierung erfahren. Inspiriert von den Stonewall-Aufständen homosexueller Menschen in New York 1969, die sich gegen polizeiliche Ausschreitungen und homophobe Gewalt zur Wehr setzten, demonstrieren auch heute noch LGBTIQ* Menschen für Gleichberechtigung und Toleranz. Anstatt mutigen Demonstrierenden, die jedes Jahr wieder auf die Straße gehen, aber den Respekt zu zollen, den sie verdienen, geht man(n) in Boston –  eine der LGBTIQ* freundlichsten Städte des Landes – lieber einen Schritt zurück und feiert Machismus und längst überholte Rollenbilder. Und das mitten im Pride-Monat!

Apropos, Pride Monat: Vor einigen Wochen habe ich hier einen Beitrag zum Auftakt des Pride-Monats in Beirut geschrieben, in dem ich der Frage auf den Grund ging, inwiefern das Hissen von Regenbogenflaggen in Raouche Rock als eine grundsätzliche Zunahme der Toleranz gegenüber LGBTIQ Menschen interpretiert werden kann. Inwiefern dienen die Stonewall Aufstände auch in Beirut als Vorbild für Proteste gegen patriarchale Strukturen und strukturelle Diskriminierung? Zumindest in Beirut dominierten im Pride-Monat Drag Queens das Nachtleben.

Mit freundlicher Genehmigung von Eric Mathieu Ritter, Gründer von Emergency Room All rights reserved

Darüber hinaus ist seit kurzem erstmalig ein Transmodel auf öffentlichen Werbeanzeige zu sehen. Das libanesische Modelabel Emergency Room entschied sich nämlich dafür, Sasha Elijah als Model für ihre neue Kollektion zu engagieren. Emergency Room wurde vor einem Jahr von Eric Mathieu Ritter gegründet: „Letzte Woche haben wir unsere Boutique in Beirut eröffnet und mir ist es sehr wichtig, zu verdeutlichen, dass das Label nicht nur für Nachhaltigkeit bei der Produktion und einen ethisch vertretbaren Umgang mit den Arbeitskräften steht, sondern auch für Diversität und Individualität. Aus diesem Grund entschieden wir uns dafür, ein Fotoshooting mit 25 unterschiedlichen Menschen mit verschiedenen Körperformen, Größen, Altersklassen, Religionszugehörigkeiten, Ethnien, Geschlechtern und Sexualitäten zu veranstalten, um zu zeigen, dass auch Beirut selbst ein Mix aus den unterschiedlichsten Menschen darstellt.“ Bei der Auswahl der digitalen Werbeanzeigen entschied Ritter sich dann unter anderem für Sasha Elijah, die sich in der Vergangenheit immer wieder auf mutige Weise gegen transphobe Kritik zur Wehr gesetzt hatte und mittlerweile auch auf internationaler Ebene als Model gefragt ist. Noch vor einigen Jahren wäre es nicht denkbar gewesen, ein Trans-Model auf einer großen öffentlichen Werbeanzeige mitten in Beirut zu sehen, aber im Gegensatz zu Boston hat sich in Beirut seither einiges in Richtung Offenheit getan. Das zeigt sich auch auf dem Instagram-Account der bekannten libanesischen Schauspielerin Cynthia Khalifeh, die sich mit einer Gruppe von Drag Queens ablichten ließ und sich auf Instagram für mehr Toleranz gegenüber LGBTIQ*-Menschen aussprach. Es scheint also doch Menschen zu geben, die ihre Plattform dafür nutzen, Solidarität zu bekunden anstatt rechtsextremistische und homo- bzw. transphobe Propaganda zu verbreiten. In diesem Sinne: Happy Pride Month! Auf dass all die krakeelenden Männerstimmen mal für einen Moment verstummen, damit die Menschen gehört werden können, die viel zu lang keine Stimme hatten.


Inga Hofmann

Inga Hofmann by Inga Hofmann All rights reserved

Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

Bräunungsöl und koloniale Kontinuitäten

Savannah-Werbung All rights reserved

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

Da sich die brütende Hitze in Beirut außerhalb des kühlen Büros nur schwer ertragen lässt und der von Müll überflutete Strand am Rand der Stadt auch nicht unbedingt zu einer kleinen Abkühlung einlädt, nutzen meine Freund*innen und ich die Wochenenden meist, um in den Süden des Libanons an die sauberen Strände zu fahren. Auf dem Weg dorthin creme ich mich – zur Belustigung meiner libanesischen Freunde – normalerweise bereits im Auto mit meiner 50+ Sonnencreme ein. Der Rest der Gruppe dagegen reibt sich frühestens nach dem ersten Gang ins Wasser großzügig mit Sonnenöl oder auch Babyöl ein, um möglichst schnell möglichst braun zu werden.

Jedes Mal wetteifern sie sich dann im Gespräch darüber, wie man den perfekt bronzenen Teint erhalten könne. Manchmal schnappen umliegenden Tourist*innen diese Tips auf und setzen sie um – und am Ende des Tages den Strand nicht selten mit schmerzhaften Sonnenbränden zu verlassen.

Die Art und Weise, in der viele im Libanon nach möglichst schnell erworbener, möglichst tiefer Bräune, streben, bietet der Werbung ein unerschöpfliches Feld für sämtliche Produkte, die den Prozess beschleunigen und den Bräunungsgrad optimieren sollen. So stach mir auf dem Weg zum Strand letzte Woche eine riesige Werbeanzeige der Kosmetikmarke Savanah ins Auge: Mit dem Slogan „Go Black or Go Home“ versuchten sie ihr neuestes Bräunungsöl zu vermarkten und es schien sie dabei nicht zu stören, dass sie sich eines rassistischen Jargons bedienten.

Ein Freund von mir kontaktierte die Firma später über Twitter, doch diese wiesen jegliche Rassismus-Vorwürfe von sich und gaben sich stattdessen naiv. Als ich ihre Social Media Präsenz anschließend genauer betrachtete, wunderte mich das gar nicht mehr: Die Werbeanzeige war kein Einzelfall, sondern stand vielmehr exemplarisch für eine ganze Reihe, die von rassistischen Vorurteilen nur so strotzten – und etwas, das man im europäischen Kontext klar als koloniale Kontinuitäten beschreiben würde.  So benannte Savanah eine ihrer Bräunungscremes nicht nur „Antelope“ und setzte sie damit in einen direkten Bezug zu einem Tier, das klischeehafterweise in der afrikanischen Savanne zu finden ist, sondern fügte darüber hinaus auch noch das Bild eines weißen Farmers hinzu. Das Erscheinungsbild des Mannes lässt darauf schließen, dass dieser sich des Blackfacings bediente, was angesichts der Tatsache, dass es sich bei dem Produkt um Bräunungscreme handelt, besonders perfide ist.

Beim Blackfacing malen sich weiße Menschen das Gesicht oder den Körper an, um auf diese Weise People of Color zu diskriminieren. Ursprünglich stammt diese Praxis aus der Kolonialzeit, in der sich US-Amerikaner in den sogenannten Minstrel Shows mit dunkler Farbe bemalte, um People of Color zu demütigen und bereits vorhandene Stereotype zu verstärken.
Bis heute hat sich an dem Rassismus, dem diese Praxis zugrunde liegt, nichts geändert, denn immer noch geht darum, rassistische Muster der Vergangenheit zu reproduzieren und internalisierten Rassismus aufrechtzuerhalten. Das funktioniert natürlich am besten, indem man die Verbrechen des Kolonialismus und noch immer bestehende Ungleichheiten aufgrund von Ethnie und Klasse einfach ignoriert und stattdessen versucht, den kritischen Diskurs durch rassistische Internet-Memes einzudämmen.

Von einer ähnlichen Ignoranz gegenüber kolonialen Kontinuitäten zeugt der folgende Post der Kosmetikmarke auf Instagram, auf dem ein Mann zu sehen ist, der vor einem Hintergrund posiert, welcher an die romantisierte Darstellung der afrikanischen Steppe zu Zeiten des Kolonialismus erinnert. Der Mann bewirbt das „Black Tanning Oil“ und erneut fragt man sich: Kann es nicht einfach Tanning Oil heißen? Kann es offenbar nicht, denn betitelt ist das Bild darüber hinaus auch noch mit der Überschrift „My heart is in Lebanon, my soul is in Africa“ . Doch auf wen wird hier Bezug genommen? Wessen Herz ist im Libanon und wessen Seele in Afrika?

An dieser Stelle kann ich nur mutmaßen, aber es könnte sich um libanesische Migrant*innen in Westafrika handeln. Denn Ende des 19. Jahrhunderts emigrierten viele Libanesen und Libanesinnen aus ökonomischen Gründen in Gebiete Westafrikas, die heute Länder wie Senegal, Mali oder Cote d´ Ivoire bilden. Genau wie der Libanon standen diese Gebiete damals unter französischer Kolonialherrschaft, weshalb Frankreich die Migration der libanesischen Menschen aktiv unterstützte. Die meisten Menschen wollten ursprünglich in die USA auswandern doch aufgrund mangelnder finanzieller Mittel und falscher Versprechungen durch die französische Kolonialmacht, migrierten sie schließlich nach Westafrika. Im Laufe der Zeit etablierte sich auf diese Weise eine libanesische Community in der Region, die bis heute vor allem auf wirtschaftlicher Ebene sehr präsent ist. Die zweite Welle von Migrant*innen, die aus ökonomischen Gründen migrierte, erfolgte erst später während des Libanesischen Bürgerkrieges, sodass libanesische Menschen mittlerweile die größte nicht-afrikanische Minderheit in der Region bilden.

Kolonialismus und koloniale Kontinuitäten sollten also nicht nur als binäres Verhältnis zwischen Kolonialmächten und einheimischer Bevölkerung verstanden werden, sondern in all ihrer Komplexität analysiert werden. Dazu gehört auch, die Rolle weiterer Communities innerhalb Westafrikas zu hinterfragen. Darüber hinaus sollte analysiert werden, inwiefern die rassistische Hierarchisierung der Gesellschaft als Folge des Kolonialismus auch heute noch eine Rolle spielt. Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Menschen aus westafrikanischen Ländern und Menschen mit libanesischem Hintergrund? Inwiefern dominiert ein gewisses „Überlegenheitsgefühl“ von Seiten der libanesischen Menschen und welche Konsequenzen hat das für People of Color, die im Libanon leben?

Nachdem Länder wie der Senegal ihre Unabhängigkeit deklariert hatten, verschwand zwar die französische Präsenz doch koloniale Kontinuitäten wurden bis heute aufrechterhalten – in allererster Linie natürlich von europäischen Ländern, die noch immer das größte Interesse daran hatten, ihre globale Hegemoniestellung zu wahren. Doch auch im Libanon lässt sich die rassistische Hierarchisierung der Gesellschaft spüren: Genau wie von den europäischen Mächten, wird immer noch zwischen europäischen und nicht- europäischen Menschen unterschieden und darüber hinaus werden nicht- europäische Menschen noch einmal in arabische bzw. nicht- arabische Menschen unterteilt. People of Color, die im Libanon leben, berichten immer wieder von Diskriminierungserfahrungen, die sich auf das nationale Rechtssystem und gesellschaftliche Faktoren zurückführen lassen. Haushaltskräfte aus Ländern wie Äthiopien bekommen keinerlei arbeitsrechtlichen Schutz gewährt und sprechen in Interviews von einer doppelten Form der Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe. Der fehlende rechtliche Schutz führt häufig zu Ausbeutung, Unterbezahlung und in den schlimmsten Fallen Gewaltdelikten. Darüber hinaus werden Menschen mit einem libanesischen Elternteil einerseits und einen afrikanischen Elternteil andererseits von der Gesellschaft ausgeschlossen: Betroffene schildern, wie sie auf überhebliche Weise von anderen Libanesen und Libanesinnen automatisch als Haushaltskraft bezeichnet wurden.
Genau mit diesem Thema setzten sich auch Nisreen Kaj und Marta Bogdanska in ihrer Ausstellung „Mixed Feelings“ auseinander und zeigten, wie die libanesische Gesellschaft die Zugehörigkeit zur Gesellschaft allein über die Hautfarbe einzelner Menschen definiere. Schon viel zu lang dominiere im Libanon das Verständnis einer homogenen Gesellschaft, das allein auf dem Ausschluss migrantischer Haushaltskräfte und „mixed Lebanese“ beruhe. Sehr treffend meinte Nisreen Kaj in einem Interview: „Die meisten sagen, sie hätten nie ein mixed- Lebanese gesehen, aber das stimmt nicht. Sie schließen nur automatisch darauf, dass wir nicht libanesisch sein können.“

Gegen dieses exklusive Konzept einer libanesischen Identität setzen sich NGOs wie Anti Racism Movement zur Wehr und versuchen Bewusstsein zu schaffen, indem sie Menschen aus Ländern wie Äthiopien unterstützen und vor Ausbeutung schützen. Doch solange die Mainstream-Werbung in der Öffentlichkeit die koloniale Vergangenheit romantisiert anstatt sie in ihrer eigentlichen Brutalität zu sehen, bleibt die rassistische Hierarchisierung der Gesellschaft wohl auch zukünftig erhalten.


Inga Hofmann

Inga Hofmann by Inga Hofmann All rights reserved

Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

 

 

 

 

 

 

Alles vergebens für den „Haustiertag“

 

Zukünftiges Haustier auf der Straße (c) privat by Bente Scheller All rights reserved

Ich weiß die Bemühungen der Schule durchaus zu schätzen, die SchülerInnen kreative Impulse bieten wollen. Nur sind nicht alle von ihnen sehr gut durchdacht. Obwohl mein Sohn in einer Schule ist, die sich „Vielfalt“ auf die Fahne geschrieben hat, findet diese in einem gesellschaftlichen Kontext statt, in dem vieles sehr einfach, anderes sehr vorurteilsbehaftet ist. Jedes Jahr gibt es zum Beispiel einen „Come as you like day“, einen Tag, an dem die SchülerInnen ihre Schuluniform temporär an den Nagel hängen und sich verkleiden durften.

Mein Sohn war begeistert: Elsa, die Heldin des Disney-Films „Die Eisprinzessin“, war so populär unter den Mädchen seiner Klasse, dass auch er davon träumte, einmal im glitzernden Kostüm erscheinen zu dürfen. Er lag mir lange damit in den Ohren, dass wir ein solches erwerben sollten, doch als ich ihn am Tag davor mit zum Einkaufen nehmen wollte, war er gar nicht mehr entzückt. Zu sehr hatten die LehrerInnen immer wieder nachgehakt, ob er nicht doch lieber Spiderman, Batman oder ein anderer männlicher Fantasy-Held sein wolle.  „Wenn ich mich nicht so verkleiden darf, wie ich will, dann lieber gar nicht,“ vekündete er genkickt, und hielt das auch im nächsten Jahr durch. Da durften die Verkleideten vor allen anderen der Schule ans Mikrofon treten und sagen, welchen Charakter sie sich ausgesucht hätten. Er verkündete, er komme als „er selbst.“

Wenig später schickte die Schule eine Einladung, dass alle SchülerInnen an einem bestimmten Tag ihr Haustier mitbringen sollten. Zugegebenermaßen hatte ich die Träume meines Sohns von einer eigenen Katze oder einem Hund stets einen Riegel vorgeschoben, weil wir so viel reisen, dass es schwierig gewesen wäre, sich angemessen um diese  zu kümmern. Als Ausgleich hatte ich ihm eine große Rundassel auf der Straße aufgelesen, die seither in einem Terrarium auf unserem Balkon lebte und um die er sich hinreißend kümmerte. „Weißt du, die anderen ekeln sich vor Insekten,“ meinte Laslo. „Als ich neulich einen Käfer auf dem Schulhof aufheben wollte,  haben die aus meiner Klasse gekreischt und die Schulhofaufsicht hat die Sicherheitsleute gerufen, damit sie den Käfer entfernen. Sie dachten, er sei gefährlich! Wenn ich „Roly Poly“ migbringe, reagieren sie bestimmt ähnlich, und vielleicht wäre es gefährlich für Roly Poly.“ – „Und wie wäre es mit Pitzy?“ fragte ich, wohl wissend dass Pitzy, eine grüne  Wanze aus den Bergen, ähnlich unbeliebt sein würde, aber immerhin deutlich niedlicher als die schwarze Assel erscheinen würde. „Pitzy ist letze Woche weggeflogen,“ erinnerte mich mein Sohn. „Und auch der kleine Gecko, der immer durch die Wohnung läuft, fände es in meiner Schule bestimmt nicht schön.“ Wir einigten uns darauf, dass das magere kleine Chamäleon, das wir mit kleinen Grashüpfern und Fliegen zu päppeln versuchten, dort gewiss auch nicht am richtigen Ort sei. Der kleine Bruder versuchte zu helfen: „Oh, eine tote Ratte. Wah meihnt du, iht die  gut für Hauhtiertag?“ lispelte er auf der Straße. „Sie müssen lebendig sein, in einem Käfig oder Aquarium“, antwortete Laslo nüchtern. 

Haustier, frisch geduscht (c) privat by Bente Scheller All rights reserved

Ich versuchte, ihn zu überzeugen, dass er stellvertretend vielleicht ein Kuscheltier mitbringen könne. Derweil entspann sich über die Whatsapp-Gruppe der Klasse eine erhitzte Debatte. Tierschutz spielte dabei weniger eine Rolle. Auch nicht, ob Hunde, Katzen und Vögel gleichzeitig in der Klasse eine gute Idee seien. Dafür aber Allergien: Es mögen bitte nur antiallergene Hunde und Katzen mitgebracht werden. Ich staunte, hatte ich bis dahin doch nicht einmal gewusst, dass es so etwas gibt.

Die Schule entschied sich letztlich, den Haustiertag abzusagen. Daraufhin flutete die nächste Welle enttäuschter Kommentare die Whatsapp-Gruppe: „Mein Kind hatte kein Haustier, jetzt haben wir ihr diesen teuren tropischen Fisch für den Haustiertag gekauft, und er wird einfach abgesagt?“ – „Wir auch – ein Kaninchen – und alles vergebens?“

Headbanging – das Gegenteil von Abnicken

Slave to Sirens - mit freundlicher Genehmigung von Slave to Sirens

Slave to Sirens – mit freundlicher Genehmigung von Slave to Sirens by Slave to Sirens All rights reserved

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

Ende April hätte die brasilianische Heavy Metal Band Sepultura eigentlich ein Konzert im  Libanon geben sollen, doch am Flughafen in Beirut wurde ihnen die Einreise in letzter Sekunde verweigert. Angeblich seien ihre Texte gewaltfördernd und religionsfeindlich.  Anhand dieses Verhaltens zeigt sich, dass die libanesische Gesellschaft offenbar immer noch ein sehr vorurteilsbehaftetes Bild der Heavy-Metal-Musik hat. Doch wenn sogar internationale Bands aufgrund dieser Vorurteile nicht einreisen dürfen, wie weit werden libanesische Metalheads und Fans stigmatisiert und in ihren Handlungen eingeschränkt?

Auf der Podiumsdiskussion der Heinrich Boell Stiftung „Music Beats Politics“  (hier als Video verfügbar) erklärte Alma Doumai, Bassistin der Heavy Metal Band Slave to Sirens, dass Heavy Metal immer noch nicht gesellschaftlich akzeptiert sei. Den Bandmitgliedern werde oft vorgeworfen, sie würden durch ihre Musik Aggressionen und Hass befördern. “Wir wurden sogar schon als Teufelsanbeter beschimpft“ berichtet Doumani. Solche Vorwürfe sind völlig veraltet und unbegründet und zeugen lediglich vom weit verbreiteten Unverständnis für Kunstformen, die nicht dem Mainstream entsprechen. Slave to Sirens beispielsweise befürworten in ihren Texten keineswegs Gewalt, sondern üben in ihrer Musik gesellschaftliche Kritik, indem sie auf Missstände wie Tierquälerei und Korruption aufmerksam machen. Besonders staatliche Kräfte hören diese Kritik natürlich nicht gern, und so ist es wohl einfacher für sie, Metalheads als Teufelsanbeter zu diffamieren, anstatt sich ernsthaft mit der inhaltlichen Kritik ihrer Songtexte auseinandersetzen zu müssen. Auch einigen deutschen Medien fällt es offenbar schwer, sich auf den Inhalt der Songs zu konzentrieren: Erst im April widmete der Nachrichtensender n-tv der Band Slave to Sirens zwar einen eigenen Beitrag, verfehlt dabei jedoch völlig die eigentlichen politischen Implikationen der Musik. So betitelte n-tv den Beitrag mit „Party gegen politische Unsicherheit – Junge Libanesen suchen Ablenkung im Nachtleben“.Viel interessanter als diese reißerische Headline wäre gewesen, darüber zu berichten, wie Slave to Sirens den europäischen Umgang mit Geflüchteten kritisiert. Im dritten Track ihres Albums, der den gleichen Titel trägt wie die Band selbst, singen sie nämlich:

„Listen to the sound of a 1000 screaming souls
Afraid! Betrayed…
Waiting for some time to be saved!
Alone! Forgotten!
Salt Water smothers your face“

 

Wie die Band selbst auf ihrer Facebook-Seite erklärt, wollen sie mit dem Song das Ertrinken unschuldiger Kinder, Männer und Frauen anprangern und auf diese Weise die europäische Politik kritisieren, die Geflüchtete dazu zwingt, riskante Wege nach Europa zu beschreiten. Anstatt diese politische Dimension der Musik in ihrem Beitrag aufzugreifen, bagatellisiert n-tv es als jugendlichen Unfug einiger Partygäste.
Doch woran liegt es, dass Heavy Metal noch immer nicht akzeptiert und in seiner politischen Dimension gesehen wird?

Die Skepsis gegenüber Heavy Metal hat eine lange Tradition, denn bereits in den 1990er Jahren protestierten christliche Institutionen und Autoritäten immer wieder gegen die Musik, und lange Zeit waren international bekannte Bands wie Metallica und Nirvana im Libanon verboten. Doch auch in anderen Ländern der Region wie Ägypten wurden Heavy Metal Fans Ende der 1990er Jahre von der Polizei festgenommen und beschuldigt, Teil eines satanischen Kultes zu sein. Die Band Alm Namrood aus Saudi Arabien berichtete 2015 sogar, dass alle Bandmitglieder ihre Identitäten geheim halten müssten und bisher kein einziges Konzert spielen konnten, da sie anderenfalls die Todesstrafe riskieren würden.

Und auch wenn Heavy Metal Musiker*innen in Europa weder mit einer Festnahme noch der Todesstrafe rechnen müssen, dominiert auch dort Intoleranz gegenüber Heavy Metal Musik. Während der Podiumsdiskussion berichtete Simon Stumpf, Metalhead und Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Beirut, davon, wie sich im südlichen Teil Deutschlands 2010 ein Lehrer vor der Schulleitung dafür rechtfertigen haben müsse, dass er Frontsänger einer Death Metal Band gewesen sei. Nur unter der Bedingung, dass er mit Heavy Metal Musik aufhören werde, hätte er weiter unterrichten dürfen.

Simon Stumpf betonte, dass Heavy Metal in allererster Linie Kunst sei und stellt die entscheidende Frage: „Wer entscheidet eigentlich, was Kunst ist und was nicht?“
Vor allem entscheiden das wohl die jeweiligen Gesellschaften und in einigen Fällen wohl auch die Regierungen. Auf die Frage, weshalb es immer noch ein weiter Weg bis zur breiten gesellschaftlichen Toleranz sei, antwortet  Alma Doumani, dass viele Menschen es abschreckend fänden, wie Metal Bands während ihrer Konzerte schreien, headbangen und zum Teil auch knurren oder andere Laute von sich gäben.
Besonders bei Slave to Sirens kommt natürlich noch hinzu, dass es sich um die allererste rein weibliche Heavy-Metal-Band in der Region handelt – vielleicht sogar weltweit. Sie stellen mit ihrer Bühnenpräsenz und ihrer Musik etablierte Wertevorstellungen, die bestimmen, was als feminin gilt, grundsätzlich in Frage. Davon fühlen sich insbesondere männliche Politiker natürlich in ihrer Position bedroht, denn schließlich stellen Slave to Sirens auf diese Weise ja auch alles, worauf ihre Privilegien und letztendlich ihr gesellschaftlicher Status beruhen, in Frage.
„Musik kann politisch sein“, fasst Konrad Siller, Leiter des Goethe Instituts Libanon es sehr treffend zusammen und macht darüber hinaus auf Gefahren wie „patriotische Gesänge, homophoben Rap und rechtsextremistische Musik“ aufmerksam. Staatliche Autoritäten und Beamte sollten also ihre Zeit nicht damit vergeuden,  Lehrer*innen, die in ihrer Freizeit Heavy Metal singen, in ihr Büro zu zitieren, sondern ihren Blick für die manipulativen Effekte von Musik schärfen. In Deutschland zumindest hätten sie angesichts rechtsextremistischer Aufmärsche mit Marschtrommeln und Parolen wie in Plauen genug zu tun.

Doch die Metal Bands und ihre Fans zeigen sich von gesellschaftlichen Vorurteilen recht unbeeindruckt und lassen sich nicht aus der Öffentlichkeit verdrängen. Mostafa Mahmoud, Mitglied der ägyptischen Band Vyprus, sagte nach den Festnahmen 1997 in einem Interview: „Rock did not die,“ und das trifft es wohl auf den Punkt, denn mittlerweile ist die Community so gut vernetzt, dass größere Plattformen wie LebMetal auf anstehende Ereignisse aufmerksam machen. Darüber hinaus findet seit 2017 in Beirut das jährliche Beirut Metal Fest statt. Auch in der Filmbranche findet Heavy Metal zunehmend Beachtung: So griffen Eddy Moretti und Suroosh Alvi das Thema bereits 2006 in ihrem Film „Heavy Metal in Baghdad“ auf und reisten in den Irak, um die damals einzige irakische Heavy Metal Band zu interviewen und deren Bandleben in Zeiten des Krieges und der Flucht zu dokumentieren.
Und auch Monzer Darwish greift in seinem neuen Film „Syrian Metal is War“ die persönlichen Erfahrungen von syrischen Metal Bands und deren Fans in einem vom Krieg zerstörten Syrien auf. „Mithilfe von Metal ist es möglich, seine politischen […] Werte zu vermitteln.“ Daher rührt  auch der Titel des Films, denn auch in der Vergangenheit  musste die syrische Metal Community ihre Musik kämpferisch gegen die Gesellschaft verteidigen.

Ebenso kämpferisch ließen übrigens im April die libanesischen Metalheads das Einreiseverbot von Sepultura nicht auf sich sitzen: Sämtliche libanesische Metal-Bands setzten dem ein Protestkonzert entgegen, auf dem Sepultura per Skype aus der Türkei live dabei sein durfte.


Inga Hofmann

Inga Hofmann by Inga Hofmann All rights reserved

Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung  in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

Frauenfeindliche Sensationsgier

 

Sufeina Tuffix - mit freundlicher Genehmigung von ihrer Webseite http://tuffix.net/portfolio/stop-bild-sexism/#.XPpb3ZwzaUk

(c) Sufeina Tuffix – mit freundlicher Genehmigung von ihrer Webseite http://tuffix.net/portfolio/stop-bild-sexism/#.XPpb3ZwzaUk by Sufeina Tuffix All rights reserved

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

„UN- Sicherheitsrat: Deutsche Helferin macht ihrem Ärger Luft“- so lautete die Überschrift eines Artikels der Tageschau. Dabei ging es in dem Artikel darum, dass die stellvertretende UN- Nothilfekoordinatorin Ursula Müller im UN- Sicherheitsrat gefordert hatte, Zivilist*innen in Idlib angesichts des zunehmenden Beschusses besser zu schützen.

Stattdessen wird die Nothilfekoordinatorin auf den anonymen Begriff „Helferin“ degradiert und aus einer politischen Forderung wird mal eben ein emotionaler Ausbruch gemacht. Getreu dem Klischee: Die emotionsgesteuerte Frau, die ihren Überzeugungen nicht anders Ausdruck verleihen kann als unkontrolliert vor Wut zu explodieren. Dagegen kommen sachliche Argumentationen und politische Forderungen natürlich nicht an. Ein Mann in dieser Position wäre in der Überschrift gewiss nicht herabgestuft und anonym zitiert worden – außerdem ist anzunehmen, dass es geheißen hätte: „prangert Vernachlässigung des Schutzes von Zivilist*innen an“ oder „verurteilt den fehlenden Schutz von Zivilist*innen“ – etwas Rationales.
Der Ton der Überschrift durchzieht den ganzen Text – das Motiv der gefühlsduseligen „Frau, die Nothilfe organisiert, aber vor lauter Not nicht mehr helfen kann“ – so wörtlich im Text –  und sich in letzter Instanz an den Sicherheitsrat wendet – wenn auch „nicht mehr bittend, sondern anklagend“ (ebenfalls ein Zitat). Natürlich auch hier nicht auf verbaler Ebene, sondern mittels vorwurfsvoller Blick, die sie jedem „der 15 UN- Botschafter“ zuwirft.

Der Artikel der Tagesschau ist symptomatisch für ein tiefer liegendes Problem: Sobald Frauen die politische Bühne betreten, werden sie auf traditionelle Rollenbilder reduziert- ganz besonders im Zusammenhang mit dem Syrienkrieg: Immer wieder stehen Emotionen im Vordergrund und ihnen werden automatisch Charaktereigenschaften wie Fürsorglichkeit (hier wären wir wieder bei der deutschen Helferin) zugeschrieben. Es scheint unmöglich sie schlicht als politische Akteur*innen zu begreifen. Angela Merkel, in der Forbes-Liste 2018 als „mächtigste Frau der Welt“ gewürdigt, wird in Deutschland stets mit Diminutiven versehen: Von Helmut Kohls Bezeichnung als „Mädchen“ bis hin zur „Mutti“, über deren „Mutterrolle“ die ZEIT während der Flüchtlingskrise schrieb, dass aus der „strengen ‚Mutti‘ [später] ‚Mama Merkel‘“ geworden sei. Ist es so schwierig, die Politik der Bundeskanzlerin zu kritisieren, ohne ihr aufgrund ihres Geschlechts ein besonderes Maß an Fürsorglichkeit unterstellen zu müssen? Für die meisten Medien offenbar schon: So konzentriert sich der Focus in einem Artikel über Asma al-Assad lediglich auf ihre Position als „Frau an der Seite des syrischen Machthabers Assad“ und auf andere besonders irrelevante Aspekte wie ihre „modische Kurzhaarfrisur“ anstatt auf ihre Verantwortung im syrischen Bürgerkrieg einzugehen bzw. ihr Verhalten zu kritisieren. Generell scheint ihr Aussehen für viele Medien von deutlich größerer Relevanz zu sein als alles andere, denn auch die WELT sieht sie zuallererst als „Schönheit, die neben dem Schlächter schläft.“ Wenn man sie dafür kritisieren möchte, dass sie Bashar al-Assad bei der massiven Menschenrechtsverletzung in Syrien unterstützt, dann muss man ihr schon etwas mehr als nur die Rolle des schlafenden Dornröschens zutrauen. Besonders tiefschürfend analysierte übrigens der Cicero die Rolle Asma al- Assads, indem er uns über das „Seelenleben der schönen Asma al-Assad“ aufklärte und dabei  „die schönen Rehaugen,“ welche nun nicht mehr „wahrmherzig“ sondern „abgrundtief böse“ aussähen, als zentrale Hinweise für eine grundsätzliche Persönlichkeitsveränderung während des Syrienkrieges deutete.

Doch auch Frauen in anderen Rollen werden durch die Wahl bestimmter Formulierungen oft abgewertet. Am deutlichsten wird dies bei der oft von Sensationslust geprägten Berichterstattungen über Frauen und den sogenannten „Islamischen Staat“. Geht es um diejenigen, die sich ihm angeschlossen haben, wird kaum thematisiert, dass sie eine eigene Motivation gehabt haben könnten – jenseits der Familie. So lautet im April die Titelüberschrift im Spiegel „Syrien: Geheime Rückholaktion für deutsche IS- Braut.“ In dem Artikel ging es um eine IS-Anhängerin aus Essen, die gemeinsam mit ihrer Familie in einer Geheimaktion nach Deutschland zurückgeholt wurde, nachdem sie sich in einem Lager in Syrien aufgehalten hatte. In dem Text wird sie entweder als „Braut“ oder als „Mutter“ bezeichnet und so immer nur in Bezug zu ihrem Ehemann bzw. ihren Kindern gesetzt. Diese Darstellung schreibt der Anhängerin eine sehr passive Rolle zu und ignoriert dabei völlig die Tatsache, dass sie sich auch aktiv dafür entschieden haben könnte, sich dem IS anzuschließen. Natürlich ist es leichter, es so dazustellen, als sei die Anhängerin als Braut ihres Ehemanns quasi dazu gezwungen worden, aber diese Darstellungsweise ist auch ebenso gefährlich. Denn wie soll Extremismus und Terror vorgebeugt werden, wenn ihre Hintergründe nicht tiefschürfend analysiert werden?

Auf ähnlich unreflektierte Weise verwenden Medien oft unhinterfragt den Begriff „Sexsklavin“. Der Focus beispielsweise berichtet 2014 im Zusammenhang damit, dass im Irak Jesidinnen verschleppt wurden, das ISIS-Propagandamagazin „Daqip“ habe erklärt, dass die „Versklavung von Jesiden“ rechtens sei. Leider distanzierte sich der Focus jedoch nicht von der Wortwahl dieses Magazins, sondern betitelte den Artikel selber mit „Jesidische Frauen in Sex- Hölle: Um nicht vergewaltigt zu werden: IS- Sklavinnen strangulieren sich gegenseitig.“ Ebenso unsensibel ist, dass dieser Artikel – wie viele andere auch – das Verbrechen der Vergewaltigung als „Sex“ bezeichnet. 2016 versuchte BILD, das frauenverachtende Ausmaß auf die plakative Headline „ISIS verkauft Sklavinnen über Whatsapp“ runterzubrechen, und auch die FAZ betitelt ein Video, in dem die Jesidin Jinan über ihre traumatischen Erlebnisse berichtet, mit „IS- Sexsklavin berichtet über die Gefangenschaft. “ Diese Wortwahl ist angesichts des Mutes, den Jinan aufgebracht hat, um in einem Buch über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt zu berichten und sich gegen ihre Vergewaltiger zu stellen, völlig unangemessen.
Natürlich lassen sich die Kontexte, aus denen die Artikel stammen nur sehr schwer miteinander vergleichen. Die Artikel selber haben jedoch alle gemeinsam, dass sie Frauen eine eigenständige Rolle absprechen: Diejenigen in Führungspositionen werden durch die Wortwahl oft herablassend verkleinert und auf Äußerlichkeiten und Emotionalität reduziert. Und diejenigen in andere Rollen werden ein zweites Mal zum Opfer gemacht, indem die Berichterstattung die Wortwahl der Täter übernimmt.


Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung  in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

Mehr als nur Regenbogenflaggen

Regenbogenflaggen an den Raouche-Felsen (c) Arab Foundation for Freedom and Equality, mit freundlicher Genehmigung

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

An Morgen des 17. Mai wehen bunte Farben über der schäumenden Gischt an den Raouche-Fesen. Aktivist*innen umrunden anlässlich des IDAHOBIT mit kleinen Booten, auf denen sie  die Regenbogenfahne und die Flagge der Transgender gehisst haben, das Wahrzeichen Beiruts. Ein Zeichen dafür, dass sich immer offener LGBT* Menschen in Beirut gegen die heteronormative Strukturen innerhalb der Gesellschaft auflehnen und gegen Homo-, Trans- und Biphobie protestieren. Auf meinem Weg zur Arbeit sehe ich außerdem, dass viele Botschaften in der Innenstadt Beiruts ebenfalls Regenbogenfahnen aus ihren Fenstern gehängt haben, um Solidarität mit der Community zu bekunden. Der schwedische Botschafter lässt sich sogar selbst mit der Regenbogenflagge fotografieren und postet das Bild auf Facebook. Auch die Mitarbeiter*innen der britischen Botschaft hissen neben der britischen Flagge gemeinsam die LGBT* Fahne und teilen das Video später im Internet, um öffentlich Solidarität zu signalisieren.

Aktivist*innen nutzen den sogenannten IDAHOBIT (Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie) nun bereits seit einigen Jahren, um weltweit explizit auf Formen der strukturellen Diskriminierung – basierend auf Sexualität oder Geschlecht – aufmerksam zu machen. Doch in Beirut fand er in diesem Jahr erstmal in größerem Ausmaß statt. Während es beim IDAHOBIT ursprünglich ausschließlich um die Diskriminierung homosexueller Menschen ging, sind mittlerweile alle Menschen mit eingeschlossen, die aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität benachteiligt werden.

Denn auch wenn der Libanon oft als verhältnismäßig tolerant wahrgenommen wird, basiert das Rechtssystem noch immer auf einem sehr heteronormativen Verständnis von Geschlecht und Sexualität. Das bedeutet, dass alles, was nicht in dieses Raster hineinpasst, offiziell bestraft werden darf. Artikel 534 des libanesischen Strafgesetzbuches besagt nämlich, rechtlich verfolgt werden kann, was „den Gesetzen der Natur widerspricht“ („contradict the laws of nature“), und mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden darf. Bisher sind es nicht viele Gerichte, die sich dagegen entschieden haben, Menschen aufgrund des Artikel 534 zu bestrafen. Beachtlich war jedoch gerade die jüngste Entscheidung des obersten Militärstaatsanwalts im März, der entschied, vier Angeklagte des Militärs nicht für die Verletzung des Artikel 534 zu bestrafen. Dennoch hängt es immer noch von dem Wohlwollen einzelner ab, wie diese Artikel 534 interpretieren, denn dieser konkretisiert nicht, was genau unter der „Natur“ zu verstehen ist. Bei einem Überschuss an männlichen Richtern kann man sich allerdings denken, dass diese selten besonders inklusiv verfahren.

Auf diese diskriminierende Gesetzeslage und die Dominanz heteronormativer Strukturen innerhalb der Gesellschaft haben die Aktivist*innen also am IDAHOBIT versucht aufmerksam zu machen. Das Engagement reichte dabei jedoch weit über das Hissen der Flaggen hinaus: So organisierte eine NGO, die sich für die Rechte von LGBT* einsetzt, beispielsweise am Vorabend eine Veranstaltung mit verschiedenen Programmpunkten, welche längst überholte traditionelle Rollenbilder in den Hintergrund treten ließen und stattdessen Diversität proklarierten. Einige Drag Queens stellten in ihren Performances binäre Geschlechterrollen komplett in Frage, andere Künstler*innen parodierten in ihren Sketchen traditionelle Familienstrukturen. Darüber hinaus trugen andere selbst verfasste Gedichte auf Arabisch oder Englisch vor, die sehr persönliche Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung schilderten. Damit führten sie den Zuhörenden noch einmal vor Augen, dass solche Veranstaltungen angesichts der gesellschaftlichen Wertevorstellungen keineswegs selbstverständlich sind, sondern von dem Engagement und den finanziellen Ressourcen einzelner Menschen oder NGOs abhängen. Nicht ohne Grund hatten die Veranstalter*innen Veranstaltungsort und –zeit nicht öffentlich bekanntgegeben und klebten die Handykameras am Eingang ab, um die Identitäten der Anwesenden zu schützen. Ebenso forderten sie gleich zu Beginn der Veranstaltung dazu auf, sämtliche Formen der Belästigung zu melden, um sofort dagegen vorgehen zu können. Sie zeigten damit, dass für sie der Schutz aller Anwesenden oberste Priorität besitzt, dass sie einen Ort frei von Diskriminierung schaffen wollten- keine Selbstverständlichkeit im Libanon!
In einem Land, in dem Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität diskriminiert werden und von staatlicher Seite keinen rechtlichen Schutz erhalten, ist es ungleich schwieriger, Schutzräume zu schaffen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich Aktivist*innen diesen Strukturen widerstandlos beugen- im Gegenteil. Mittlerweile gibt es vor allem in Beirut immer mehr Räume, in denen Mitglieder der Community sich treffen können ohne Angst davor haben zu müssen, dass die Polizei eingreifen und die Veranstaltung auflösen könnte. Das ist wichtig, denn wer von der Polizei erwischt wird, läuft auch Gefahr, vor der Familie geoutet zu werden. Besonders Menschen in meinem Alter organisieren zunehmend Fashion Shows, temporäre Ausstellungen, Kurzfilme und andere Veranstaltungen, die alternative Räume fernab alltäglicher Diskriminierung bieten.

Angesichts der diskriminierenden Gesetzeslage bergen solche Veranstaltungen und Aktionen immer ein großes Risiko für alle Beteiligten. Die morgendliche Aktion am Raouche Rock, einem öffentlichen Ort mitten in Beirut, erforderte also sehr viel Mut von den einzelnen Aktivist*innen und sollte deshalb umso mehr Anerkennung finden. Besonders nachdem vor einem Jahr der „Beirut Pride“ von Polizeikräften aufgelöst und verboten wurde, ist es eindrucksvoll zu erleben, wie der Kampf für Gleichberechtigung beständig weitergeht.


Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung  in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

Die Magie des Al Boraq

Er hat seinen Namen redlich verdient, denn er hat etwas Magisches an sich. Der neue TGV-Schnellzug, der seit November 2018 die beiden marokkanischen Küstenstädte Casablanca und Tanger verbindet. Für die gut 350 km braucht er nur noch 2:10 Stunden anstatt 4:45, in denen der alte Zug die Strecke bewältigte.

Vor kurzem bin ich zum ersten Mal mit dem Al Boraq gefahren – so heißt der TGV, benannt nach dem magischen Reittier mit dem Prophet Mohamed seinerzeit in Windeseile von Mekka nach Jerusalem geflogen ist. Und wie fliegen fühlt es sich auch ein bisschen an, wenn der Zug mit über 300 km/h durch die grünen Felder der marokkanischen Küstenebene rast. Nicht dass der deutsche ICE das nicht auch könnte (wenn er sich zufällig auf einer entsprechend ausgebauten Zugtrasse befindet), es ist vielmehr der marokkanische Kontext, der den Unterschied macht – die Kontraste von schnell und langsam sind hier viel stärker. Die Magie des Boraq entsteht gerade durch die Ungleichzeitigkeit von Geschwindigkeit und Entwicklung. Das ist mir bei meiner Fahrt nach Tanger noch einmal sehr klar geworden. Auf den Feldern entlang der Schienen spannen die Bauern noch Pferde vor den Pflug, um ihre Äcker zu bestellen, und bringen ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse mit Eselskarren zum Markt. Während dessen nutzen Geschäftsleute den Al Boraq, um schnell für ein Meeting nach Casablanca zu fahren und vielleicht dabei einen Cappuccino im Bord-Bistro zu trinken.

Auch die Pünktlichkeit des neuen TGV ist phänomenal. Am Unterwegsbahnhof Kenitra mit seiner neu gebauten Bahnhofshalle, die selbst den Flughafen von Rabat alt aussehen lässt, fuhr der Zug während meiner Reise sogar zwei Minuten zu früh ab. Sehr gewöhnungsbedürftig für die marokkanischen Fahrgäste, die bestens mit chronischen Verspätungen vertraut sind. Denn in Sachen Pünktlichkeit kann die marokkanische Eisenbahngesellschaft ONCF es bei den regulären Zügen problemlos mit der deutschen Bahn aufnehmen. Dies ist auch einer der zentralen Kritikpunkte am neuen TGV. Anstatt in den Ausbau des bestehenden Schienennetzes und die Verbesserung der Angebote zu investieren, leistet sich der Staat ein teures Prestigeprojekt – so die Kritiker, die sich auf Facebook und Twitter tummeln.

Der Parlamentsabgeordnete Omar Balafrej kritisiert das TGV-Projekt schon seit Jahren. Anstatt super schnell nach Tanger fahren zu können, setzt er sich dafür ein, weitere Städte jenseits der Ballungszentren an der Küste ans Schienennetz anzuschließen, um ihnen bessere Entwicklungsperspektiven zu geben. Plakativ stellte er deshalb der Regierung mehrmals die Frage, wann denn der Zug in Errachidia ankomme. Bis heute hat die Provinzhauptstadt im Südosten des Landes keine Eisenbahnanbindung und Omar Balafrej keine Antwort auf seine Frage.

Ich fand die Fahrt mit dem Al Boraq trotzdem beeindruckend, auch weil sie mir wieder gezeigt hat, wie relativ Geschwindigkeit ist. Und ich bin pünktlich in Tanger angekommen.

Fangfrisch aus dem Abwasser

Ungewöhnliche Professionen haben es mir angetan. Im Libanon habe ich davon noch nichts so ausgefallenes wie in Afghanistan den Matratzenaufplusterer erlebt. Aber was ich in Beirut herablassend als dekadent zu umgehen versuche und andernorts vermissen werde, ist der „Valet-Parker“. Valet-Parker machen aus der Parkplatznot eine Tugend, oder vielmehr ein Geschäft. Statt mühsam um den Block zu kurven, hält man einfach direkt vor der Tür, gibt ihnen den Autoschlüssel und lässt sich das Auto später wieder vorfahren. In Deutschland undenkbar (Versicherungsfragen!), hier etwas, was zum Service eines Restaurants oder eines Ladens dazugehört.

Das ist charmant, wenn man von dem mit ein paar Euro entlohnten Service profitieren kann, und fatal, wenn man das Pech hat, dort zu wohnen, wo andere ausgehen, denn gegen Anwohner verteidigen die Valet-Parker „ihr“ Territorium mit Zähnen und Klauen. Wer sein Auto nicht rechtzeitig am frühen Abend wegfährt oder gar darauf beharrt, es dort stehen zu lassen, findet es nicht selten mit Kratzern im Lack oder platten Reifen wieder. Der öffentliche Raum in Beirut ist nur solange auch zugänglich für alle, wie ihn keine der oft mafia-ähnlichen Gewerbegruppen für sich in Beschlag nimmt.

Manchmal versuchen die Valet-Parker es mit Ausreden. Als meine Kolleginnen neulich vor dem Büro parken wollten, hieß es, das Gebäude gegenüber sei einsturzgefährdet. Dieser Balkon … sie haben trotzdem dort geparkt und gleich am nächsten Tag sahen sie, wie der gleiche, der sie mit Sicherheitsbedenken hatte abweisen wollen, selbst dort parkte. Ich wurde unlängst von Taxifahrern gedrängt, ihnen meinen gerade gefundenen Parkplatz zu überlassen. „Aber hier steht kein Schild, dass das für Taxis reserviert ist.“ Murrend verzogen sie sich; später stellte ich fest, dass die Kühlerhaupe eine gehörige Delle aufwies und die Zierleiste der Motorhaube gebrochen war. Beweisen kann ich es nicht, aber in meiner Fantasie sehe ich den Korpulentesten unter ihnen, wie er sich, kaum dass ich um die Ecke bin, auf den Kühler schwingt. Elefanten sitzen vielleicht nicht auf Autos, aber übellaunige Taxifahrer vielleicht schon.

Wer sein Auto einem Valet-Parker anvertraut, zahlt nicht die städtischen Parkgebühren. Die Parkprofis bewegen die Autos ständig, und statt der Polizei ein Dorn im Auge zu sein, sieht man beide oft in kleine Schwätzchen vertieft – es ist anzunehmen, dass es da Übereinkommen finanzieller Art aber auch bezüglich des Informationsaustauschs, wer sich in der Nachbarschaft aufhält, gibt.

Valet-Parken gehört so sehr zu Beirut, dass es die Miniaturausgabe dessen selbst in einer der luxuriösen Kindergeburtsagsfeierstätten gibt. In diesem Indoor-Spielplatz, der einer Stadt mit Banken und Einkaufszentren darstellt, spielen Kinder Erwachseneneleben nach, und können ihre als Porsche designten und natürlich elektrisch betriebenen Kettcars für den Frisör- oder Restaurantbesuch einem Profiparker überlassen.

Den Autos gehört die Straße, den Valet-Parkern der Parkstreifen und die zweite Reihe, und obendrein erweitern viele kleine Restaurants ihren Geschäftsraum damit, dass sie den Bürgersteig für sich abzäunen und Tische dort plazieren. Nicht einfach, mit einem Kinderwagen hier unterwegs zu sein. Nette Kellner springen stets herbei, um mir und meinen Kindern die Stühle aus dem Weg zu räumen, weniger nette scheuchen uns auf die Straße. Auch die Gäste haben oft wenig Verständnis dafür, wieso wir „mitten durchs Restaurant“ fahren. Ich war neulich geradezu entzückt, als mein Sohn sich nach einer besonders unwirschen Frage, was er auf seinem Roller zwischen den Tischen mache, zu mir umdrehte und lautstark fragte, ob ich hier neulich diese beeindruckend große tote Ratte hätte liegen sehen. Sein Bruder reckte sich mit leuchtenden Augen aud dem Buggy und krähte: „Ratte? Wo? Kann ich die noch mal sehen?“ Obwohl der besagte Rattenkadaver vor der Polizeistation gelegen hatte, konnte ich es mir angesichts der schreckensgeweiteten Augen der Speisenden nicht nehmen lassen, meinen Blick unter den Tischen schweifen zu lassen und bedauernd zu bekunden, mittlerweile hätte man sie bestimmt weggeräumt, aber morgen hätten wir bestimmt mehr Glück.

Lieber sind mir da schon andere, die kreative Geschäftsmodelle entwickeln. Neulich kam ich an der Strandpromenade Beiruts entlang, und direkt vor mir kletterte ein Mann im Taucheranzug über das Geländer und überquerte die Straße. An seinem Gürtel zappelten ordentlich aufgereihts silbrige Fische. Der Gute hatte die Taucherflossen unter den Arm geklemmt, und machte sich lediglich auf Socken auf den Weg durch die Straßen, um die Fische anzubieten. „25.000 Pfund nur,“ pries er an, „mit dem  Speer gefischt. Fangfrisch.“ Angesichts der Wasserqualität direkt vor Beirut drehte sich mir der Magen um. Das Personal des nahe gelegenen Hotels scharte sich jedoch interessiert um den Mann.