Je mehr Stempel, desto besser

Ein Beitrag von Bauke Baumann

Stempeln ist Macht. Denn ohne Stempel geht nichts. Dokumente, Kopien und Unterschriften entfalten in Marokko erst mit Stempelprägung einen wirklichen Wert. Dabei gilt die Faustregel: Je mehr Stempel, desto besser.

Diese Lektion habe ich schnell gelernt als ich vor drei Jahren nach Marokko gezogen bin. Für meinen Umzug musste ich damals eine Menge Papierkram im Hafen von Casablanca erledigen. In Erinnerung geblieben ist mir davon vor allem die Suche nach den richtigen Stempeln bzw. den stempelberechtigten Zollbeamten. Hatte ich auf dem weitläufigen Hafengelände endlich die richtige Dienststelle gefunden, war dort leider oft der zuständige Beamte in einer langen Mittagspause oder an jenem Tag gar nicht im Büro – sein Stempel lag währenddessen gut verwahrt in einer abgeschlossenen Schreibtischschublade, zu der die Kollegen keinen Zugang hatten. Umso erleichterter war ich jedes Mal, wenn ich endlich meine Dokumente zücken konnte und der Stempel auf das Papier knallte. Ein wenig fühlte ich mich dabei an mein Stempelheft aus Kindertagen erinnert, das ich bei einer Wanderung im Harz bekam. Für jede Etappe wurde man damals mit einem Stempel belohnt.

Mein persönliches Stempel-Highlight war aber eine Arbeitsbescheinigung, die ich mir selbst ausstellen und stempeln durfte. Das ergab sich folgendermaßen: Eine Dame auf dem Amt wollte meine französische Arbeitsbescheinigung der Böll-Stiftung partout nicht akzeptieren, weil diese nur mit dem deutschen Stempel aus Berlin versehen war. Sie forderte mich auf, eine neue Arbeitsbescheinigung des Büros in Rabat vorzulegen, mit marokkanischem Stempel. Ich erklärte ihr, dass ich in diesem Fall meine eigene Arbeitsbescheinigung unterschreiben müsste, was in meinen Augen wenig Sinn machte. „Dann machen Sie das doch Herr Baumann“, erwiderte sie lapidar, „Hauptsache wir haben einen Stempel mit marokkanischer Adresse.“ Und tatsächlich war sie am nächsten Tag mit meiner eigenhändig unterschriebenen und gestempelten Bescheinigung zufrieden.

Wer die marokkanische Stempel-Obsession verstehen möchte, muss zur Mokataa gehen, einer Art Bürgeramt, das es in fast jedem Stadtteil gibt und das hauptsächlich dafür da ist, Unterschriften und Kopien zu beglaubigen bzw. zu stempeln. Ich gehe regelmäßig dort hin, um Kopien meines Reisepasses und meiner Geburtsurkunde, aber auch Unterschriften auf Verträgen und anderen Schriftstücken amtlich beglaubigen zu lassen. Vor den Schaltern der Mokataa drängeln sich meist viele Menschen, die so wie ich auf die Legalisierung ihrer Papiere warten. Nachdem der erste Beamte meine Unterschrift auf dem Dokument mit meiner Unterschrift im Pass verglichen hat, zückt er seinen Stempel und klebt eine Art kleine Briefmarke auf das Papier, neben die er zusätzlich noch seine Unterschrift setzt. Dann wird der Vorgang in ein großes handschriftlich geführtes Buch eingetragen, in dem ich auch noch mal unterschreiben muss. Anschließend stelle ich mich beim Schalter des zweiten Beamten an, der meine beglaubigte Unterschrift nochmals stempelt und mit seinem Kürzel versieht. Jetzt ist es amtlich, meine Unterschrift ist legalisiert! Erst jetzt entfaltet sie auf den gestempelten Dokumenten Gültigkeit. Ein Miet- oder Arbeitsvertrag, der nur mit „normaler“ Unterschrift gezeichnet ist, gilt in Marokko nicht als rechtskräftig. Entsprechend häufig müssen die Marokkanerinnen und Marokkanern mit ihren Papieren zur Mokataa.

Das soll sich nun aber ändern: Verwaltungsverfahren sollen einfacher und transparenter werden, so sieht es das neue Gesetz 55.19 vor, das am 1. April 2021 in Kraft getreten ist. Zukünftig wird weniger gestempelt in der Mokataa, denn dann braucht es nur noch in Ausnahmefällen legalisierte Kopien und Unterschriften. Der wahrscheinlich meistgenutzte marokkanische Behörden-Stempel wird somit wohl Schritt für Schritt aus dem Alltag der Bürgerinnen und Bürger verschwinden. Gestempeltes Papier wird aber vermutlich weiterhin einen hohen Stellenwert in Marokko genießen, denn das Mantra „nur ein gestempeltes Dokument ist ein gutes Dokument“ ist bei vielen Menschen längst in Fleisch und Blut übergegangen. Das merke ich auch an mir selbst. PDF-Rechnungen aus Deutschland ohne Stempel und Unterschrift wirken auf mich zunehmend suspekt.

Wenn auf einmal alles anders ist – Sieben Monate nach der Explosion

Ein Beitrag von Anna Fleischer

Der Schlüssel gleitet ins Schloss, ich drehe ihn herum und betrete das Büro. Davon abgesehen, dass im Treppenhaus kein Licht ist und der Fahrstuhl nicht funktioniert, weil es keinen Strom gibt, könnte das ein normaler Tag sein. Es ist aber kein normaler Tag. Es ist mein erster Tag im Büro nach der Explosion im Hafen am 4. August 2020, einer der größten nichtnuklearen Explosionen in der Geschichte. Riesige Mengen von Ammoniumnitrat explodierten nach einem Feuer und zerstörten weite Teile der Stadt. Laut libanesischen Regierungsangaben starben mindestens 190 Menschen und mehr als 6.500 wurden verletzt.

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Der Knoten im Magen löst sich etwas, als ich meine Kolleginnen sehe. Ich kann ihr Lächeln nur erahnen, da wir alle Masken tragen. Wir reden in hohen lauten Stimmen miteinander: “So schön dich wieder zu sehen! Wow, du hast abgenommen! Vom Stress oder hast du eine Diät gemacht?”. Irgendwie ein bisschen Normalität in der ganzen Unsicherheit. Wir sind seit knapp einem Jahr im Home Office und sehen nur unsere Gesichter auf Zoom.

Ich gehe den Flur hinunter in das Zimmer, in dem ich sonst sitze. Die Fenster sind wieder heil, meine Kollegin erklärt mir, dass der Tischler ein Genie ist, weil er das zersplitterte Holz wiederverwenden konnte, anstatt alles neu oder aus Aluminium zu machen. Der Staub, der durch die Explosion und die darauffolgenden Renovierungsarbeiten entstanden ist, liegt auch nach mehrmaligem Putzen immer noch in der Luft.

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Die Explosion am 4. August kurz nach 18 Uhr hätte für uns als Team schlimm enden können. Alle Seiten des Büros haben große Fensterfronten, die allesamt durch die Druckwelle aus den Angeln gerissen wurden und durch den Raum geschleudert wurden. Wenn einer von uns dort gesessen hätte, wäre es wahrscheinlich tödlich verlaufen. Kurz nach der Explosion stand ich am längsten vor dem Tisch meiner Kollegin, die damals hochschwanger war. Ihr Platz war extrem beschädigt und ich konnte nicht aufhören zu denken: “Gott sei Dank war sie nicht hier.”

Es gab nach der Katastrophe für die Betroffenen keine Hilfe von der libanesischen Regierung, jeder musste selbst schauen, wie er das zerstörte Hab und Gut ersetzen oder reparieren konnte. Wir sind natürlich privilegiert und erhalten Hilfe von außen, aber die allermeisten haben dieses Glück nicht. Denn der Libanon hat nicht nur die Explosion erlebt, sondern befindet sich auch in einer Hyperinflation, die es fast unmöglich macht, Reparaturen zu bezahlen. Ein Beispiel, das dies gut illustriert, ist Glas. Es sind geschätzte 5.000 Tonnen Fensterscheiben bei der Explosion zu Bruch gegangen, die ersetzt werden müssen. Und gleichzeitig gibt es im ganzen Land keine einzige Glasfabrik.

Meine eigene Wohnung in Beirut war ebenfalls schwer betroffen und alle Fenster zerbarsten, ich selbst war zu dem Zeitpunkt im Norden des Landes und blieb unversehrt. Die Fensterrahmen aus Aluminium wurden durch die Druckwelle aus den Angeln gerissen. Ich hatte das Glück, über Netzwerke zu verfügen, die weit weg sind von Beirut und die noch Glas und Aluminium vorrätig hatten. Als ich den jungen Mann für die neuen Fenster bezahlte, fühlte ich mich wie in einem schlechten Mafia-Stück. Ich zählte Schein für Schein mehr als 9 Millionen libanesische Lira ab und gab sie ihm in einem Umschlag, weil das Gummiband nicht herum passte. Das waren 1.500 US Dollar zum Schwarzmarkt-Kurs. Vor der Hyperinflation waren das mal umgerechnet 6.000 US Dollar!

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Diese wirtschaftliche Notlage, die Pandemie, die Explosion und die weiterhin völlig unbeeindruckten politischen Eliten lassen bei den Menschen eine Wut und Trauer aufkommen, die mich oft übermannt. Man sieht jeden Tag, wie Menschen einfach immer weiter in die Verzweiflung getrieben werden. “Kannst du Aspirin aus Deutschland mitbringen? Oder Babynahrung? Ich kann in der Apotheke hier nichts mehr bekommen.” Solche Anfragen sind mittlerweile an der Tagesordnung.

Meine Freunde durchlaufen alle mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten den post-traumatischen Stress. Es ist eine kollektive Erfahrung der Trauer, Wut und Hoffnungslosigkeit, die es schwer macht, füreinander da zu sein, weil jede/r es selbst durchmacht. Trauma ist wie ein Gespenst, das sich über alle alltäglichen Dinge legt und einem im Supermarkt die Kehle zuschnürt oder beim Abwasch die Hände zittern lässt, so dass alles zu Bruch geht. Und so banal es klingen mag, aber Scherben und laute Geräusche sind momentan absolut unerträglich.

Die Nachricht, die mich in diesen Tagen morgens am häufigsten erreicht, ist “Ich konnte schon wieder nicht schlafen. Ich weiß auch nicht wieso.” Aber eigentlich wissen wir natürlich wieso. Wir erleben einen wirtschaftlichen Kollaps, eine Hyperinflation, die Folgen einer Explosion, für die niemand zur Rechenschaft gezogen werden wird und bei der die Regierung vermutlich nicht einmal einen ernsthaften Versuch unternehmen wird, sie aufzuklären, und überfüllte Krankenhäuser, ohne dass wir eine effektive Impfstrategie gegen Corona erkennen können. Wir wissen, wieso wir nicht schlafen können. Aber es muss weitergehen. Irgendwie.


Anna Fleischer (c) privat Alle Rechte vorbehalten Alle Rechte vorbehalten

Anna Fleischer koordiniert das Syrienprogramm der Heinrich Böll Stiftung im Beiruter Büro. Zuvor war sie in einer lokalen Frauenrechtsorganisation vor allem für Kampagnenarbeit zuständig.

 

Dunkle Wolken

Ein Beitrag von Anna Fleischer

“Das erinnert mich an Damaskus 2011”, sagt mein syrischer Bekannter völlig zerknüllt über seinen Drink gelehnt. „Ich wollte kurz zu Hause raus um mich weniger deprimiert zu fühlen. Aber die dunklen Straßen ohne Lichter, das deprimiert mich noch mehr.“ Ich weiß nicht, was ich antworten soll außer „Inshallah – so Gott will –  wird es irgendwann besser…“ Glauben kann ich daran aber nicht.

Wir haben seit Tagen, in manchen Regionen seit Wochen, wenig Strom. Das private Generatorensystem, das im Libanon fester Teil der Stromversorgung ist und in den Stunden übernimmt, in denen die Versorgung über das Stromnetz ausfällt, verfügt nicht mehr über genug Diesel, um die Ausfälle auszugleichen. Diese Generatoren sind Teil eines korrupten Systems reicher Politiker und Geschäftsmänner, die sich an den Bargeldzahlungen bereichern. Der Staat schafft es ohnehin nie 24 Stunden am Tag Strom bereitzustellen. Jetzt sind es mancherorts nur wenige Stunden pro Tag. Man bezahlt also zwei Rechnungen – die des staatlichen Stromversorgers und die der Generatorenmafia. Eben habe ich die Rechnung wieder in bar an der Haustür bezahlt, sie ist um 100% gestiegen.

Demonstrationen haben Menschen allen Alters auf die Strassen gebracht – auch aus Angst alles zu verlieren.

Dieser Tage verdunkelt die Wolke der Angst und Sorgen die Sommersonne über dem Libanon. Die wirtschaftliche Krise betrifft alle, außer vielleicht die Superreichen, aber die sind für mich sowieso nicht wirklich Teil dieses Landes. Sie haben Zweitpässe, oft Wohnsitze und in jedem Fall Konten außerhalb des Libanons.  Die libanesische Währung befindet sich im freien Fall: Normalerweise war die libanesische Lira an den US Dollar gebunden, was hieß 1,500 Lira für einen Dollar. Gestern habe ich gelesen, dass sie nun bei 10,000 Lira für einen Dollar steht.

In der Corona-Krise ist es fast so, als wäre in zwei Monaten geschehen, was sonst zwei Jahre oder länger gedauert hätte. Allen im Land war zwar klar, dass die Wirtschaft zu kollabieren drohte, aber niemand hatte eine globale Pandemie auf dem Schirm, die diesen Kollaps um ein unendliches beschleunigen würde.

Meinen Freundinnen und Freunde, die sonst kämpferisch und trotzig der schwierigen Lage entgegentreten, sind völlig deprimiert und müde. Viele Familien haben Probleme, medizinische Rechnungen zu begleichen, der Vater eines Freundes starb diese Woche. Sein Sohn hatte vergeblich versucht sein mühselig Erspartes von der Bank abzuheben um für die notwendigen Operationen und Medikamente zu zahlen. Die Banken halten die Einlagen normaler LibanesInnen förmlich als Geiseln. Auch leere Kühlschränke sind immer häufiger im Gespräch. Die Rede ist von mehr als drei Viertel der Bevölkerung, die unter der Armutsgrenze leben werden.

Für mich gab es immer zwei Libanons. Das eine war das Land, in dem die syrischen Flüchtlinge leben, ohne Menschenrechte, fast ohne Einkommen und nur mangelhaftem Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung. Das Leid dieser Menschen kenne ich gut aus meiner Arbeit und weil ich hingeschaut habe. Das tun viele in dem anderen Libanon, den ich kannte nicht so gern. Dieses andere Land hat luxuriöse Strandclubs, teure Restaurants und schicke Bars. In diesem Libanon habe ich auch Menschen getroffen, die zwar nicht völlig zufrieden sind, die aber als Mittelschicht komfortabel lebten. In den letzten Tagen habe ich das Gefühl, dass diese zwei Welten aufeinanderprallen: Die libanesische Mittelschicht zerfällt und verarmt vor unseren Augen.

Heute ist Freitag, das Wochenende steht vor der Tür. Ich wollte mich etwas aufheitern beim Gedanken daran. Dann lese ich die Nachricht: Ein Libanese nahm sich das Leben durch einen Schuss in den Kopf in einer der geschäftigsten Einkaufsstraßen der Stadt. Er trug um seinen Hals sein polizeiliches Führungszeugnis, aus dem hervorgeht, dass er nie gegen das Gesetz verstoßen hat. Darunter steht in großen roten Buchstaben: Ich bin kein Ungläubiger. Es schnürt mir die Kehle zu. Diese Zeile erinnert an ein berühmtes Lied des libanesischen Sängers Ziad Rahbani: „Ich bin kein Ketzer. Aber Hunger ist eine Häresie.“


Anna Fleischer koordiniert das Syrienprogramm der Heinrich Böll Stiftung im Beiruter Büro. Zuvor war sie in einer lokalen Frauenrechtsorganisation vor allem für Kampagnenarbeit zuständig.

Quaratine Diaries

Ein Beitrag von Fabian Heppe

Prolog: Das Abenteuer Tunesien endete für mich, bevor es wirklich angefangen hatte. Zweieinhalb Wochen nach meinem Jobbeginn in Tunis musste ich wegen der Corona-Krise wieder das Land verlassen. Nun nach knapp zwei Monaten im Home-Office in Berlin, starte ich meinen zweiten Anlauf und kehre nach Tunis mit einem Repatrierungsflug zurück. Was mich erwartet: Zwei Wochen staatlich verordnete Quarantäne in einem Hotelzimmer.

Tag 0 – Abflug

Der Frankfurter Flughafen ist wie ausgestorben. Außer dem Tunisair-Flug sind alle Schalter geschlossen, jede Sitzgelegenheit versperrt und die Souvenir- und Dutyfree-Geschäfte haben ihre Eisengitter heruntergefahren. Die Stimmung unter den Reisenden ist sehr gelöst, denn für viele geht es kurz vor dem wichtigsten muslimischen Feiertag Eid al-Adha zurück nach Hause. Alle stehen artig mit ihrem schweren Gepäck, Masken im Gesicht und unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes in der Schlange für den Check-in. Bevor einem die Bordkarte ausgehändigt wird, unterschreibt jede/r Passagagier*in eine Erklärung, sich in ein Hotelzimmer für eine zweiwöchige Quarantäne zu begeben. Sollte man die Quarantäne-Bestimmungen nicht einhalten, drohen einem eine saftige Geldstrafe und ein Gefängnisaufenthalt. Ich unterschreibe schwungvoll und schaue mit gemischten Gefühlen auf die vor mir liegenden Tage.

Im Flieger werden wir von einer Airline-Crew in voller Corona-Schutz-Montur (also mit Masken, Schutzkleidung, Handschuhen und sogar Schutzbrillen) fröhlich begrüßt. Der Flieger ist gut gefüllt. Ich erkundige mich bei meinem tunesischen Sitznachbarn, was ihn zurück nach Tunis treibt. Er arbeitet als Ingenieur für einen deutschen Autozulieferer. Seit dem Ausbruch der Corona-Krise ist er in Kurzarbeit und will nun seine Familie besuchen. „Ich habe ja nun Zeit“, sagt er mir schmunzelnd.

Angekommen in Tunis wird bei jeder Passagierin und jedem Passagier die Temperatur per Lasergerät gemessen, bevor wir uns in Busse begeben, die uns in das Quarantäne-Hotel fahren. Mit Polizeikorso und Blaulicht geht es nach Sousse, zwei Stunden südlich von Tunis. Ich staune, welche großen Anstrengungen ein kleines Land wie Tunesien unternimmt, um die Ausbreitung des Virus zu unterbinden. Für ein so hochverschuldetes Land ist es keine Selbstverständlichkeit, dass es seine Staatsbürger*innen zurückholt und ihnen die vollen Unterkunfts- und Verpflegungskosten bezahlt. Auch die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen reichen viel weiter, als wir sie aus Deutschland kennen und erinnern mich teilweise an Katastrophenfilme. Im Hotel wird unser Gepäck von Mitarbeit*innen des Gesundheitsministerium, die alle Schutzkleidung tragen, mit einem Sprüher desinfiziert. Da ich per Backpack reise und vergesse mein Gepäck abzustellen, werde ich freundlicherweise direkt mitdesinfiziert und kann mir die Dusche vor dem Schlafengehen sparen. An der Rezeption wird uns allen der Pass für die Zeit der Quarantäne abgenommen, damit wir nicht auf die Idee kommen das Hotel zu verlassen. Etwas verdutzt schaut der Herr vom Gesundheitsministerium auf meinen deutschen Pass und fragt, ob ich denn wüsste was mir bevorsteht. „Oui, je pense“, antworte ich. „Gut, dann sehen wir uns in zwei Wochen wieder. Inschallah“, entgegnet er. 

Tag 1 – Die kleinen Herausforderungen des Quarantäne-Alltags

Das Zimmer hat alles was man so zum Überleben braucht. Ein Bad mit Dusche, Schreibtisch und Bett, ja sogar einen Balkon mit Meerblick. Den ersten Tag nutze ich, um mich in meinem neuen Reich einzurichten. Die Yoga-Matte kommt für den täglichen Sonnengruß auf den Balkon, die Schokolade für den Heißhunger in den Kühlschrank und der Laptop auf den Schreibtisch. So weit, so gut. Doch schnell merke ich, dass sich in der Quarantäne andere Alltagsprobleme stellen als im normalen Leben. Wir dürfen die Hotelzimmer nicht verlassen und ein Signalton geht an, sobald wir die Tür öffnen. Der Kontakt mit der Außenwelt ist auf das Telefon und den flüchtigen, etwas schüchternen Austausch mit dem Personal des Gesundheitsministerium beschränkt, die dreimal täglich an unsere Zimmertür klopfen, um uns Essen zu liefern oder einfach sich zu versichern, dass wir noch leben. Das erste Problem ist, dass die Internetverbindung des Hotels nicht ausreichend stabil ist, um an den endlosen Webinaren und Internet-Konferenzen teilzunehmen, die zu dem neuen Corona-Arbeitsalltag gehören. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, dass dies vielleicht gar nicht so schlimm ist. Das zweite Problem stellt sich mir, als ich meine Simkarte wechseln muss, um mir einen Hotspot über das Handy für eine alternative Internetverbindung aufzubauen. Vergeblich versuche ich dem Gesundheitsministerium über das Hoteltelefon auf Französisch zu erklären, welche Art von Werkzeug ich brauche, um meinen Simkartenzugang am Handy zu öffnen. Verzweifelt gebe ich auf. Zwei Stunden später kann ich mein Glück kaum fassen: Ich finde in meinen Unterlagen eine Büroklammer mit der sich der Wechsel einfach vollziehen lässt. Das dritte Problem: Ich stelle fest, dass ich mittags aufgrund des Ramadans kein Essen geliefert bekomme. Ich werde also Zwangsfasten müssen. Abends bin ich so ausgehungert, dass sich die vegetarischen Essgewohnheiten bei fast ausschließlich Fleischgerichten kaum aufrechterhalten lassen.


Tag 3 – Fastenbrechen

Heute kam Mohamed, Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums und zuständig für die Überwachung und Verpflegung unseres Hotelflurs zu mir. Er erkundigte sich, ob ich mittags etwas zu essen bekommen hätte. „Nein, ich dachte es wäre Ramadan und deswegen werde ich nicht beliefert“, antwortete ich ihm. Etwas verlegen lächelt er mich an und sagt mir, dass nur die Gläubigen auf ihr Mittagessen verzichten würden und man mich wohl versehentlich bei der Essensauslieferung in den letzten drei Tagen vergessen hätte. Erleichtert sage ich ihm, dass sowas vorkommen kann und ich genug Proviant dabei habe, um über die Runden zu kommen. In dem Fall würde ich dann aber doch gerne wieder das Mittagessen in Anspruch nehmen.

Tag 4 –Tunesien – Urlaubsland mit beeindruckenden Farben und verstörenden Anschlägen

Seit gestern ist Wochenende und ich verspüre große Lust meine Umgebung zu erkunden. Ich nehme mir also einen Stuhl, setze mich auf den Balkon und lasse meinen Blick mehrere Stunden lang über die Welt vor mir schweifen. In 700 Metern Entfernung liegt das Meer und davor der Strand von Sousse. Dieser Strand erlangte 2015 traurige internationale Berühmtheit als ein Attentat auf Touristen in einem Hotel verübt wurde und 39 Menschen ums Leben kamen. Daraufhin brach der Tourismus in Tunesien dramatisch ein, da dies bereits der zweite Anschlag innerhalb kurzer Zeit war. Erst 2019 kam der Tourismus in Tunesien so richtig wieder auf die Füße und 2020 sollte endlich wieder ein goldenes Jahr für die Branche werden. Dann kam die Corona-Krise, und seitdem werden die Hotels nur noch mit einigen Rückkehrern, wie mir, zur Zwangsquarantäne gefüllt. So langsam nähert sich der Tag seinem Ende und ich richte nun den Blick auf das weite Meer und kann einige Fischerboote erspähen. Der Himmel färbt sich blutorange und steht in einem wunderbar angenehmen Kontrast zu dem dunkelblauen Meereswellen. Ich erahne, woher die Maler Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet damals 1914 während ihrer Tunisreise ihre Inspiration für neue Farben und Licht schöpften.

Sonnenuntergang an Tag 4
Tag 7 – Der Tag der Entscheidung

Heute ist es soweit! Das Personal des Gesundheitsministeriums führt bei allen Hotelgästen einen Corona-Test durch. Auf unserem Flur herrscht Angespanntheit. Einige Hotelgäste, mich eingeschlossen, laufen aufgeregt den Hotelflur von ihrem Zimmer zum Personal hoch- und runter, in der Annahme, dass sie nun mit dem Test an der Reihe seien. Nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen bin ich endlich dran und lege meinen Kopf in den Nacken. Ich fühle mich so privilegiert wie ein Spieler der Bundesliga, während das gut-geschulte Personal meine Nase malträtiert. Es ist erstaunlich, wie tief so ein Stäbchen in die Nase vordringen kann und kein sonderlich angenehmes Gefühl. Sollte der Test positiv ausfallen, werde ich an einen anderen Ort verlegt und muss wohl noch länger in Quarantäne verweilen. Ich hoffe, ich bin negativ. Inschallah…

Tag 8 – Gedanken zu Corona und Umweltverschmutzung

Während meiner Zeit in Quarantäne wird mir plastisch vor Augen geführt, dass die Corona-Krise wie ein Konjunkturprogramm für die Plastikindustrie wirkt. Es stapeln sich inzwischen Plastikberge bei mir im Zimmer und auf dem Balkon. Aus Angst vor einer Kontamination werden nur noch einwegverwendbare Plastikbehälter, -besteck, -tüten und –flaschen benutzt. Daneben sammelt sich auch noch der sonst übliche Plastikmüll an, der sich aus den täglichen Yoghurttrinkflaschen, Chipstüten oder Plastikprodukten für die tägliche Toilette zusammensetzen. Bereits ganz zu Beginn der Corona-Krise gab es in Tunesien erste Anzeichen dafür, dass Plastik noch präsenter im Alltag der Tunesier*innen sein wird, als er es ohnehin schon ist. Die Politik verordnete zum Beispiel, dass alle Kaffee-Häuser in Tunesien nur noch Getränke in Plastikbechern auszuschenken haben, um das Risiko einer Ansteckung zu verringern. Ich mache mir Sorgen, dass sich die Plastikindustrie das Hygiene-Argument so sehr zu eigen macht, dass die wenigen Erfolge im Kampf gegen die Verschmutzung zu Nichte gemacht werden. Bereits hier in meinen Vier-Wänden weiß ich schon nicht mehr, wohin mit dem Müll und bin froh, wenn ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes gelegentlich vorbeikommt und das Zeug für mich entsorgt. Nicht auszumalen, wie es dann wohl global aussieht.

Tag 9 – Durchhalten

Ich spüre, dass es hart wird in der Isolation und an die Psyche geht. Es fällt mir schwer mich zu motivieren und die tägliche Routine beizubehalten. Die Tage gleichen sich so sehr, dass es mich mental erschöpft und ich mich freue abends früh ins Bett gehen zu können, um den Tag hinter mich zu bringen. Auch diese ständige Grübelei tut mir nicht gut. Zu viel Nachdenken ist auch keine Lösung und ich ertappe mich dabei, wie ich gedanklich einem Freund oder einer Freundin vorwerfe sich nicht regelmäßiger bei mir zu melden. Sie wissen doch, dass ich alleine bin!

Neben diesen düsteren Gedanken, gab es heute eine sehr gute Nachricht. Mohamed verkündete mir mit breiten Grinsen, dass alle Hotelgäste Covid-19 negativ sind und ich wollte ihm vor Freude fast, um den Hals fallen, doch er bat den Sicherheitsabstand weiter einzuhalten.

Tag 10 – Es bewegt sich was

Das tunesische Gesundheitsministerium hat heute verkündet, dass in Zukunft alle Rückkehrer*innen nicht mehr zwei Wochen, sondern im Falle eines negativen Corona-Tests, sich nur noch eine Woche in staatlich-verordneter Quarantäne aufhalten müssen. Im Hotel läuft seitdem der Flurfunk heiß, ob diese Ankündigung sich auch auf unsere Situation auswirken könnte. Ich stelle mich innerlich jedoch darauf ein, die Quarantäne zu Ende zu machen und will mir keine falschen Hoffnungen machen. Wunderbar, behagliche Stimmungsmusik ist inzwischen mein Lebenselixier geworden und trägt mich durch den Tag. Zu elektronischen Naturklängen von Pantha du Prince drifte ich ab in ferne Techno-Sphären. Ich stelle mir vor durch einen Wald zu laufen, wenn ich die Augen schließe.

Tag 11 – Die unverhoffte Freiheit

Rückfahrt nach Tunis an Tag 11Am Ende ging alles ganz schnell. Noch gestern Abend wurde uns mitgeteilt, dass wir nun doch früher aus der Quarantäne entlassen werden. Die Tunesier*innen können somit doch noch Eid mit ihren Familien verbringen. Allerdings ist wegen der Corona-Krise und den Feiertagen das Reisen zwischen den Gouvernoraten weitgehend zum Erliegen gekommen und es gibt für mich keine Möglichkeit mit öffentlichen Transportmitteln nach Tunis zu kommen. Mohamed bietet mir an, eine private Autofahrt mit einem Freund von ihm zu organisieren. Bereitwillig nehme ich das Angebot an und packe noch schnell meine Sachen. Unten in der Rezeption werden die Hotelgäste von den Mitarbeiter*innen des Gesundheitsamtes mit herzlichen Umarmungen und Küsschen verabschiedet. Sie sind  für viele von uns inzwischen zu Freund*innen geworden und haben manchmal auch die Rolle einer Art Seelenklempner*innen eingenommen. Da ist es mehr als verständlich, dass für einen kurzen Moment dann doch über die strengen Hygienevorschriften hinweggesehen wird. Von uns geht schließlich keine Gefahr mehr aus. Unter Glückwünschen erhalte ich nun auch meinen Pass zurück. Glücklich und voller Vorfreude fahre ich, zusammengequetscht zwischen Gepäckstücken, in einem kleinen Auto nach Tunis. Die Straßen sind wie leergefegt, der Ausblick auf die vorbeiziehenden Landschaften wunderschön.

Epilog: Zusammenfassend kann ich festhalten, dass die Quarantäne eine spannende Selbsterfahrung war, die ich aber nicht nochmal machen würde. Es ist beachtlich wie gut Tunesien, die Ausbreitung des Virus in den Griff bekommen und in der Krise politische Handlungsfähigkeit bewiesen hat. Das Abenteuer Tunesien kann nun für mich beginnen, wenn es nicht längst angefangen hat.

Palästinensisches Palettenparadies

Ein Beitrag von Lara Kirchner

Der kreativen Bastlergemeinschaft angehörend, ist mir nach meiner Ankunft in Palästina sofort die allgegenwärtige Dichte an Holzpaletten an Ramallahs Straßenrändern aufgefallen. Mal vereinzelt, mal als aufgestapelter Berg. Dies war eine wahre Überraschung, ist doch der Anblick von frei verfügbaren Holzpaletten auf den Straßen deutscher Großstädte zu einer absoluten Rarität geworden. Grund ist die über Jahre gewachsene Nachfrage und Beliebtheit des rechteckigen Holzstücks. Denn was seit den frühen 1960er Jahren zum Zweck des vereinfachten Transports sämtlicher Güter produziert wurde, ist mittlerweile – bei designgerechter Weiterverarbeitung –  zum Ausdruck stilbewusster EinrichtungsliebhaberInnen geworden. Die Rede ist von der Europalette. Wer sie umgebaut als Teil des eigenen Interieurs präsentieren kann, gilt als hip, innovativ und umweltbewusst. Upcycling ist en vogue geworden; innerhalb europäischer Breitengrade gehört es mittlerweile zum guten Ton, Ausgedientes im neuen Glanze erscheinen zu lassen. Ob Regale, Tische und sogar Sofa- oder anderweitige Sitzgarnitur: die Europalette setzt kreativen Köpfen keine Grenzen. Alles ist machbar, wiederverwertbar, verwendbar. 80×120 cm Holz in genormter Palettenbauform wurden schnell zum Verkaufsschlager überraschter deutscher Großindustrieller, die sich kopfkratzend fragten, wozu ausgediente, zusammengenagelte Holzbretter noch zu gebrauchen wären. Was früher noch als neuer Trend galt, gehört mittlerweile zum festen Bestandteil diverser Einrichtungshäuser.

So bedarf es für das Auffinden der originalen Europalette in Ramallah zwar ein wenig mehr Zeit, doch muss nicht lange gesucht werden, um anderweitige zusammengenagelte Holzbretter in Palettenform zu finden, die in allen Farben und Größen verfügbar erscheinen. Da ich ohnehin eine nur teilmöblierte Wohnung gemietet hatte, reifte in meinem Kopf sehr schnell der Plan einer eigenen Möbelkreation, als ich die Palettenberge erblickte. Eines Tages machte ich mich auf den Weg, um zu fragen, ob ich einen kleinen Teil des sorgfältig aufgeschichteten Holzberges abschöpfen könne. Meine Frage zog ein paar fragende Blicke nach sich. Was ich denn damit wolle, wurde ich gefragt. „Möbelproduktion“ gab ich offen zu. Vorher ausgemessen, hatte ich die Wunschmaße der Paletten im Kopf und fragte, ob die Holzteile auch zurechtgeschnitten werden könnten. Die Paletten gehörten zu einer Werkstatt, die ihre Ware auf diesen geliefert bekommt. Das sich angrenzende Sägewerk ließ jedoch vermuten, dass mein Wunsch der Maßanpassung wahr werden könnte. Gefragt getan. Im Nu wurde ein Mann beauftragt die gewünschten zehn Paletten vom Berg zu nehmen. Er sprang in seinen Gabelstapler und beförderte die Paletten direkt zur automatischen Stichsäge, um die herum sich vier weitere Männer aufreihten, um die Palletten mit gemeinsamer Muskelkraft durch die Säge schieben zu können. Es dauerte keine zehn Minuten, da hatte ich meine zukünftigen Möbel in Einzelteilen, die nur noch darauf warteten, geschliffen und zusammengeschraubt zu werden. Ich verlud alles ins Auto, bedankte mich, erklärte nochmals mein Vorhaben und ließ die Männer mit fragenden Blicken zurück.

Vermutlich waren es selbige fragende Blicke, die damals auch die deutschen Großindustriellen hatten, als kreative Bastler mit dem Wunsch ankamen, ausgewählte Europaletten in ihren Besitz zu nehmen.

Doch Pionierin bin ich hier mit dem Upcycling ausgedienter Palletten nicht. Manche Läden in Ramallah bieten bereits aus Paletten zusammengeschraubte Gartenmöbel zum Verkauf an. Und manch hippes Café hat ein Regal oder einen kleinen Tisch aus Palletten gezimmert und dem Raum somit einen kleinen individuellen und kreativen Touch verliehen. Doch schaut man in die Privatwohnungen, so liegt der Trend weiterhin bei einheitlichen, ornamentversehenen Sitzgarnituren, raumeinnehmenden dunklen und schweren Holzmöbeln, die mit bunten Stoffen jeglicher Couleur bezogen sind. Die schlichte Holzpalette wirkt im Vergleich wie ein dekorationsloser Leichtbau für Bastleranfänger. Schmucklos statt pompös. Im Gegenzug dafür aber auch günstig anstatt kostspielig. Geschmäcker und Einrichtungskriterien sind bekanntlich verschieden. Aber wer weiß, vielleicht hält die ausgediente Holzpalette über kurz oder lang ja doch noch Einzug in die palästinensischen Privatwohnungen, sodass ich nicht mehr die einzige Person sein werde, die von Ramallahs Palettenbergen für eigenes Interieur großzügig abschöpfen wird. Bis dahin bleibt Ramallah für mich ein palästinensisches Palettenparadies, das in der Freizeit zum kreativen Basteln, Gestalten und Neuerfinden einlädt.

Frauenfreundschaften in Palästina

Ein Gastbeitrag von S., Praktikantin im Büro Ramallah

Die Westbank ist klein. Orte, in denen das Nachtleben nicht nur aus Kaffeehäusern und Schischa Bars besteht, sind begrenzt. Möchte man die im besetzten Westjordanland maximal möglichen Freiheiten genießen, endet man wohl oder übel in Ramallah – dem wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zentrum des Landes.

Und man kennt sich in Ramallah. Mit seinen offiziell knapp 34.000 Einwohnern (in Wirklichkeit sind es sehr viel mehr) und dem kleinen Anteil an Nachtschwärmern ist das kein Wunder. Ich lerne die ersten Leute an meinem zweiten Abend kennen, als ich mit meinen Mitbewohnerinnen ein Bier trinken gehe. Bald kann ich mitreden, wenn jemand über Ahmad („Der aus Hebron oder der, der Jura studiert hat?“), Mohammad („Unser Mohammad oder der Tandem-Mohammad oder der amerikanische Mohammad?“) und Jalal spricht. Es macht Spaß, dass jeder jeden kennt und man so leicht in dieses Netzwerk hineinkommt. Freundschaften schließen im Akkord. Der Haken – man – oder besser gesagt: frau lernt nur Männer kennen. An sich ja egal, aber es wäre doch mal schön, sich auch mit einer Palästinenserin zu unterhalten, zumal viele von ihnen wirklich beeindruckend sind. Sie treten mit einer Selbstsicherheit und Präsenz auf, die ich selten sehe und von dem weiblichen Gesprächsanteil bei gemischten Diskussion könnte sich mein Freundeskreis zuhause etwas abschneiden. Die jüngeren Frauen in den Bars sind so individuell angezogen, dass ihr Style ein neues Genre verdient hätte und bei den zwei weiblichen DJs aus Ramallah habe ich zu den (meiner Meinung nach) besten Sets seit langem getanzt.

„Garage“ – eine der populärsten Bars in Ramallah Alle Rechte vorbehalten

Der Freundinnen-Gedanke geht mir nicht mehr aus dem Kopf und als mich die (unglaublich coole) Barkeeperin bei der nächsten Party freundlich anlächelt, wittere ich meine Chance, endlich eine Freundin zu finden. Ich höre gar nicht mehr auf, zu lächeln und versuche, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Sie antwortet freundlich, mir gehen auf die Schnelle die Themen aus, und ich quatsche irgendwas über lokale Biermarken. Nach ca. fünf Minuten scheint sie ziemlich erlöst, als jemand am anderen Ende der Bar ein Bier (Corona) bestellt…

Die zweite Gelegenheit ergibt sich dank eines Besuchs bei der Frauenärztin. Ärztin Olga ist leider 40 Minuten zu spät und so langsam sammeln sich immer mehr Frauen vor der Praxistür. Ich errege als Ausländerin ein bisschen Aufmerksamkeit, und als ich in Anfänger-Arabisch nach der Ärztin frage, bricht das Eis langsam. Bald bin ich im Gruppengespräch aufgenommen, und was ich nicht verstehe, wird von einer amerikanischen Palästinenserin in Echtzeit übersetzt. Die Frauen sind ziemlich witzig, und beim Thema Eifersucht zwischen Geschwistern im Kleinkindalter kann ich souverän auf meine Erfahrungen als Tante zurückgreifen. Als sich das Gespräch dann Richtung Schwangerschaft bewegt, bin ich planloser und höre lieber zu. Das wird bemerkt und sofort nach meinen Kindern gefragt. Habe ich nicht. Verheiratet? Nein, auch nicht. Naja, das solle ich mal lieber genießen und schließlich sei ich ja noch jung. Als ich 27 sage und klar wird, dass das kein Versprecher war, kehrt kurz Stille im Wartezimmer ein. In Palästina wird im Durchschnitt deutlich früher geheiratet. Einige Frauen lächeln mir aufmunternd (mitleidig?) zu und meine amerikanische-palästinensische Sitznachbarin Marwa tätschelt mir die Schulter – das kann ja beides noch werden, meint sie tröstend. Dass ich eventuell weder das eine noch das andere will, führe ich nicht aus. Schnell wird das Thema gewechselt und mir wird klar, dass meine Wartezimmer-Bekanntschaften und ich in anderen Welten leben und das wohl nicht zu einer komplett offenen Freundschaft führen wird. Aber eine Verabredung zum Knafeh Essen (Palästinensische Süßigkeit) steht auf jeden Fall.

Eine Woche später laufe ich mit meinem Freund Ahmad durch die Altstadt von Ramallah. Er möchte mir einen Klamottenladen zeigen, der mir bestimmt gefällt. Wir gehen zu Babyfist, ein kleiner heller Laden mit zwei langen Stangen auf beiden Seiten. An die Wand ist eine Karte gemalt auf der einige Polaroidfotos glückliche internationale Käuferinnen zeigen.

Das „Babyfist“ – feministisches Modelabel in der Altstadt von Ramallah Alle Rechte vorbehalten

Ahmad fängt an, mir die arabischen Aufschriften auf den T-Shirts zu übersetzen.  This street is also my street, every rose has its revolution, get off my back. Irgendwann gesellt sich die Verkäuferin zu uns. „Wir sind ein feministisches Modelabel“, erklärt sie. 2018 hatte die Gründerin, Yasmeen Mjalli, mit Shirts mit dem englischen Aufdruck Not your habibti („Nicht Dein Liebling“) angefangen. Den Ausruf „habibti“ (Liebling) rufen in der arabischen Welt Männer mitunter Frauen auf der Straße nach. Das Label entwickelte sich schnell weiter und inzwischen promoten die (hauptsächlich in Gaza produzierten) Produkte Gleichberechtigung und Unterstützung von Frauen die sich nicht in gesellschaftliche Normen pressen lassen wollen. 10 % der Gewinne gehen an Frauen- und Mädchenprojekte. „Heute waren wir zum Beispiel im Shuafat Flüchtlingslager nahe Jerusalem um dort mit Mädchen der sechsten Klasse einen Menstruations-Workshop zu veranstalten“, erklärt die Verkäuferin. Ich bin begeistert und möchte mehr wissen. Als sie erzählt, dass sie gern Jura mit Fokus Menschenrecht studieren würde, erwähne ich die Veröffentlichungen unserer Partner bei der hbs. Sie kennt sie natürlich und fragt ein bisschen verunsichert, ob ich ihr nicht ein paar von ihnen ausleihen könnte. Schnell sind Handynummern ausgetauscht und wir verabreden uns für einen Kaffee am Wochenende.

Ahmad ist inzwischen ein bisschen gelangweilt, und gerade haben neue Kunden den Laden betreten. Wir verabschieden uns, ich bezahle mein wunderschönes Shirt (Get off my back), und wir machen uns auf dem Weg. Beim Verlassen des Ladens bemerke ich auf einmal, dass ich drauf und dran bin mich mit einer Palästinenserin zu befreunden. Ich überlege mir gleich, ob es doof ist, das neue Shirt bei unserem Treffen anzuziehen, ob ich die Veröffentlichungen lieber auf Englisch und Arabisch mitbringe und welches Café ich vorschlagen soll… In Ramallah bin ich wohl vor einer Kaffeeverabredung mit einer Bekannten aufgeregter als ich es je vor einem Date gewesen bin.

Warten ist schlimmer als sterben – die Heldinnen des Alltags in Idlib

Frauen bei einer Demonstration in Idlib. Mit freundlicher Genehmigung von Women Now for Development by Women Now for Development, mit freundlicher Genehmigung Alle Rechte vorbehalten

Von Anna Fleischer

Heute ist ein trauriger Tag für die Menschen in Idlib, die sich gegen das syrische Regime aufgelehnt haben. Denn heute steht Präsident Bashar al Assad das erste Mal seit über sieben Jahren wieder in dem letzten von Rebellen kontrollierten Gebiet. Seine Nachricht ist klar: „Jeder Zentimeter von Syrien wird zurück erobert, jeder einzelne.“ Aber nicht nur heute, sondern an jedem Tag, an dem in Idlib die Bomben fallen, fragen sich die Frauen, wie sie ihre Familien über den Tag bringen sollen – und bombardiert wird Idlib seit sechs Monaten täglich. Können sie es wagen, das Haus zu verlassen? Oder sollen sie lieber zu Hause bleiben und die Kinder trösten? In diesem Umfeld ständiger Gewalt, nach acht Jahren Krieg und inmitten der Zerstörung, die dies physisch aber auch emotional hinterlassen hat, werden Dinge zur Heldentat, die andernorts so alltäglich wären, dass man gar nicht darüber nachdenken würde. Wenn man eine Vorstellung davon haben will, wie ein Frieden in Syrien gelebt werden kann, ist es ein gravierender Fehler, nur – wie es im Moment passiert – auf bewaffnete Akteure zu schauen.

Als 2011 die Umbrüche mit friedlichen Protesten begannen, fand in Idlib eine rege Entwicklung statt. Es entstanden zivilgesellschaftliche Strukturen und lokale Selbstverwaltung, und schnell wurde die eigentlich konservative Provinz zu einem Sinnbild des Widerstandes gegen das Assad-Regime. Anders als Aleppo und Ost-Ghouta behauptet sich Idlib bis zum heutigen Tag gegen die Offensiven des Militärs. Dafür zahlen die Menschen einen hohen Preis: Über eine halbe Million Binnenflüchtlinge sind aus der anderen „Oppositionsgebieten“ hierher vertrieben worden. Die Region wird seit April 2019 heftig vom syrischen und russischen Militär bombardiert.

Während die Berichterstattung über Idlib sich auf das militärische Geschehen konzentriert, auf Terroristen und Milizen, gerät darüber in den Hintergrund, das der überwiegende Anteil derer, die in Idlib leben, und das sind laut den Vereinten Nationen zu über 99%, ZivilistInnen sind. Wie bestreiten diese in einem unter ständigen Bombardements stehenden Gebiet, aus dem es keinen Ausweg gibt, ihren Alltag? Wer unterstellt, es gäbe „keine Guten“ mehr in Syrien, ignoriert die Zehntausenden, vielleicht Hunderttausenden von Frauen und Männern, die sich tagtäglich für ihre Vision eines gerechteren Syriens einsetzen und das zivile Leben aufrechterhalten.

Eine der zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich mit Beginn der Umbrüche gründete, ist Women Now for Development, eine Frauenrechtsorganisation, die von Syrerinnen betrieben wird. Sie bietet unter anderem Bildungskurse, psychosoziale Betreuung und Führungstrainings in Gemeindezentren für Mädchen und Frauen an. Über drei Jahre habe ich diese Frauen bei ihrem Kampf nach mehr Mitsprache und mehr Freiheit unterstützt. Was die Frauen jeden Tag einzelnen Tag im Verborgenen leisten, fehlt in der Diskussion zu Syrien.

Nach dem Giftgasangriff auf Khan Sheikhoun im April 2017 öffnete ich Sprachnachricht um Sprachnachricht meiner Kolleginnen, die die Situation vor Ort beschrieben. Eine der Frauen erzählte, wie ihr Mann, der im einzigen Krankenhaus im nahegelegen Maarat al-Numan arbeitet, die Giftstoffe einfach nicht von denjenigen, um deren Leben er kämpfte, abgewaschen bekam. Egal, was er versuchte, Wasserkübel um Wasserkübel, er bekam sie einfach nicht ab. Als er abends völlig erschöpft heimkam, begannen die Augen seiner Frau und Kinder zu brennen. Weil die Chemikalien an seiner Kleidung und Haut klebten.

Zu dieser Zeit dachten einige der lokal tätigen Organisationen daran, ihre Arbeit einzustellen. Die Frauen vor Ort protestierten: Gerade jetzt können wir unsere Zentren nicht schließen! Egal, wie gefährlich es sein mochte, für sie war klar: „Jede Minute, die wir allein zu Hause sitzen und nichts tun, ist schlimmer als jede Gefahr. Warten ist schlimmer als sterben!“

Diese Heldentaten sind für das tägliche Leben eine absolute Notwendigkeit. Insbesondere für die Kinder, die oftmals nichts kennen außer Krieg. Abir in Idlib schrieb uns im Mai: „Unsere Nachbarschaft wurde gestern um 5 Uhr dreimal getroffen. Wir schlafen auf dem Flur, die Kinder im Badezimmer. Meine Tochter ist anderthalb Jahre alt und der Lärm der Bomben macht ihr Angst. Ich sage ihr immer wieder, dass es ein Spiel ist. Jedes Mal, wenn ein Militärflugzeug vorbeikommt, sage ich ihr … mach dich bereit für den KNALL, sie spielen nur mit uns.“ Die Mütter überspielten ihre Angst, um den Kindern eine Normalität vorzuspielen, die es seit fast zehn Jahren nicht mehr gibt.

Bei der Arbeit mit Frauen ist die Kinderbetreuung besonders wichtig. Die Frauenzentren stellen Kinderbetreuung für die Frauen zur Verfügung, die gerade an Kursen teilnehmen. Sie bieten Ersatz an für die völlig zerstörte Infrastruktur. Zum Beispiel in Sarakeb, einer Stadt in Idlib, die besonders hart vom Krieg getroffen wurde. Kindergärtnerin Bushra sagt: „Als die Bombardierung gestern begann, waren wir im Zentrum und die Kinder waren in der Kindertagesstätte, weit weg von ihren Müttern. Deswegen waren sie doppelt so verängstigt wie sonst. Mehr als 20 Kinder drängten sich um mich, weinten und schrien. Es dauerte zum Glück nicht lange, bis die Mütter kamen und ihr Kinder mitnahmen. Aber für die Minuten, in denen ich mit den Kindern allein war, wollte ich nichts weiter, als so lange Arme zu haben, dass ich sie alle umarmen kann.“

In einer der Feuerpausen dieser letzten Militäroffensive, die nun schon ein halbes Jahr anhält, erreichte mich ein Bild, das mich stutzen ließ. Darauf waren eine Schildkröte und zu einem Peace-Zeichen geformte Hände zu sehen.

Eine der Lehrerinnen im Frauenzentrum hatte eine Atempause genutzt, um mit ihren Kindern nach draußen zu gehen. Die Kinder hatten sich seit Tagen zu Hause versteckt wegen schwerer Bombardements, meist sogar unten ihren kleinen Betten. Als es ein wenig ruhiger wurde, bettelten die Kinder ihre Mutter an, sie wollten das Haus einmal verlassen. Da es das Ende von Ramadan war, und sie Mitleid mit ihren Kindern hatte, gab die Mutter nach. Sie brachte ihre Kinder raus in die Natur. Sie fanden jene Schildkröte und machten das Bild mit den Kinderhänden um zu zeigen, dass es immer noch normales Leben in Idlib gibt. Ihr Kommentar: „Die Kinder sollen soweit irgend möglich ein normales Leben führen. Wir lieben das Leben!“ Wieder so eine kleine Heldentat.

Oft höre ich die Frage: Wie geht es nun weiter in Syrien? Die Frauen haben eine klare Antwort darauf: Es geht eben weiter! Sie wollen sich nicht ergeben, sich nicht beugen. Sie haben sich in den letzten acht Jahren viel Raum erkämpft, gesellschaftlich und politisch. Den wollen sie nicht aufgeben. Sie haben neue Aufgaben angenommen, weil ihre Männer entweder traumatisiert, inhaftiert oder verstorben sind. Sie wollen sich nicht mehr zurückdrängen lassen, besonders gegenüber dem Assad-Regime sind sie hart: Unter Assad leben, nie wieder! Das ist für sie klar, denn genau gegen dieses Regime haben sie sich aufgelehnt, gegen Folter, Unterdrückung und Tyrannei. Um es mit den Worten von Nebal, einer Französisch-Lehrerin im Frauenzentrum, zu sagen: „Der gleiche Krieg, der viele Dinge in uns tötet, tötete auch unsere Angst vor vielen Dingen“.

Wer die alltäglichen Heldentaten der Frauen von Idlib sieht, weiß besser wie es um die Zukunft steht, als nur bei der Betrachtung von Terroristen, Soldaten und Milizen. Trotz aller Widrigkeiten, zeigt sich in den letzten Wochen der unbändige Wille der Menschen in Idlib für eine bessere Zukunft. In den Feuerpausen der russischen Kampfjets gehen sie auf die Straße und fordern Freiheit, Gerechtigkeit und den Sturz von Assad. Dieser rebellische Geist, den ein Jahrzehnt voller Zerstörung nicht brechen konnte, wird auch die Zukunft des Landes prägen. Militärisch mag es dem Regime gelingen, alle Gebiete Syriens wieder unter seine Herrschaft zu zwingen – an ihren Überzeugungen wird er jedoch nichts ändern können.

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Anna Fleischer koordiniert das Syrienprogramm der Heinrich Böll Stiftung im Beiruter Büro. Zuvor war sie in einer lokalen Frauenrechtsorganisation vor allem für Kampagnenarbeit zuständig.

Ramadan für nicht-Faster in Marokko

Ein Gastbeitrag von Lena Richter

„Bald ist Ramadan- Füllt die Vorräte auf!“ (c) im Netz gefunden von Lena Richter Public Domain

Für die meisten Marokkaner/innen ist der Ramadan eine sehr schöne Zeit: Das gemeinsame Fastenbrechen mit der Familie, Almosen geben, die besondere Atmosphäre während der langen Ramadan-Nächte, das Gefühl von Gemeinschaft, sowie mehr Zeit zum Nachdenken, für Spiritualität und Bescheidenheit. Besonders in Marokko ist das Fasten unglaublich wichtig. Für viele sogar wichtiger als andere Säulen des Islams, wie das Beten. So wichtig, dass der Alltag während des Ramadans auf dem Kopf steht: der Arbeitstag wird von 8h auf 6h verkürzt und selbst die Zeit wird um eine Stunde zurückgestellt. Und so wichtig, dass es oft Unverständnis aufruft wenn jemand nicht fastet. Dass jedoch nicht ganz Marokko fastet, wird zum Beispiel kurz vor Beginn der Fastenzeit klar, wenn (Alkohol)vorräte noch schnell aufgefüllt werden bevor die Spirituosengeschäfte während des Fastenmonats schließen.

Die Motive fürs nicht-fasten können sehr unterschiedlich sein. Manche Marokkaner/innen können krankheitsbedingt nicht fasten, andere gehören einer anderen Religion an und wiederum andere sind nicht-praktizierend oder nicht-gläubig. Für sie bedeutet der Ramadan nicht in der Öffentlichkeit essen zu können und sich oft rechtfertigen zu müssen warum man nicht fastet. Die Devise „iss doch einfach zu Hause“ ist oft einfacher gesagt als getan, besonders wenn man bei seiner Familie lebt, die fastet. Einige gehen darum während der Fastenzeit ins Ausland oder in Städte, wo es etwas weniger streng zugeht, wie etwa in Essaouira. Andere entwickeln kreative Strategien, um doch zu essen. Zum Beispiel, einen der legitimen Gründe um nicht zu fasten (krank sein, seine Tage haben, auf Reisen sein, etc.) als „Ausrede“ zu benutzen. Auch Wechselkleidung dabeihaben, die nicht verrät, dass man geraucht hat oder in einem Cafe war, ist eine Möglichkeit. Auf dem Arbeitsplatz bleibt jedoch manchmal nur das heimliche Essen im WC. Das Verstecken und Notlügen ist auf die Dauer sehr belastend, aber für viele der Preis den sie zu zahlen bereit sind, um den Haussegen nicht zu gefährden oder Probleme zu vermeiden.

Die neue Kampagne von MALI : Sticker-Aktion auf Stoppschildern (c) Lena RichterCreative Commons Lizenzlogo

Andere möchten nicht still bleiben und fordern durch Aktivismus mehr Rechte für nicht-Faster. Es ist zum Beispiel 10 Jahre her, dass die Marokkanische MALI Bewegung zu einem öffentlichen Picknick während des Ramadans aufgerufen hat. Hiermit wurde eine jährlich wiederkehrende Debatte ausgelöst. Laut MALI sollte das Thema nicht nur während der Fastenzeit eine Rolle spielen. Deswegen haben sie sich dieses Jahr dazu entschlossen nicht während, sondern nach dem Ramadan ihre neuen Kampagne „StopArticle222“ zu starten. Mit einer Sticker-Aktion kritisieren sie die Gesetzeslage, die Essen in der Öffentlichkeit während des Fastenmonats für Marokkaner/innen untersagt. Ironischerweise ist besagter Artikel ein Abschiedsgeschenk aus der französischen Kolonialzeit, doch gerade Ausländer/innen sind von dem Gesetz nicht betroffen. Viele nicht-praktizierende Muslime kritisieren diese Doppelmoral.  Für Ausländer/innen ist es während des Ramadan zum Beispiel möglich im Diplomatenshop Alkohol zu kaufen oder auf der Terrasse eines italienischen Restaurants Wein zu trinken, während Marokkaner/innen im besten Fall ein „to go“ Paket von McDonalds bekommen.

Beispiel eines memes, welches auf Facebook viel geteilt wurde (c) im Netz gefunden von Lena Richter Public Domain

Wegen des Tabus rund um das Thema findet der Großteil des Aktivismus und der Debatte online statt. Zum Beispiel in Facebook-Gruppen wie „A cool Ramadan“, ein Wortspiel, das sich auf das arabische Wort „akul“ für „essen“ bezieht. Hier werden memes und Essens-Selfies gepostet, aber auch Ratschläge und Erfahrungen ausgetauscht. Im kleinen Umfang findet hier auch ein Austausch mit religiösen Führern statt. Während die meisten muslimischen Gelehrten die geltenden Gesetze, die das Essen im öffentlichen Raum verbieten, verteidigen, gibt es auch einige Islamgelehrte, die darauf aufmerksam machen, dass im Koran deutlich steht „es gibt keinen Zwang in Religion“.

 

 

In der tunesischen Facebook-Gruppe „Fater“ ist diese interaktive Karte von geöffneten Cafes entstanden Public Domain

Ein Blick nach Tunesien verrät, die muslimische Identität eines Landes und die Toleranz gegenüber religiösen und nicht religiösen Minderheiten müssen nicht gegenstreitig sein. Doch auch in Tunesien, wo fasten nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, bleibt Essen während des Ramadans, besonders im Inneren des Landes (siehe Karte), ein gesellschaftliches Tabu. Deswegen werden zum Beispiel Zeitungen vor Cafés gehangen, um die nicht-Faster vor Blicken zu schützen. Aus diesem Grund sind letztes Jahr viele Tunesier/innen unter dem Motto „#mouchbessif“ (kein Zwang) auf die Straße gegangen. Unter Ihnen auch praktizierende Muslime, die das Recht ihrer Mitbürger/innen auf Religionsfreiheit, verankert in der neuen Verfassung, unterstützen (siehe Fotos).

 

 

 

Die Demonstration #mouchbessif / Dieser Herr, ausgestattet mit der tunesischen Flagge und der Verfassung, fastet, aber findet es wichtig, dass jede/r dies frei entscheiden kann (c) Lena Richter

 

Dass es wichtig ist, dass Gläubige und nicht-Gläubige sich gegenseitig in ihrem Recht auf Religionsfreiheit, einschließlich der Freiheit nicht zu glauben, unterstützen, zeigt auch die andere Seite der Medaille: In vielen europäischen Ländern werden Menschen die fasten manchmal schief angeschaut. In China ist der Ramadan in der Provinz Xinjiang für die muslimische uigurische Minderheit sogar verboten, da der Ramadan dort als eine „extremistische Praxis“ angesehen wird, die gegen die kommunistische Ideologie verstößt. Demjenigen, der fastet, droht deshalb eine Geldstrafe. Deswegen fordern viele beides: Mehr Verständnis für diejenigen die fasten und diejenigen die nicht fasten.


 

  Lena Richter ist Doktorandin an der Radboud Universität in Nimwegen und war sechs Monate als Praktikantin bei der Heinrich-Böll Stiftung in Rabat tätig. Seit drei Jahren forscht sie über Atheismus in Marokko, Tunesien und der marokkanischen Diaspora.

Babylon – Beirut

Schild im Qaddesha-Valley (c) Anna Fleischer, mit freundlicher Genehmigung by Anna Fleischer Alle Rechte vorbehalten

Eine der ebenso charmanten wie irritierenden Alltagsangelegenheiten im Libanon ist die Sprachgewandtheit der Libanesen. Nicht genug damit, dass die meisten Beiruter neben Arabisch ebenso selbstverständlich Englisch oder Französisch oder alle drei beherrschen, sie mischen sie auch freudig innerhalb eines Satzes.

In Deutschland schaudert es Sprachpuristen, wenn Anglizismen eingeflochten werden; „Kauderwelsch“ genießt kein gutes Ansehen. In der Bibel bringt Gott die Sprachverwirrung über die Babylonier, um sie für ihren Übermut zu strafen. In Beirut erscheint ganz im Gegenteil nicht die Viel-, sondern die Einsprachigkeit als Strafe. Sich fließend zwischen verschiedenen Idiomen zu beweegen gilt als Ausdruck von Weltoffenheit und wirkt identitätsstiftend als liebgewonnene Eigenheit, die auch Sprecher mit perfektem Englisch dazu bewegt, das „but“ beharrlich durch „bas“ zu ersetzen, oder Ich-Aussagen mit dem Arabischen „Ana“ einzuleiten – „Ana, I’d say“ – „Ich, ich würde sagen …“ Eine syrische und somit aus einem viel homogener arabisch geprägten Sprachumfeld kommende Freundin meinte, ihr Lieblingssatz sei die Modeberatung, die sie in einem Geschäft erhalten habe: „C’est k’tir k’tir chic bas k’tir k’tir simple.“ – „Das ist sehr schic aber gleichzeitig sehr schlicht.“

Das ist verlockend für jemanden, der sprachlich nicht so versiert ist: Fällt einem das Wort in der einen Sprache nicht ein, setzt man einen affektierten Gesichtsausdruck auf und flicht es beiläufig in einer anderen ein.

Mein kleiner Sohn, im Kindergarten beständig mit der Dreisprachigkeit konfrontiert, setzte das auch zu Hause fort. Englisch für Vereinbarungen, Arabisch für Beschleunigen und Bremsen, Französisch mit einem entsprechenden Gesichtsausdruck für die kleinen Mitteilungen zwischendrin. „Au toilet“, näselte er stets, wenn er aufs Klo wollte. Der Größere regte sich auf: „Du kannst das auch auf deutsch nett sagen. Ich sage immer „ich muss mal für kleine Königstiger.“ Der Kleine: „Mama, sind in unserem Bad TIGER?“

Auch ich amüsierte mich immer wieder über mich selbst, zum Beispiel, als eine Kollegin erzählte, sie hätten für einen Passanten Hilfe gerufen: „We called the Croissant Rouge!“ – Nach all den Jahren dachte ich immer noch spontan ans Frühstücksgedeck und nicht an die Krankenwagen des Roten Halbmonds. Oder bei Benennungen, die aus deutscher Sprachsicht vielleicht etwas unglücklich wirken wie „Rod’s Burger“, der mich unweigerlich an Schnupfen denken ließ. „Erinnerst du dich, wie wir in Damaskus immer über das große Schild des Arztes auf der anderen Straßenseite gelacht haben, „Dr. Chit“?“ warf meine Freundin aus Damaskus ein, „nicht zu reden von dem Wegweiser zum  „Grave of the unknown S.“, bei dem der Platz nicht ausgereicht hatte, und der „unbekannte Soldat“ gleich noch ein bisschen anonymer wurde!“

Gerne werden auch Wörter aus anderen Sprachen „arabisiert“ – nicht als Regierungsprogramm, sondern für den Alltagsgebrauch. „Gib mir einen ‚missed call’? Vokale raus, Konsonanten rein: „Tmskillni“. Wer sich nicht schon am frühen Morgen als Ausländer zu erkennen geben möchte, erwiedert „Bonjour“ mit „Bonjoureen“ – wünscht Du mir einen guten Morgen, wünsch ich Dir gleich zwei! Wie einmal ein Gesprächspartner heiter feststellte: „Die Kolonialmächte haben für einige Jahrzehnte unser Land nach ihren Vorstellungen geformt, wir rächen uns für immer an ihrer Sprache!“

Eine Untersuchung der Amerikanischen Universität in Beirut befasste sich damit, ob es bei diesem Sprachengewirr Unterschiede zwischen einzelnen Stadtteilen gäbe, ob der eine eher zum Englischen, der andere eher zum Französischen tendiere und man so die Geschichte der Stadt und ihre Brüche auch linguistisch abbilden könne. Die Forscher stellten fest, dass sich im öffentlichen Raum keinesfalls nur diese beiden prominent wahrgenommenen Sprachen oder durch die Aurnahme geflüchteter Armenier vor 100 Jahren in den durch sie geprägten Gegenden Armenisch niederschlugen, sondern Beiruts Beschilderung und insbesondere die Namensgebung von Restaurants und Geschäften noch vielfältiger ist. Sie trägt nicht nur der Geschichte des Landes Rechnung, sondern auch dem Umstand, dass Libanon ein traditionelles Auswandererland ist, von denen wiederum viele Einflüsse zurück in den Libanon getragen werden.

So, wie es in Berlin Imbisse gibt, die mit geschwungenen Linien und vielen eckigen Punkten darüber und darunter vortäuschen, arabisch beschriftet zu sein, hält es allerdings manch ein Hot-Dog-Laden auch in Beirut, wenn er „Frankwürst“ anbietet.

Pride Monat in Beirut

Drag Queens (und Cythia Khalfeh) (c) Lewis Semrani, mit freundlicher Genehmigung Alle Rechte vorbehalten

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

Die Stadt Boston genehmigte Ende Juni einer sogenannte „Straight Pride Parade“- ein Event, das den Organisatoren zufolge die „unterdrückte Mehrheit heterosexueller Menschen“ zelebrieren solle. Ausgerechnet Milo Yiannopoulos, ehemaliger Redakteur der rechtslastigen Webseite Breitbart News, werde hierbei die Leitung der Veranstaltung übernehmen. Yiannopoulus ist seit langem aufgrund zutiefst rassistischer, frauenfeindlicher und rechtsextremer Äußerungen aus sämtlichen sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verbannt. So beschimpfte er Transmenschen mehrfach als „kranke homosexuelle Menschen, die nach Aufmerksamkeit suchen.“ Erschreckend also, dass ihm offenbar erneut eine öffentliche Plattform für die Verbreitung seiner widerlichen Ansichten geboten wird.

Eigentlich sollte es ja nicht nötig sein, schon wieder auszuführen zu müssen, weshalb absolut keine Notwendigkeit für eine Straight Parade besteht. Doch anscheinend gibt es immer noch genug Menschen, die der Überzeugung sind, sie profitieren noch nicht genug von ihrem gesellschaftlichen Status und ihren Privilegien. Anstatt sich die eigenen Vorrechte mal vor Augen zu führen oder gar ein bisschen Sensibilität gegenüber weniger privilegierten Bevölkerungsgruppen zu entwickeln, schlagen diese Männer um sich und krakeelen als versuchte man ihnen, etwas wegzunehmen. Tun wir ja auch: Nämlich ihre Privilegien, die bisher unangetastet geblieben sind. Und diesen Verlustängste muss natürlich lautstark auf den Straßen Bostons Ausdruck verliehen werden.

Werden diese Menschen wohl je verstehen, dass Heterosexualität nicht zelebriert werden muss? Nö, werden sie nicht, denn dann müsste man sich ja eingestehen, dass man etwas feiert, wofür man selbst überhaupt nichts getan hat. Mit der Pride Parade hat dies nichts gemein. Denn wenn man sich die Mühe macht und die Ursprünge der Pride Parade hinterfragt, dann kommt man zu dem Schluss, dass in unserer Gesellschaft praktisch jeden Tag Straight Parade ist. Menschen und insbesondere Männer, die in das heteronormative Mainstreamraster der Gesellschaft passen, müssen keine Angst vor Diskriminierung haben. Sie müssen ebenso wenig Angst vor polizeilicher Gewalt oder Verhaftungen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität haben. Im Pride Monat dagegen geht es deshalb darum, Vielfalt zu proklarieren, weil LGBTIQ* Menschen immer noch massive Diskriminierung erfahren. Inspiriert von den Stonewall-Aufständen homosexueller Menschen in New York 1969, die sich gegen polizeiliche Ausschreitungen und homophobe Gewalt zur Wehr setzten, demonstrieren auch heute noch LGBTIQ* Menschen für Gleichberechtigung und Toleranz. Anstatt mutigen Demonstrierenden, die jedes Jahr wieder auf die Straße gehen, aber den Respekt zu zollen, den sie verdienen, geht man(n) in Boston –  eine der LGBTIQ* freundlichsten Städte des Landes – lieber einen Schritt zurück und feiert Machismus und längst überholte Rollenbilder. Und das mitten im Pride-Monat!

Apropos, Pride Monat: Vor einigen Wochen habe ich hier einen Beitrag zum Auftakt des Pride-Monats in Beirut geschrieben, in dem ich der Frage auf den Grund ging, inwiefern das Hissen von Regenbogenflaggen in Raouche Rock als eine grundsätzliche Zunahme der Toleranz gegenüber LGBTIQ Menschen interpretiert werden kann. Inwiefern dienen die Stonewall Aufstände auch in Beirut als Vorbild für Proteste gegen patriarchale Strukturen und strukturelle Diskriminierung? Zumindest in Beirut dominierten im Pride-Monat Drag Queens das Nachtleben.

Mit freundlicher Genehmigung von Eric Mathieu Ritter, Gründer von Emergency Room Alle Rechte vorbehalten

Darüber hinaus ist seit kurzem erstmalig ein Transmodel auf öffentlichen Werbeanzeige zu sehen. Das libanesische Modelabel Emergency Room entschied sich nämlich dafür, Sasha Elijah als Model für ihre neue Kollektion zu engagieren. Emergency Room wurde vor einem Jahr von Eric Mathieu Ritter gegründet: „Letzte Woche haben wir unsere Boutique in Beirut eröffnet und mir ist es sehr wichtig, zu verdeutlichen, dass das Label nicht nur für Nachhaltigkeit bei der Produktion und einen ethisch vertretbaren Umgang mit den Arbeitskräften steht, sondern auch für Diversität und Individualität. Aus diesem Grund entschieden wir uns dafür, ein Fotoshooting mit 25 unterschiedlichen Menschen mit verschiedenen Körperformen, Größen, Altersklassen, Religionszugehörigkeiten, Ethnien, Geschlechtern und Sexualitäten zu veranstalten, um zu zeigen, dass auch Beirut selbst ein Mix aus den unterschiedlichsten Menschen darstellt.“ Bei der Auswahl der digitalen Werbeanzeigen entschied Ritter sich dann unter anderem für Sasha Elijah, die sich in der Vergangenheit immer wieder auf mutige Weise gegen transphobe Kritik zur Wehr gesetzt hatte und mittlerweile auch auf internationaler Ebene als Model gefragt ist. Noch vor einigen Jahren wäre es nicht denkbar gewesen, ein Trans-Model auf einer großen öffentlichen Werbeanzeige mitten in Beirut zu sehen, aber im Gegensatz zu Boston hat sich in Beirut seither einiges in Richtung Offenheit getan. Das zeigt sich auch auf dem Instagram-Account der bekannten libanesischen Schauspielerin Cynthia Khalifeh, die sich mit einer Gruppe von Drag Queens ablichten ließ und sich auf Instagram für mehr Toleranz gegenüber LGBTIQ*-Menschen aussprach. Es scheint also doch Menschen zu geben, die ihre Plattform dafür nutzen, Solidarität zu bekunden anstatt rechtsextremistische und homo- bzw. transphobe Propaganda zu verbreiten. In diesem Sinne: Happy Pride Month! Auf dass all die krakeelenden Männerstimmen mal für einen Moment verstummen, damit die Menschen gehört werden können, die viel zu lang keine Stimme hatten.


Inga Hofmann

Inga Hofmann by Inga Hofmann Alle Rechte vorbehalten

Inga Hofmann unterstützt das im Büro Beirut der Heinrich Böll Stiftung in diesem Sommer. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.