Archiv des Autors: Rene Wildangel

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Über Rene Wildangel

Rene Wildangel leitet das Büro der Stiftung in Ramallah. Er twittert als @rewiram

Frieren statt Frieden – Der Nahe Osten versinkt im Schneechaos

Stiftungsleiter im Nahen Osten – bei dem Beruf denkt man gemeinhin zwar an allerlei Krisen, ansonsten aber wohl eher an viel Sonne, fernab vom grauen Berlin. Aber zumindest wer nach Ramallah oder Jerusalem geht, sollte daran denken zukünftig eine Kältezulage zu beantragen: Ab Dezember kann es äußerst ungemütlich werden, insbesondere da die meisten Häuser unzureichend isoliert und nur selten mit funktionierenden Heizungen ausgestattet sind.

Zwar ist Schnee ist im Winter keineswegs selten, die Bilder der Jerusalemer Altstadt und vom Felsendom im Schnee sind berühmt (Zum Beispiel hier mit weiteren sehenswerten Bildern u.a. aus dem verschneiten Kairo und mit einem Bild von mir aus Ramallah) . Ramallah liegt immerhin auf 900 Meter Höhe, Jerusalem auf 750. Aber die 50cm Schnee, die in den letzten Tagen gefallen sind, und gerade vor meinem Fenster noch weiter anwachsen, sind schon grotesk.

Zwar ist es für viele Menschen in der Region großartig, mal im Schnee zu tollen und Schneemänner zu bauen; allerdings droht der Spaß schnell zum Ernstfall zu werden, denn auf solche Schneemassen ist man hier nicht vorbereitet. Nur wenige Straßen werden geräumt und Stromausfälle sind eher die Regel als die Ausnahme. So blieb Ramallah zuletzt weitgehend dunkel und still, selbst der fünf mal am Tag erschallende (und elektronisch verstärkte) Gebetsruf blieb größtenteils aus. Dazu kommen, wie eigentlich immer, politische Probleme: Palästina ist von israelischer Stromversorgung abhängig, die Versorgung der Westbank hat aber keine Priorität, bzw. palästinensische Einsatzteams werden am Zungang für Reparaturen gehindert.

Während also US Secretary of State John Kerry zum x-ten Male in die Region reiste um ein eventuelles US-Friedensproposal mit beiden Seiten zu eruieren, hat die Region aktuell ganz andere Probleme. In Tel Aviv wütet ein Sturm, Ramallah versinkt im Schnee. Frieren statt Frieden. Noch viel schlimmer aber ist die Lage besonders dort, wo Menschen unter sowieso schon katastrophalen Bedingungen leben: Im belagerten Gazastreifen oder in den Lagern für syrische Flüchtlinge  in Jordanien und im Libanon. Die Kälte für die Menschen dort, die durch den Krieg alles verloren haben und zum großen Teil in Zelten oder Containern leben, so wie im Flüchtlingslager Al-Zaatari, ist unvorstellbar und lebensgefährlich.

Im Gazastreifen war die Lage auch vor der Kältewelle bereits menschenunwürdig. Aufgrund der von Israel, und jüngst auch von Ägypten verhängten fast vollständigen Blockade des Gazastreifen fehlt es an vielen Gütern und insbesondere an Treibstoff, mit dem Elektrizität produziert wird. Viele Menschen im Gazastreifen haben seit Tagen fast gar keinen Strom mehr, so wie mein Freund Majid, der in den letzten 36 Stunden gerade mal 3 Stunden Strom hatte.  Durch das Unwetter sind viele Straßen überflutet, die Menschen frieren, ihre Häuser sind beschädigt, Tausende mussten evakuiert werden. Israel hat nun zumindest am Übergang Kerem Shalom den Zugang für die wichtigsten Versorgungsgüter gelockert.

Derzeit zeigt die Natur ihre volle Machtfülle. Politische Themen sind zweitrangig. Zumindest solange, bis der Schnee geschmolzen ist – was vor allem all jenen zu wünschen ist, die viel mehr leiden unter der Kälte als der eingeschneite Leiter der HBS in Ramallah.

Tatort Ramallah: Arafat-Krimi fällt aus

Nachdem gestern der Bericht zur Untersuchung der Todesursache Yassir Arafats veröffentlicht wurde, ist nach Ansicht der Gutachter zumindest wahrscheinlicher, dass Arafat 2004 tatsächlich mit Polonium umgebracht wurde. Wer hinter der Tat stand und wie sie ausgeführt wurde, bleibt dagegen unklar. Während das Thema heute weltweit in den Nachrichten war, spielte es hier vor Ort nicht so eine zentrale Rolle. Denn für die Palästinenser ist sowieso klar, wer dahinter steht – der damalige Regierungschef Ariel Sharon, Erzfeind Yassir Arafats.

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Großes Arafat-Portarit an einer Hauswand in Ramallah 2012. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Das ist zumindest mehr als eine abstruse anti-israelische Verschwörungstheorie, denn viele erinnern sich hier natürlich daran, dass der israelische Geheimdienst mehr als einmal palästinensische Führer ins Fadenkreuz genommen hat, zum Beispiel 1987 bei der Ermordung des PLO-Führers „Abu Jihad“ oder dem 1997 gescheiterten Attentat auf Hamas-Führer Khalid Masch’al. Und schließlich hatte Sharon sogar 2004 offiziell im Gespräch mit US-Präsident Bush die Garantie, dass er Arafat nicht antasten werde, aufgekündigt.

Bemerkenswert ist jetzt vielmehr, dass sich die PLO offiziell mit Schuldzuweisungen zurückhält – klug, denn Beweise gibt es nun mal keine. Eine internationale Untersuchung wird in Erwägung gezogen, aber auf eine Propagandaschlacht mit Israel will man sich nicht einlassen. Dass würde nur von Themen ablenken, die sowohl die Palästinenser bewegen als auch die derzeitigen Gespräche mit der israelischen Regierung schwer belasten: Zum Beispiel der ständige Ausbau von israelischen Siedlungen und die angekündigte Zerstörung von 15.000 Häusern in Ost-Jerusalem,

Während in den Medien zu den letztgenannten Themen wenig Informationsbedarf zu bestehen scheint – nichts scheint gestriger als die Meldungen aus dem nur noch in Anführungszeichen so zu nennenden „Friedensprozess“ und seinen wiederkehrenden Misserfolgen – stand heute mein Telefon nicht mehr still. Sechs Interviews, u.a. Deutschlandfunk, info Radio Berlin und Schweizer Rundfunk zum leidigen Thema: Wurde Arafat ermordet und wenn ja, von wem? Aber was international Schlagzeilen macht, ist noch lange nicht ausschlaggebend vor Ort. Quintessenz: Die Palästinenser haben wirklich andere Probleme als sich mit dem Schweizer Untersuchungbericht und den damit zsammenhängenden Spekulationen zu beschäftigen. Die Auflösung des Arafat-Krimis fällt aus.

(Nachtrag: Was die im Deutschlandfunk geäußerte Frage zu den Texten palästinensischer Geschichtsbücher über Yassir Arafat betrifft, werde ich die Antwort hier nachholen).

Auf der Champs-Elysée der Flüchtlinge

Auf der Hauptstraße des Flüchtlingslagers Al-Zaatari, 70km nördlich von Amman, haben entlang der Hauptstraße in Containern dutzende Shops geöffnet, in denen fast alles zu haben ist: Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Werkzeug, Haushaltswaren, Elektrogeräte, Fernseher. Es gibt Bäckereien, Friseursalons, Moscheen und Cafés. So groß ist die Vielfalt, dass die neue Hauptstraße von den syrischen Flüchtlingen schon informell mit einem guten Schuss Zynismus umbenannt wurde: In „Champs-Elysée.“ Ansonsten erinnern nur die überteuerten Preise an die französische Hauptstadt. Eines der Cafés hier heißt „Coffee Freedom “ – Freiheit, das ist das eine Gut, das weder in Syrien noch für die syrischen Flüchtlinge in Al-Zaatari zu erwerben ist.

Staubige Hauptstraße „Champs-Elysée“ in Zaatari. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Freedom Café im Wohncontainer in Zaatari. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Der zweite Besuch im Flüchtlingslager Al-Zaatari in Jordanien zeigt, dass ich viel verändert hat. Wo vor über einem Jahr nur endlose Zeltreihen und improvisierte Feld-Krankenhäuser standen, entsteht nun eine kleine Stadt. Hier leben Flüchtlinge aus Syrien, die den schweren Kämpfen aus der Region Der’a in Südsyrien entkommen sind. Hier fing 2011 alles an mit dem Aufstand gegen Bashar al-Assad. Wer hier angekommt, ist schwer traumatisiert vom Krieg. Viele Männer haben für die Freie Syrische Armee gekämpft, manche gehen auch wieder zurück ins Kriegsgebiet. Vor einem Jahr waren die Zustände im Lager noch so schlimm, das auch ganze Familien statt der harschen Bedingungen in Zaatari die Rückkehr nach Syrien unter Lebensgefahr erwogen. Jetzt bleiben die meisten, der Süden Syriens wird weiter heftig vom Regime Bashar al-Assad’s bombardiert. Der Leiter des UNHCR vor Ort, ein Deutscher, will das Flüchtlingslager Zaatari in eine kleine Stadt verwandeln. Mit Gemeineräten, Gericht und erhöhter Eigenverantwortung der Flüchtlinge; nicht um einen permanenten Wohnort zu kreieren (Zaatari zählt mit um die 100.000 Bewohnern bereits zu den größten Siedlungen in Jordanien), sondern um bis zur Rückkehr ihre Situation zu weit wie möglich zu verbessern und ihnen ein bisschen Würde zurückzugeben.

Internationale Hilfe wird zwar viel zugesagt in diesen Tagen, aber noch nicht einmal die mindeste humanitäre Grundversorgung  erreicht alle Flüchtlinge. Besonders dramatisch ist die Lage der hundertausenden Flüchtlinge außerhalb  der Lager: In Jordanien sind das über 400.000 (Hier ein Überblick über die deprimierenden Zahlen der Flüchtlingswelle nach Jordanien). Der Großteil ist arbeitslos und in Jordanien nur geduldet; Kinderarbeit, Verheiratung von minderjährigen Mädchen und Missbrauch sind wachsende Probleme der schutzlosen Flüchtlingsgemeinden, darunter viele Familien mit bis zu zehn Kindern, die völlig mittellos nach Jordanien  geflohen sind, sind keine Seltenheit.

Unter den Jordaniern wachsen derweil Vorurteile und Feindseligkeit. Zwar stimmt, dass Jordanien lange die Grenzen für die Flüchtlingsströme geöffnet hatte. Aber uneingeschränkt offen ist die Grenze nicht mehr, Berichten zufolge dürfen unter anderem Flüchtlinge palästinensischer Herkunft und junge alleinstehende Männer die Grenze nicht mehr überqueren – das jordanische Königreich befürchtet Auswirkungen auf die innere Sicherheit. Wenn man bedenkt, dass die 80-Millionen-Nation Deutschland gerade einmal bereit ist 5000 Syrerinnen und Syrern Schutz zu bieten, erscheinen 500.000 Menschen für das kleine Nachbarland Syriens mit nur ca. 6 Millionen Einwohnern in einem anderen Licht.

Gefängnis Gaza

Seit mit dem Putsch in Ägypten Präsident Mursi aus dem Amt gejagt wurde, hat sich die Lage für die Menschen im Gazastreifen massiv verschärft. Nicht etwa, weil Mursi eine besonders freundliche Politik gegenüber den Palästinensern, und auch nicht gegenüber der Hamas betrieben hatte. Im Gegenteil, dass Verhältnis zwischen den Islamisten war angespannt. Aber Mursi setzte zumindest die Politik des Wegschauens gegenüber Gaza fort. Über die offizielle Landgrenze in Rafah kamen zwar nur relativ wenige Personen täglich, aber über ein Tunnelsystem blühte der illegale Handel und Personenverkehr – ein Lebenselexier für den kleinen Gazastreifen. Seit 2007 ist Gaza seitens Israel komplett abgeriegelt. Jetzt hat Ägypten unter den Generälen dieselbe Politik übernommen. Offensichtlich will man das „Problem“ Gaza an Israel zurückgeben. Das wird auf dem Rücken der 1,7 Millionen Menschen im Gazastreifen ausgefochten: Die ohnehin schon schwierige Versorgungslage mit kaum funktionierender Strom- und Wasserversorgung sowie unzureichender Abwasserentsorgung hat sich dramatisch zugespitzt. Das Schlimmste: Der beklemmend kleine Gazastreifen ist jetzt endgültig zum Hochsicherheitsgefängnis geworden. Zäune und Mauer von allen Seiten, Drohnen und Militärflugzeuge in der Luft, israelische und neuerdings auch ägyptische Marine zu Wasser.

Fast niemand kommt heraus, seit auch der Grenzübergang Rafah nach Ägypten gesperrt und nur wenige Stunden in der Woche für Notfälle geöffnet wird. Auf meinem Facebookaccount häufen sich die Geschichten von jungen, klugen Menschen in Gaza, die Stipendien zum Studium an europäischen und amerikanischen Top-Universitäten bekommen haben. Ihr Weg zu einer Bildung, die ihnen und vielleicht auch irgendwann einmal dem Gazstreifen den Weg aus er Misere weist. Aber sie sitzen bangend an der Grenze und warten tagein, tagaus auf die Erlaubnis zur Ausreise. Auf das, was eigentlich das normalste der Welt sein sollte.

Auf Twitter verbreitetes Bild: „In Gaza enden die Träume in Rafah“

Shahd A., eine 22jährige Bloggerin, wartete Tage lang auf ihre Ausreise nach Italien, wo sie eine Lesereise antreten will. Derweil hatte ihr Bruder Majed gehofft, am 3. Oktober am Empfang des Deutschen Vertretungsbüros in Ramallah teilnehmen zu können – aber seine Ausreise wurde aus „Sicherheitsgründen“ abgelehnt. Fast niemand kann zwischen Gaza und der Westbank reisen. Youssef H. hat ein Stipendium für die Oxford Universität und bittet seine englischen Kommilitonen um Hilfe. Nach vielen Stunden des Bangens, oftmals umsonst, kommt er doch noch durch, und schließlich auch die völlig entkräftete Shahd: „I cannot find words to describe my emotions. I’m overwhelmed! I tried to control my excitement because I didn’t want to get frustrated knowing that uncertainty is what defines our lives in Gaza. But everything went smooth. The moment my feet stepped outside the Egyptian side of the Rafah border crossing, I started running, laughing, and crying in the same time. My happiness was beyond description. Finally my nightmare has come to an end.“

Zu alldem kommt die drangsalierende Politik der Hamas, die mittlerweile fast ohne Verbündete dasteht und durch den Druck den Überwachungsstaat nochmals verstärkt hat. Die Welt schaut bisher nur zu, während Ägypten und Israel den Gazastreifen strangulieren  und 1,7 Millionen Menschen zur Geisel nehmen. Avaaz hat eine Petition zur Öffnung des Gazastreifens gestartet. Nächste Woche versuche ich in den Gazastreifen zu fahren und werde an dieser Stelle von der Lage vor Ort berichten.

 

Wir sind Arab Idol!

Ungefähr so fühlte es sich gestern abend an. Da war das eingetreten, worauf Millionen Palästinenser in der Westbank und Gaza, aber auch in der ganzen Welt hingefiebert hatten. Muhammad Assaf hat die seit Monaten alle Einschaltquoten in der arabischen Welt beherrschende Sendung „Arab Idol“ gewonnen. Als die Entscheidung verkündet wurde, sank Muhammed Assaf auf die Knie, und in Ramallah die Menschen in einen Freundentaumel.

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Mittendrin die beiden Büroleiter aus Israel und Palästina, Marc Berthold und ich. Schließlich ist Assaf auch in Israel ein Superstar, die Palästinenser in Nazareth und vielen anderen Städten (immerhin 20% der Einwohner Israels) waren genauso begeistert mit dabei. Ramallah platzte aus allen Nähten, selbst auf den Dächern wurde der Platz knapp. Zehntausende feierten in die Nacht – so wie man es in Deutschland nur von Fußballwelt- und Europameisterschaften kennt.

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Menschenmassen in Ramallah beim Arab Idol Finale.Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Muhammad Assaf hat Sympathien — und Stimmen, gewählt wurde per sms — aus der gesamten Region bekommen, und die Palästinenser haben endlich etwas, das sie stolz macht, feiern und die täglichen Demütigungen mal vergessen lässt. Das zeitgleich zum Beispiel der gerade erst ernannte palästinensische Ministerpräsident zurückgetreten ist, interessiert keinen. Die Menschen sind so müde, so erschöpft von den Jahrzehnten der Besatzung, aber ein Sänger aus Gaza hat es geschafft sie in einen Freudentaumel zu versetzen. Assaf wird nun nach Gaza zurückkehren; obwohl die Hamas die „westliche“ Show lange ablehnte, dauerte es nicht lange, bis sie Assaf auf schräge Weise zu vereinahmen suchte. Doch der größte Hit, den Assaf darbot, ist ein Lied, das eindeutig der PLO (der die Hamas nicht angehört) zugerechnet wird.  Kein Wunder, dass sich nun viele in seinem Ruhm sonnen wollen; den 1,7 Millionen Menschen im engen und belagerten Gazastreifen dürfte das egal sein, sie werden Muhammad Assaf als Volkshelden empfangen wenn er zurückkommt. Er hat auch in Kürze Konzerte in der Westbank angekündigt – dafür wird er allerdings die Erlaubnis Israels brauchen, denn die Einwohner Gazas können seit der Zementierung der Teilung 2007 in der Regel nicht mehr in die Westbank reisen. Dann dürfte es für Assaf auf eine noch größere Tournee gehen. In die arabische Welt, aber vielleicht sogar darüber hinaus. Denn Assaf ist ein grandioser Sänger mit echter Starqualität und viel Charisma. Hier noch ein Beweis: Wer es schafft ein Lied der Backstreet Boys zu singen, ohne dass es peinlich wirkt, ist wirklich ein Superstar.

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Palästina im Arab Idol Fieber

Jeden Freitag Abend gibt es derzeit in der gesamten arabischen Welt nur ein Thema. Es ist nicht der grausame Krieg in Syrien. Nicht die Proteste in Ägypten, oder aktuell in der Türkei. Es handelt sich vielmehr um die arabische Version von „Deutschland sucht den Superstar“ – Arab Idol. Dabei treten Kandidatinnen und Kandidaten aus der ganzen Region gegeneinander an; und ein bisschen so wie beim „Eurovision“ Wettbewerb ist das Ganze nicht nur interessant wegen der eigentlichen Gesangsbeiträge, sondern auch wegen der Herkunft der Teilnehmer und ihrer Geschichten. Jeden Freitag abend wird die Show auf dem libanesischen Sender MBC aus Beirut ausgestrahlt. Langsam aber sicher geht die Show auf die Zielgrade, von den vorausgewählten 13 Kanidaten sind nur noch vier übrig. Unangefochtener Superstar ist Muhammed Assaf aus Gaza.

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Seine Herkunft aus dem isolierten, belagerten Gazastreifen weckt alleine schon Sympathien, um so mehr aber sein abenteuerlicher, beschwerlicher Weg zu den Vorausscheidungen in Ägypten. Assaf hatte sich in Gaza einen Namen als Sänger gemacht, der dort in erster Linie auf Hochzeiten auftrat. Jetzt fiebern nicht nur die 1,7 Millionen Menschen im Gazastreifen, sondern auch Fans in Jerusalem und in der Westbank mit ihrem Hoffnungsträger – genauso wie in vielen anderen Ländern der gesamten Region.

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Ramallah: Bereit für’s Public Viewing.
Foto: CC-BY-SA René Wildangel

In der Stadtmitte Ramallahs findet jeden Freitag abend ein Public Viewing statt (was hier sonst nur beim Classico, der Begegnung zwischen Real Madrid und FC Barcelona denkbar war). Auch in Gaza gibt es Public Viewing, und in einem größeren Hotel in Gaza singt jede Woche Muhammads Bruder, der in seine Fußstapfen treten will. Überall in Palästina hängen Plakate mit dem Konterfei Assafs und der Nummer 3 – die müssen Zuschauer in einer sms senden, wenn sie Assaf unterstützen wollen. Palästinensische Banken werben mit Assaf und bieten an für jede sms, die die Palästinenser zugunsten Assafs abgeben, nochmal eine weitere sms-Stimme zu finanzieren.

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Werbung mit Superstar Assaf
Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Muhammad Assaf ist wirklich ein grandioser Sänger und er dürfte gute Aussichten auf den Gesamtsieg haben; auch, aber nicht nur wegen seiner Herkunft und Geschichte. Am gestrigen Abend wurde er von der Jury wieder euphorisch gelobt. Eines der Jurymitglieder machte mit zwei Anekdoten deutlich, wie groß der Kult um Assaf ist: Erstens habe er einen Brief von einem palästinensischen Gefangenen in Israel bekommen, der sich im Hungerstreik befinde – auch um Medien nutzen zu können, und insbesondere damit er auch MBC und Arab Idol verfolgen könnne. Zweitens habe ihn auf der Fahrt zur Sendung jemand angerufen, um auszudrücken wie sehr er Muhammad Assaf die Daumen drücke – kein geringerer als Präsident Mahmoud Abbas. Samstag abend wird auf MBC mitgeteilt, wer ausscheiden muss, die endgültige Entscheidung fällt am 22. Juni. Die Konkurrenz für Assaf ist groß, und mit der Syrerin Farah Youssef gibt es noch eine weitere Kandidatin, der viele den Sieg auch aufgrund der tragischen Entwicklung in ihrem Heimatland wünschen. Aber für die Palästinenser ist die Sache längst klar: Superstar ist nur einer, Muhammed Assaf.

 

Deutsches Classico in Ramallah

Für die Fans in Ramallah war die Paarung des gestrigen Abends die Höchststrafe. Denn Palästinenserinnen und Palästinenser teilen sich in der Regel in zwei Gruppen (nein, nicht Hamas und Fatah, die haben beide schon längst die Zustimmung der meisten verloren): In Gaza, Ostjerusalem und Westbank ist man entweder Barcelona- oder Real Madrid-Fan. Vor dem Classico, das jeweils Tausende in die Kaffehäuser lockt, werden in Ramallah in der Stadtmitte Clubfahnen und Trikots verkauft. Für beide Sympathien haben, das geht nicht. Im Winter, als in Ramallah Schnee lag, habe ich Kinder gehört: „Ihr seid Real, wir sind Barca“, so die Einteilung vor einer Schneeballschlacht.IMG_2828

Auch Fußball ist in Palästina natürlich politisch. Seit 1998 ist Palästina FIFA Mitglied und derzeit auf Platz 153 der Weltrangliste. Eine Steigerung ist schwer, so lange die Westbank besetzt bleibt und aufgrund der Teilung zwischen Gaza und Westbank kein regulärer Spielbetrieb möglich ist. 2012 erreichte der palästinensische Nationalspieler Mahmud Sarsak erst durch einen Hungerstreik, nach dessen Ende er nur noch 30 Kilo wog, die Freilassung aus einer dreijährigen Haft, zu der er nie verurteilt worden war. Auch die Treue zu den beiden spanischen Lieblingsvereien wird bisweilen politischen Proben ausgesetzt: Wenn Barcelona den israelischen Soldaten und Ex-Geisel Gilad Shalit einlädt oder Ronaldo Millionen für Kinder in Gaza spendet.

Neben dem spanischen Fußball kommt lange Zeit für die palästinensischen Fans erstmal nichts. Das liegt an der Dominanz, am erfolgreichen „Tiki-Taka“ der vergangenen Jahre. Deshalb löste das „deutsche Classico“ hier wenig Begeisterung aus: Erst schmiss Dortmund Real raus, dann setzte es auch noch eine derbe Klatsche für Barcelona. Ausgerechnet die beiden verehrten Vereine schmissen die Deutschen raus. Nur eine Handvoll-Bayernfans gibt es schon: in der „Snowbar“, einem Biergarten in Ramallah, wurde ausgelassen gefeiert. Vielleicht der Beginn einer neuen Ära?

65 Jahre „Nakba“

Am 15. Mai wurde in Palästina – und in der palästinensischen Diaspora – der „Nakba“, der Vertreibung von 700.000 Palästinenserinnen und Palästinensern aus palästinensischen Dörfern auf dem Gebiet des heutigen Staatsgebietes Israels gedacht. Seit Tagen wiesen in der Westbank entsprechende Plakate und Fahnen auf den kommenden 65. Jahrestag hin. In Ramallah wurde der Tag nakba2mit politischen Reden und einem Gedenk-Volksfest begangen. In der gesamten Westbank und in Ost-Jerusalem kam es außerdem wieder zu vielen Zusammenstößen von Demonstrierenden mit der israelischen Armee, da die israelische Armee die Kundgebungen nicht erlaubt und damit auch ihre eigenen Grundsätze verletzt. Nicht nur in der Westbank und in Jerusalem, auch in Israel wird das Gedenken an die Nakba mit Macht seit vielen Jahren unterdrückt; was trotz aller Bemühungen immer weniger gelingt, wie manche Beobachter in Israel meinen. Mutige jüdisch-israelische nakba1Organisationen setzen sich dafür ein, dass die Geschichte der systematischen Vertreibungen und Zerstörungen im Krieg von 1948 nicht verdrängt, sondern aktiv erinnert wird. Unser Blog berichtete schon über das Dorf Iqrit im Norden Israels, zu dessen Überresten nun israelische Palästinenser zurückgekehrt sind. Der offizielle, vom israelischen Staat geförderte und legitimierte Narrativ sieht dafür keinen Platz, was sich auch in den Schulbüchern widerspiegelt. Interessanterweise räumt das Thema aber scheinbar nach den Kontroversen und Attacken auf die palästinensischen Schulbücher auch in den Curricula der palästinensischen Autorität nur noch wenig Platz ein. Die Tabuisierung der Vergangenheit in Israel nach dem Motto „es kann nicht sein was nicht sein darf“ ist Gift für die demokratische Kultur des Landes und natürlich vor allem für die Palästinenser mit israelischem Pass, die immerhin 20% der Bevölkerung stellen. Ihre Vergangenheit, ihre Geschichte findet kaum Platz, während die Palästinenser in der Westbank und Gaza oder in der Diaspora mit ihren staatlich verordneten, starr ritualisierten Gedenk- und Erinnerungsformen auch kaum Räume für eine echte Auseinandersetzung bieten. Dabei ist die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Jahr 1948 und der Flüchtlingsfrage gerade jetzt, da ein politischer Kompromiss fast unmöglich scheint, wichtiger denn je. Eine wie auch immer geartete „friedliche Lösung“ oder ein bloßes Zusammenleben auf dem Gebiet des historischen Palästinas – in zwei oder in einem Staat – wird überhaupt nur möglich sein, wenn Geschichte nicht nicht mit Macht verdrängt oder nur noch als Legitimation des eigenen Narrativs missbraucht wird.

Ein bisschen Palästina bei Google

Seit Donnerstag hat Google die palästinensische Startseite seiner Suchmaschine umbenannt. Statt  „Palestinian Territories“ steht da jetzt „Palestine“. Damit hat Google nun die Entscheidung der Vereinten Nationen, Palästina als Nichtbeobachterstaat bei den Vereinten Nationen anzuerkennen, nachvollzogen. „Bei der Entscheidung über Ländernamen ziehen wir mehere Quellen zu Rate, in diesem Fall haben wir uns nach den Vereinten Nationen gerichtet“, erklärte ein Sprecher. Das soll für alle Google Produkte gelten. Auf Google Maps sieht es allerdings noch ein bisschen anders aus – hier sucht man nicht nur vergeblich nach „Palästina“, auch andere Suchbegriffe führen zu skurrilen Ergebnissen: bei „Ramallah“ wird in der englischen Version des Kartendienstleisters zunächst nicht der Sitz der palästinensischen Autorität, sondern der „Ramallah Club of Jacksonville“ empfohlen.

Bildschirmfoto 2013-05-03 um 22.57.01Hier handelt es sich immerhin noch um einen Club palästinensischer Auswanderer in Florida. Ganz finster sieht es allerdings aus, wenn man versucht Google Maps in der Westbank zu verwenden. Palästinensische Gemeinden sind hier gar nicht existent, selbst in den großen Städten sind höchstens die Hauptstraßen eingezeichnet. Die jüdischen Siedlungen sind dagegen mit allen Details abgebildet (hier z.B. die neben Ramallah gelegene Siedlung Beit El). Alle Appelle an Google, dies zu ändern, sind bisher gescheitert. Es ist also noch ein langer Weg bis Google wirklich „Palästina“ anerkennt.

Vorsicht Bayreuth!

Kürzlich am Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv: In der Schlange vor uns steht ein äterer Herr mit Bauch und Schnäuzer. Ich sehe schon, dass es sich um einen Deutschen handelt, bevor er seinen dunkelroten Pass hervorkramt. Dann kommt die Frau von der israelischen Grenzbehörde. „Where are you from?“ „Tschörrmany“ „Where were you born?“ Beirut. Man kann förmlich sehen, wie die Halsschlagader der Dame anschwoll. Beirut??? Da muss sich um einen irgendwie gefährlichen, terroristisch motivierten Spion handeln. Der Mann hat wohl etwas mitbekommen und wedelt jetzt mit seinem Pass, „Bayreuth, Bayreuth.“ Ah, Bayreuth, Deutschland, nicht Beirut. Die Welt ist wieder in Ordnung….

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Beirut???? (Photo CC 3.0).

 

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Nö, Bayreuth!!! (Photo CC 3,0).

 

 

 

 

 

 

 

Das Thema Sicherheitsbefragung bei der Ein- und Ausreise nach Israel ist ein Dauerthema besonders bei all jenen, die wie ich in der Westbank arbeiten, aber stes über Israel einreisen müssen.Verbunden sein können damit langwierige Befragungen, Wartezeiten, unangenehme Kontrollen, Durchsuchen oder Leibesvisitationen. Zwar erging es Obama nicht so, wie Nicolas Pelhem es sich in Haaretz ausgemalt hat. Aber all jene, deren Herkunft  in den Ländern der arabischen oder islamischen Welt liegt, müssen mit Problemen rechnen. Ganz besonders im Ausland lebende PalästinenserInnen und ihre Nachkommen, denen oftmals ganz die Einreise verweigert wird, so wie im Fall einer palästinsisch-amerikanischen Lehrerin – Hilfe seitens der US-Behörden bliebt in solchen Fällen aus.

Auch palästinensische Politiker können nur mit israelischer Erlaubnis die Westbank verlassen – Spitzenpolitiker haben zwar „VIP-Status“, der aber ebenfalls jederzeit entzogen werden kann.  Unlängst traf ich selbst einen hochrangigen, älteren PLO-Führer an der Allenby-Brücke, dem Grenzübergang nach Jordanien, der dort zusammengesunken auf einem Stuhl saß und auf seine Ausreise wartete. „They make me do this a lot recently“ war sein resignierter Kommentar. Ebenso häufig werden politische Besucher abgewiesen – so wie letzten Montag zwei marokkanische Parlamentarier.

Eine weitere Kategorie von Personen, deren Einreise vom israelischen Staat unerwünscht sind, sind all jene die als „pro-palästinensische AktivistInnen“ angesehen werden. In dieser Kategorie kann man allerdings recht schnell landen. Und ganz sicher gilt es für jene, die auf das Problem hinweisen wollen, das Israel den freien Zugang zu den palästinenisischen Gebieten nach Belieben kontrolliert, wie auch deutsche Friedensaktivisten erfahren mussten. Dabei werden in jüngster Zeit sogar Reisende aufgefordert ihre Email-accounts vor den Augen der israelischen Sicherheitsbeamten zu öffnen, um dort Informationen zu sammeln. Eine Grenzüberschreitung, deren Zurückweisung aber zum erzwungenen Verlassen des Landes führen kann.

Das sich „verdächtige“ Reisende – dazu zählen oft Mitarbeiter palästinensischer und internationaler NGOs – bis auf die Unterhose ausziehen müssen ist nicht neu. Selbst Diplomaten, eigentlich durch das Wiener Abkommen über diplomatische Beziehungen vor derlei Behandlung geschützt, sind von solcher Behandlung nicht ausgenommen. Ein UN-Beamter ist einmal, so eine Anekdote die Guy Delisle in seinem wunderbaren Jerusalem-Comic erzählt, vor lauter Verärgerung über das Spießrutenlaufen splitternackt in die Empfangshalle gelaufen, um erst dort seine Klamotten wieder anzuziehen.