Archiv des Autors: Bente Scheller

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Über Bente Scheller

Bente Scheller leitet seit Mai 2012 das Büro der Stiftung in Beirut. Davor war sie Büroleiterin in Kabul. Auf Twitter: @bentescheller

Perücken gegen das Patriarchat

Anissa Krana- libanesische Dragqueen und LGBT Aktivistin. Foto: privat

Anissa Krana- libanesische Dragqueen und LGBT Aktivistin. Foto: privat

Ein Gastbeitrag von Inga Hofmann

Einer der populärsten libanesischen TV Stars ist Bassem Feghali, der im Fernsehen arabische Stars wie Fairuz und Nancy Ajram, aber auch internationale Persönlichkeiten wie Britney Spears und Marilyn Monroe imitiert. Obwohl er sich von dem traditionellen männlichen Rollenbild durch Perücken, feminine Kleidung und Makeup unterscheidet, ist er in sozialen Netzwerken wie Facebook außerordentlich populär und der Fernsehsender LBC widmete ihm während des Ramadan sogar eine eigene TV Show „Alf Wayle Bi Layle“. Der Der Titel bedeutet so viel wie „1000  Dummheiten in einer Nacht“ und ist ein Wortspiel mit „Alf Layle ua Layle“ , Tausendundeine Nacht.

In Anbetracht dessen, dass das Publikum sehr positiv auf Feghali reagiert, könnte man annehmen, dass auch der LGBT Community im Libanon mit Wohlwollen begegnet würde und daraus eine zunehmende Toleranz bezüglich Tabus wie Sexualität und Gender schlussfolgern. Tatsächlich outete sich Feghali aber bis heute gegenüber seiner (größtenteils heterosexuellen) Fan-Gemeinschaft nicht, und in den libanesischen Medien wird er noch immer lediglich als „Entertainer“ bezeichnet.

Feghali auf seinen Unterhaltungswert zu reduzieren, ignoriert jedoch die Bedeutung der Drag- Queen Szene, denn viele Drag- Queens im Libanon erheben politische Ansprüche und wehren sich gegen das patriarchale System.

Trotz der rechtlichen Diskriminierung und der Intoleranz gegenüber Diversität hinsichtlich Sexualität und Gender hat sich in Beirut innerhalb der letzten Monate eine Szene etabliert, welche heteronormative Strukturen und traditionelle Rollenbilder grundlegend in Frage stellt. Einige Inhaber*innen stellen dafür ihre Clubs oder Bars zur Verfügung und bieten so Menschen die Möglichkeit, die traditionelle Geschlechterrolle zu verlassen und als Drag Queen in eine andere Rolle zu schlüpfen. Dabei geht es nicht um Kostümierung oder Unterhaltung, sondern darum, mit gesellschaftlichen Tabus zu brechen. So werden beispielsweise Sex und Freizügigkeit durch unkonventionelle Kleidung thematisiert und auf diese Weise enttabuisiert.

Da viele libanesische Familien immer noch versuchen, die Binarität von Mann und Frau aufrechtzuerhalten, können persönliche Identitätskonflikte häufig erst während der Drag- Queen Auftritte aufgelöst werden: Während gesellschaftlicher und familiärer Druck das Ausleben der eigenen Identität unmöglich machen, bieten eben jene Abende die Plattform für Individualität und Diversität.

Nach jedem Auftritt hat die jeweilige Drag Queen außerdem die Möglichkeit, sich kurz dazu zu äußern, und genau in diesen Momenten wird deutlich, dass es eben um viel mehr als das Imitieren von Berühmtheiten geht. Häufig wird die Bühne nämlich nicht für unterhaltsame Witze, sondern für ernsthafte Themen wie Suizidprävention genutzt. Ganz nach dem Motto: Du bist nicht allein, wir haben das auch durchgemacht. Das mag abgedroschen klingen, sollte aber angesichts der sonstigen Tabuisierung von Sexualität und Gender, welche häufig zu Depressionen und Selbstmordgedanken führen, nicht unterschätzt werden. Dadurch, dass es einem Outing gleichkäme, eben jene psychischen Probleme anzusprechen, reden die meisten Betroffenen mit ihren Familien nicht darüber und suchen sich auch keine professionelle Hilfe. In diesem Licht erscheinen die „Drag Queen Shows“ umso politischer und gesellschaftlich relevanter.

Und nicht unbegründet nennen Drag Queens, welche ihre Erfahrungen an jüngere weitergeben, diese „Drag Children“- sozusagen eine alternative Familienstruktur, die Identitätskonflikte auflöst und den alltäglichen familiären Druck zumindest für einen Abend in den Hintergrund treten lässt!


Inga Hofmann ist seit August 2018 Praktikantin im Büro der Heinrich Böll Stiftung Middle East in Beirut. Wenn sie nicht gerade die Wanderlust überkommt, studiert sie Politikwissenschaft in Berlin.

Die passende Quittung

Ich habe an dieser Stelle schon einmal darüber geschrieben, wie der Name unserer Stiftung für Verwirrung sorgt. Inmitten des langen, heißen Sommers in Beirut haben wir die (passende) Quittung dafür bekommen – statt „Heinrich Böll“ steht darauf „Heinrich Boil“ – wie „Heinrich, koch.“

Auf das Huhn gekommen: Stromversorger im Libanon

اهلا وسهلا فيكم بوزارة الطاقة

Gepostet von ‎ونبقى‎ am Montag, 30. Juli 2018

Videomontage des Energieministers César Abi Khalil in einer Pressekonferenz mit einem Huhn 

Die Hauptverwaltung des staatlichen Energielieferanten Electricité du Liban ist positiv bekannt für das Gebäude in dem sie residiert, einem Prunkstück moderner libanesischer Architektur, das 1972 fertiggestellt wurde. Weniger gut kommt das Unternehmen weg, wenn es um Serviceleistungen geht. Der Libanon verfügt notorisch über zu wenig Strom für die beträchtliche Nachfrage, was sich insbesondere in den heißen Sommermonaten bemerkbar macht. Die privilegierten Stadtteile in Beiruts Innenstadt haben regelmäßig nur drei Stunden Stromausfall – planbar und nachvollziehbar mit einer App, die einem anzeigt, wann umgeschaltet wird. Je weiter man außerhalb Beiruts ist, desto größer werden die Zeiträume ohne Strom, die Firmen und Privathaushalte überbrücken müssen.

VerbraucherInnen zahlen also für gewöhnlich zwei Stromrechnungen: die der staatlichen Stromversorgung und eine weitere an Generatorenbetreiber. Da es pro Viertel nur jeweils einen gibt, sollte man sich tunlichst nicht mit ihnen überwerfen.

Die Stromknappheit begleitet den Libanon schon so lange, dass man damit gelassen umgeht. Ebenso gelassen geht das Unternehmen jedoch mit dem Bekanntwerden gewisser Misstände um. Gerade stieß ein unangekündigten Kontrollteams in dem Gebäude auf eine private Hühnerzucht.

Auch sonst sieht man gelegentlich ein Huhn im Straßenbild (unabhängig von EdL) - Beirut, Gemayzeh (c) Bente Scheller

Auch sonst sieht man gelegentlich ein Huhn im Straßenbild (unabhängig von EdL) – Beirut, Gemayzeh (c) Bente Scheller

Eine Etage des Gebäudes, so heißt es in einer Reportage des Fernsehsenders MTV, sei dmit Holzkäfigen, in denen sich Hühner, Küken und Eier befunden hätten, und Vorratskammern für das Hühnerfutter ausgestattet gewesen. Augenscheinlich hätten einige Angestellte ihr mageres Einkommen damit aufbessern wollen – unter idealen Bedingungen, denn wo sonst gibt es rund um die Uhr Strom? Während man sich in Deutschland für das Sommerloch Krokodile im Badesee ausdenken muss, geht es im Libanon viel bodenständiger zu.  Electricité du Liban, so die Tageszeitung L’Orient le Jour, habe nicht einmal versucht, die Hühnerzucht als Ente darzustellen, sondern lediglich betont, es handele sich um einen Einzelfall.

 

„Tampons? Das ist nichts für Mädchen!“

Mirna El Masri (c) privat

Ein Gastbeitrag von Mirna El Masri

Libanon ist bekannt für seine Vielfältigkeit, Offenheit und Modernität. Zumindest im Vergleich zu anderen Staaten des nahen- und mittleren Ostens. Von einer maßlosen Partymetropole bis hin zu der Stadt, die eine der höchsten Schönheitsoperationsraten der Welt vorweist, ist im Libanon alles vorzufinden – bis auf etwas so alltägliches wie Tampons. Damit wird es schwierig, denn diese sind ja zum Einführen in die Scheide vorgesehen – und wehe dem, der sich etwas vaginal im Libanon einführen möchte! Allein bei der Benennung des unaussprechlich privaten stellen sich bei sämtlichen Leuten, selbst Apothekern, bei denen man einen gewissen Bildungsgrad voraussetzen könnte, die Nackenhaare auf. Verschämt sprechen sie in der Regel (unbeabsichtigtes Wortspiel) von „da unten“ – oder deuten mit dem Finger in Richtung der allzu heiklen Körperregionen, begleitet mit einem Räuspern. Ein ebenfalls nur in geheimnisvoll raunendem Ton besprochenes Thema ist die Periode an sich, was Marsa, ein Zentrum für sexuelle Gesundheit im Libanon, zu dem Aufklärungsvideo „Leila die Spionin“ anregte.

Anfangs unwissend über die prekäre Situation, schlenderte ich durch die Einkaufszentren und kleinen Läden Beiruts, in der Hoffnung, Tampons zu kaufen. Nachdem ich selbst im dritten Geschäft keine ausfindig machen konnte, entschloss ich mich beim vierten dazu, die Verkäuferin nach Tampons zu fragen. Sie mustere mich ebenso misstrauisch wie vorwurfsvoll von oben bis unten hin. Viel jünger auszusehen, als man tatsächlich ist, kann einem in vielen Situationen Vorteile verschaffen – aber gerade bei den unerhörten sexualisierten Themen auch genug Nachteile, wie die Reaktion der Verkäuferin zeigte: „Tampons? Das ist nichts für Mädchen!“ verfügte sie. Einen kurzen Moment war ich irritiert – stattdessen für Jungs? Dann fiel der Groschen, dass ich aus ihrer Sicht noch ein „Mädchen“, keine „Frau“ war. Nach einer kleinen Diskussion mit ihr erfuhr ich, dass Tampons in der Regel in Apotheken angeboten werden.

Also wandte ich mich an die nächstgelegene Apotheke. Auch hier wieder ein intensives Gemustere, diesmal seitens der Apothekerin, gefolgt von der Frage: „Tampons, wofür brauchst du denn sowas?“ Verwundert antwortete ich: „Oh, ich wusste gar nicht, dass Tampons auf mehrere Art und Weise benutzt werden können …? Ich jedenfalls verwende sie während meiner Periode, zum Einführen in die Vagina.“ Vagina, bei dem Wort musste eine andere anwesende Apothekerin hysterisch kichern, ein männlicher Gehilfe lief rot an. Dann sagte die Angesprochene zögerlich: „Ja, Tampons haben wir da … aber du bist doch verheiratet, oder?“

Nun stellt sich die Frage, was denn beunruhigender ist: die Angst der Menschen vor einer vorehelichen Entjungferung – oder das offensichtliche Unwissen darüber, dass der Gebrauch von Tampons eben nicht zu einer Entjungferung führt, da sich – wie eigentlich allen ApothekerInnen bewusst sein sollte – das Jungfernhäutchen während der Periode weitet.

Und selbst wenn, sollte dennoch die erschütternde Gefahr einer vorehelichen Entjungferung durch einen Tampon oder noch unaussprechlichere Möglichkeiten anderweitig bestehen, kann man sich Gott sei Dank (!) für schlappe 2000-5000 $ das Jungfernhäutchen durch einen chirurgischen Eingriff wieder zurückzaubern lassen, um zur Hochzeitsnacht pflichtschuldig den Blutfleck der gesitteten Frau im Laken zu hinterlassen und somit achtenswert zu sein – ohne Jungfernhäutchen ist man das natürlich nicht! Die Wiederherstellung des Jungfernhäutchens ist übrigens auch ein weit verbreiteter Trend im Libanon.

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Mirna El Masri (c) privat

Mirna El Masri (c) privat

Mirna El Masri ist seit April 2018 Projektassistentin im Büro der Heinrich Böll Stiftung Middle East in Beirut. Davor studierte sie Integrierte Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt in Politikwissenschaften.

 

Tiere auf Beton

Tiere auf Beton – das ist das unwürdige Image, das viele Zoos in den 1970ern in Deutschland prägte und was bis heute an vielen Orten die traurige Realität ist.

Ein berühmtes Beispiel einer tragischen Zoo-Existenz ist Marjon, der Löwe, der 2002 im Zoo Kabul sein Leben beendete. Er war 1978 ein Geschenk des Kölner Zoos an den Hindukusch. 17 Jahre später begab sich ein Afghane ins Löwengehege,  um dort in Siegerpose fotografiert zu werden und wurde von Marjon zerfleischt. Der Bruder des Verstorbenen rächte ihn wenige Tage später, indem er eine Handgranate in den Käfig warf.

Der Löwe überlebte, verlor bei dem Anschlag jedoch ein Auge. Geehrt wurde er nach seinem Tod mit einem Grabstein  mit der Inschrift: „Hier ruht Marjon, der ungefähr 23 wurde. Er war der berühmteste Löwe der Welt.“

Was die Zoos betrifft, bildet Beirut vielleicht eine löbliche Ausnahme. Es hat nämlich keinen. Doch an Tieren auf Beton gebricht es der libanesischen Hauptstadt nicht.

Neulich saß ich abends in einem Straßencafé, in dem – wie üblich – alle paar Minuten eine riesige Kakerlake vorbei huschte. Die Leute, die sich am Nebentisch direkt neben dem Kakerlakentrampelpfad niederließen, hatten mit der Omnipräsenz von Periplaneta Americana offensichtlich noch nicht ihren Frieden gemacht, denn sie sprangen bei der nächsten panisch auf. Die Schabe floh unter den Nachbartisch zur Linken, die Gäste von gegenüber verschanzten sich hinter mir, und Sekunden später stand das halbe Restaurant quiekend auf den Zehenspitzen und lugte unter das Mobiliar.

„Es handelt sich schon noch um eine Kakerlake, die wir hier suchen?“ vergewisserte sich mein Gesprächspartner. In diesem Moment sah ich sie, stand auf und begrub sie unter meinem Fuß. „Gefahr gebannt“, verkündete ich. Der Kellner umarmte mich, und ich wurde gefeiert, als hätte ich gerade das Monster von Loch Ness mit bloßen Händen erwürgt. Ich sollte darüber nicht lästern, denn wäre das eine Spinne gewesen, wäre ich nie so beherzt gegen sie vorgegangen.

Der nächste Ort animalischer Ansichten in meiner Nachbarschaft war die örtliche Polizeiwache. Vor ihren ohnehin unappetitlichen Mülltonnen lag spektakulär eine fette tote Ratte. Die Diensthabenden beobachteten regungslos, wie ein Passant nach dem anderen angeekelt die Straßenseite wechselten und starrten die Ratte an, ohne jegliche Regung, sie wegzuräumen. Vielleicht war die Ratte auch nicht tot, sondern starte die Polizisten an, ohne sie wegzuräumen. Ganz sicher bin ich mir im Nachhinein nicht.

Die Stärke der syrischen Armee: Keiner trägt so viele Waschmaschinen

„Aber meine Seele wird in dir weiterleben,“ lautet eines der letzten Graffiti, die Einwohner der Vororte in Süddamaskus auf die Wände gesprüht haben, bevor sie in die berühmten grünen Busse der erzwungenen Vertreibung gestiegen sind.

Am 21. Mai nahmen die Regimetruppen das – inoffizielle – Palästinenserlager Yarmouk wieder ein. Seit Jahren war es belagert und von beständigen Bombardements in Schutt und Asche gelegt worden. Yarmouk wurde im Westen im wesentlichen durch zwei Dinge bekannt: durch Aeham Ahmad, der mittlerweile in Deutschland lebt und berühmt für sein Klavierspiel in den Trümmern wurde. Und durch ein Foto vom Januar 2014, das das Ausmaß des Grauens der Belagerung versinnbildlichte: Eine Straße, gesäumt von den Ruinen bombardierter und ausgebrannter Hochhäuser, auf der sich bis zum Horizont Menschen für eine der raren Essenslieferungen der Vereinten Nationen drängen.

Letzteres kombinierte der Politikwissenschafter Ziad Majed mit einem aktuellen Bild der gleichen Straße. Darauf sieht man, wie die Soldaten Kühlschränke, Waschmaschinen und was sie sonst in den Häusern der Vertriebenen finden, wegschleppen  – so viel sie tragen oder auf einen Karren laden können. Assadismus in zwei Bildern,“ schreibt Majed hierzu: „Nachdem Assads Söldner und ihre Verbündeten diejenigen deportiert haben, die die mittelalterliche Belagerung überlebt haben, die Fassbomben und die Folter (in der berüchtigten Palästnina-Abteilung!), klauen sie, was in den zerstörten Häusern zurückgeblieben ist.“ – „Hier sieht man, wie das syrische Regime Palästina befreit – Waschmaschine um Waschmaschine,“ bemerkte eine Aktivistin trocken.

Als das Internationale Institut für Strategische Studien in London 2013 konstatierte, die syrische Armee sei sehr geschwächt und verfüge noch nicht einmal mehr über die Hälfte ihres ehemaligen Potentials, hatte das Institut möglicherweise einfach nur den falschen Maßstab angelegt. Vielleicht bemisst sich die Stärke der syrischen Armee nicht in Zahlen, sondern darin, wieviele Haushaltsgeräte ein Soldat auf einmal tragen kann. Auch sollte man nicht auf die Goldwaage legen, wenn das Regime bei jedem niedergerungenen und entvölkertem Ort davon spricht, sie habe ihn „befreit“ – da Assad es mit bürgerlichen Freiheitsrechten nicht so hält, ist das im post-materialistischen Sinne  zu verstehen: man befreit die BürgerInnen von ihrem Hab und Gut. Zwar dürfen auch sie mit in die Busse nehmen, was sie hineinbekommen – außer, so ist es in allen jüngsten „Versöhnungsabkommen“ festgehalten, Schmuck und Geld.

Es ist nicht so, dass andere Akteure nicht plündern oder klauen. Als die mit der Türkei verbündeten syrisch-arabischen Truppen Kurden aus Afrin vertrieben hatte, machten ebenfalls Bilder von Plünderungen die Runde. Sofort danach gab es jedoch auch die Graffitis derer, die öffentlich bekundeten, sich für ein solches Vorgehen zu schämen, und zumindest einen halbherzigen Versuch, den Bewohnern ihr Hab und Gut wiederzubeschaffen. Wie auch bei Foltertoden und getöteten ZIvilisten: das Regime ist auch bei Plünderungen einsame Spitze und bemüht sich noch nicht einmal, de Anschein zu erwecken,  dagegen vorzugehen. „Das war schon beim Abzug aus dem Libanon so,“ erzählt eine Kollegin – „Lastwagen voller Haushaltsgeräte haben sie mitgenommen – völlig ungeniert. Die Soldaten waren nicht gut bezahlt, dafür ließ ihnen das Regime freie Hand beim Plündern.“

Im Februar stellte auf Twitter „Abdulrahman“ ein Foto ein, auf der man Soldaten einen riesigen Haufen voluminöser Kochtöpfe bewachen sieht. „Im ländlichen Deir Ezzor ist eine auf das Plündern von Kochtöpfe spezialisierte Armeeeinheit stationiert worden,“ verkündete er, und hängte auch gleich einen Merkzettel für die „neuen Ränge der sysrischen Armee“ an. Statt Sternen prangen  auf den Schulterstücken Waschmaschinen, Gasflaschen und Ventilatoren.

Nach den Bildern von dem Beutezug durch Yarmouk ging eine syrische Webseite noch weiter. In Anlehnung an die vollmundigen Regimebekundungen, es setze sich für die ‚Befreiung Palänstinas‘ ein, behauptete die Seite, sie haben den einzigen Weg gefunden, wie man die syrische Armee dazu bringen könne, diese in Angriff zu nehmen – darunter eine Fotomontage mit dem Felsendom, vor den verlockend Gefrierschränke und Mikrowellen aufgestapelt sind.

Nach dem Herbst der Patriarchen: Sommer der Unterwäschemodels

In manchen Stadtteilen von Beirut kann man kaum einen Schritt gehen, ohne von einer Galerie in die nächste zu stolpern. Kunst und Design sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. Umso augenfälliger, dass bei Wahlen offensichtlich die Kreativität aufhört. Die Plakate, teils so groß, dass sie ganze Hausfassaden bedecken, wirken, als hätten sich die KandidatInnen eine Selbstbeschränkung auferlegt, keine zu vorteilhaften Bilder zu verwenden und sich als einzige Dekorationselemente wahlweise die ganze Flagge oder nur die Zeder zu leisten. Gleichermaßen gesichtslos die Slogans, die einen Wettbewerb des Beliebigen verheißen – „Deine Stimme für den Norden“ – oder „Für einen starken Libanon“.

Obwohl der Frauenanteil bei den diesjährigen Parlamentswahlen mit 15% höher denn je war, dominierten, je näher die Wahlen rückten, umso mehr die Portraits von Männern gesetzteren Alters das Stadtbild. Auf Twitter  gab es diesbezüglich vereinzelte Fotos, auf denen die Hochhäuser gänzlich von Anzügen und sich lichtenden grauen Haaren bedeckt erschienen -mit der wehmütigen Bildunterschrift: „Wir vermissen Marie France“, ein Verweis auf die oft sehr freizügige Werbung einer der marktführenden Firmen im Dessous-Bereich, die sonst auf den Plakatwänden zu sehen war.

Seit kurzem werden die die alten Herren wieder durch sich räkelnde Unterwäschemodels verdrängt – als kleine Dreingabe prangt ein goldenes Herz auf den Plakaten, das den Twitter-Kommentaren Rechnung trägt „We are back“ steht da – „Wir sind zurück.“ Das sind die Jahreszeiten des Libanons. Aus feministischer Sicht zweifelhaft, aber als Fakt unübersehbar: Der im Frühjahr zelebrierte Herbst vieler libanesischer Patriarchen wird jetzt durch den Sommer der Unterwäsche- und Bademoden abgelöst.

 

 

Wie das Radler in den Libanon kam

 

Radler im Libanon (c) hbs Beirut

Radler im Libanon (c) hbs Beirut

Ein Gastbeitrag von Bastian Neuhauser

Wenn sich jemand auskennen muss mit den Details der Biergeschichte, dann ist es wohl der Verein zur Förderung der Fränkischen Braukultur. Auch wenn auf den ersten Blick nicht klar wird, warum diese Kultur in einem Gebiet wie Oberfranken, auf dessen gut 1 Million Bewohnern gut und gerne 160 Brauereien kommen,  spezieller Förderung bedarf, bietet sie doch erhellende Einblicke in die Geschichte des Radlers.

Das Radler wird von Menschen im hohen Norden Deutschlands auch Alster genannt, von benachbarten Bergbewohnern auch Panasch, und von den Liebhabern gekochter Fleischware anscheinend auch Wurstwasser. Während die Legende besagt, dass das Getränk 1922 vom findigen Münchner Wirt Max Kugler zur Verpflegung einer eintreffenden Radfahrergruppe erfunden wurde, klärt der Verein auf: Mitnichten! Alles nur erfunden und erlogen! Die Fachzirkel der Genesis regionaler Biermischgetränke sind sich heute sicher, dass die Radlermaß bereits Ende des 19. Jahrhunderts in einem der zumeist sozialdemokratisch geprägten Radlerklubs erfunden wurde. Es handelt sich also geradezu um das Ambrosia der gemäßigten Linken; was Obelix sein Zaubertrank, Popeye sein Spinat, ist der Sozialdemokratie ihr Radler.

Von dort an – vermutlich aus Gründen nachbarschaftlicher Zuneigung oder aus Liebe zur deutschen Sozialdemokratie – hat es sich sie niederländische Industriebrauerei Heineken zur Aufgabe gemacht, dieses Vermächtnis um die ganze Welt zu tragen. Und das wohlweislich nicht als britisches Shandy oder französisches Panaché, sondern unter seinem angestammten Münchner Bierkellernamen: Ob Honshu oder Honduras, Schweden oder Swasiland, das Radler sollte „Radler“ bleiben. Und so begab es sich, dass Heineken die libanesische Brauerei Almaza und mit ihr gut  70% des libanesischen Brauereigeschäftes übernahm, und eines Tages das Radler nach Beirut kam.

Nun bleibt abzuwarten, ob dieses Biermischgetränk im Libanon einen ähnlich erfolgreichen Siegeszug antritt wie im gemäßigten Klima Mitteleuropas. Die Libanes_innen besitzen viele Talente – zweifelsohne einen ganz ausgeprägten Sinn fürs Geschäft, die perfekte Organisation von Hochzeiten biblischen Ausmaßes und eine Treue zu ihren politischen Idolen bis dass der Tod sie scheide – doch Kompromiss und Mäßigung sind nun leider keine davon. Reden ist Silber, Schreien ist Gold. Man füllt sein Haus mit barockem Mobiliar, verlängert Wimpern bis sie von innen an die Sonnenbrille kratzen, errichtet Statuen von Heiligen, die den Koloss von Rhodos vor Neid erblassen lassen würden. Es werden Delikatessen bestellt, bis auch die letzte Kreditkarte bedingungslos vor der Konsumlust ihrer Besitzer kapituliert, Musik wird aufgedreht bis sich die getönten Scheiben der SUVs am liebsten aus ihren Halterungen in den wohlverdienten Freitod stürzen würden und man brettert betrunken über Autobahnen zum nächstbesten Club auf der Suche nach dem letzten Rest Exzess, als gäbe es kein Morgen im Morgenland.

Auch das Parlament gibt hierbei kein Vorbild. In maßloser Auto-Apotheose streiten sich dort alte Männer, scheinbar gerade mühsam aus Uniformen in uniforme Anzüge geschlüpft, einig in ihrer Uneinigkeit. Man trifft sich einmal, zweimal, fünfundvierzigmal, bei Regen, Donner, Wetterstrahl, und geht ohne Entscheidung wieder auseinander. Sie zeugen stur von einer selbstgerechten Selbstüberhöhung, einer Unwilligkeit Mittelwege zu finden oder Lösungen für Probleme, die dringender sind als lang überbaute grüne Linien: pah, lieber Konkurs als Konkordanz, sollen sie doch Knefeh essen! Und wenn schon Vertreter des Volkes dazu nicht gewillt sind, warum sollte dann ein Kompromiss beim wohlverdienten Glas nach Feierabend gefunden werden? Warum zu Dabkeh und Dubstep etwas trinken, dessen Alkoholgehalt niedriger ist als der Anteil von Frauen im Parlament oder Grünflächen in Beirut? Nein, nein, man trinkt Arak statt Alster, und dreht die Musik noch etwas lauter.

Kein vielversprechender Ort also für das unschuldig halbherzige daherkommende Radler, diesen gebrauten Kompromiss. Doch wer weiß, vielleicht schafft es das Radler ja ein kleines bisschen Ausgeglichenheit in die Levante zu bringen. Vielleicht. Oder es ereilt ihn dasselbe tragische Schicksal, wie seinen Erfindern, den Sozialdemokraten in Bayern. Wünschen möge man es ihm nicht.

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Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser ist seit April 2017 Projektassistent im Büro der Heinrich Böll Stiftung in Beirut. Davor studierte er Politikwissenschaften und Soziologie unter anderem in Berlin.

Mit Kanonen auf Spatzen schießen

Grauen vor Flusslandschaft – Südlibanon, November 2017

Wer im Herbst im Libanon unterwegs ist, findet viele Straßen in den Bergen gesäumt von Männern im Flecktarn. Um sie herum zwitschert und zirpt es wie in einem Vogelpark. Das entstammt den Lockgeräten, die die Jäger mit sich führen, wenn man tatsächlich eines Singvogels ansichtig wird, dann liegt er meist tot am Straßenrand. Auf Campingstühlen sitzen die Jäger neben ihren blitzblankpolierten Geländewagen. Wie bei vielen Sportarten im Libanon gilt die perfekte, teure Ausstattung als die halbe Miete, hinter der jegliche sportliche Erwägungen zurückstehen.

Die Jagdsaison beginnt im September und endet im Januar. Wieviele LibanesInnen sich tatsächlich auf Pirsch begeben, weiß niemand.  Offiziell in Jagdorganisationen registriert sind 15.000, doch ein Vertreter des Programms LIVE Lebanon der Vereinten Nationen schätzt, dass tatsächlich 100.000 bis 600.000 jährlich der Jagd frönen.. Freiwillige der Jugendorganisation von LIVE Lebanon  sammeln jedes Jahr schätzungweise 25 Millionen Patronenhülsen ein.

Besonders bedenklich ist die Jagd in dieser weitgehend unkontrollierten Form für die Zugvögeln, auf deren Route Libanonein Engpass ist. Sie sind besonders begehrte Jagdobjekte derer, die spektakuläre Beute vorzeigen wollen – und die keinerlei Hemmungen haben, eben diese auf Fotos im Internet zu präsentieren.

Immer wieder beeinträchtigen bizarre Formen, die Jagdlust auszuleben, jedoch nicht nur Flora und Fauna. So legten Jäger, die statt Schrotflinten angeblich schweres militärisches Gerät gewählt hatten, in diesem Jahr zeitweise die Stromversorgung in Teilen des nördlich gelegenen Akkars lahm, weil sie im Eifer des Gefechts Stromleitungen nachhaltig beschädigten.

 

 

Zu Hause auf einem Parkplatz

Barking for rent (c) Bente Scheller

Schwierig ist es mit dem Parken in Beirut. Angesichts dessen, dass es keinen wirklichen öffentlichen Nahverkehr gibt, ist man darauf angewisen, aber der Parkraum ist knapp. Auf einem öffentlichen Parkplatz in der Nähe des Büros schütteln die beiden alten Herrn, die ihn managen, bedauernd den Kopf: „Nein, meine Liebe, Du kannst hier nicht für einen Tag parken. Wir haben Abonnenten.“ Ich nicke: „Ja, ich erinnere mich. Meine Kollegin Hiba hat euch immer ihr Auto anvertraut.“ Der eine Parkplatzwächter zum anderen: „Hiba! Ja, ich erinnere mich. Vor einem Jahr hat sie den Parkplatz leider gekündigt. Und du arbeitest mit ihr zusammen? Na gut, stell Dein Auto hier an die Seite.“ Nachdem ich das Auto geparkt habe, will ich ihm wie es hier üblich ist den Schlüssel geben, damit er es im Zweifelsfall umparken kann. „Nein, Herzchen, behalt ihn. Fühl dich ganz wie zu Hause.“