Archiv des Autors: Bente Scheller

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Über Bente Scheller

Bente Scheller leitet seit Mai 2012 das Büro der Stiftung in Beirut. Davor war sie Büroleiterin in Kabul. Auf Twitter: @bentescheller

„Tampons? Das ist nichts für Mädchen!“

Mirna El Masri (c) privat

Ein Gastbeitrag von Mirna El Masri

Libanon ist bekannt für seine Vielfältigkeit, Offenheit und Modernität. Zumindest im Vergleich zu anderen Staaten des nahen- und mittleren Ostens. Von einer maßlosen Partymetropole bis hin zu der Stadt, die eine der höchsten Schönheitsoperationsraten der Welt vorweist, ist im Libanon alles vorzufinden – bis auf etwas so alltägliches wie Tampons. Damit wird es schwierig, denn diese sind ja zum Einführen in die Scheide vorgesehen – und wehe dem, der sich etwas vaginal im Libanon einführen möchte! Allein bei der Benennung des unaussprechlich privaten stellen sich bei sämtlichen Leuten, selbst Apothekern, bei denen man einen gewissen Bildungsgrad voraussetzen könnte, die Nackenhaare auf. Verschämt sprechen sie in der Regel (unbeabsichtigtes Wortspiel) von „da unten“ – oder deuten mit dem Finger in Richtung der allzu heiklen Körperregionen, begleitet mit einem Räuspern. Ein ebenfalls nur in geheimnisvoll raunendem Ton besprochenes Thema ist die Periode an sich, was Marsa, ein Zentrum für sexuelle Gesundheit im Libanon, zu dem Aufklärungsvideo „Leila die Spionin“ anregte.

Anfangs unwissend über die prekäre Situation, schlenderte ich durch die Einkaufszentren und kleinen Läden Beiruts, in der Hoffnung, Tampons zu kaufen. Nachdem ich selbst im dritten Geschäft keine ausfindig machen konnte, entschloss ich mich beim vierten dazu, die Verkäuferin nach Tampons zu fragen. Sie mustere mich ebenso misstrauisch wie vorwurfsvoll von oben bis unten hin. Viel jünger auszusehen, als man tatsächlich ist, kann einem in vielen Situationen Vorteile verschaffen – aber gerade bei den unerhörten sexualisierten Themen auch genug Nachteile, wie die Reaktion der Verkäuferin zeigte: „Tampons? Das ist nichts für Mädchen!“ verfügte sie. Einen kurzen Moment war ich irritiert – stattdessen für Jungs? Dann fiel der Groschen, dass ich aus ihrer Sicht noch ein „Mädchen“, keine „Frau“ war. Nach einer kleinen Diskussion mit ihr erfuhr ich, dass Tampons in der Regel in Apotheken angeboten werden.

Also wandte ich mich an die nächstgelegene Apotheke. Auch hier wieder ein intensives Gemustere, diesmal seitens der Apothekerin, gefolgt von der Frage: „Tampons, wofür brauchst du denn sowas?“ Verwundert antwortete ich: „Oh, ich wusste gar nicht, dass Tampons auf mehrere Art und Weise benutzt werden können …? Ich jedenfalls verwende sie während meiner Periode, zum Einführen in die Vagina.“ Vagina, bei dem Wort musste eine andere anwesende Apothekerin hysterisch kichern, ein männlicher Gehilfe lief rot an. Dann sagte die Angesprochene zögerlich: „Ja, Tampons haben wir da … aber du bist doch verheiratet, oder?“

Nun stellt sich die Frage, was denn beunruhigender ist: die Angst der Menschen vor einer vorehelichen Entjungferung – oder das offensichtliche Unwissen darüber, dass der Gebrauch von Tampons eben nicht zu einer Entjungferung führt, da sich – wie eigentlich allen ApothekerInnen bewusst sein sollte – das Jungfernhäutchen während der Periode weitet.

Und selbst wenn, sollte dennoch die erschütternde Gefahr einer vorehelichen Entjungferung durch einen Tampon oder noch unaussprechlichere Möglichkeiten anderweitig bestehen, kann man sich Gott sei Dank (!) für schlappe 2000-5000 $ das Jungfernhäutchen durch einen chirurgischen Eingriff wieder zurückzaubern lassen, um zur Hochzeitsnacht pflichtschuldig den Blutfleck der gesitteten Frau im Laken zu hinterlassen und somit achtenswert zu sein – ohne Jungfernhäutchen ist man das natürlich nicht! Die Wiederherstellung des Jungfernhäutchens ist übrigens auch ein weit verbreiteter Trend im Libanon.

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Mirna El Masri (c) privat

Mirna El Masri (c) privat

Mirna El Masri ist seit April 2018 Projektassistentin im Büro der Heinrich Böll Stiftung Middle East in Beirut. Davor studierte sie Integrierte Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt in Politikwissenschaften.

 

Tiere auf Beton

Tiere auf Beton – das ist das unwürdige Image, das viele Zoos in den 1970ern in Deutschland prägte und was bis heute an vielen Orten die traurige Realität ist.

Ein berühmtes Beispiel einer tragischen Zoo-Existenz ist Marjon, der Löwe, der 2002 im Zoo Kabul sein Leben beendete. Er war 1978 ein Geschenk des Kölner Zoos an den Hindukusch. 17 Jahre später begab sich ein Afghane ins Löwengehege,  um dort in Siegerpose fotografiert zu werden und wurde von Marjon zerfleischt. Der Bruder des Verstorbenen rächte ihn wenige Tage später, indem er eine Handgranate in den Käfig warf.

Der Löwe überlebte, verlor bei dem Anschlag jedoch ein Auge. Geehrt wurde er nach seinem Tod mit einem Grabstein  mit der Inschrift: „Hier ruht Marjon, der ungefähr 23 wurde. Er war der berühmteste Löwe der Welt.“

Was die Zoos betrifft, bildet Beirut vielleicht eine löbliche Ausnahme. Es hat nämlich keinen. Doch an Tieren auf Beton gebricht es der libanesischen Hauptstadt nicht.

Neulich saß ich abends in einem Straßencafé, in dem – wie üblich – alle paar Minuten eine riesige Kakerlake vorbei huschte. Die Leute, die sich am Nebentisch direkt neben dem Kakerlakentrampelpfad niederließen, hatten mit der Omnipräsenz von Periplaneta Americana offensichtlich noch nicht ihren Frieden gemacht, denn sie sprangen bei der nächsten panisch auf. Die Schabe floh unter den Nachbartisch zur Linken, die Gäste von gegenüber verschanzten sich hinter mir, und Sekunden später stand das halbe Restaurant quiekend auf den Zehenspitzen und lugte unter das Mobiliar.

„Es handelt sich schon noch um eine Kakerlake, die wir hier suchen?“ vergewisserte sich mein Gesprächspartner. In diesem Moment sah ich sie, stand auf und begrub sie unter meinem Fuß. „Gefahr gebannt“, verkündete ich. Der Kellner umarmte mich, und ich wurde gefeiert, als hätte ich gerade das Monster von Loch Ness mit bloßen Händen erwürgt. Ich sollte darüber nicht lästern, denn wäre das eine Spinne gewesen, wäre ich nie so beherzt gegen sie vorgegangen.

Der nächste Ort animalischer Ansichten in meiner Nachbarschaft war die örtliche Polizeiwache. Vor ihren ohnehin unappetitlichen Mülltonnen lag spektakulär eine fette tote Ratte. Die Diensthabenden beobachteten regungslos, wie ein Passant nach dem anderen angeekelt die Straßenseite wechselten und starrten die Ratte an, ohne jegliche Regung, sie wegzuräumen. Vielleicht war die Ratte auch nicht tot, sondern starte die Polizisten an, ohne sie wegzuräumen. Ganz sicher bin ich mir im Nachhinein nicht.

Die Stärke der syrischen Armee: Keiner trägt so viele Waschmaschinen

„Aber meine Seele wird in dir weiterleben,“ lautet eines der letzten Graffiti, die Einwohner der Vororte in Süddamaskus auf die Wände gesprüht haben, bevor sie in die berühmten grünen Busse der erzwungenen Vertreibung gestiegen sind.

Am 21. Mai nahmen die Regimetruppen das – inoffizielle – Palästinenserlager Yarmouk wieder ein. Seit Jahren war es belagert und von beständigen Bombardements in Schutt und Asche gelegt worden. Yarmouk wurde im Westen im wesentlichen durch zwei Dinge bekannt: durch Aeham Ahmad, der mittlerweile in Deutschland lebt und berühmt für sein Klavierspiel in den Trümmern wurde. Und durch ein Foto vom Januar 2014, das das Ausmaß des Grauens der Belagerung versinnbildlichte: Eine Straße, gesäumt von den Ruinen bombardierter und ausgebrannter Hochhäuser, auf der sich bis zum Horizont Menschen für eine der raren Essenslieferungen der Vereinten Nationen drängen.

Letzteres kombinierte der Politikwissenschafter Ziad Majed mit einem aktuellen Bild der gleichen Straße. Darauf sieht man, wie die Soldaten Kühlschränke, Waschmaschinen und was sie sonst in den Häusern der Vertriebenen finden, wegschleppen  – so viel sie tragen oder auf einen Karren laden können. Assadismus in zwei Bildern,“ schreibt Majed hierzu: „Nachdem Assads Söldner und ihre Verbündeten diejenigen deportiert haben, die die mittelalterliche Belagerung überlebt haben, die Fassbomben und die Folter (in der berüchtigten Palästnina-Abteilung!), klauen sie, was in den zerstörten Häusern zurückgeblieben ist.“ – „Hier sieht man, wie das syrische Regime Palästina befreit – Waschmaschine um Waschmaschine,“ bemerkte eine Aktivistin trocken.

Als das Internationale Institut für Strategische Studien in London 2013 konstatierte, die syrische Armee sei sehr geschwächt und verfüge noch nicht einmal mehr über die Hälfte ihres ehemaligen Potentials, hatte das Institut möglicherweise einfach nur den falschen Maßstab angelegt. Vielleicht bemisst sich die Stärke der syrischen Armee nicht in Zahlen, sondern darin, wieviele Haushaltsgeräte ein Soldat auf einmal tragen kann. Auch sollte man nicht auf die Goldwaage legen, wenn das Regime bei jedem niedergerungenen und entvölkertem Ort davon spricht, sie habe ihn „befreit“ – da Assad es mit bürgerlichen Freiheitsrechten nicht so hält, ist das im post-materialistischen Sinne  zu verstehen: man befreit die BürgerInnen von ihrem Hab und Gut. Zwar dürfen auch sie mit in die Busse nehmen, was sie hineinbekommen – außer, so ist es in allen jüngsten „Versöhnungsabkommen“ festgehalten, Schmuck und Geld.

Es ist nicht so, dass andere Akteure nicht plündern oder klauen. Als die mit der Türkei verbündeten syrisch-arabischen Truppen Kurden aus Afrin vertrieben hatte, machten ebenfalls Bilder von Plünderungen die Runde. Sofort danach gab es jedoch auch die Graffitis derer, die öffentlich bekundeten, sich für ein solches Vorgehen zu schämen, und zumindest einen halbherzigen Versuch, den Bewohnern ihr Hab und Gut wiederzubeschaffen. Wie auch bei Foltertoden und getöteten ZIvilisten: das Regime ist auch bei Plünderungen einsame Spitze und bemüht sich noch nicht einmal, de Anschein zu erwecken,  dagegen vorzugehen. „Das war schon beim Abzug aus dem Libanon so,“ erzählt eine Kollegin – „Lastwagen voller Haushaltsgeräte haben sie mitgenommen – völlig ungeniert. Die Soldaten waren nicht gut bezahlt, dafür ließ ihnen das Regime freie Hand beim Plündern.“

Im Februar stellte auf Twitter „Abdulrahman“ ein Foto ein, auf der man Soldaten einen riesigen Haufen voluminöser Kochtöpfe bewachen sieht. „Im ländlichen Deir Ezzor ist eine auf das Plündern von Kochtöpfe spezialisierte Armeeeinheit stationiert worden,“ verkündete er, und hängte auch gleich einen Merkzettel für die „neuen Ränge der sysrischen Armee“ an. Statt Sternen prangen  auf den Schulterstücken Waschmaschinen, Gasflaschen und Ventilatoren.

Nach den Bildern von dem Beutezug durch Yarmouk ging eine syrische Webseite noch weiter. In Anlehnung an die vollmundigen Regimebekundungen, es setze sich für die ‚Befreiung Palänstinas‘ ein, behauptete die Seite, sie haben den einzigen Weg gefunden, wie man die syrische Armee dazu bringen könne, diese in Angriff zu nehmen – darunter eine Fotomontage mit dem Felsendom, vor den verlockend Gefrierschränke und Mikrowellen aufgestapelt sind.

Nach dem Herbst der Patriarchen: Sommer der Unterwäschemodels

In manchen Stadtteilen von Beirut kann man kaum einen Schritt gehen, ohne von einer Galerie in die nächste zu stolpern. Kunst und Design sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. Umso augenfälliger, dass bei Wahlen offensichtlich die Kreativität aufhört. Die Plakate, teils so groß, dass sie ganze Hausfassaden bedecken, wirken, als hätten sich die KandidatInnen eine Selbstbeschränkung auferlegt, keine zu vorteilhaften Bilder zu verwenden und sich als einzige Dekorationselemente wahlweise die ganze Flagge oder nur die Zeder zu leisten. Gleichermaßen gesichtslos die Slogans, die einen Wettbewerb des Beliebigen verheißen – „Deine Stimme für den Norden“ – oder „Für einen starken Libanon“.

Obwohl der Frauenanteil bei den diesjährigen Parlamentswahlen mit 15% höher denn je war, dominierten, je näher die Wahlen rückten, umso mehr die Portraits von Männern gesetzteren Alters das Stadtbild. Auf Twitter  gab es diesbezüglich vereinzelte Fotos, auf denen die Hochhäuser gänzlich von Anzügen und sich lichtenden grauen Haaren bedeckt erschienen -mit der wehmütigen Bildunterschrift: „Wir vermissen Marie France“, ein Verweis auf die oft sehr freizügige Werbung einer der marktführenden Firmen im Dessous-Bereich, die sonst auf den Plakatwänden zu sehen war.

Seit kurzem werden die die alten Herren wieder durch sich räkelnde Unterwäschemodels verdrängt – als kleine Dreingabe prangt ein goldenes Herz auf den Plakaten, das den Twitter-Kommentaren Rechnung trägt „We are back“ steht da – „Wir sind zurück.“ Das sind die Jahreszeiten des Libanons. Aus feministischer Sicht zweifelhaft, aber als Fakt unübersehbar: Der im Frühjahr zelebrierte Herbst vieler libanesischer Patriarchen wird jetzt durch den Sommer der Unterwäsche- und Bademoden abgelöst.

 

 

Wie das Radler in den Libanon kam

 

Radler im Libanon (c) hbs Beirut

Radler im Libanon (c) hbs Beirut

Ein Gastbeitrag von Bastian Neuhauser

Wenn sich jemand auskennen muss mit den Details der Biergeschichte, dann ist es wohl der Verein zur Förderung der Fränkischen Braukultur. Auch wenn auf den ersten Blick nicht klar wird, warum diese Kultur in einem Gebiet wie Oberfranken, auf dessen gut 1 Million Bewohnern gut und gerne 160 Brauereien kommen,  spezieller Förderung bedarf, bietet sie doch erhellende Einblicke in die Geschichte des Radlers.

Das Radler wird von Menschen im hohen Norden Deutschlands auch Alster genannt, von benachbarten Bergbewohnern auch Panasch, und von den Liebhabern gekochter Fleischware anscheinend auch Wurstwasser. Während die Legende besagt, dass das Getränk 1922 vom findigen Münchner Wirt Max Kugler zur Verpflegung einer eintreffenden Radfahrergruppe erfunden wurde, klärt der Verein auf: Mitnichten! Alles nur erfunden und erlogen! Die Fachzirkel der Genesis regionaler Biermischgetränke sind sich heute sicher, dass die Radlermaß bereits Ende des 19. Jahrhunderts in einem der zumeist sozialdemokratisch geprägten Radlerklubs erfunden wurde. Es handelt sich also geradezu um das Ambrosia der gemäßigten Linken; was Obelix sein Zaubertrank, Popeye sein Spinat, ist der Sozialdemokratie ihr Radler.

Von dort an – vermutlich aus Gründen nachbarschaftlicher Zuneigung oder aus Liebe zur deutschen Sozialdemokratie – hat es sich sie niederländische Industriebrauerei Heineken zur Aufgabe gemacht, dieses Vermächtnis um die ganze Welt zu tragen. Und das wohlweislich nicht als britisches Shandy oder französisches Panaché, sondern unter seinem angestammten Münchner Bierkellernamen: Ob Honshu oder Honduras, Schweden oder Swasiland, das Radler sollte „Radler“ bleiben. Und so begab es sich, dass Heineken die libanesische Brauerei Almaza und mit ihr gut  70% des libanesischen Brauereigeschäftes übernahm, und eines Tages das Radler nach Beirut kam.

Nun bleibt abzuwarten, ob dieses Biermischgetränk im Libanon einen ähnlich erfolgreichen Siegeszug antritt wie im gemäßigten Klima Mitteleuropas. Die Libanes_innen besitzen viele Talente – zweifelsohne einen ganz ausgeprägten Sinn fürs Geschäft, die perfekte Organisation von Hochzeiten biblischen Ausmaßes und eine Treue zu ihren politischen Idolen bis dass der Tod sie scheide – doch Kompromiss und Mäßigung sind nun leider keine davon. Reden ist Silber, Schreien ist Gold. Man füllt sein Haus mit barockem Mobiliar, verlängert Wimpern bis sie von innen an die Sonnenbrille kratzen, errichtet Statuen von Heiligen, die den Koloss von Rhodos vor Neid erblassen lassen würden. Es werden Delikatessen bestellt, bis auch die letzte Kreditkarte bedingungslos vor der Konsumlust ihrer Besitzer kapituliert, Musik wird aufgedreht bis sich die getönten Scheiben der SUVs am liebsten aus ihren Halterungen in den wohlverdienten Freitod stürzen würden und man brettert betrunken über Autobahnen zum nächstbesten Club auf der Suche nach dem letzten Rest Exzess, als gäbe es kein Morgen im Morgenland.

Auch das Parlament gibt hierbei kein Vorbild. In maßloser Auto-Apotheose streiten sich dort alte Männer, scheinbar gerade mühsam aus Uniformen in uniforme Anzüge geschlüpft, einig in ihrer Uneinigkeit. Man trifft sich einmal, zweimal, fünfundvierzigmal, bei Regen, Donner, Wetterstrahl, und geht ohne Entscheidung wieder auseinander. Sie zeugen stur von einer selbstgerechten Selbstüberhöhung, einer Unwilligkeit Mittelwege zu finden oder Lösungen für Probleme, die dringender sind als lang überbaute grüne Linien: pah, lieber Konkurs als Konkordanz, sollen sie doch Knefeh essen! Und wenn schon Vertreter des Volkes dazu nicht gewillt sind, warum sollte dann ein Kompromiss beim wohlverdienten Glas nach Feierabend gefunden werden? Warum zu Dabkeh und Dubstep etwas trinken, dessen Alkoholgehalt niedriger ist als der Anteil von Frauen im Parlament oder Grünflächen in Beirut? Nein, nein, man trinkt Arak statt Alster, und dreht die Musik noch etwas lauter.

Kein vielversprechender Ort also für das unschuldig halbherzige daherkommende Radler, diesen gebrauten Kompromiss. Doch wer weiß, vielleicht schafft es das Radler ja ein kleines bisschen Ausgeglichenheit in die Levante zu bringen. Vielleicht. Oder es ereilt ihn dasselbe tragische Schicksal, wie seinen Erfindern, den Sozialdemokraten in Bayern. Wünschen möge man es ihm nicht.

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Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser ist seit April 2017 Projektassistent im Büro der Heinrich Böll Stiftung in Beirut. Davor studierte er Politikwissenschaften und Soziologie unter anderem in Berlin.

Mit Kanonen auf Spatzen schießen

Grauen vor Flusslandschaft – Südlibanon, November 2017

Wer im Herbst im Libanon unterwegs ist, findet viele Straßen in den Bergen gesäumt von Männern im Flecktarn. Um sie herum zwitschert und zirpt es wie in einem Vogelpark. Das entstammt den Lockgeräten, die die Jäger mit sich führen, wenn man tatsächlich eines Singvogels ansichtig wird, dann liegt er meist tot am Straßenrand. Auf Campingstühlen sitzen die Jäger neben ihren blitzblankpolierten Geländewagen. Wie bei vielen Sportarten im Libanon gilt die perfekte, teure Ausstattung als die halbe Miete, hinter der jegliche sportliche Erwägungen zurückstehen.

Die Jagdsaison beginnt im September und endet im Januar. Wieviele LibanesInnen sich tatsächlich auf Pirsch begeben, weiß niemand.  Offiziell in Jagdorganisationen registriert sind 15.000, doch ein Vertreter des Programms LIVE Lebanon der Vereinten Nationen schätzt, dass tatsächlich 100.000 bis 600.000 jährlich der Jagd frönen.. Freiwillige der Jugendorganisation von LIVE Lebanon  sammeln jedes Jahr schätzungweise 25 Millionen Patronenhülsen ein.

Besonders bedenklich ist die Jagd in dieser weitgehend unkontrollierten Form für die Zugvögeln, auf deren Route Libanonein Engpass ist. Sie sind besonders begehrte Jagdobjekte derer, die spektakuläre Beute vorzeigen wollen – und die keinerlei Hemmungen haben, eben diese auf Fotos im Internet zu präsentieren.

Immer wieder beeinträchtigen bizarre Formen, die Jagdlust auszuleben, jedoch nicht nur Flora und Fauna. So legten Jäger, die statt Schrotflinten angeblich schweres militärisches Gerät gewählt hatten, in diesem Jahr zeitweise die Stromversorgung in Teilen des nördlich gelegenen Akkars lahm, weil sie im Eifer des Gefechts Stromleitungen nachhaltig beschädigten.

 

 

Zu Hause auf einem Parkplatz

Barking for rent (c) Bente Scheller

Schwierig ist es mit dem Parken in Beirut. Angesichts dessen, dass es keinen wirklichen öffentlichen Nahverkehr gibt, ist man darauf angewisen, aber der Parkraum ist knapp. Auf einem öffentlichen Parkplatz in der Nähe des Büros schütteln die beiden alten Herrn, die ihn managen, bedauernd den Kopf: „Nein, meine Liebe, Du kannst hier nicht für einen Tag parken. Wir haben Abonnenten.“ Ich nicke: „Ja, ich erinnere mich. Meine Kollegin Hiba hat euch immer ihr Auto anvertraut.“ Der eine Parkplatzwächter zum anderen: „Hiba! Ja, ich erinnere mich. Vor einem Jahr hat sie den Parkplatz leider gekündigt. Und du arbeitest mit ihr zusammen? Na gut, stell Dein Auto hier an die Seite.“ Nachdem ich das Auto geparkt habe, will ich ihm wie es hier üblich ist den Schlüssel geben, damit er es im Zweifelsfall umparken kann. „Nein, Herzchen, behalt ihn. Fühl dich ganz wie zu Hause.“

Libanon in einem Wasserglas

Hussein Nassereddine – Salzsäulen von Jezzine (c) Hussein Nassreddine

Hussein Nassereddine – Detailaufnahme Salzsäulen von Jezzine (c) Hussein Nassereddine

 

 

 

 

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Das Gebäude, in dem die Künstlerin Marwa Arsanios aufgewachsen ist, wird zerstört. Lastwägen transportieren den Bauschutt ab und fahren an die Küste. Man sieht keine Menschen, nur Transporter voll beladen mit Steingeröll, nebeneinander aufgereiht. Langsam kippt die Ladefläche eines Wagens. Mit tosendem Lärm fallen Trümmer kaskadenartig ins flache, türkise Wasser und wirbeln wüstensandartigen Staub über der Meeresoberfläche auf.

Arsanios greift in ihrer topographischen Installation „Falling is not collapsing, falling is extending“ (Fallen ist nicht der Zusammenbruch, Fallen ist Ausdehnen) die umweltpolitische Katastrophe der Meerwasserverschmutzung an der Küste Beiruts auf. Ihre Installation ist derzeit im Beirut Art Center zu sehen. Dabei zeigt sie in einem Film, wie die Überreste alter Gebäude, die dem nachkriegszeitlichen Wiederaufbau zum Opfer fielen, ins Meer geschüttet werden um den Grund für neue glänzende Hochhäuser zu schaffen. Durch diesen Prozess gelangen unfassbare Mengen Schutt und Müll ins Meer.

Die Auseinandersetzung mit Wasser als Materie wird häufig in kontemporären Kunstpraktiken und Diskursen thematisiert. Die verschiedenen künstlerischen Herangehensweisen greifen hierbei die breitgefächerte Symbolkraft der Ressource auf: Wasser kann je nach Kontext ein stark politisiertes und umkämpftes Gut sein. In der Ausstellung „Let’s Talk About the Weather“ (Lasst uns über das Wetter reden) im Beiruter Sursock Museum stellte 2016 der Fotograf Emeric Lhuisset seine Fotoserie „Der letzte Wasserkrieg: Ruinen einer Zukunft“ aus. Dabei handelt es sich um Eindrücke aus kartografischer Perspektive eines Gebiets im Irak, in dem nachweislich vor mehr als 4000 Jahren der erste, und dem Künstler zufolge auch letzte, Krieg um Wasserressourcen zwischen zwei Zivilisationen ausgetragen wurde.

Im Libanon herrscht momentan zwar kein Krieg um Wasser, aber das ideologische Ringen um die Ressource des ehemaligen Wasserschatzes konnte man bereits während des Bürgerkrieges (1975-1990) beobachten. Aufgrund ihrer geografischen Lage ist die Zedernrepublik gesegnet mit 17 mehr oder weniger fortwährenden Flüssen und mehr als 2000 Quellen. Diese machten sich die Anführer der zahlreichen Milizen zunutze als der Staat bereits in Ende der 70er nicht mehr in der Lage war, die Bevölkerung mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen. Die Trinkwasserversorgung wurde instrumentalisiert, um das auf Patronage-und Klientelverhältnissen basierende Machtsystem aufrechtzuerhalten.

Die libanesische Wasserversorgungsinfrastruktur sowie der Betrieb hydrologischer Messstationen wurden im Laufe des Bürgerkriegs (1975-1990) weitgehend zerstört. Die darauffolgenden Konflikte mit Israel hatten ebenfalls verheerende Auswirkungen auf die Versorgungsnetze. Als Folge dessen ist seit Anfang der 90er Jahre  Kapital in Form von Darlehen und Zuschüssen seitens der internationalen Geldgebergemeinde in den Wiederaufbau des libanesischen Wassersektors geflossen. Der libanesische Staat selbst arbeitete allein zwischen 1996 und 2012 an acht verschiedenen Reformvorhaben, die dem Wassersektor hinsichtlich Angebot, Nachfrage und Qualität der Ressource zugutekommen sollten.

Das Resultat nach mehr als zwei Jahrzehnten Geldgeberkonferenzen, Investitionen und Reformvorhaben, ist dennoch dürftig: Landesweit haben Haushalte mit  Wasserversorgungsausfällen zu kämpfen, was zu exorbitant hohen Rechnungen für die private Versorgung über Wassertanklaster führt. Der Grundwasserspieler ist in vielen Regionen des Libanons bis zu 400m abgesunken, weil die öffentliche Hand nicht im Stande ist, den landwirtschaftlichen Sektor mit Wasser für die Bewässerung der Felder und für die Tierhaltung zu versorgen. Unter anderem aus diesem Grund sind im Laufe der Zeit mehr als 80.000 nicht registrierte Brunnen entstanden. Die Trinkwasserversorgungslücke wurde von Nestlè & Co. gefüllt. Die Grundwasserspeichersysteme werden verschmutzt durch den Einfluss von ungeklärtem Abwasser und die steigende Infiltrierungsrate von salzigem Meerwasser beeinträchtigt fast alle Quellen entlang der Küste.

Das öffentliche Wassermanagement umfasst neun verschiedene Regierungseinheiten, deren Verantwortungsbereiche sich oftmals überschneiden, ohne dass es eine interne Kommunikation zu den überlappenden Aufträgen gäbe. Offenkundige Verwaltungsmängel jeglicher Art auf Regierungsebene bestehen fort, obwohl laut offiziellen Statistiken des libanesischen Ministeriums für Wasser und Energie der Libanon zu den Regionen der Welt, die von Wassermangel betroffen sind, gehört. Pro Person stehen etwas weniger als 1000m³ pro Jahr zur Verfügung, was ein internationaler Schwellenwert für die Messung von sogenannter Wassersicherheit ist. Folglich wird die Wasserressourcensituationen im Libanon von der FAO (Food and Agriculture Organisation) zwischen „chronischer Wassermangel“ und „regulärer Wasserstress“ eingestuft.

Die libanesische Regierung bezeichnet die Wassersituation als nationale Krise, die zusätzlich durch den Wasserverbrauch syrischer Geflüchteter verschärft wird. Der Generaldirektor für hydraulische und elektrische Ressourcen im Ministerium für Energie und Wasser, Fadi Comair, erklärte in einem Guardian-Interview „Wegen den Syrern ist die Wasserbilanz, die erst 2030 negativ sein sollte, schon jetzt negativ.“

Umweltaktivisten und Akademiker von der American University Beirut (AUB) arbeiten momentan an einer Studie, die nachweist, dass die zwei Millionen Touristen aus den Golfstaaten, die bis 2011 noch jährlich in den Libanon kamen, im Vergleich zu den syrischen Geflüchteten eine vielfache Menge Wasser nicht nur konsumierten, sondern gar verschwendeten, vornehmlich durch das Füllen privater Pools und Autowaschanlagen. Die Unverhältnismäßigkeit zwischen den beiden Verbrauchergruppen und ihrem Verhalten gegenüber Wasser ist dermaßen groß, dass der Vergleich berechtigt ist. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Golftouristen lediglich für maximal zwei Monate im Land blieben und nicht auf unbestimmte Zeit.

Was die Beziehung zwischen Mensch und Natur angeht, hat Mahmoud Safadi aus Beirut in Jezzine mittels Film-und Videomaterial das Konzept der Wassermasse spielerisch thematisiert. Seine Installationen kontrastierten Wassermassen als geographische Elemente (Seen, Flüsse, Meere) und Wassermassen als menschliche Körper, die in ihrer Rolle als Touristen wiederum in künstliche Wassermassen in Form von Pools eintauchen.

Safadis Installation entstand im Rahmen eines Künstlerresidenzprogramms rund um das Thema Wasser, initiiert durch die Assoziation für die Förderung und Ausstellung von Kunst im Libanon (APEAL). In Zusammenarbeit mit dem Beirut Museum for Art (BeMA) und der Temporary Art Platform (T . A . P .) wurden die Rahmenbedingungen bereitgestellt, um fünf libanesischen Künstlern und einem Künstler aus dem Irak das Ausstellen ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema zu ermöglichen. Das Residenzprogramm fand in Jezzine statt, einer Kleinstadt südöstlich von Beirut entfernt. In unmittelbarer Nähe von Jezzine wird seit 2013 der Bau des umstrittenen Bisri Damms betrieben, der seitens lokaler Umweltaktivisten und Bauern aus der betroffenen Region als politisch korruptes, sinnfreies Entwicklungsprojekt beschimpft wird.

Der libanesische Künstler Ashraf Mtaweh griff in seiner Videoinstallation audiovisuelle Eindrücke und Erinnerungen seitens der betroffenen Gemeindemitglieder hinsichtlich des pre-Dammbau Bisri-Tals auf und projizierte diese in einen leeren Raum im Residenzhaus.

Das Hauptziel jedes Residenzprogramms von T . A . P . ist die Einbindung der lokalen Bevölkerung in die Umsetzung der Kunstprojekte. Die Gründerin dieser Plattform, Amanda Abi Khalil, zielt auf einen Bruch mit konventionellen Ausstellungsformaten und fördert ausschließlich temporäre Kunst im öffentlichen Raum.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf den menschlichen Umgang mit Wasser wurden durch den Fotografen Hassan Shaaban in der Serie „Die Macht des Wassers“ festgehalten. Im Rahmen eines Fotografenaustauschs zwischen der Schweiz und dem Libanon, reiste Shaaban zu Hydroelektrischen Triebwerken unter anderem in Lavey and Saint-Leónard und fotografierte Turbinen, Dämme und künstliche Seen. Sein schweizerischer Counterpart, die Fotografin Nicole Herzog-Verrey, reiste monatelang durch die Landschaft des Berg Libanon und fotografierte landwirtschaftliche Praxen. Die resultierende Fotoausstellung wurde organisiert durch das Dar al-Musawwir (Haus der Fotografie) in West Beirut. Das Fazit des Projekts lautete: Was der Libanon zu wenig hat, wird der Schweiz zu viel: Aufgrund der allgemeinen Klimaerwärmung schmelzen die schweizerischen Gletscher und drohen Täler und Ortschaften zu überfluten.

Charbel Hage Boutros wiederum stellte ein Wasserglas auf ein kleines Holzregal und füllte es mit 27 verschiedenen Trinkwassern aus 27 europäischen Ländern, je zum gleichen Anteil, und nannte es „Trink Europa“.

Die Künstlerresidenz in Jezzine ist inzwischen vorbei, was bleibt sind die Salzsäulen, die der Künstler Hussein Nassereddine in den Fluss von Jezzine legte. Das Salz sollte durch den Wasserstrom im Laufe der Zeit hinweg gespült werden, jedoch ist der Fluss seit einigen Wochen ausgetrocknet. Durch die steigenden Sommertemperaturen steigt auch die Evapotranspirationrate von Flüssigkeiten, was den Bau des Bisri Staudammes hinsichtlich der Oberflächenwasserspeicherung fragwürdig erscheinen lässt.

Die Salzsäulen von Nassereddine werden noch eine Weile zu begutachten sein.


Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

 

 

 

 

Tod eines Aktivisten: Bassel Khartabil

Bassel Khartabil 2009 (c) Heinrich-Böll-Stiftung Beirut

Bassel Khartabil 2009 (c) Heinrich-Böll-Stiftung Beirut

Nicht immer ist das, was gesagt wird, auch das, was beim anderen ankommt. So ist es auf dem Flipchart, das der Blogger Bassel Khartabil hier in die Kamera hält, dargestellt. Entstanden ist die Aufnahme bei einem Blogger-Workshop von Global Voices und dem Beirut-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung 2009.

Das Piktogramm ist geradezu emblematisch für  Situationen geworden, in denen sich zivile Aktivisten und humanitäre Helfer Syriens in westlichen Ländern oft wiederfinden dürften: Gerade diejenigen, die sich dem gewaltfreien Widerstand in Syrien verschrieben haben, werden in Syrien am erbittertsten verfolgt – durch Daesh, durch andere Extremisten, durch die PYD aber insbesondere von Anfang an durch das Regime. Doch während sie dort ihr Leben riskieren, bekommen sie in Deutschland und an anderen Orten oft genug zu hören, es gäbe sie gar nicht mehr.

Genau das ist der Eindruck, den das syrische Regime vermitteln möchte: Nur, wenn der Westen die „Guten“ nicht als relevant wahrnimmt, kann Assad darauf bauen, als „einzige Option“ und mutmaßlich „kleineres Übel“ vis-a-vis Daesh akzeptiert zu werden. Deswegen sind dem Regime kluge, bekannte Köpfe ein Dorn im Auge.

Der syrisch-palästinensische Aktivist Bassel Khartabil gilt einigen als derjenige, der das Internet für Syrien geöffnet hat. Als Blogger und Techie hat er lange vor 2011 Innovation in Syrien inspiriert und unter anderem an einem 3-D-Modell von Palmyra gearbeitet. Er begann 2011 als Bürgerjournalist zu arbeiten. Am ersten Jahrestag der syrischen Revolution, am 15. März 2012, wurde Bassel Khartabil an einem Checkpoint in Damaskus verhaftet. Die niederländische Journalistin Monique Doppert hat ihm ein Buch gewidmet. Unzählige Organisationen, darunter Amnesty International, Human Rights Watch, Global Voices, Creative Commons, haben sich für seine Freilassung eingesetzt, vergebens.

Trotz finsterer Haftbedingungen und Folter verlor Bassel Khartabil nicht seine Zuversicht, wie aus der Haft geschmuggelte Briefe zeigen. Im Oktober 2015 wurde er aus dem Gefängnis an einen unbekannten Ort verbracht. Heute schreibt Bassels Frau, Noura Ghazi Khartabil:

„Es ist schwierig, Worte zu finden, um im Namen von Bassels und meiner Familie mitzuteilen, dass mein Mann Bassel Khartabil Safadi hingerichtet wurde. Er wrude wenige Tage nachdem er im Oktober 2015 aus dem Adra-Gefängnis abgeholt wurde, hingerichtet. Das ist für einen Helden wie ihn ein würdiges Ende. Ich war die „Braut der Revolution“ und Deinetwegen bin ich zur Witwe geworden. Das ist ein großer Verlust für Syrien. Das ist ein großer Verlust für Palästina. Das ist ein großer Verlust für mich.“

Am ersten Sonntag im Juli: Vertikale Perspektiven

Himmelsbank © Francois Chahine

Himmelsbank © Francois Chahine

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Der klassische Katersonntag in Beirut bedeutet in der Regel: verschwitzt und dehydriert aufwachen, mit Glitzer im Haar, optional auch im Bart. Wenn die körperliche Verfassung es zulässt, Frühstück, daraufhin geschwind Handtuch und Badeanzug einpacken und dann bloß raus aus der stickigen Hauptstadt, direkt und ohne Umwege ans Meer.

Alternativ kann man sich den Wecker auf 6.30h stellen, um für den anstehenden Kletterausflug zahlreiche Brote zu schmieren, während die Mitbewohnerin glitzernd durch die Haustür Richtung Schlafzimmer stolpert. Relativ frisch und definitiv munter findet man Sonntag morgens auf einem Sammelparklatz diverse Grüppchen wanderlustiger Individuen auf dem Weg ins Zedernreservat Tannourine. Hier, etwa 80km nördlich von Beirut befindet sich einer der sechs bisher entdeckten Kletterhotspots, die das Land zu bieten hat. Wer über die erforderliche Ausstattung verfügt oder einfach die richtigen Leute kennt, kann eintauchen in das libanesische Kletterparadies, das nur wenigen bekannt ist. Wir sind heute wieder mit Lama und Edwin unterwegs, den Gründern der Kletter- und Wandergruppe Moon Monkey.

Unterwegs erklärt uns Edwin, dass die Klettergemeinde Libanons  gerademal 150 Sportlerinnen und Sportler umfasst, einschließlich Amateuren und Hobby-Kraxlern. Doch es ist ein wachsender Trend, und das ist gut so. Denn wer klettern geht, verinnerlicht ein gewisses Umweltbewusstsein und verhält sich entsprechend ökologisch nachhaltiger. Die Lebanese Climbing Association arbeitet seit einigen Jahren daran, neue Routen im gesamten libanesischen Hinterland zu entdecken und zu präparieren, sodass Klettermöglichkeiten für jeden zugänglich werden, im Norden wie im Süden.

Wer als lokaler Kletterer durchgehen will, muss auf jeden Fall mindestens zwei Thunfischdosen als Snack einpacken, auf allzu funktionale Sportkleidung sowie Sonnencreme verzichten und bloß keinen Helm mitnehmen. Das ist wie im Straßenverkehr: Nur nicht-libanesische Radfahrer*innen tragen einen Fahrradhelm. Die Logik dahinter erläuterte mir letztens ein Freund, der als Fahrrad-Bote in Beirut seit zwei Jahren tätig ist: „Wenn du einen Helm trägst, fühlst du dich sicher, aber das ist trügerisch. Dann fährst du wie ein Idiot.“ Dasselbe gilt hier also auch für den Kletterspaß. Ich verdränge also schnell das unnütz gewordene Wissen, das ich mir aus einer Studie zu dem Thema „Helme: Schwächen, Stärken, Unterschiede“ vom Deutschen Alpinverein angeeignet hatte.

Kollege Bastian und ich tun unser Bestes, um den Sonnenschutz unbemerkt auf die roten Nasen zu schmieren. Da wir die einzigen nicht-Libanesen in der Gruppe sind, erweitern wir eben unser Arabisch-Vokabular um zahlreiche neue Worte rund ums Klettern. Hängengeblieben ist das unabdingbare Wort für „Seil“: Habbl. Wenn ein Stein fällt, ruft man „CAJUUUUU“ (oder so ähnlich). Zur Steinlawine kommt es zum Glück nicht, wir überwinden und bezwingen jede Kletterroute und stauben dabei sogar ein paar Kratzer und Schrammen ab, sexy.

Kletterrouten entstehen, wenn leidenschaftliche Amateure wie Edwin und Lama, die Kalksteinfelsen begutachten und mit dem einzig wahren Bohrer auf das Gestein losgehen. Dabei seilt sich Lama von oben ab, gesichert durch einen doppelten Achterknoten, und klopft die Felswand auf dichte Stellen ab. Klingen die Klopfzeichen zufriedenstellend, wird drauflos gebohrt. Je nach Felswandhöhe dauert der Prozess fünf bis sechs Stunden, während derer Edwin in regelmäßigen Abständen von oben Wasser, Nüsse und Zigaretten abseilt. In den Löcher werden Haken verankert und mit Epoxidharz festgeklebt.

Die Genehmigungen für Kletterrouten stellen die entsprechenden Kommunen aus. Laut Edwin sind diese leicht zu erhalten, da es den Behörden relativ schleierhaft ist, wer wann wo Löcher in welche Felswand haut. Somit sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Wer zuerst kommt, darf sogar den Namen der Felswand festlegen.

Was die Schwierigkeitsgrade der Routen angeht, so wird im Libanon das französische Bewertungssystem angewendet. Alles zwischen 1a und 4c fällt in die Kategorie „Wandern“ bis „Bergsteigen“. Ab 5a ist es offiziell „Klettern“, bis 5b+ kann jeder relativ sportliche Anfänger bis nach oben kraxeln. Das erklärt dann wohl auch unseren unerwarteten Klettererfolg, aber auf den Fotos sieht man hinterher zum Glück sehr todesmutig aus.

Was das Abseilen angeht, so lautet die internationale Kletterweisheit: runter kommt man immer. So oder so. Die Kletterrouten im Zedernreservat reichen bis maximal 6a. Dort befindet sich ein Felsvorsprung namens König der Löwen. Diese Route bietet den Adrenalinkick für Anfänger, weil sie ein Rückwärts-in-den-Abgrund-Abseilen voraussetzt. Wer sich an den Film erinnert, hat eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Ausmaß an Entschlossenheit, welches es für solch eine Aktion bedarf.

Die Felswand Gottlieb schräg gegenüber von König der Löwen wurde hingegen von Edwin und Lama so mit Haken versehen, dass sie dort ihre „Himmelsbank“ anbringen können. Dabei handelt es sich um eine mobile Aussichtsplattform, auf der zwei Menschen, eine Flasche Wein und eine Ukulele Platz haben. Wem das hawaiianische Zupfinstrument zu heikel ist, darf alternativ auf die gute alte Blockflöte zurückgreifen. Die Bank hängt an der glatten Felswand, gerne auch mal mehrere hundert Meter über dem Abgrund. Ein Ort für romantische Extremisten und extreme Romantiker ohne Höhenangst, garantiert die einzige Himmelsbank im gesamten Nahen Osten die Möglichkeit für außerordentliche Selfies, die man so auf keiner herkömmlichen Glitzer-Party in Beirut bekommt. Vorausgesetzt, man lässt das Handy nicht fallen.


Alice Brandt

Alice Brandt

Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.